Engel

Rei

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Engel

Meine Tochter Nathalie, mein ganzer Stolz und vierzehn Jahre alt, kam letzte Woche zu mir und fragte: „Du, Mama, wie hast du den Papa kennengelernt?“ Sie sah mich dabei mit ihren großen, braunen Augen an und war so voller Neugier. Ich liebte dieses kleine Mädchen über alles, war es doch alles, was ich noch hatte. Mein Mann Dennis arbeitete stundenweise nebenbei als Fahrer beim Arbeiter Samariter Bund und war vor einigen Wochen bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Der Schmerz saß tief in mir und zerfraß mich innerlich. Mein kleiner Sonnenschein schien das zu bemerken. Sie war noch nie verschmust gewesen, aber seit Denniss Tod suchte sie meine Nähe und ich ihre. Wir brauchten uns, und das wussten wir. Ich lächelte und unterdrückte meine Tränen. Ich hatte oft daran gedacht in den letzten Wochen, wie alles mit uns begonnen hatte...
Ich seufzte und hob Nathalie auf meinen Schoß. Ich schaltete den Fernseher aus und holte das Foto von Dennis vom Beistelltisch meines Sessels. Ich hob es so, dass wir beide es gut sehen konnten. Das Foto war etwa drei Tage vor seinem Tod aufgenommen worden. Sein Lächeln hatte mich schon immer aus allen Krisen herausgeholt, sei es damals bei meiner Kündigung gewesen oder bei der Fehlgeburt. Immer hatte es mir wieder neuen Mut zum Leben gegeben. Und jetzt hatte ich diesen Trost nur noch als Foto...

„Weißt du, mein Schatz, ich habe deinen Vater vor 16 Jahren kennen gelernt...

„Mensch!“ bellte mein bester Freund Sven auf meine Handymailbox. „Jetzt mach mal hinne und geh ran. Gehst du jetzt mit zum Billard oder nicht?“ Und Ende der Nachricht. Na ja, er konnte ja nicht wissen, dass ich schon seit einer Stunde in der Badewanne lag und mich aus dem winterlichen Deutschland an die Küste Hawaiis wünschte. Und da passte er einfach nicht mit hin, wenn ich mich gerade mit Keanu Reeves am Strand vergnügte! Irgendwann war ich dann doch so gnädig und rief ihn zurück, dass ich mitkommen würde. Ich hatte zwar keine besondere Lust, aber es war immerhin besser, als daheim rumzusitzen und mit meinem Hamster zu spielen!

Etwa eine Stunde später waren wir dann im „Diesel“. Sven war dort mit ein paar Freunden verabredet, die ich nicht kannte. Zuerst saßen wir eine halbe Stunde alleine herum, zogen über andere Frauen und Männer her und lachten uns wegen jeder Kleinigkeit hab tot. Dann kam Daniel, ein alter Schulfreund von Sven wir begannen dann, zu dritt zu spielen. Sven und ich waren absolut unterlegen, aber wir hatten unseren Spaß dabei. Etwa nach drei Stunden kam dann dein Vater. Zuerst habe ich ihn gar nicht so beachtet. Ich fand ihn ganz nett und normal, in seiner Lederjacke, mit Brille und dunklen Haaren. Ich war zu sehr auf das Spiel konzentriert, dass Sven und ich endlich mal gewinnen würden, so dass ich für ihn gar keine Augen hatte. Aber nach einer Weile (nachdem wir das Spiel dann doch noch verloren hatten) ertappte ich mich dabei, wie ich immer mal wieder zu ihm rübersah. Und er sah auch zu mir herüber! Aber wir sahen immer so schnell wieder weg, dass es für ein Lächeln gar nicht reichte. Sven schien etwas bemerkt zu haben, denn er richtete es so ein, dass dein Vater und ich die nächsten Spiele als Team bestritten. Und wir waren großartig! Wir gewannen jedes Spiel und klatschten uns für jede versenkte Kugel ab! Ich hatte richtige Gänsehaut, wenn er mich berührte, auch wenn es nur so kurz war. Und das Gefühl gefiel mir. Ich lief zu richtigen Hochformen auf. So viele Kugeln hatte ich mein Leben noch nicht versenkt! Aber wir konnten uns auch gut unterhalten. Er studierte technische Informatik und stöhnte, wenn er daran dachte, am Montag eine Klausur schreiben zu müssen. Er arbeitete stundenweise auch beim ASB als Krankenwagenfahrer. Weißt du, dein Vater fuhr gern schnell und gegen die Verkehrsregeln, so kam ihm dieser Job gerade recht. Wir spielten eine Weile „fröhliches Straßenraten“, da er als Fahrer den gesamten Stadtplan von Mannheim auswendig wissen musste. Ich war total fasziniert von seinem Können, dass ich es immer aufs neue ausprobieren musste. Nachdem wir noch mal zwei Stunden Billard gespielt hatten, gingen wir noch in eine Cocktailbar. Dein Vater und ich saßen nebeneinander und unterhielten uns so gut, dass wir die anderen total vergaßen. Sie erinnerten uns netterweise an sich, als wir aufsahen, sie weg waren und die Kellnerin mit der Rechnung kam.
Wir sahen uns dann eine ganze Weile nicht. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, dass wir uns jemals wiedersehen würde. Ich heulte Sven tagelang die Ohren voll und jammerte. Er war zwar ein Freund von Sven, aber kein besonders enger. Es war sowieso schon ungewöhnlich gewesen, dass er überhaupt mit zum Billard gekommen war. Es verging wirklich sehr viel Zeit, vielleicht drei Monate, bis wir uns wiedersahen...

Ich war mal wieder mit Sven unterwegs. Wir kamen gerade aus der Disco, waren gut gelaunt und total aufgekratzt. Im Auto drehten wir die Musik auf, als wir über die Autobahn rasten. Dann kam unsere Ausfahrt und Sven bog ab. Im gleichen Moment sah ich noch ein paar Bremslichter vor mir, die vorher nicht da gewesen waren. Dann weiß ich nur noch, dass wir heftig durchgeschüttelt wurden, das Auto die Ausfahrt nicht schaffte und geradeaus in das „Ausfahrt“-Schild krachte. Dann war alles schwarz. Ich wachte auf, als ich merkte, dass jemand seine Lippen auf meine presste und versuchte, mir Sauerstoff in die Lungen zu pusten. Ich hörte eine Stimme, die mir vage bekannt vorkam. Ich verspürte einen Hunstenreiz und zeigte den anderen, dass ich wieder bei Sinnen war, indem ich mich übergab. Im gleichen Moment bekam ich höllische Schmerzen. Mir taten alle Knochen weh, um mich herum wuselten aufgeregte Leute hin und her. Ich suchte Sven, aber es war alles so verschwommen. Ich versuchte, zu sprechen, aber die Stimme verbot es mir. Die Stimme gehörte zu einem weiteren Schatten, der über mich gebeugt war und dem es nichts auszumachen schien, dass ich gerade seine Sanitäteruniform mit meinem Hustanfall ruiniert hatte. Seine Stimme war so beruhigend und es tat so gut, als er mir leicht über den Kopf streichelte. Mir wurde wieder schwarz vor Augen, aber diesmal schlief ich ein. Als ich wieder aufwachte, lag ich in einem weißen, grellen Krankenhausbett in einem ebenso weißen, grellen Zimmer. Neben mir sah ich undeutlich ein paar Blumensträuße und eine Gestalt. Ich konzentrierte mich darauf und das Bild wurde scharf: es war dein Vater, der da stand und darauf wartete, dass ich aufwachte! Ich konnte mein Glück gar nicht fassen, als ich ihn erkannte.
„Hi.“ Sagte er schüchtern und irgendwie erinnerte mich seine Stimme an die meines Retters, aber ich verwarf den Gedanken wieder.
„Hi.“ Sagte ich ebenso schüchtern zurück.
„Wie geht es dir?“ fragte er und zog sich einen Stuhl heran.
„Abgesehen von den Schmerzen geht es mir gut.“ Sagte ich. Mein Herz schlug zum zerbersten, und ich war sicherlich knallrot und total unfrisiert. „Was machst du hier?“
„Ich hatte gerade einen Einsatz und jetzt machen wir eine kleine Pause hier im Krankenhaus. Meine Kollegen wollten was essen. Und da dachte ich, ich schaue einfach mal vorbei wie es dir so geht.“
„Das ist aber sehr nett von dir.“ Ich lächelte ihm zu und bemerkte, dass ich irgendwo im Gesicht ein Pflaster kleben haben musste. Wie peinlich! „Hast du...“ weiter kam ich nicht, mein Hals war trocken und ein dicker Kloß saß darin fest. Ich musste wissen, ob er mir das Leben gerettet hatte.
Er nickte nur. „Es war ein Unfall wie jeder andere für mich.“ sagte er. „Vorerst. Aber dann erkannte ich Sven Auto und machte mir gleich Gedanken, ob du nicht dabei gewesen sein könntest. Als meine Kollegen dich dann bewußtlos aus dem Auto bargen, blieb mir fast das Herz stehen. Sie beatmeten dich ein wenig und winkten dann ab, weil du ihrer Meinung nach keine Chance gehabt hättest. Aber ich habe nicht aufgegeben... Und siehe da: du lebst!“ Dabei strahlte er über das ganze Gesicht.
Ich glaube, in dem Moment war es vollkommen um mich geschehen.
Von dem damaligen Unfall humple ich noch ein wenig. Dein Vater hat sich nie verziehen, dass er mich nicht absolut gesund machen konnte. Aber ich habe ihm daraus nie einen Vorwurf gemacht. Er hat mir das Leben gerettet, das war das beste, was er hatte tun können. Ich habe ihm zu verdanken, dass ich noch lebe.“

Nathalie sah mich mit große Augen an. „Mama, ist Papa jetzt ein Engel?“

Ich nickte. Es war das einzige, was ich noch zustande brachte. Ich drückte meine Tochter an mich und schluchzte laut. Ja, er war jetzt ein Engel, aber er war es für mich schon viel früher gewesen: Er war der Engel meines Lebens gewesen.


C Rei 18012001
 

cne

Mitglied
Hallo Rei,
zuerst einmal hoffe ich, das dies wirklich nur eine Geschichte ist und Du dies nicht wirklich erlebt hast. Das ganze ist schon ziemlich niederschmetternd einen geliebten Menschen zu verlieren.
Denn Übergang von:

„Weißt du, mein Schatz, ich habe deinen Vater vor 16 Jahren kennen gelernt...

zur weiteren Erzählung finde ich sehr hart und unschön. Ich musste mehrmals die gleiche Stelle lesen bis ich das ganze wieder einordnen konnte.
Aber ansonsten schön dramatisch und mitfühlend erzählt. Gefällt mir.
 

Rei

Mitglied
hi, danke für deine meinung. ich dachte schon, das liest eh keiner!

nein, die geschichte habe ich nicht erlebt, aber ich experimentiere gern mit themen, die ich nicht kenne. aber ich scheine die stimmung ja irgendwie hinbekommen zu haben. ich spiele gerne mit stimmungen, vor allem mit "dunklen" und traurigen. weiß nicht, die scheine ich am besten hinzukriegen.

ja, der übergang ist wirklich hart, den überarbeite ich noch.

nochmal vielen dank für deine antwort!

rei
 
K

Kathrin Emeis

Gast
Hallo Rei!
Vom Prinzip her hat mir das Thema deiner Geschichte gefallen, es gibt aber einige Punkte, die mich stören. Zum einen die Tatsache, wie das Hauptproblem, der Tod, beschrieben wird, in einem gefühlslosen Satz, wie ich finde. Zum anderen kann ich mir nicht gut vorstellen, dass eine Mutter so mit ihrer Tochter spricht (Stichwort: "Keanu Reeves"); außerdem sagst du, die Tochter sei vierzehn Jahre alt, vom Verhalten her scheint sie mir aber eher wie eine etwa siebenjährige zu sein.
Ich hoffe, du nimmst mir meine Kritik nicht übel und kannst vielleicht etwas damit anfangen,
viele Grüße, Kathrin
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Rei,

ich muß mich der Meinung von Kathrin anschließen. Auch mir war die Tochter viel zu kindlich. Darüber hinaus sind mir noch ein paar "Regiefehler" aufgefallen, die irgendwie nicht so richtig passen wollen.

1. Deine Protagonistin lernt ihren Mann vor 16 Jahren kennen. Also etwa um 1985. Glaub mir, da gab es noch keine Handys.

2. Der "Engel" fuhr gern schnell und gegen die Verkehrsregeln. Deshalb kam ihm der Job als Krankenfahrer gerade recht. Das kann doch nicht wahr sein! Als Chef vom ASB hätte ich einen so verantwortungslosen Knaben, dem Menschenleben anvertraut sind, hochkantig gefeuert.

3. Hat ein Mädchen, das gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist und mit ernsthaften Verletzungen soeben aus der Ohnmacht erwacht ist, wirklich keine anderen Sorgen, als sich ihrer unordentlichen Frisur zu schämen?

4. "Dein Vater hat sich nie verziehen, daß er mich nicht absolut gesund machen konnte." Dazu dürfte ein Hilfskrankenfahrer ja nun wahrlich nicht in der Lage gewesen sein. Nicht mal die Mund-zu-Mund-Beatmung ist glaubhaft. Solche Einsätze werden nicht von Hilfskräften gefahren. Die schaukeln beim ASB höchstens ein paar Rentner zur Weihnachtsfeier.

Ich finde: bei aller Phantasie, die mit uns Schreibern ja oft genug durchgeht, sollte man den Blick für die Realität nicht ganz verlieren.

Gruß Ralph
 

Rei

Mitglied
hallo kathrin und ralph,

auch euch vielen dank für eure kritik.

ich habe die geschichte einfach so runtergetippt und gar nicht mehr drübergelesen, bevor ich sie gepostet habe. war wohl ein fehler, aber ich kann die geschichte ja immer noch bearbeiten ;-)

weiß nicht, wenn du einen geliebten menschen das leben retten kannst, würdest du doch auch über deine fähigkeiten herauswachsen, oder? deshalb hat er ja auch mit der mund-zu-mund-beatmung angefangen. er wollte einfach, daß sie lebt. und in solchen situationen wächst man einfach über sich heraus! ich weiß das, denn ich habe mal ein motorrad von einem meiner freunde am lenker angehoben, als er einen unfall gehabt hat, wo er sich selbst nicht mehr unter dem motorrad befreien konnte. normalerweise kann ich so ein ding nicht einmal auf den hauptständer befördern!

ich denke schon, daß man in einem so unpassenden moment wie nach einem unfall schon denkt "oh gott, wie seh ich nur aus?!?" jedenfalls, wenn jemand da ist, der dir etwas bedeutet. oder ist es dir egal, wie du einem geliebten menschen gegenübertrittst? vorallem, wo sie ja schon im krankenhaus liegt und nicht mehr an der unfallstelle ist.

ja, die tochter habe ich auch nicht richtig hinbekommen, aber ich habe auch schon beim schreiben überlegt, ob sie vielleicht nicht ein bißchen gestig zurückgeblieben sein soll. aber ich denke, ich werde sie einfach etwas erwachsener machen. das dürfte ja kein problem sein.

mit konstruktiver kritik kann ich immer was anfangen! da bin ich auch nicht böse drum, es hilft ja nur weiter. was ich halt blöd finde, ist, wenn ein "werk" einfach so zerrissen wird. man kann ich jedem schlechten text auch etwas gutes finden, und sei es auch nur, daß der schreiber sich ans schreiben gemacht hat! mit etwas übung und konstruktiver kritik geht einem das ganze dann viel leichter von der hand.

rei
 

 
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