Entscheidungen

Hagen

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Entscheidungen

Glücklicherweise brauche ich nicht zu entscheiden, was ich morgens anziehe, schwarzes Hemd, schwarze Hose und gut ist. Albert Einstein soll genauso vorgegangen sein, er hatte nur drei Anzüge, alle die Gleichen. Die Entscheidungen konnte er sich für die wichtigen Dinge aufheben, die Relativitätstheorie zu Beispiel.
Bei mir sieht das aber wesentlich komplizierter aus, denn ich pflege morgens, im wöchentlichen Wechsel mit der Wunderbaren Ulrike den Frühstückstisch zu decken und einzukaufen. Nebenbei noch an meinem potentiellen Weltbestseller zu arbeiten bedarf jedoch keiner wöchentlichen Unterbrechung.
Aber nun, beim Zubereiten des Frühstücks ging es bei mir los: Entscheidungen!
Welchen Sender höre ich zum Zubereiten des Frühstücks?
Oder eine CD?
Wenn CD, welche?
Ich entschied mich für Rockabilly, Brian Setzer, und den schön laut. Wozu haben wir sonst ein Radio mit CD-Spieler?
Weiter.
Kaffee oder Tee?
Ich entschied mich den Tag für Kaffee und kochte meiner Wunderbaren Ulrike, um allen Eventualitäten vorzubeugen, ausnahmsweise zusätzlich Tee. Aber was für ein Tee?
Nach einigem Grübeln beschloss ich, den von ihr hochgeschätzten Kwai Flower Oolong Tee zuzubereiten, obwohl Cranberry, ordinärer Kamillentee, oder Pu-Erh-Tee auch in Frage gekommen wären.
Sollte ich zur Abwechslung ein Bauernfrühstück zubereiten?
So richtig schön mit Speck, Zwiebeln und Eiern, sowie einem Gürkchen dabei?
Nein, das habe ich den Tag zuvor gemacht, also gekochte Eier, pflaumenweich. Ich bereitete also zwei Eier vor, da man nie eine ungradzahlige Anzahl von Eiern im Haus haben soll. Meine selige Frau Großmutter sprach mal davon, dass sowas Unglück bringen kann, ebenso wie Parken neben roten Autos. Ignorieren oder nicht, denn meine Frau Großmutter hatte bei eingehender Überlegung langfristig immer Recht?
Aber was ist, wenn die Wunderbare Ulrike später Omeletten wünscht?
Dann könnten die Eier etwas knapp werden.
Sollte ich jetzt schon einen Einkaufszettel vorbereiten?
Schon wieder eine Entscheidung.
Ich schob sie auf, ‘Aussitzen‘ nennt man sowas, denn ich bin nicht sonderlich entscheidungsfreundlich.
Aber erst machte ich der Wunderbaren Ulrike eine Scheibe Brot mit Mascarpone und gehälfteten Tomaten, oder lieber eine kleine Schale mit Mascarpone-Quarkcreme?
Weil wir keinen Quark im Hause hatten, beschloss ich rigoros ihr ein Brot zu bereiten, und es mit Mascarpone zu bestreichen. Sollte etwas Kerbel drauf? Oder Bärlauch-Haselnuss Sprinkles? Ayurvedischer Ceylon Curry? Oder nur ordinären Kreuzkümmel? Ich entschied mich für Galgantwurzel, weil sie ein pfeffriges, leicht süßlich Aroma mit blumig duftigen Nuancen besitzt.
Sodann schnitt ich sieben kleine Tomaten in der Mitte durch, legte sie drauf, aber eine halbe Tomate blieb über. Watt nu?
Ich nahm mir die Entscheidung ruckartig ab und verzehrte sie. Problem gelöst!
Aber der Teller wirkte nur halbvoll, das ging gar nicht!
Ich fällte die Entscheidung, noch etwas zu dekorieren, mit Gürkchen, etwas Mettwurst und einer Tomate. Oder noch ein Toast dazu, mit Schinken, in Butter geschmorten Champignons, einem gehälfteten Ei und das Ganze mit Käse überbacken?
Ich hatte gerade die Pfanne in der Hand, um die Butter schon mal zu schmelzen, da hörte ich die Wunderbare Ulrike duschen. Das dauert erfahrungsgemäß eine Viertelstunde, einschließlich Zähneputzen und den Morgenmantel überwerfen. Sie erscheint dann zum Frühstück und ich strebe an, ihr den bereits gedeckten Frühstückstisch zu präsentieren.
Da die Nummer mit den Pilzen etwas länger dauert, als eine Viertelstunde, entschied ich mich, ihr nur den Vorspeisenteller noch etwas zu verfeinern, aber es sah schon jetzt ganz gut aus und ich spießte noch zwei Oliven auf die Gurken. Etwas grünlastig gegenwärtig, die Wunderbare Ulrike ist ein Augenmensch, also noch eine kleine, rote Paprika dazu. Die Wunderbare Ulrike liebt Oliven und Paprika – ich hingegen hasse dieses Zeugs.
Es war nun Zeit für einen Becher Kaffee und eine Zigarette. Selbstgedreht oder eine Fertige?
Herrgott, diese ewigen Entscheidungen, aber seit mir mein Arzt zu mehr Bewegung geraten hat, drehe ich selber, schließlich waren noch sieben Minuten Zeit.
Die Entscheidung, ob ich das blaue oder grüne Frühstücksgeschirr auflegen sollte, wurde mir glücklicherweise abgenommen, da die Wunderbare Ulrike etwas verfrüht zum Frühstück erschien und blaues Geschirr wünschte.
Gottseidank! Sie nahm mir sogar die Entscheidung ab, ob ich die gemusterten oder die schlichten, blauen Servietten auflegen sollte, indem sie sich für Weiße entschied. Um einer Diskussion darüber zu entgehen, beließ ich es dabei.
Natürlich freute sie sich über den hübschen Frühstücksteller, beanstandete jedoch, dass die Musik zu laut war, außerdem wünschte sie heute nicht so eine ‘Radaumusik‘ zum Frühstück.
„Mach bitte was anderes mein Schatz.“
Ich kam richtig in Stress, denn nun stand ich wieder vor einer Entscheidung: Elfenmusik? Die hatten wir die Tage mal. Das Bremer Caféhaus-Orchester, auch sehr schön, oder Harfenmusik?
„Entscheide du!“
Ich stand wieder vor einer Entscheidung und bestimmte André Rieu und das ‚Maastrichts Salon Orkest‘, was von der Wunderbaren Ulrike abgenickt wurde.
Juhu!
Aber wegen des leichten Tabakgeruchs sollte das Fenster etwas geöffnet werden. Pollenallergie haben wir nicht, auch keine anderen Allergien, und keine Laktoseunverträglichkeit wie Frau Salzer-Zuckermann, die damit angibt, und mit anderen ganz coolen Allergien auch, die sie sorgsam pflegt. Um die zu toppen entschied ich mich ganz spontan eine Sauerstoffallergie zu haben und damit anzugeben, denn wer hat sowas schon, – aber dann müsste das Fenster wieder zu. Oder sollte es trotz meiner Sauerstoffallergie offen bleiben?
Himmelarsch, und während des Frühstücks kam die Wunderbare Ulrike irgendwie auf Herzinfarkte, parallel dazu auf Pilzomelette oder Pilzragout mit Steinpilzen, weil wir zu viel Fleisch essen und wollte meine Meinung dazu hören.
Da ich nicht multitaskingfähig bin, entschied ich mich für ‘selektives Hören‘ und antwortete nur sporadisch mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘, während ich mir bereits Gedanken über die Kerze, die unbedingt auf den Frühstückstisch gehört, machte. Wenn die runter gebrannt ist, muss nämlich auch der Kerzenständer gewechselt werden. Noch ist es zwar nicht soweit, es wurde aber Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, ob nicht mal wieder ein Silberner statt des Bronzenen auf den Tisch kommen könnte, passt auch besser zu dem blauen Geschirr.
Was ist aber, wenn die Wunderbare Ulrike bis dahin das grüne Geschirr wünscht?
Oder gar das Rote mit den hübschen Bechern auf dem Herzen sind?
Die Entscheidung stand glücklicherweise noch nicht an, wohl aber die Alternative welche Marmelade von der Wunderbaren Ulrike gewünscht wurde, denn mindestens fünf Sorten ist absolutes Minimum zu einem kultivierten Frühstück.
Die Diskussion darüber hörte sich in etwas gekürzter Form in etwa wie folgt an und beinhaltet ‘unterschwellige Entscheidungen‘:
„Ich hätte gerne noch ein Marmeladenbrot. Reichst du mir bitte die Quittenmarmelade mein Schatz?“
„Selbstverständlich Wunderbare Ulrike. – Ist allerdings fast alle. Darf es auch Ingwer-Lemmon sein?“
„Dann lieber Brombeere!“
„Haben wir nicht, zu ordinär. Tut’s auch Orange mit Whisky? Oder Kokosnussmarmelade mit Limette? Habe ich gerade mitgebracht, zum Probieren.“
„Hört sich auf Nussbrot interessant an.“
„Nicht wahr? Oder auf Sauermilchbrot. Sauermilchbrot haben wir momentan allerdings auch nicht zur Verfügung. Aber wenn du möchtest, werde ich dir Sauermilchbrot besorgen.“
„Ach, nein, dann lieber Sauerkirschmarmelade mit Vanille und Mandellikör auf Nussbrot.“
„Ganz wie du willst, Wunderbare Ulrike. – Ich würde in diesem Fall allerdings Pflaumen-Nektarinenmarmelade mit Rotwein empfehlen.“
„Um Gotteswillen! Das passt ja überhaupt nicht zu Nussbrot und unserer Konversation über Herzinfarkte! – Normale Stachelbeere wäre in diesem Fall ganz angebracht.“
„Nun hast du dir aber schon ein Gassenhauer Roggenmischbrot mit Butter bestrichen, da passt Stachelbeere überhaupt nicht! – Aber wie wäre es denn mit Marillen-Eierlikörmarmelade?“
„Bist du verrückt? Du weißt doch, dass ich diese oder süße Ananas-Orangenmarmelade mit kleinen Stückchen auf Münsterländer Stuten erst nachmittags zum Tee nehme! – Oder sollten wir auch mal eine bayrische Brotzeit absolvieren?“
„Die Entscheidung darüber überlasse ich dir, Hauptsache es gehören keine Weißwürschtel dazu.“
„Ich werde es mir überlegen!"
„Ganz wie du willst. – Aber darf es vielleicht Pfirsich-Rotweinmarmelade mit Ingwer und Sternanis sein?“
„Schon besser! – Hättest du jetzt die Güte fortzufahren?“
Möglicherweise wäre diese muntere Diskussion noch ein Weilchen weitergegangen, wenn nicht ein neuer Stromanbieter angerufen und nachgefragt hätte, ob wir unseren Stromanbieter nicht wechseln wollen. Allerdings müsste ich mich sofort entscheiden, denn nur heute könnte er uns einen supergünstigen Sondertarif anbieten.
Da ich ein etwas gestörtes Verhältnis zum ‘müssen‘ und inzwischen ein mächtig gestörtes Verhältnis zu Entscheidungen habe, sagte ich ihm, dass bei jedem Wechsel irgendetwas schief geht. Ich blieb trotzdem weiter freundlich und bei meinem Stromanbieter, die Wunderbare Ulrike verzehrte ihr Marmeladenbrot – Orange-Champagner – und begann den Einkaufszettel für mich zu schreiben.
Da ich nicht Multitasking-fähig bin, hörte ich weder dem Strommenschen noch der Wunderbaren Ulrike ordentlich zu, zumal sie aus irgendeinem Grund fragte, mitten im Schreiben des Einkaufszettels und ohne aufzusehen, ob ich dran gedacht hätte, dass unser Auto demnächst zum TÜV musste, und ob wir noch genügend Mettwurst im Hause hatten. Ich sah keinen Zusammenhang. Wenn das nicht der Fall wäre, sollte ich Salami oder Zervelatwurst mitbringen, Landjäger hatten wir auch lange nicht mehr, die Entscheidung hierzu würde sie mir überlassen.
Schon wieder eine Entscheidung!
Glücklicherweise gab der Stromanbieter auf.
Zudem hatte die Wunderbare Ulrike für Sonntag ein schönes Stückchen Rehbraten aufgeschrieben, da die Salzer-Zuckermanns zu Besuch kommen. Dazu soll es Rotkohl und Preisebeeren geben, weil Frau Salzer-Zuckermann ständig über ihre Latexallergie, ob sie wohl ab und zu die Domina, in Lack und Leder, gab, klagt, sind wir mit diesem Nahrungsmittel auf der sicheren Seite, zudem hatten wir die Ingredienzien – bis auf den Rehbraten – dafür im Hause.
Was aber ist nun der ideale Wein zu dieser Speise?
Wie sollte er sein?
Kräftig und dominant, schwer, gealtert, eher fruchtig oder tanninreich?
Wir haben einen guten Syrah im Haus, aber auch Pinot noir aus Burgund, Cab.Sauv. aus Amerika, div. Merlots aus der Schweiz, sowie verschiedene Sangiovese-Weine.
„Kann man irgendwie eingrenzen, was ein Rotwein zu Wild für Eigenschaften haben muss? Oder ist es letztendlich Geschmacksache?“, fragte die Wunderbare Ulrike.
Das sollte ich wiederum entscheiden, obwohl ich mehr auf Bier stehe. In diesem Fall würde ich Rauchbier bevorzugen, aber die Wunderbare Ulrike bestand auf Wein, denn wir wollten schließlich einen kultivierten Eindruck hinterlassen.
„Zum Reh würde ich den Pinot um einen Hauch vorziehen“, antwortete ich und kramte in meinem Halbwissen über Weine, „die oft vorhandene herbsüße Lakritznote harmoniert aufs Feinste mit Reh und Hirsch, bei Wildschwein bin ich aber sofort beim Syrah, denn Syrah-Weine haben meist ein kräftiges Johannisbeer-Aroma. Die Rebe liefert bei normaler Maischegärung einen dunkelfarbigen Wein mit hohem Tanningehalt, der zur Minderung der Adstringenz einer langen Flaschenreife bedarf, denn ich liebäugele für unser diesjähriges Weihnachtsmenu unter Anderem mit einem 95er Sizeranne von Chapoutier zum Wildschwein, weil, wenn dieses Fleisch seine ‘pourriture noble‘ erreicht hat, dann passt es richtig gut zur Syrah, aber das Weihnachtsfest ist glücklicherweise noch eine Weile hin. Insgesamt wünsche ich mir zum Wild Rotwein mit reichlich Extrakt und einem kräftigen Körper, die müssen schon einen guten Stand haben, wenn das Wild noch richtig nach Wild schmeckt und keine neuseeländische Retortenzüchtung ist. Eine angenehme Süße und etwas rauchige Noten, auch Aromen von Bitterschokolade sind fein, vor allem wenn du die Sauce mit etwas Valrhona-Kouverture abschmeckst.“
„Wenn du dich mal wieder nicht entscheiden kannst, und nichts vom Wein verstehst“, meinte die Wunderbare Ulrike, „frag doch zur Sicherheit nochmal in der Weinhandlung nach.“
Ich zuckte nur die Achseln, manchmal wünsche ich mich in die gute, alte Steinzeit zurück, denn da gab es kaum etwas zu entscheiden.
Wenn ich als Jäger oder Sammler einem anderen Jäger oder Sammler begegnete, hatte ich nur zu entscheiden, ob der stärker oder schwächer war. Im Fall des Stärkeren, hätte ich mich sofort vom Acker – Verzeihung, den gab es damals noch nicht – also vom Felde gemacht. Entscheidungszeit: 0,5 Sekunden. Im Falle des offensichtlich Schwächeren sähe das anders aus. Eine auf die Glocke hauen kommt in jedem Fall in Frage und nachschauen ob er schon irgendwelche Beute, die ich ihm wegnehmen und mit in die Höhle bringen könnte, auch.
Im Falle des weiblichen Wesens wäre die Sache einfacher, zumal die Damen sich meistens in der Höhle aufhalten um zu schwätzen, ihre Kinder ruhig stellen und die Männer anzicken, weil die nicht genügend Gesammeltes oder Gejagtes mitbringen. Ich hatte nur zu entscheiden ob paarungsbereit oder nicht.
Naja, egal, denn ich hatte nun zu entscheiden, ob ich mit dem Auto oder dem Fahrrad zum Einkaufen fahren sollte, wegen der Bewegung.
Aber vorher war noch schnell der Briefkasten zu leeren, und da stand schon wieder eine Entscheidung an, denn ein italienischer Automobilhersteller meinte, dass mit dem Auto zum Einkaufen fahren zu teuer sei, mit dem Fahrrad jedoch zu anstrengend. Ich sollte mich doch für eine ‘Ape‘ entscheiden, sie hätten gerade Werbewochen, da müsste ich mir unbedingt die schönen Apes anschauen.
Wenn die etwas anders formuliert hätten, könnte ich es mir überlegen, aber in der Schlachterei ging seltsamerweise alles glatt durch, die hatten sogar schönen Rehbraten im Angebot.
Im Supermarkt vor dem Bäckerstand stand ich wieder vor einer Entscheidung, denn das von der Wunderbaren Ulrike bevorzugte Nussbrot war ausgegangen. Ich hatte nur einen Parkplatz neben einem roten Auto finden können und das Orakelwissen meiner Frau Großmutter großzügig ignoriert. Das hatte ich jetzt davon.
„Wahnsinn“, sagte ich, „wann kommt es denn wieder?“
Die brave Bäckereifachverkäuferin verstand nicht und schlug mir Roggenvollkornbrot, Roggenbrot, Roggenmischbrot, Ciabatta, Mehrkornbrot, Weizenmischbrot, Weizenbrot sowie Pumpernickel vor und empfahl mir Sauerteigbrot, das wäre gerade im Angebot. Ich entschied mich ruckartig für Bergsteiger. Ich wusste zwar nicht, was das war, fand den Namen aber interessant weil dieser Name für Kraft und Ausdauer stand, woran es mir im Moment etwas gebrach.
An der Wusttheke ging es wieder los, ich war einer Nahtoterfahrung sehr nahe, denn die Wunderbare Ulrike hatte lediglich Mettwurst auf den Einkaufszettel geschrieben. Einfach Mettwurst, wobei sie wenigstens hätte festlegen können, ob grob, hart oder weich, den bei der Abteilung für ‘Mettwurst‘ fand ich Aalrauchmettwurst, Hamburger grobe Mettwurst, Niederelbische Ringmettwurst, Berliner feine Mettwurst, Rheinische Mettwurst, Holsteiner Schinkenmettwurst, Französische Mettwurst, einfach oder mit Cognac aromatisiert und mit Kümmel gewürzt, Räucherenden, Hausmacher Mettwurst, dürre Hunde, Knoblauchwurst, Landmettwurst, Streichmettwürstchen, Westfälische Mettwurst, Westfälische Hausmacher Mettwurst, Westfälische grobe Mettwurst, Holsteiner Mettwurst, Polnische Mettwurst, Lothringer Mettwurst, Pommersche Mettwurst, Ostpreußische grobe Mettwurst, Braunschweiger Mettwurst Ia, Halbgrobe Braunschweiger Mettwurst, die mit Rum aromatisiert wird, Sächsische grobe Mettwurst sowie Mettwurst Göttinger Art – mein Gott!
Aus Preisgründen entschied ich mich für feine Rügenwalder Wurstenden, grob geschnitten. Als die im Wagen lagen, erschienen sie mir wie eingeschweißte Schrumpfköpfe, einer davon ähnelte Frau Salzer-Zuckermann, die mich totalitär angrinsten. Aber das schrieb ich meiner dezent angeknackten Psyche zu, denn vor dem Käsestand schlugen die Entscheidungen wieder feist grinsend um sich, denn die Wunderbare Ulrike hatte lediglich ‘Weichkäse‘ aufgeschrieben. Zwischen Münster, einem deftigen Rotschmierkäse, oder Romadur, einem ebenfalls besonders kräftigen Rotschmierkäse hatte ich wieder zu entscheiden, ebenso Graukäse Magerstufe für Kalorienbewusste, nahezu fettfrei und dennoch sehr schmackhaft. Brie traditionell, einem kräftig, vollmundigem Käse mit weißem Edelschimmel, ausgereift oder mit Kern, Rahmkäse, einem mild-aromatischem Käse mit ebenfalls weißem Edelschimmel gab es auch noch, ebenso wie Mozzarella, mild im Geschmack, in Käsewasser eingelegt, schmeckt besonders gut zu Tomaten und auf Pizza. Hatte die Wunderbare Ulrike nicht was von Pizza gesagt? Ich glaube nicht, oder? Egal, da war ja auch noch Winzerkäse, ein cremig-milder Rotschmierkäse, welcher mit fortschreitender Reifung pikant und gut streichfähig ist, oder Blue Baron, ein milder Blauschimmelkäse, mit Kräuterasche verfeinert.
Die Wunderbare Ulrike hätte etwas präziser sein können, aber trotzdem wollte ich es ihr, weil ich sie liebe, Recht machen.
Denn als ich vor dem Käseregal stand, hatte ich plötzlich diese ewigen Entscheidungen satt, und wollte nach dem Einkauf, ich griff einfach den Obazter für die bayerische Brotzeit, denn sowas hatten wir noch gar nicht, die Wunderbare Ulrike es aber irgendwie irgendwann erwähnt, einfach ein Bier trinken und nichts mehr entscheiden müssen, gar nichts, sonst würde ich noch wahnsinnig werden, denn zur bayrischen Brotzeit wird Obazter mit frischem Schnittlauch bestreut und mit Roggenbrot oder Brezeln, Radieschen oder in Spiralen geschnittener Radi serviert, ich müsste also nochmal zurück zum Brotstand und dann zu den Kräutern, dabei hatte ich erst zwei Positionen von der Wunderbaren Ulrikes Einkaufszettel abgearbeitet.
Obwohl ich zum Einkaufen hier war und nicht zum Wandern, ging ich zum Gemüsestand um mich nach Schnittlauch und Radieschen umzusehen, denn den brauchte ich für die bayrische Brotzeit. Zudem hatte die Wunderbare Ulrike, unter Anderem auch Pilze aufgeschrieben. Schon hatte ich wieder zu entscheiden, denn es gab hier auch Pilze in mannigfaltiger Auswahl, aber keine Steinpilze. Von Pfifferlingen über Champignons, braun oder weiß, bis hin zu mir unbekannten chinesischen Baumpilzen, Shiitakepilzbrut, Braunkappenpilze, Braunkappen Impfstäbchen, Steinchampignonkulturpilze, Hawlik Vitalpilze, Waldgartenpilzkulturpilze, einfache Waldgartenpilze und so weiter reichte die Palette. Wenn ich nur noch wüsste, was die Wunderbare Ulrike damit vor hatte, da war doch irgendwas mit Pilzragout oder Pilzomelette. Ich hätte genauer zuhören sollen!
Ich entschied mich ruckartig, richtige Männer sind stets von schneller Entschlusskraft, für die guten, alten, weißen Champignons, obwohl sich die Hawlik Vitalpilze interessant anhörten und wandte mich der nächsten Position zu, den von ihr bevorzugten Taggiasca-Oliven.
Endlich mal eine präzise Aussage!
Die eiligst von mir herbeigerufene Fachkraft war allerdings etwas überfordert mit der Taggiasca-Olive und rief den Marktleiter. Der war auch sichtbar irritiert und meinte, ich müsste mich nur zwischen griechischen und spanischen Oliven entscheiden, das könnte doch nicht so schwer sein.
„Die Taggiasca-Olive ist eine kleine aber feine Olive aus Ligurien, also Italien“, bemerkte ich. „Die Wunderbare Ulrike wünscht eine Solche, und dann besorge ich ihr die!
Auf meine weitere Frage hin, ob die Taggiasca-Oliven bereits entsteint waren oder nicht, konnte er mir auch nicht antworten und entschwand in Richtung des Telefons. Was für ein Stümper!
Allerdings, aus politischen Gründen und um mein Scherflein zur Rettung Griechenlands beizutragen, entschied ich mich für schwarze, bereits entsteinte, griechische Oliven, weil sich diese für die von mir kreierten Cocktails, zum Beispiel der ‘Bielefeldverschwörung‘, bestens eignen. Die Taggiasca-Oliven für die Wunderbare Ulrike wollte ich später in einem besser sortierten Fachgeschäft besorgen.
Ich wandte mich sodann dem Getränkeregal zu, in der Hoffnung auf bayrisches Bier für die bayrische Brotzeit, was meiner Meinung nach unbedingt zu dieser gehörte.
Aber nichts dergleichen, stattdessen erschien mir der Schutzpatron der Wahnsinnigen, Ebrulf von St.-Évroult, und sagte: „Wenn du eine zünftige bayrische Brotzeit machen willst, brauchst du unbedingt auch bayrisches Bier dazu, du hast recht! Das Bayernbier gibt’s allerdings nur im Getränkemarkt. – Ansonsten hast du doch Kellerbier naturtrüb, Lager, Pilgerstoff, Rauchbier, Porter, Export oder Dampfbier im Kühlschrank, entscheide dich!“
Nun war ich zugegebenermaßen auch etwas irritiert, zumal meine selige Frau Großmutter auch noch erschien, mir freundlich zublinzelte und sagte: „Ich habe dir doch immer wieder gesagt, du sollst nicht neben roten Autos parken!“
Sie hakte sich freundschaftlich bei dem Schutzpatron der Wahnsinnigen ein und mir wurde schwarz vor Augen.



Für den geneigten Leser, die an dem niveauvollen Cocktail interessiert ist, der in dieser wahren Geschichte vorkommt:
Die ‘Bielefeldverschwörung‘ besteht aus:
6 cl Scotch Whisky
2 cl Limettensaft
4 cl Granatapfelsaft
Auffüllen mit Soda
Eis
Deco Olive
 

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