Heute mache ich mit meiner Klasse (6b) einen Ausflug. Ich heiße Hannah. Stefan hat gerade einen schmutzigen Witz erzählt. Alle lachen. Bei Stefan lachen immer alle.
Er grinst zufrieden.
Sogar Mischa lacht mit. Er lacht sogar noch eine Sekunde länger als die anderen und fällt dadurch allen auf. Auch Stefan. „Lustig, Mischa, oder? Erklär uns den Witz doch bitte mal, damit auch wirklich alle ihn kapieren.“ Mischa wird rot.
Er sagt für ein paar Sekunden gar nichts, dann leise: „Weil sie ihre Tage haben.“
Jetzt lachen wieder alle, noch lauter als vorhin.
„Falsch geraten“, denke ich. Stefan lacht nicht. Er blickt Mischa nachdenklich an.
Mischa schaut heimlich zu mir rüber. Er will wissen, ob auch ich über ihn lache. Es ist nämlich so, dass er in mich verliebt ist.
Natürlich hat er mir das nicht gesagt, aber mir ist aufgefallen, dass er mich immer anschaut, wenn er denkt, ich merke es nicht. Und er schaut mich immer so komisch an, als ob das etwas Verbotenes wäre.
Meine Freundinnen haben mich deshalb ausgelacht und Stefanie hat gesagt: „Oh, du Arme, du tust mir ja so leid!“
Ich mag Mischa. Er ist immer nett. Und ich bin stolz darauf, dass jemand auf mich steht. Aber er ist wirklich nicht mein Fall. Er ist klein und hat blonde Haare und ein bisschen abstehende Ohren. Und er sieht irgendwie verwachsen aus, wie so ein Kobold.
Mischa starrt jetzt nur noch aus dem Fenster, als würde ihn die Landschaft total interessieren. Er sieht auf seinem Sitz so klein aus.
„Nächster Halt: Ruhbank Fernsehturm. Ausstieg links.“
Wir sind da.
Wir stehen auf dem Fernsehturm. Höhe: 248 m. Das höchste Gebäude in Stuttgart.
Hier oben ist es jetzt kälter als vorhin. Die hügelige Landschaft unter uns ist voller großer, altmodischer Häuser. Man sieht auch die Königsstraße.
Wie still es hier oben ist! Es wirkt, als wäre die Stadt komplett verlassen. Es sieht friedlich aus. Und einsam.
Ich lege meine Hände auf das Metallgeländer und bekomme einen kleinen elektrischen Schlag. Wenn man direkt nach unten guckt, wird einem ganz komisch.
Ich bekomme so ein ziehendes Gefühl in der Schulter. Das Geländer ist nicht hoch. Ich könnte ganz leicht drübersteigen und runterspringen. Dann wären alle erst ganz still. Und dann würden alle rumschreien.
Ein paar Stunden später klingelt es bei uns zu Hause an der Tür.
Mama macht auf und ist fröhlich und denkt sich gar nichts. Dann sieht sie die Polizisten. Und dann...
Ich will das nicht denken. Ich habe Mama so lieb!
Wir fahren mit dem Aufzug wieder runter. Man spürt richtig, wie schnell er ist. Meine Klassenkameraden machen einen riesen Lärm.
Außer uns steht nur noch ein alter Mann im Aufzug. Er lächelt die ganze Zeit, aber ich glaube nicht, dass er sich wohlfühlt.
Auf die Kabinenwand hat jemand mit schwarzem Edding „Merve ist eine Fotze“ geschrieben.
Ich wette, als der alte Mann jung war, stand das da noch nicht.
Die Bahn hat schon wieder Verspätung. Ich hasse das! Wenn man auf die Bahn wartet, kann man nichts machen außer zu denken.
Mischa hat keinen Platz bei den Jungen gefunden. Alle Viererreihen waren voll und er ist übriggeblieben. Zu den Mädchen will er sich natürlich auch nicht setzen. Deshalb hockt er sich in eine Reihe, wo ihm eine alte Frau gegenübersitzt. Ich glaube, vor alten Frauen hat er am wenigsten Angst.
Ich glaube, er weiß gar nicht, dass ich ihn sehen kann. Aber er benimmt sich trotzdem komisch. Er schaut nur aus dem Fenster und bewegt sich gar nicht. Er hat seine Hände auf seine Knie gelegt. Seine Beine stehen ganz genau parallel zueinander.
Weil uns langweilig ist, spielen meine Freundinnen und ich ein Spiel. Wir sagen eine Person und geben ihr dann Punkte zwischen 1 und 10, wie sexy wir sie finden. Wir spielen das oft. Meistens nehmen wir Schauspieler, aber heute nehmen wir unsere Klassenkameraden.
Stefanie fängt an und sagt: „Stefan?“
Gülsah gibt ihm neun Punkte. Eigentlich sieht Stefan nicht gut aus, aber alle Mädchen tun so, als ob. Weil er beliebt ist. Ich glaube, Gülsah sagt immer das, was die anderen wollen.
Sie guckt mich jetzt an, als wäre ihr eine tolle Idee eingefallen. „Hannah, wie viele Punkte bekommt Mischa von dir?“
Sie lacht übertrieben, als wäre die Frage ein riesen Witz. Sie riecht ein bisschen faulig aus dem Mund.
Ich schaue heimlich zu Mischa rüber. Er sieht jetzt noch komischer aus und ich glaube, er hat Angst. Er hat uns zugehört!
Mein Herz beginnt schneller zu klopfen, und da ist schon wieder ein Ziehen in der Schulter. Ich fühle mich jetzt ganz aufgeregt, aber auf gute Weise, weil mir plötzlich was einfällt:
„Mischa weiß nicht, dass ich ihn sehen kann!“
„Mischa?“, sage ich. „Jetzt ohne Scheiß, der sieht total interessant aus. Der hat irgendwas.“ Ich rede extra laut.
Als Gülsah merkt, dass ich das nicht aus Spaß gesagt habe, sieht sie irgendwie enttäuscht aus. Eigentlich mag ich sie gar nicht.
Wir kommen zum nächsten Jungen und ich schaue heimlich nach Mischa. Sein Körper sieht jetzt echt entspannt aus. Seine Beine stehen weiter auseinander. Er lächelt. So habe ich ihn noch nie gesehen!
Ich finde, das war ziemlich nett von mir.
„Bin wieder da!“, rufe ich, als ich zur Haustür reinkomme, und schmeiße meinen Schulranzen in die Ecke.
Meine Mama ruft aus der Küche: „Hannah, Schatz, ich habe nicht gekocht, aber wir haben Fertigpizza.“
Ist mir auch recht.
„Und noch was: Bleib vom Sicherungskasten weg, Papa richtet im Keller was an den Kabeln. Wir haben den Strom abgestellt.“
Aus dem Keller höre ich meinen Papa fluchen: „So eine Scheiße! So ein Abfuck!“
Papa ist irgendwie anders als früher. Ich glaube, es ist so, seit meine Oma tot ist. Er bewegt sich jetzt langsamer und irgendwie ganz ohne Kraft. Er sieht auch älter aus. Manchmal ist er ganz schüchtern und ängstlich. Wie ein verletztes Tier.
Der Sicherungskasten steht offen.
„Ich habe Papa so, so lieb“, denke ich, und meine Brust fühlt sich total schwer an.
„Wenn jemand jetzt den Stromschalter umlegen würde, dann wäre alles kaputt!“
Mir ist kalt. Ich gehe langsam auf den Kasten zu. Ich lege meine Hand auf den Schalter. Sie liegt dort viele Sekunden lang, und mein Herz rast. Ich denke an Mischa. Ich ziehe meine Hand langsam zurück. Die Bewegung fühlt sich ganz schwer an, als würde ich einen echt starken Magneten vom Kühlschrank entfernen.
Dann gehe ich rauf in mein Zimmer. Mein Herz rast immer noch und meine Wangen sind so unangenehm heiß. Ich setze mich aufs Bett und starre lange einfach nur die Wand an.
Dann hole ich mein Buch aus der Kommode und lese. Aber nach zwei Seiten lege ich das Buch aufs Bett.
Ich frage mich, ob Mischa genau jetzt, in dieser Sekunde, immer noch lächelt. Das fände ich richtig gut.
Er grinst zufrieden.
Sogar Mischa lacht mit. Er lacht sogar noch eine Sekunde länger als die anderen und fällt dadurch allen auf. Auch Stefan. „Lustig, Mischa, oder? Erklär uns den Witz doch bitte mal, damit auch wirklich alle ihn kapieren.“ Mischa wird rot.
Er sagt für ein paar Sekunden gar nichts, dann leise: „Weil sie ihre Tage haben.“
Jetzt lachen wieder alle, noch lauter als vorhin.
„Falsch geraten“, denke ich. Stefan lacht nicht. Er blickt Mischa nachdenklich an.
Mischa schaut heimlich zu mir rüber. Er will wissen, ob auch ich über ihn lache. Es ist nämlich so, dass er in mich verliebt ist.
Natürlich hat er mir das nicht gesagt, aber mir ist aufgefallen, dass er mich immer anschaut, wenn er denkt, ich merke es nicht. Und er schaut mich immer so komisch an, als ob das etwas Verbotenes wäre.
Meine Freundinnen haben mich deshalb ausgelacht und Stefanie hat gesagt: „Oh, du Arme, du tust mir ja so leid!“
Ich mag Mischa. Er ist immer nett. Und ich bin stolz darauf, dass jemand auf mich steht. Aber er ist wirklich nicht mein Fall. Er ist klein und hat blonde Haare und ein bisschen abstehende Ohren. Und er sieht irgendwie verwachsen aus, wie so ein Kobold.
Mischa starrt jetzt nur noch aus dem Fenster, als würde ihn die Landschaft total interessieren. Er sieht auf seinem Sitz so klein aus.
„Nächster Halt: Ruhbank Fernsehturm. Ausstieg links.“
Wir sind da.
Wir stehen auf dem Fernsehturm. Höhe: 248 m. Das höchste Gebäude in Stuttgart.
Hier oben ist es jetzt kälter als vorhin. Die hügelige Landschaft unter uns ist voller großer, altmodischer Häuser. Man sieht auch die Königsstraße.
Wie still es hier oben ist! Es wirkt, als wäre die Stadt komplett verlassen. Es sieht friedlich aus. Und einsam.
Ich lege meine Hände auf das Metallgeländer und bekomme einen kleinen elektrischen Schlag. Wenn man direkt nach unten guckt, wird einem ganz komisch.
Ich bekomme so ein ziehendes Gefühl in der Schulter. Das Geländer ist nicht hoch. Ich könnte ganz leicht drübersteigen und runterspringen. Dann wären alle erst ganz still. Und dann würden alle rumschreien.
Ein paar Stunden später klingelt es bei uns zu Hause an der Tür.
Mama macht auf und ist fröhlich und denkt sich gar nichts. Dann sieht sie die Polizisten. Und dann...
Ich will das nicht denken. Ich habe Mama so lieb!
Wir fahren mit dem Aufzug wieder runter. Man spürt richtig, wie schnell er ist. Meine Klassenkameraden machen einen riesen Lärm.
Außer uns steht nur noch ein alter Mann im Aufzug. Er lächelt die ganze Zeit, aber ich glaube nicht, dass er sich wohlfühlt.
Auf die Kabinenwand hat jemand mit schwarzem Edding „Merve ist eine Fotze“ geschrieben.
Ich wette, als der alte Mann jung war, stand das da noch nicht.
Die Bahn hat schon wieder Verspätung. Ich hasse das! Wenn man auf die Bahn wartet, kann man nichts machen außer zu denken.
Mischa hat keinen Platz bei den Jungen gefunden. Alle Viererreihen waren voll und er ist übriggeblieben. Zu den Mädchen will er sich natürlich auch nicht setzen. Deshalb hockt er sich in eine Reihe, wo ihm eine alte Frau gegenübersitzt. Ich glaube, vor alten Frauen hat er am wenigsten Angst.
Ich glaube, er weiß gar nicht, dass ich ihn sehen kann. Aber er benimmt sich trotzdem komisch. Er schaut nur aus dem Fenster und bewegt sich gar nicht. Er hat seine Hände auf seine Knie gelegt. Seine Beine stehen ganz genau parallel zueinander.
Weil uns langweilig ist, spielen meine Freundinnen und ich ein Spiel. Wir sagen eine Person und geben ihr dann Punkte zwischen 1 und 10, wie sexy wir sie finden. Wir spielen das oft. Meistens nehmen wir Schauspieler, aber heute nehmen wir unsere Klassenkameraden.
Stefanie fängt an und sagt: „Stefan?“
Gülsah gibt ihm neun Punkte. Eigentlich sieht Stefan nicht gut aus, aber alle Mädchen tun so, als ob. Weil er beliebt ist. Ich glaube, Gülsah sagt immer das, was die anderen wollen.
Sie guckt mich jetzt an, als wäre ihr eine tolle Idee eingefallen. „Hannah, wie viele Punkte bekommt Mischa von dir?“
Sie lacht übertrieben, als wäre die Frage ein riesen Witz. Sie riecht ein bisschen faulig aus dem Mund.
Ich schaue heimlich zu Mischa rüber. Er sieht jetzt noch komischer aus und ich glaube, er hat Angst. Er hat uns zugehört!
Mein Herz beginnt schneller zu klopfen, und da ist schon wieder ein Ziehen in der Schulter. Ich fühle mich jetzt ganz aufgeregt, aber auf gute Weise, weil mir plötzlich was einfällt:
„Mischa weiß nicht, dass ich ihn sehen kann!“
„Mischa?“, sage ich. „Jetzt ohne Scheiß, der sieht total interessant aus. Der hat irgendwas.“ Ich rede extra laut.
Als Gülsah merkt, dass ich das nicht aus Spaß gesagt habe, sieht sie irgendwie enttäuscht aus. Eigentlich mag ich sie gar nicht.
Wir kommen zum nächsten Jungen und ich schaue heimlich nach Mischa. Sein Körper sieht jetzt echt entspannt aus. Seine Beine stehen weiter auseinander. Er lächelt. So habe ich ihn noch nie gesehen!
Ich finde, das war ziemlich nett von mir.
„Bin wieder da!“, rufe ich, als ich zur Haustür reinkomme, und schmeiße meinen Schulranzen in die Ecke.
Meine Mama ruft aus der Küche: „Hannah, Schatz, ich habe nicht gekocht, aber wir haben Fertigpizza.“
Ist mir auch recht.
„Und noch was: Bleib vom Sicherungskasten weg, Papa richtet im Keller was an den Kabeln. Wir haben den Strom abgestellt.“
Aus dem Keller höre ich meinen Papa fluchen: „So eine Scheiße! So ein Abfuck!“
Papa ist irgendwie anders als früher. Ich glaube, es ist so, seit meine Oma tot ist. Er bewegt sich jetzt langsamer und irgendwie ganz ohne Kraft. Er sieht auch älter aus. Manchmal ist er ganz schüchtern und ängstlich. Wie ein verletztes Tier.
Der Sicherungskasten steht offen.
„Ich habe Papa so, so lieb“, denke ich, und meine Brust fühlt sich total schwer an.
„Wenn jemand jetzt den Stromschalter umlegen würde, dann wäre alles kaputt!“
Mir ist kalt. Ich gehe langsam auf den Kasten zu. Ich lege meine Hand auf den Schalter. Sie liegt dort viele Sekunden lang, und mein Herz rast. Ich denke an Mischa. Ich ziehe meine Hand langsam zurück. Die Bewegung fühlt sich ganz schwer an, als würde ich einen echt starken Magneten vom Kühlschrank entfernen.
Dann gehe ich rauf in mein Zimmer. Mein Herz rast immer noch und meine Wangen sind so unangenehm heiß. Ich setze mich aufs Bett und starre lange einfach nur die Wand an.
Dann hole ich mein Buch aus der Kommode und lese. Aber nach zwei Seiten lege ich das Buch aufs Bett.
Ich frage mich, ob Mischa genau jetzt, in dieser Sekunde, immer noch lächelt. Das fände ich richtig gut.