Erinnern

L'étranger

Mitglied
DIe sich erinnern konnten,
wollten sich nicht,
nicht so wie sie sollten, erinnern,
und wenn Erinnerung geboten war,
erinnerten sie stumm
die Erniedrigung,
erinnerten sich
an die Fackeln der Begeisterten,
im schwarzen Blut erstickt,
den Schein aus den Gesichtern, fahl,
das weite Land, verloren,
und leer
die Brüste der Mütter.

Die sich empören konnten,
wollten sich nicht,
nicht so wie sie sollten,
empören, und
wenn Empörung geboten war,
empörten sie sich stumm
über den dreisten Raub des Landes
durch die Väter und die Söhne.

Die sich erkennen können,
wollen sich nicht,
nicht so wie sie sollen,
erkennen, und
wenn Erkenntnis geboten ist,
erkennen sie sich stumm ...
 

atira

Mitglied
Hallo Lé,

Ist nicht schlecht geschrieben, aber es ist halt schon so ein sehr großes und auch abgegriffenes Thema und mir ist da zu viel Mahnung und Pathos drin ( "die leeren Brüste der Mütter" brrrr! ;)) "Die" empfinde ich als zu unbestimmt, das klingt heutzutage auch gefährlich populistisch, oder? Das Thema sollte man für mein Gefühl eher nu noch "im Kleinen" angehen (Ich meine, so ähnlich wie Patrick das mit dem Hölderlin-Vater gemacht hat). Es sind noch ein paar Tippfehler ("die Erniedrigten"?) drin und die Satzzeichen könnten mE hie und da anders sein.

Zur letzte S: " Die sich erkennen können (oder "könnten?") erkennen sich nicht, aber wenn sich sich erkennen müssen ("Erkenntnis geboten ist"), dann erkennen sie sich doch? Was verstehe ich da falsch.

LG
atira
 

L'étranger

Mitglied
Hallo atira,

das Gedicht habe ich spontan im Rahmen einer Serie von "Gedichten gegen das Vergessen" geschrieben, weil uns unangenehm beeindruckt, was sich rechtsaußen regt. Du erinnerst dich an eine ähnliche Serie in anderem Zusammenhang?

Aus der Warte meiner Familiengeschichte ist es nicht weit hergeholt.

An der Stelle mit der "Erniedrigung" ist sie schon so gemeint ; ich habe da nur eine etwas seltsame grammatische Konstruktion gewählt, den Genetiv anstatt zu schreiben "an die".

Die letzte Strophe macht eine Zeitspanne in die Gegenwart, will sagen: es wäre geboten, dass wir erkennen und bekennen, wo in uns selbst im Verborgenen das blüht, was in diesen rohen politischen Kräften zum Vorschein kommt.

Gruß Lé.
 

Tula

Mitglied
Hallo Lé
Mir geht es ähnlich. Das Gedicht auf jeden Fall gut geschrieben, aber der Pathos bringt mir irgendwie die Erinnerung an Gedichte aus meiner DDR-Schulzeit. Nein, nicht alles war schlecht, immerhin sind Brecht, J.R. Becher und andere bis heute hervorragende, anerkannte Dichter. Aber es hat irgendwo den belehrenden Ton der Gedichte der Nachkriegszeit.
Ansonsten aber gekonnt und auch gern gelesen.

LG
Tula
 

L'étranger

Mitglied
Hallo Tula,

kann sein, dass es mir ähnlich ginge, hätte ich es nicht selbst geschrieben ;-).

Mir hat eben die sich wiederholende Sprachfigur gefallen. Ist ja schon etwas, wenn ich damit nicht alleine bin.

Gruß Lé.
 

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