Erinnerung an den Sommer - Lazyin' on a sunny afternoon

Tanshee

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Ferien, Sommerferien...

Aufgewacht bin ich heute kurz vor zwölf.
Also rein in Hemd und Hose, keine Zeit noch die Schuhe zu suchen. Bloß schnell über die Straße in den Supermarkt um vor der Mittagspause noch Zigaretten zu holen.
Wie oft habe ich mir schon geschworen das Rauchen endlich aufzugeben?
Der Fahrbahnasphalt warm und gleichzeitig glatt und rauh unter meinen nackten Füßen. Im Sommer laufe ich gern barfuß. Aus der Hitze in den Supermarkt. Kalter Steinfußboden, kühle Luft aus der Klimaanlage, die Tiefkühltruhen sind schon abgedeckt. Ich schieße an einer Frau mit erschreckend voll beladenem Einkaufswagen vorbei, überhole mit einem Kurzsprint auch noch die beiden Schulkinder und schaffe es als erste an die Kasse. Manchmal glaube ich, daß außer mir kein Mensch mehr Reval ohne Filter kauft. Jedenfalls habe ich noch niemand dabei gesehen. Die fünfzehn Pfennig Wechselgeld versenke ich in der linken Hosentasche, in der rechten grabe ich schon nach dem Haustürschlüssel. An der Bushaltestelle drei Wartende, die mich träger Neugier mustern. In dem Alter, offensichtlich ungekämmt und barfuß. Naja! Man kann ihnen förmlich ansehen, daß sie befürchten ihre Steuergelder an mich zu verschwenden.

Die Ampel vorn an der Straßenkreuzung ist auf rot geschaltet, ich schlängele mich durch die zweispurige Reihe der wartenden Autos. Ausnahmsweise hat keiner der anderen Mieter die Haustür schon wieder abgeschlossen, schneller Blick in den Briefkasten, nichts.
Die Wohnungstür hatte ich auch nicht richtig zugezogen.
Die Wohnung ist im Winter immer zu kalt, jetzt ist es hier angenehm. Ein Balkon fehlt hier. Oder ein Hauch Venedig. Dumpfig-sumpfiger Geruch von zu warmem Wasser, leises Plätschergeräusch und die Lichtreflexe von Wasser auf Decke und Wänden...
Die Zigarettenschachtel aufreißen, nicht zu hastig, dann gehen sie mir immer kaputt.
Schade, daß noch kein Hersteller auf die Idee gekommen ist, die Schachteln mit kleinen Zetteln zu versehen, auf denen solche ominösen Glückkeksorakel stehen.
Warte, spricht der Weise, und mache den ersten Schritt.
Das Feuerzeug war vorher auch noch da – na, also.

Das Haus gegenüber, von einer scheußlichen Ockerfarbe, die einem sonst den Magen umdreht, leuchtet in der Sonne italienisch-gelb.
Sommer in der Stadt ist etwas Besonderes.
Die Hitze knallt auf die Hauswände und wird hin- und wieder zurückgeworfen, daß man es fast hören kann. Das nicht vorhandene Geräusch imaginärer Tennisplätze.
Der Staub auf den Autos läßt sie wie pelzige Insekten aussehen.
Die meisten Jalousien sind heruntergelassen, man kann darüber spekulieren, was sich dahinter in der Nachmittagshitze abspielt. Die Temperatur läßt alle Gefühle zu stumpfen Nadeln werden, die nicht pieken, aber den Druck auf der Haut kann man spüren.
Meinetwegen könnte es noch viel heißer sein. So heiß, daß einem bei jeder Bewegung der Schweiß runterläuft, man den Punkt, an dem man bestimmt überschnappt schon fast spüren kann.
Die eigene Anspannung als metallischen Geschmack auf der Zunge hat.

Der Nachmittag ist beinahe vorbei und kippt in den frühen Abend um.
Es wird eine winzige Spur kühler, ausreichend die Nerven wieder zu lockern.
Entspannung macht sich breit. Zeit für die Blueskassette und einen Drink.
Die ersten Anrufe trudeln ein.
Was soll man mit dem Abend machen, habt ihr schon was vor.
Die Anrufe von außerhalb kommen dann in einer halben Stunde, ungefähr.

Ich wollte nur mal hören, was Du heute so getrieben hast.
Ja, hier ist es auch so heiß. Denkst Du noch an Samstag?
Wir sollten uns demnächst mal wiedersehen.

Der Freund aus längst vergangenen Tagen im Studentenwohnheim.
Ich habe hier gerade einen durchgezogen, bin völlig platt.
Weißt Du noch, damals.
Mein Gott, waren wir fertig.
Aber schön war's.
Du, ich muß auflegen, es kommt jemand.
Meld' Dich mal wieder.
Okay, also.
Mach's gut.

Mein Lieblingslied läuft, ich stöpsle das Telefon aus. Für ein paar Minuten will ich nicht gestört werden.
Es paßt alles so perfekt zusammen.
Der Eiswürfel aus dem Glas schmeckt nach Martini und pappt auf der Zunge, Billie Holiday bluest aus dem Rekorder. Der Vorhang des geöffneten Fensters bewegt sich, sobald ein Bus vorbei fährt und einen Schwall warme dieselige Sommerluft ins Zimmer schickt. Und Fernweh. Unterwegs sein, ohne Ziel unterwegs sein hat so etwas Tröstliches. Natürlich könnte man auch Davonlaufen sagen.
Das Glas ist leer.

Augen zu, tief durchatmen, und dann anfangen aufzuräumen.
Wenn ich mich bloß mal entscheiden könnte, ob ich ein abenteuerliches Leben führen will – oder doch lieber ein beruhigend Spießiges mit richtigen Feierabendzeiten und festen Bezügen. Augen zu, tief durchatmen und gucken, was kommt?

Sommerabend...
 

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