Erinnerungen an einen wahren Freund

kosta

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Erinnerungen an einen wahren Freund

Obwohl es nun schon fast sieben Jahre her ist, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, denke ich heute noch sehr oft an Sokrates. Damit meine ich nicht etwa den berühmten Philosophen aus der Antike, sondern meinen besten Freund aus meiner Militärzeit. Ich habe nur sechs Monate gedient und die meiste Zeit davon war ich auf der griechischen Insel Samos, die gerade mal 800 Meter vom türkischen Festland entfernt ist. Es war eine schwierige, aber auch wunderschöne Zeit, die ich niemals vergessen werde. Mein Vater hat mir damals immer gesagt, dass man beim Militär vom Kind zum Manne wird, aber ich weiß heute, dass diese Einstellung in der heutigen Zeit etwas veraltet ist. Wenn man mich fragt, was für mich die wichtigste und beste Erfahrung ist, die ich dort gemacht habe, würde ich ohne zu zögern sagen, dass ich dort gelernt habe, was wahre Freundschaft bedeutet. Niemals wieder habe ich so einen Zusammenhalt und eine so innige Freundschaft erlebt, wie dort. Ich lernte Sokrates kennen, der mich nie bei meinem richtigen Namen, sondern einfach nur „Space“ genannt hat und er hat mir gezeigt was es heißt, wenn es immer jemanden gibt, der für einen da ist, egal wie schlecht es einem geht. Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen und haben monatelang unsere freudigen, als auch unsere traurigen Momente miteinander geteilt. Im Sommer des Jahres 1994 haben wir uns zum letzten Mal gesehen. Wir haben uns voneinander verabschiedet und ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen. Es gibt Momente, wo ich mir Vorwürfe mache, dass ich ihn zum Abschied nicht umarmt habe, denn er war wie ein Bruder für mich. Manchmal denke ich darüber nach, was es eigentlich war, das uns im Laufe unserer gemeinsamen Zeit sosehr zusammengeschweißt hat und merkwürdigerweise komme ich immer zum selben Schluss: Wir konnten so wunderbar miteinander Schweigen. Oftmals vergingen wirklich Stunden, wo wir zusammen Ausgang hatten und einfach nur in einem Straßencafe saßen und unsere Freizeit genossen haben, ohne auch nur ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Wir schwiegen, aber die Ruhe war keinesfalls unbehaglich, ganz im Gegenteil. Natürlich unterhielten wir uns auch oft. Wir konnten manchmal tagelang über nichts anderes als beispielsweise die kalten Winter in Deutschland, oder andere „typisch deutsche“ Dinge unterhalten, wie Weihnachtsmärkte, Jahrmärkte, oder Schnitzel... Er ist in Dachau, ein paar Kilometer außerhalb von München aufgewachsen und manchmal machten wir uns einen Spaß daraus Deutsch zu reden, wenn andere dabei waren, die uns natürlich nicht verstehen konnten.
Es gibt so viele Dinge, die ich von ihm erzählen könnte, aber ich habe mich entschieden es nur bei einer kleinen Geschichte zu belassen. Sie hat sich im Frühsommer jenen Jahres zugetragen und ich werde sie niemals vergessen. Es heißt immer, dass wahre Freunde erst dann erkannt werden, wenn es einen Mal richtig schlecht geht und genau da war damals bei mir der Fall. Eines Tages stand ich auf einmal ohne Geld da. Ich hatte meine Finanzen einfach überschätzt und obwohl ich Geld aus Deutschland erwartet habe, kam nichts. Irgendwann hatte ich tatsächlich nur noch ein paar Münzen in der Tasche und sonst nichts. Als ich dann irgendwann Ausgang hatte, konnte ich mich nicht so recht darüber freuen, denn ich hatte Hunger, wollte zu Hause anrufen und mich einfach mal irgendwo hinsetzen, um Mal bei einem kühlen Glas Bier etwas auszuspannen, aber das war völlig unmöglich. Zu allen Überfluss kam dann auch noch mein Ausbilder an und musterte mich misstrauisch. Er begutachtete meine Frisur und ich ahnte bereit nichts gutes als er mit seiner Hand über meinen Nacken strich um die Korrektheit meiner Haarlänge zu überprüfen.
„Du must zum Friseur, sonst setzt es was! Wenn ich dich morgen früh immer noch mit diesem Kopf sehe, bekommst du zwei Wochen Ausgangssperre aufgebrummt, kapiert? Wenn du unbedingt wie Bob Marley aussehen willst, hast du hier nichts zu suchen!“
Ich nickte kurz und rief ein lebhaftes „Jawoll!“. Was sollte ich jetzt machen? Ich hatte nicht einmal Geld um mir eine Tüte Kartoffelchips zu kaufen damit ich etwas im Magen habe und der Kerl kommt daher und verlangt von mir, dass ich zum Friseur gehe! Ich hätte ihm am liebsten hinterhergerufen, ob er den Arsch auf hat, aber dann hätte ich erst recht Ärger bekommen.
Somit stand ich also da und befand mich in einer Situation, vor der ich immer Angst hatte. Ich musste irgendwie an Geld kommen und das Naheliegenste war es natürlich, meine Kameraden zu fragen, ob sie mir nicht für ein paar Tage etwas Geld leihen könnten. Ich habe es auch getan und seit jenem Tag weiß ich, dass es nichts entwürdigenderes gibt, als andere Leute um Geld anzubetteln. Man kommt sich dabei wie der letzte Dreck auf Erden vor. Ich habe mehrere Leute gefragt, aber alle haben mich nur kurz abgeschaut und mit dem Kopf geschüttelt. Einer von ihnen ist sogar richtig böse geworden und rief, was mir denn überhaupt einfiele ausgerechnet ihn nach Geld zu fragen, wo ich doch genau wüsste, wie schlecht es ihm in dieser Beziehung ginge. Schließlich viel mir keiner mehr ein, den ich noch fragen könnte und ich hatte bereits begonnen mich damit abzufinden, dass mein Magen leer bleiben würde und ich bestraft werde.
Nachdem ich mich umgezogen und die Kaserne verlassen hatte, wusste ich nicht was ich tun sollte. Ich war in einer kleinen Gruppe von etwa fünf bis zehn Leuten und ich hatte jeden von ihnen bereits gefragt. Da begegnete mir auf einmal Sokrates. Er saß auf einer Bank in der Nähe des Dorfplatzes und war anscheinend mit Nichtstun beschäftigt. Es grinste fröhlich als er mich sah und winkte mir zu, dass ich mich zu ihm setzen soll. Das tat ich dann auch und nach ein paar Minuten fragte ich: „Du hör mal Sokrates, mir geht es im Moment nicht so toll. Ich bin völlig pleite und bekomme eine Strafe aufgebrummt, wenn ich mir nicht die Haare schneiden lasse. Ähm... könntest du vielleicht... ich meine...“
Es schaute mir einen Augenblick lang tief in die Augen und holte seine Geldbörse hervor. Er drehte sich ein Stück von mir weg und kramte eine Weile darin herum. Schließlich drehte er sich wieder in meine Richtung um und gab mir einen Tausenddrachmenschein, der damals etwa 6,50 DM Wert war. Ich habe mich herzlich bei ihm bedankt und lief gleich darauf los um zum Friseur zu gehen. Dort angekommen, lies ich mir nur den Nacken ausrasieren wofür ich freundlicherweise nichts zu bezahlen brauchte. Gleich darauf lief ich zum nächsten Kiosk, wo ich zuerst zu Hause angerufen habe, um meine Eltern um etwas Geld zu bitten. Das ganze Gespräch hat nicht länger als ein paar Sekunden gedauert, denn ich hatte Angst, dass das Geld sonst nicht reichen könnte. Ich muss meinen armen Vater zu Tode erschreckt haben, aber was hätte ich machen sollen? Als ich aufgelegt hatte, reichte es tatsächlich noch für eine Tafel Vollmilchschokolade und eine Schachtel Zigaretten. Ich schlang die Schokolade in mich hinein und rauchte danach eine Zigarette, währen ich mich wieder auf den Weg zur Bank machte, wo Sokrates auf mich wartete. Er lächelte wieder, als er mich sah. Aus irgendeinem Grund, setzte ich mich nicht gleich neben ihn, sondern blieb erst einmal stehen und unterhielt mich mit ihm. Ich glaube, ich war unentschlossen, ob ich bei ihm bleiben sollte, oder ob ich nicht vielleicht losziehen würde, um ein paar andere Typen zu finden, die mich auf ein paar Bierchen einladen konnten.
„Sag' mal“, sagte ich nach einer Weile, „warum sitzt du eigentlich hier alleine 'rum und bist nicht bei den anderen?“
Er schaute mich auf seine Art an und das heißt konkret, dass sein Blick eine Mischung aus naiver Verschlagenheit und Begeisterung war. Eigentlich sagte dieser Ausdruck, den er regelrecht abonniert zu haben schien, nichts über seinen wahren Charakter aus, der eher zurückgezogen und still war.
„Och... mir war nur nicht danach mich in irgendeine Bar zu setzen und da dachte ich, dass ich vielleicht ein bisschen in der Sonne bade. Ich habe es nötig.“ Er grinste breit und blinzelte mir dabei in die Augen. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel wurde mir alles klar. Ich schaute ihn an und wusste sofort den wahren Grund für seine plötzliche Lust auf in Sonnenbad, bei dem sich dieser schlohweiße Junge wahrscheinlich nur einen schmerzhaften Sonnenbrand geholt hätte. Er hatte kein Geld mehr! Er hatte mir seinen letzten Tausender gegeben und war jetzt selber völlig pleite.
„Du hast mir doch nicht etwa dein letztes Geld gegeben, Sokrates?“, fragte ich ungläubig. Mit jedem Wort, was ich sagte, schien sein Lächeln freundlicher zu werden.
„Nein! Ich habe noch... warte mal...“, er schien scharf nachdenken zu müssen, „genau! 35 Drachmen.“
40 Pfennige... Da stand ich also, mit meinem neuen Haarschnitt, meinem vollen Magen und ich konnte ihm nicht einmal eine Zigarette anbieten, da er Nichtraucher war. Er hatte mir alles gegeben was er hatte, damit es mir nicht schlechter ging als ihm. Ich setzte mich neben ihn und wir verbrachten den ganzen Tag miteinander. Ich suchte nach den richtigen Worten, um meine Dankbarkeit ausdrücken zu können, aber er hat jedesmal abgewunken und gesagt, dass es schon in Ordnung sei, schließlich wüsste er, dass ich es auch für ihn getan hätte. Wir plauderten über alles mögliche, oder wir schwiegen einfach und ließen die Sonne unsere Gesichter wärmen. Bis heute ist mir jener Tag als einer der allerschönsten beim Militär in Erinnerung geblieben. Es war in schöner Tag, der uns endgültig zusammengeschweißt hat. Er ist für mich nicht mehr einfach nur ein Freund, er ist wie ein Bruder für mich und das sage ich nicht, weil es so schön klingt, sondern weil es die Wahrheit ist.
Seit jenem Tag, bis einschließlich heute frage ich mich immer wieder, ob ich für ihn das gleiche getan hätte und ich bin nicht in der Lage eine Antwort darauf zu finden. Sicher ist, dass ich es seitdem tun würde, aber damals? Ich weiß es nicht! Sokrates war sich sicher, dass ich es getan hätte, aber ich bin es nicht! Manchmal, wenn es mir nicht so gut geht, denke ich an ihn und bin überzeugt, dass ich einen so netten Kerl wie ihn gar nicht als Freund verdient habe...

Etwa zwei Jahre später, als ich schon längst aus dem Militär entlassen war, holte ich meine Jeansjacke aus der Waschmaschine und bemerkte einen harten Gegenstand in der linken Brustasche. Ich öffnete sie, steckte meine Hand hinein und wurde auf einmal unendlich traurig. Eine Welt brach für mich zusammen, denn ich hatte einen Menschen für immer verloren. Einen Menschen, der mir sehr viel bedeutet hat. Es war mein Taschenkalender, mit allen Adressen und Telefonnummern meiner Freunde und Bekannten. Auch Sokrates' Telefonnummer aus Athen war dabei. Sie ist für immer verschwunden und ich weiß, dass ich ihn nie wiedersehen werde, denn ich kenne seine Adresse nicht. In der Zwischenzeit war ich wieder in Deutschland und er würde mich niemals finden, wenn er mich mal suchen würde.
Ich vermisse dich, mein alter Freund. In meinem Herzen wird es immer einen Platz für dich geben.
 

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