Erinnerungsorgien

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Weißt-du-noch-damals?“ Diese wehmütige Nachfrage entwickelt sich, wenn mich Selbst- und Fremdbeobachtungen nicht täuschen, in der fortgeschrittenen zweiten Lebenshälfte von Mann und Frau zum immer unentbehrlicher werdenden Bestandteil tief schürfender Seniorengespräche.
Besonders aus Unterhaltungen zwischen zwei Fernsehsendungen oder zwischen Abendgebet und erster Schlafphase sowie beim Betrachten von Urlaubsbildern und –filmen ist jene Erinnerungsformel aus der gängigen Seniorenbeziehung kaum wegzudenken. Ja, sie scheint sich gelegentlich zu einer wahren Orgie zu entwickeln.
Meine Frau und ich sowie andere liebenswürdige Alte neigen dabei - verklärt bis verlegen lächelnd - zu Entgegnungen wie,“ ja, Schatz, war das nicht wunderbar“ oder - um nicht als Angeber zu gelten – betont ironisch „damals war ich noch jung, schön und vor allem gelenkiger“.
Als männlicher Senior norddeutsch-wortkarger Herkunft neige ich eher dazu, schweigsam mit leichtem Kopfnicken zu antworten. Allenfalls gebe ich noch ein vielsagendes „Jaja“ oder „Mhm“ von mir. Auf das verklärte Lächeln verzichte ich allerdings auch nicht.
Je nach emotionaler Betroffenheit bleiben meine und die Augen meiner Frau trocken, werden feucht oder es laufen gar Tränen über den unteren Lidrand der nur noch bedingt nach außen sehtüchtigen Augen.
Der Blick nach innen, dem zum Glück kein Unbefugter folgen kann, bleibt hingegen ungetrübt und wird allenfalls intern von diversen Rührseligkeiten beeinflusst.
Ja, damals, da …und urplötzlich steigen alte Gerüche in die aus Altersgründen länger gewordenen Nasen. Selbst in muffigsten Wohnzimmern duftet es auf einmal nach Frühling und frischem Gras oder nach Sommer und Heu.
Unwillkürlich suchen faltige altersfleckige Hände nach faltigen altersfleckigen Händen, die automatisch leicht zitternd in unregelmäßige Streichelbewegungen verfallen.
Die auch nicht mehr faltenfreien Gesichtszüge entgleiten zu einem mehr oder weniger seligen Lächeln und durch leicht geöffnete Lippen entweicht ein leiser und gelegentlich auch lauter Seufzer.
Abgebrochen wird der sinnlich eindrucksvolle Ausflug in glückliche Vergangenheiten mit lautem Räuspern und der zumeist harschen Aufforderung: „Nun lass uns mal nicht zu sentimental werden!“
Doch da sich Senioren ja sonst nichts mehr gönnen (können), lässt das nächste „Weißt Du noch?“ nicht lange auf sich warten.
Ist allerdings zufällig ein Vertreter jüngerer Generationen in der Nähe, wird vollkommen gegenwartsbezogen reagiert: Nein, nein wir Alte können uns heute keine Sentimentalitäten mehr leisten.
Auf uns wartet ein voller Terminkalender. Der nächste Englischkurs bei der VHS will gebucht sein und „Entschleunigung im Alter“, ein Senioren-Seminar für Zeitmanagement ist wieder einmal überbucht. Facebook-Freunde warten täglich auf Gedankenaustausch. Die Enkelkinder wollen, da die Eltern aus beruflichen Gründen wenig Zeit haben, endlich einmal mit Oma und Opa ausgiebig spielen. Und jüngere Freunde und Bekannte, die vom Arbeitgeber von Termin zu Termin gehetzt werden, laden sich ungefragt ein, da Rentner doch so viel Zeit haben.
Am Wochenende ist frau/man mit Wanderfreunden unterwegs und einmal die Woche wird beim Gehirnjogging die Gedächtnisleistung trainiert.
Denn sobald Seniorin und Senior endlich ungestört beim Abendessen zusammensitzen, kommt unweigerlich jene gefühlsbewegende Frage, die ohne ausreichendes Gedächtnis absolut sinnlos wäre.
Und kürzlich wollte meine Frau von mir wissen: „Weißt Du noch damals, wie albern wir es fanden, wenn sentimentale Alte ständig „Weißt Du noch damals?“ fragten.“
Norddeutsch wortkarg zuckte ich lächelnd mit den Schultern.
 

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