Erleichterung

muskl

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Erleichterung


Er hatte schon einige Phasen beim Erwachen durchgemacht, die angenehme Variante war dabei der Guten-Morgen-Sex, eine sehr impulsive, gefühlreiche Variante. Die weniger nette war die mit Schmerzen durch verkrampfte Muskeln. Ebenfalls unangenehm war das unmittelbare Erwachen nach einem Albtraum, entweder voller Wut oder Trauer - oder voller Angst.

Dieses Erwachen war verkehrt, so als würde man wach werden um zu träumen. Wobei er dieses Mal nicht sicher war, war es ein Albtraum? Normalerweise merkte er es sofort, das Grauen der Situation sprang ihn dann sofort an, er war dann die Situation. Diesmal war es anders, er wachte auf und wusste das er nicht träumte, es war nichts unwirklich, es war Realität, die Fesseln waren messerscharf und schnitten bei jeder Bewegung in Arme und Beine. Der Schmerz war Realität und das Blut war warm, das aus den Wunden floss.

Er versuchte den Traum zu beeinflussen indem er sich vorstellte, dass das Blut spritzt und ihm Hände und Füße abfallen. Das war nicht ungewöhnlich, das hatte er schon oft gemacht, die Traumbeeinflussung gab ihm ein gutes Gefühl. Er konnte dann übertreiben, egal wie extrem es war. Die Hemmschwelle fiel dann ungestraft. Die eigene moralische Zurechtweisung gegen sich selbst, die natürlich nach dem Traum geschah, wurde dann nur kurz mit einem satanischen Grinsen erledigt, was ja aber keiner sah. Dieses mal hatte die Beeinflussung keine Wirkung, kein Blut spritzte, kein Körperteil fiel ab. Das einzige was abfiel, war der Gedanke daran, das nicht einmal mehr die Beeinflussung seiner Träume wirkte.

Er befand sich in einem Gerichtssaal, oder besser gesagt, in einem Gerichtsraum. Beim Orientieren sah er einen Himmel, ein Gerichtssaal hatte entweder ein Dach oder eine Kuppel, hier gab es weder das eine noch das andere. Der Himmel war dunkelblau und voller leuchtender heller Punkte, man hätte sie für Sterne halten können, aber er wusste das es keine waren. Der Gerichtsraum sah so aus, wie er ihn kannte, groß, einschüchternd, alle Möbel aus Holz. Aber etwas fehlte, es gab keine Zuschauerbänke, also auch keine Zuschauer, er war alleine.

Er saß gefesselt in der Mitte des Raumes, also war er der Angeklagte. Wo war sein Anwalt? Sollte er sich selbst verteidigen, war er überhaupt hier um sich zu verteidigen und wegen welcher Tat? Es gab keinen Staatsanwalt, der auf der rechten Seite fehlte, genau wie der Rechtsanwalt auf der Linken. Da waren Wände ohne Mauern, da war etwas das nichts war, aber es war da. Dieser Gerichtsraum benötigte wahrscheinlich keine Mauern.

Wieso sollte er auch Mauern überwinden und weglaufen? Er fühlte sich, mit Ausnahme der Fesseln, wohl in diesem Raum. Es war warm, obwohl er keine Kleidung trug, er war nackt, aber Selbst das war natürlich und keine Beleidigung des Gerichts, sagte ihm sein Gefühl.

Vorn im Raum, also dem er zugewandt saß, gab es das Podium für den Richter, es war das erste Mal, das dieser Anblick beruhigte. Er fühlte sich immer mehr am richtigen Ort, nicht bedroht. Er dachte daran, dass bald der Richter kommen müsse, der Raum so unwirklich wirklich wie er wahr, forderte es geradezu heraus. Er hatte keine Angst davor, eher ein Gefühl von freudiger Erwartung, es würde passieren worauf er, solange gewartet hatte, es würde die Erleichterung kommen.

Was war die Erleichterung? Die Zufriedenheit konnte es nicht sein, denn zufrieden war er in diesem Moment. Die Liebe war es auch nicht, denn die brauchte er nicht in diesem Moment. Konnte es die Einsamkeit sein? In dem Moment fühlte er sich einsam, aber er erwartete Unruhe. Welch seltsame Ansicht, der Gegensatz von Einsamkeit ist für ihn Unruhe. Was ist dann sein Gegensatz von Ruhe? Wie lange musste er auf die Erleichterung warten, wie lange hatte er schon darauf gewartet? Unweigerlich suchte er bei dieser Frage die typische Uhr im Gerichtssaal, hier gab es keine Uhr und keine Zeit, hier gab es einen Moment, der nicht in Zeit zu messen ist.

Es war sein Moment, ein wichtiger, ein entscheidender Moment. Wer sollte ihn richten? Wer kannte ihn so gut, dass er über ihn richten konnte? Es kam ihm nur einer in den Sinn, der wie er einmal glaubte, über allem stand, der wertfrei und unabhängig über ihn richten konnte - Gott. Früher hatte er mit seinem Glauben an Gott viele Gedanken verloren, wenn er an einen undenkbaren Gedanken kam, übergab er ihn an den großen starken Herrn, der unfehlbar in den Wolken saß. Es beruhigte ihn das immer jemand da war, der die letzte Verantwortung übernahm. Gottes Entscheidung was er damit anfängt, war dann sein Schicksal.

Das für ihn gedachte Schicksal war von mehr dunklen als hellen Punkten gezeichnet. Aber nur an den dunklen Punkten hatte er sich an Gott erinnert und ihn regelmäßig abgemahnt von ihm abzufallen, nicht mehr an ihn zu glauben. Er fühlte sich dann wie ein Kind ungerecht behandelt und benahm sich dementsprechend. Es tat ihm anschließend aber wieder leid, wie er seinen Vater behandelt hatte und er bekam Schuldgefühle, die ihn wieder näher an Gott brachten. Eine Beziehung zu seinem Gott wurde aufgebaut auf Schuldgefühlen. Wer würde auf der Gerichtsbühne auftreten? Er rechnete mit etwas göttlichem, was immer das bedeuten würde. Das göttliche Gefühl hatte er, wenn er eine Kirche betrat, oder eine Beerdigung hinter sich brachte, inzwischen konnte er es die eingepflanzte Moralität nennen.

Es gab in dem Raum keine Tür. Gespannt wartete er ob sein Richter von oben oder unten kommen würde, seine Moralität nach von oben. Er tat ihm nicht den Gefallen, er schien aus dem Keller zu kommen und er erschien langsam hinter der Richterbrüstung, mit dem Rücken zu ihm und ebenfalls nackt. Der Richter drehte sich langsam zu ihm um und voller Erstaunen sah er sich selbst als Richter, ein Duplikat seiner selbst stand dort oben und blickte in stumm an. Ein stummer Blick machte ihm immer Angst, die Augen sind nicht tot und nicht starr, sondern blicken einfach, nicht ohne Gefühl, aber mit keinem erkennbaren. Es war als würden die Augen durchschauen, die Seele erkennen, vielleicht war der ein Ausdruck vollendeter Gelassenheit. Dieser Blick machte ihm keine Angst, er war wissend und beruhigend und ließ die Fesseln an Armen und Beinen von ihm abfallen, die blutenden Spuren blieben zurück.

Er sah sich selbst, wie er fand in körperlicher Erbärmlichkeit. Die Beine waren lang und zu dünn, ebenso die Arme. Die Muskeln die mal waren, hatten sich zurückgezogen unter der Krankheit und der daraus resultierenden Bewegung. Ein kleiner schwabbeliger Bauch und ein kränkelndes Anhängsel im Mittelteil. Die Hände waren knochig, mit vom Rauchen teilweise gelben Fingern und bis aufs äußerste angekauten Fingernägeln, an manchen Stellen ging es darüber hinaus an die Haut. An den Füßen gab es an einigen Stellen eine hässliche Hornhaut, die Zehen waren teilweise mit krummen kranken Zehennägeln besetzt. Der Kopf schien das einzige nicht vernachlässigte an ihm zu sein. Das Gesicht war gut geschnitten und strahlte Sympathie aus, die Haare waren kurz, die Augen von einem intensiven grün.

Der ganze Körper schien vernachlässigt und aus der Proportion gebracht, mit Ausnahme des in der Öffentlichkeit sichtbaren Teils. Wie es wohl im inneren dieses Körpers aussah? Wie sah die Seele dieses Menschen aus? Die inneren Körperteile und die Seele waren für die Öffentlichkeit nicht sichtbar, er konnte sich vorstellen das sie ähnlich vernachlässigt waren wie der Körper.

Der körperliche Ausdruck des Richters änderte sich, er schien verunsichert, die Augen blickten traurig und bettelten um Nachsicht. Der Körper war gebeugt, er stützte er sich auf einen Handstock und schien kurz davor umzufallen. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, es schien lautlos um Hilfe zu rufen. Es schien, er könne seine Gedanken ohne Sprache auf den Richter übertragen. Er wunderte sich, dass er den Richter nicht verstand, hatte ein Richter keine Gedanken?

Was er sah war ein Richter, der ohne die Äußerlichkeit der Robe erbärmlich wirkte, er verstand nicht, wie ein Richter der gerecht über ihn richten sollte, sich selbst so vernachlässigen konnte. Mit welchem Recht, aus welchen Grundsätzen konnte der ihn verurteilen, wenn er im Umgang mit sich nicht mal die geringsten Grundsätze einhalten konnte? Was ihn aber mehr bedrückte war seine harte Beurteilung über den Richter, fast schon Verurteilung. Er hatte sich immer für besonders tolerant gehalten. Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen gab es nicht für ihn, zumindest wollte er so sein. Er hatte sich immer Mühe gegeben das auch nach außen zu zeigen, entweder durch Ausdruck oder durch Worte. Wenn jemand in seiner Umgebung anders handelte oder sprach, wurde er meist mehr oder weniger scharf zurechtgewiesen, oder die Abscheu über solch ein Handeln wurde von seinem Gesicht ausgedrückt.

Der Richter weinte lautlos, viele Tränen liefen über seine Wangen, er wirkte schutzlos und verzweifelt, er hatte kaum die Kraft sich aufrecht zu halten. Was beugte ihn so, welche Kraft brachte in zum Weinen und warum dachte er nichts? Wenn er etwas denken würde, könnte er ihm vielleicht helfen, aber so sah er nur eine hilflose Gestalt, die über ihn richten wollte. Er merkte das er den Richter nicht mehr ernstnehmen konnte, dabei wollte er es so gerne. Er suchte doch eine Entscheidung, er suchte doch die Erleichterung. Was konnte er schon von so einem schwachen, scheinbar hilflosem Richter erwarten. Höhnisch machte er sich im Gedanken über den Richter lustig, was für eine erbärmliche Person mit einem erbärmlichen Körper, einer erbärmlichen Seele.

Jetzt schon voller Hass und Ungeduld machte er dem Richter heftige gedankliche Vorwürfe, was er hier solle bei so einem schwachen Richter und wie könne ein schwacher und augenscheinlich behinderter Mensch sich zu seinem Richter aufspielen. Wie soll er sich einem so schwachen Menschen anvertrauen, es stand doch sein ganzes ich auf dem Spiel. Er brauchte doch Kraft und Stärke, um zu seiner Erleichterung zu kommen.

Der Richter schien unter jedem Gedanken den er empfing, kleiner zu werden und sich mehr und mehr in sich zu verkriechen. Der Richter zuckte unter jedem Gedanken wie unter einem Schlag zusammen, den Kopf voller Scham gesenkt, fröstelnd vor den kalten Gedanken.

Er bekam Mitleid mit dem Richter, wie hatte er nur seine Toleranz vergessen können. Was war das für ein Ausbruch an Verachtung und Hass gegenüber einem schwächeren? Wie konnte er als Angeklagter den Richter verurteilen, ohne ihn gehört zu haben? Und wieso hielt er den Richter für den Angeklagten, den er aufgrund seiner äußerlichen Schwäche so hart verurteilen konnte.

Wieso sollte ein Richter denn keine Schwäche haben, ein Richter war doch so wie jeder Mensch. Er hatte den Richter gar nicht zu einem Gedanken kommen lassen, so konnte er ihn nicht verstehen. Er hatte dem Richter sofort auf seine Schwäche angesprochen und ihm seine Verachtung gezeigt, was den Richter stumm machte. War es seine eigene Unsicherheit, die ihn dazu trieb den Richter nicht zu Wort kommen zu lassen und ihn in seiner Schwäche alleine dastehen zu lassen?

Der Richter wurde bei den Gedanken immer größer, bis er wieder wie am Anfang aufgerichtet dastand. Sein Körper drückte jetzt Freude und Vertrauen aus. Das Gesicht des Richters hatte Sicherheit, die Augen hatten jetzt einen Ausdruck, aus ihnen sprach Wärme und freundliche Zuwendung. Welch ein schöner Mensch, mit einer solch liebevollen und sanften Ausstrahlung. Von dem ließ er sich gerne helfen, er wusste das von dem Richter Hilfe kommen würde und keine Verurteilung. Das Vertrauen zum Richter war durch seine eigenen Gedanken gewachsen, nicht durch seine intoleranten, verurteilenden Gedanken, sondern durch Toleranz und Vertrauen. Sein Vertrauen in die Schwäche machte den Richter stark und führte ihn zu Freude und Vertrauen, in Wärme und freundliche Zuwendung.

Er war inzwischen ebenfalls angefüllt von diesen Gefühlen und war sehr glücklich, er hätte am liebsten die ganze Welt umarmt und es allen erzählt. Und er verstand die Gedanken des Richters, die im sagten, die vielen hellen Punkte am Himmel seien die Gedanken der Welt, er musste sich nur freundschaftlich öffnen, dann könne er alle verstehen. Er bemerkte das jetzt auch die Wände und der Boden dunkelblau, voller heller Punkte waren. Die Gedanken waren um ihm rum, das nichts der Wände hatte sich in verstehen gewandelt und grenzte ihn nicht mehr ein.

Er verstand wie er die Erleichterung bekommen hatte und wollte dem Richter danken und ging auf ihn zu, dafür musste er von dem Podium heruntersteigen. Auch der Richter kam auf ihn zu, als er ihn umarmen wollte, stieß er gegen den riesigen Spiegel der vor im Stand. Vor ihm stand er selbst, mit einem erstaunten Gesichtsausdruck, aber voller Freude und Zuversicht.

Er wachte auf und stand nackt vor dem großen Badezimmerspiegel. Er sah in sein gelöstes, freundliches Gesicht. Er sah seinen wunderschönen Körper uns versprach ihm, ihn nicht mehr zu vernachlässigen. Er sah den Handstock auf den er sich stützte und dankte ihm für die Hilfe. Er sah seine Krankheit und sagte sich, ich kann auch mit der Multiplen Sklerose leben.

Ein Satz kam ihm ins Bewusstsein: Um tolerant zu sein, musste man sich selbst tolerieren.
 

muskl

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wäre über einen Kommentar dazu Erleichtert...liegt mir halt sehr am Herzen !
Lieben Gruss Michael
 

Andre

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schön, einfach schön! Erkenne Dich selbst und Carpe diem in einem. Lediglich auf die Nennung der Multiplen Sklerose am Schluß hätte ich vielleicht verzichtet. Sie gibt dem ganzen Text, der so schön frei schwebt, einen unnötigen Anker in der menschlichen Realität. Aber das ist nur mein Empfinden.

Weiter so! André
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
ja,

eine schöne geschichte, man spürt von anfang an, es kann nur ein traum sein, aber der schluß ist sehr lebendig. das ganze vielleicht ein wenig zu lang, aber so sind träume ja manchmal. lg
 

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