Erlösung

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Kayl

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Erlösung

„Herr Jesus blutet!“ Der Küster stürzte in die Sakristei. „Der Herr Jesus blutet! Ein Wunder!“ Pfarrer Schneider klappte sein Brevier zu und folgte dem aufgeregt fuchtelnden Küster ernsten und gesetzten Schrittes ins Kirchenschiff der Dorfkapelle. Küster Kunkel hastete voraus, die Stufen zum Altar hoch, sank in die Knie und deutete mit zitterndem Finger auf das Kruzifix.
Pfarrer Schneider sah es selbst im Dämmerlicht. Auf dem Kruzifix über dem Altar waren schon immer Blutspuren aus Dornenkrone über Gesicht und Brust gemalt. Aber jetzt rann zusätzlich etwas Dunkles vom Kopf herab. Und es rann immer noch auf Leib und Lendenschurz. Auch ihn erfasste eine wundersame Beklemmung. Morgen war Karfreitag, der Tag, an dem man der Kreuzigung des Heilands gedenkt.

Eine fremde Kraft zerrte Walter durch den Tag, eine Gewalt, die ihm bewusst war, der er aber keinen eigenen Willen entgegensetzen konnte. Er konnte nicht ausweichen, als würde er durch ein Rohr gepresst. Waren es sein Vater oder der Arzt, die mit ihren Tentakeln nach ihm griffen, ihn nicht mehr losließen und ihn führten? Warum konnte er nicht aus eigenem Entschluss Holz sägen, spalten, Kühe füttern, melken, auf die Weide treiben, Stall ausmisten?
Aysa war Befreiung. Mit ihr war er zur Kirchweih gegangen. Er hatte sich den Stallduft abgewaschen mit dem Wasserschlauch, sich in den Sonntagsanzug gezwängt, das Schwarze unter den Fingernägeln ausgekratzt.
Vor dem Wohnheim trafen sie sich, Aysa in weißer Bluse, blauem Rock und schwarzen Lackschuhen, frisch und sauber. Auf dem Weg zum Festzelt versuchte er, seinen Arm um ihre Schultern zu legen, sie drehte sich heraus und lachte. Ihre Hand durfte er nehmen, auch als sie nebeneinander im Zelt saßen. Ihre Nähe lenkte ihn ab, die pfeilspitzen Blicke der Bauern trafen ihn nicht mehr. Die Musik war laut, ihm war es recht.
Abends kehrten sie heim zum Gehöft. Kaltes Licht einer Neonröhre fiel aus der offenen Stalltür auf den Hof. Die Kühe standen mit starrem Blick, als wären sie nicht hier, dunkelbraune, zerbrochene Kotkrusten auf dem Fell. Das Muhen, als würden sie rufen nach einer anderen Welt.
Sein Vater drängte sich im geflickten Monteuranzug zwischen den Tieren hindurch aus dem Stall, stieg in Stiefeln durch den verstreuten Mist, breitbeinig, dickbäuchig, eine Bierflasche in der Hand. Wortlos wies er mit ihr auf Aysa und dann zur Hofausfahrt.
Walter ging ins Haus. In seiner Kammer im Schrank unter der Schublade wusste er das Foto von Aysa. Ging er schlafen, zog er es immer heraus und nahm es mit ins Bett. Dann dachte er an sie und fühlte seine Erregung. Aber die Angst! Das Fenster war voll grauem Staub. Trotzdem könnte jemand hereinsehen, durch die Bretterritzen und das Schlüsselloch, oder gar hereinkommen. Ja, sie kamen herein. Wenn er schlief, kamen die Fratzen mit hoch erhobenen Stühlen auf ihn zu und ließen ihn schweißnass aufschrecken.
Wenn er aber morgens die Schweine auf den Hof trieb, hörte er gern die Glocken. Ihr Klang hatte etwas Erlösendes, weil er ihn an sein Versteck erinnerte, den heimeligen Ort im Kirchturm.
Vielleicht hatte er Glück und würde heute zur Kapelle nicht verfolgt. Walter sah sich unauffällig um. Niemand hinter ihm. Aber hinter jeder Gardine, jeder Häuserecke wurde er beobachtet. Er fühlte es. Ihm wurde aufgelauert. Hinter allen Türen sein Vater, der mit einem Stuhl auf ihn eindrosch, sein wutverzerrtes Gesicht mit blauer Gurkennase im Bierdunst. Walter hatte sein Brüllen im Ohr: „Türkenpack, Türkenpack!“ Der Stuhl war auf Walters Schädel zerbrochen.
Er ging durchs Dorf, leise und verstohlen. Keine Verfolgung auslösen! Es war ruhig an diesem Gründonnerstag, verdächtig ruhig. Er ging wie eine Marionette, an Fäden gesteuert von einem Wesen, das im Dunkeln blieb, vorbei an den Gehöften. Jedes Tor ein Schlund ins Verderben, jedes Fenster ein Auge des Bösen.
Er war sich nie sicher, wusste nur einen Ort, an dem er nicht verfolgt wurde, den Glockenturm über der Kapelle. Hier konnte er eins werden mit der Düsternis, dem alten, staubigen Gebälk, dem vertrauten toten Holz.
Über eine brüchige Leiter stieg er an den Glocken vorbei bis zur Luke, konnte weit hinunter sehen auf die Dächer des Dorfs, die Häuschen mit winzigen Fenstern. Die Dämonen waren weit weg. In seinem Versteck würde ihn niemand entdecken, angreifen, schlagen. Der Pfarrer hatte ihn ausgewählt, das Schlagwerk der Turmuhr und die Elektromotoren mit dem Kettenantrieb der Glocken zu schmieren und ihm einen Schlüssel zur Sakristei gegeben. Seitdem war hier sein liebster Ort. Diese starken Balken schützten ihn, sie hörten ihn, wenn er die Briefe an Aysa las. Die Balken antworteten nicht, sie waren da.
Er zündete die Kerze an. Das sprühende Aufflammen des Zündholzes gefiel ihm. Der Blick in die Flamme ließ ihn vieles vergessen. Sie würde sterben, wenn das Wachs verbraucht war. Eine tröstende Vorstellung.
Er nahm die Blechdose aus der Balkennische, öffnete sie, nahm Zettel, Briefe, die er nie weggeschickt und ihr auch nicht gebracht hatte, weil er in der Rechtschreibung nicht sicher war. „Liebste Aysa, ich denke oft an dich. Ich kann nicht anders. Ich muss an dich denken, sonst holen mich die Geister.“ Er nahm einen Brief nach dem anderen, las leise und stockend im Halbdunkel des Turms. „Mein Liebes, ich würde so gern zu dir ins Heim kommen.“ „Aysa, ich rieche so gern deine schwarzen Haare, streichle so gern deine Ohren.“
Das Lesen nahm etwas von seiner Angst. Seine Stimme war wie ein schwacher Anker in böse tosender See.
Als er die Briefe zurücklegte, fiel sein Blick auf die kleine Pappschachtel. Immer schon wollte er herausfinden, wozu diese Tabletten gut waren. Aber niemand hatte es ihm verraten. Lithium war darin, so war es aufgedruckt. Was ist Lithium? Ein Betäubungsmittel? Man wollte ihn betäuben, das wusste er, seit der Arzt ihn mit bohrendem Blick untersucht hatte. Er sollte betäubt werden, dass er sich nicht wehren könnte, wenn alle über ihn herfielen. Deshalb nahm er diese Tabletten schon lange nicht mehr.
Sie steckten alle unter einer Decke, sein Vater, die Nachbarn, der Arzt, die Schwester. Aysa hatten sie ihm weggenommen. Ihr Lachen hörte jetzt ein anderer in einer fernen Stadt, die er nur vom Hörensagen kannte.
In den vergangenen Tagen hatte er weit unter sich die Gläubigen singen gehört zum Klagen des Harmoniums. „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn.“ Das Lied hörte er gern, weil es ihn versinken ließ in das Leid des Gottessohns. Warum nicht ihm folgen? Flüchten in den befreienden Tod.
Keine hässlichen Verfolger mehr! Nein, nein! Frei, nichts als frei. Die Glocken, die heute zum letzten Mal läuten würden und dann nach Rom aufbrachen, würden seine Seele mit auf die Reise nehmen, zum Vatikan, zum Papst. Dessen war er sicher.
Er sah seinen Ausweg: sein Ende. Das Ende der Verfolgung, Beobachtung, des Zwangs, des Müssens. Er lachte. Endlich wäre er erlöst. Der Vater hatte ihn geschlagen und die Nachbarn hatten weggesehen, wenn er so lachte.
Er nahm eine der Glockenleinen vom braunrostigen Haken. Sie hing schon lange an der Turmwand. Bis heute war sie nicht mehr gebraucht worden. Sie hatte auf ihn gewartet, auf ihren Einsatz, deshalb hing sie da. Er knotete das Seilende an die Sprosse der Leiter, das andere Ende schlang er um seinen Hals.
Er sprang in die Freiheit, in die Erlösung. Ein Ruck am Hals, ein Krachen und Splittern, die Sprosse brach aus der Leiter, wirbelte durch die Luft. Einen Wimpernschlag schwerelos, das Paradies? Aysa winkte ihm zu.
Mit dumpfem Klang schlug sein Kopf an die Glocke. Benommen fiel er in den Kettentrieb.

Küster Kunkel kniete auf den Stufen, starrte mit gefalteten Händen murmelnd auf das Kruzifix. „Vater unser …“, „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade …“
Hinter ihm stemmte Pfarrer Schneider die Fäuste in die Seiten und schüttelte den Kopf. „Ich hole die Stehleiter, will doch mal sehen, was sich hinter diesem Wunder verbirgt!“
Küster Kunkel bekreuzigte sich erschreckt, als der Herr Pfarrer die Leiter vor dem Allerheiligsten aufstellte, seine Soutane raffte und beherzt zum Heiland aufstieg. Ein Sakrileg! Nun tupfte er dem Gekreuzigten gar das wundersame Blut von der Wange. Frisch und rot. Kein Öl vom Uhrwerk oder vom Kettentrieb der Glocken! Woher kam es? Pfarrer Schneider sah zur Decke, den Dielen über dem Altar.
Vor einigen Minuten, bevor es geklingelt hatte und der Küster zur Sakristei hereingekommen war, hatte er das Messbuch hineingetragen. Da war dieser eine dumpfe Klang gewesen, das Knacken vor dem ersten Glockenschlag.
Er stieg von der Leiter und tippte seinem Küster auf die Schulter. „Kommen Sie, ich erkläre es Ihnen später.“
 

rotkehlchen

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Antwort

Hallo Kayl,

was hältst du davon, den Abschnitt "Eine fremde Kraft - Kettentrieb" ins Präsens zu setzen? Wenn ich das richtig gelesen habe, erinnert er sich doch, oder es ist ein Tagtraum, und soetwas spielt sich doch in der Gegenwart ab. Außerdem würde der Absatz mehr Spannkraft erhalten.
Bei wikipedia lese ich, dass L. in Psychopharmaka oder dergl. verwendet wird. Von Betäubungsmittel steht da nichts.

Gruß,
rotkehlchen
 

Kayl

Mitglied
Hallo Rotkehlchen,
eine gute Idee, diesen Abschnitt ins Präsens zu setzen. Ich werde gleich eine Korrektur versuchen (im leselupen-System bin noch nicht so geübt). Zum Lithium: Richtig, es wird med. u.a. bei Manien eingesetzt, bei Walter ist es Verfolgungswahn, was aber nicht ausschließt, dass er glaubt, damit betäubt zu werden.
Gruß - Kayl
 

Kayl

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Erlösung

„Herr Jesus blutet!“ Der Küster stürzte in die Sakristei. „Der Herr Jesus blutet! Ein Wunder!“ Pfarrer Schneider klappte sein Brevier zu und folgte dem aufgeregt fuchtelnden Küster ernsten und gesetzten Schrittes ins Kirchenschiff der Dorfkapelle. Küster Kunkel hastete voraus, die Stufen zum Altar hoch, sank in die Knie und deutete mit zitterndem Finger auf das Kruzifix.
Pfarrer Schneider sah es selbst im Dämmerlicht. Auf dem Kruzifix über dem Altar waren schon immer Blutspuren aus Dornenkrone über Gesicht und Brust gemalt. Aber jetzt rann zusätzlich etwas Dunkles vom Kopf herab. Und es rann immer noch auf Leib und Lendenschurz. Auch ihn erfasste eine wundersame Beklemmung. Morgen war Karfreitag, der Tag, an dem man der Kreuzigung des Heilands gedenkt.

Eine fremde Kraft zerrt Walter durch den Tag, eine Gewalt, die ihm bewusst ist, der er aber keinen eigenen Willen entgegensetzen kann. Er kann nicht ausweichen, als würde er durch ein Rohr gepresst. Sind es sein Vater oder der Arzt, die mit ihren Tentakeln nach ihm greifen, ihn nicht mehr loslassen und ihn führen? Warum kann er nicht aus eigenem Entschluss Holz sägen, spalten, Kühe füttern, melken, auf die Weide treiben, Stall ausmisten?
Aysa ist Befreiung. Mit ihr war er zur Kirchweih gegangen. Er hatte sich den Stallduft abgewaschen mit dem Wasserschlauch, sich in den Sonntagsanzug gezwängt, das Schwarze unter den Fingernägeln ausgekratzt.
Vor dem Wohnheim trafen sie sich, Aysa in weißer Bluse, blauem Rock und schwarzen Lackschuhen, frisch und sauber. Auf dem Weg zum Festzelt versuchte er, seinen Arm um ihre Schultern zu legen, sie drehte sich heraus und lachte. Ihre Hand durfte er nehmen, auch als sie nebeneinander im Zelt saßen. Ihre Nähe lenkte ihn ab, die pfeilspitzen Blicke der Bauern trafen ihn nicht mehr. Die Musik war laut, ihm war es recht.
Abends kehrten sie heim zum Gehöft. Kaltes Licht einer Neonröhre fiel aus der offenen Stalltür auf den Hof. Die Kühe standen mit starrem Blick, als wären sie nicht hier, dunkelbraune, zerbrochene Kotkrusten auf dem Fell. Das Muhen, als würden sie rufen nach einer anderen Welt.
Sein Vater drängte sich im geflickten Monteuranzug zwischen den Tieren hindurch aus dem Stall, stieg in Stiefeln durch den verstreuten Mist, breitbeinig, dickbäuchig, eine Bierflasche in der Hand. Wortlos wies er mit ihr auf Aysa und dann zur Hofausfahrt.
Walter ging ins Haus. In seiner Kammer im Schrank unter der Schublade wusste er das Foto von Aysa. Ging er schlafen, zog er es immer heraus und nahm es mit ins Bett. Dann dachte er an sie und fühlte seine Erregung. Aber die Angst! Das Fenster war voll grauem Staub. Trotzdem könnte jemand hereinsehen, durch die Bretterritzen und das Schlüsselloch, oder gar hereinkommen. Ja, sie kamen herein. Wenn er schlief, kamen die Fratzen mit hoch erhobenen Stühlen auf ihn zu und ließen ihn schweißnass aufschrecken.
Wenn er aber morgens die Schweine auf den Hof treibt, hört er gern die Glocken. Ihr Klang hat etwas Erlösendes, weil er ihn an sein Versteck erinnert, den heimeligen Ort im Kirchturm.
Vielleicht hat er Glück und würde heute zur Kapelle nicht verfolgt. Walter sieht sich unauffällig um. Niemand hinter ihm. Aber hinter jeder Gardine, jeder Häuserecke wird er beobachtet. Er fühlt es. Ihm wird aufgelauert. Hinter allen Türen sein Vater, der mit einem Stuhl auf ihn eindrischt, sein wutverzerrtes Gesicht mit blauer Gurkennase im Bierdunst. Walter hat sein Brüllen im Ohr: „Türkenpack, Türkenpack!“ Der Stuhl war auf Walters Schädel zerbrochen.
Er geht durchs Dorf, leise und verstohlen. Keine Verfolgung auslösen! Es ist ruhig an diesem Gründonnerstag, verdächtig ruhig. Er geht wie eine Marionette, an Fäden gesteuert von einem Wesen, das im Dunkeln bleibt, vorbei an den Gehöften. Jedes Tor ein Schlund ins Verderben, jedes Fenster ein Auge des Bösen.
Er ist sich nie sicher, weiß nur einen Ort, an dem er nicht verfolgt wird, den Glockenturm über der Kapelle. Hier kann er eins werden mit der Düsternis, dem alten, staubigen Gebälk, dem vertrauten toten Holz.
Über eine brüchige Leiter steigt er an den Glocken vorbei bis zur Luke, kann weit hinunter sehen auf die Dächer des Dorfs, die Häuschen mit winzigen Fenstern. Die Dämonen sind weit weg. In seinem Versteck würde ihn niemand entdecken, angreifen, schlagen. Der Pfarrer hat ihn ausgewählt, das Schlagwerk der Turmuhr und die Elektromotoren mit dem Kettenantrieb der Glocken zu schmieren und ihm einen Schlüssel zur Sakristei gegeben. Seitdem war hier sein liebster Ort. Diese starken Balken schützen ihn, sie hören ihn, wenn er die Briefe an Aysa liest. Die Balken antworten nicht, sie sind da.
Er zündet die Kerze an. Das sprühende Aufflammen des Zündholzes gefällt ihm. Der Blick in die Flamme lässt ihn vieles vergessen. Sie würde sterben, wenn das Wachs verbraucht war. Eine tröstende Vorstellung.
Er nimmt die Blechdose aus der Balkennische, öffnet sie, nimmt Zettel, Briefe, die er nie weggeschickt und ihr auch nicht gebracht hatte, weil er in der Rechtschreibung nicht sicher ist. „Liebste Aysa, ich denke oft an dich. Ich kann nicht anders. Ich muss an dich denken, sonst holen mich die Geister.“ Er nimmt einen Brief nach dem anderen, liest leise und stockend im Halbdunkel des Turms. „Mein Liebes, ich würde so gern zu dir ins Heim kommen.“ „Aysa, ich rieche so gern deine schwarzen Haare, streichle so gern deine Ohren.“
Das Lesen nimmt etwas von seiner Angst. Seine Stimme ist wie ein schwacher Anker in böse tosender See.
Als er die Briefe zurücklegt, fällt sein Blick auf die kleine Pappschachtel. Immer schon wollte er herausfinden, wozu diese Tabletten gut waren. Aber niemand hatte es ihm verraten. Lithium ist darin, so ist es aufgedruckt. Was ist Lithium? Ein Betäubungsmittel? Man will ihn betäuben, das weiß er, seit der Arzt ihn mit bohrendem Blick untersucht hatte. Er soll betäubt werden, dass er sich nicht wehren könnte, wenn alle über ihn herfallen. Deshalb nimmt er diese Tabletten schon lange nicht mehr.
Sie stecken alle unter einer Decke, sein Vater, die Nachbarn, der Arzt, die Schwester. Aysa hatten sie ihm weggenommen. Ihr Lachen hörte jetzt ein anderer in einer fernen Stadt, die er nur vom Hörensagen kennt.
In den vergangenen Tagen hatte er weit unter sich die Gläubigen singen gehört zum Klagen des Harmoniums. „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn.“ Das Lied hörte er gern, weil es ihn versinken ließ in das Leid des Gottessohns. Warum nicht ihm folgen? Flüchten in den befreienden Tod.
Keine hässlichen Verfolger mehr! Nein, nein! Frei, nichts als frei. Die Glocken, die heute zum letzten Mal läuten werden und dann nach Rom aufbrechen, würden seine Seele mit auf die Reise nehmen, zum Vatikan, zum Papst. Dessen ist er sicher.
Er sieht seinen Ausweg: sein Ende. Das Ende der Verfolgung, Beobachtung, des Zwangs, des Müssens. Er lacht. Endlich wäre er erlöst. Der Vater hatte ihn geschlagen und die Nachbarn hatten weggesehen, wenn er so lachte.
Er nimmt eine der Glockenleinen vom braunrostigen Haken. Sie hing schon lange an der Turmwand. Bis heute war sie nicht mehr gebraucht worden. Sie hat auf ihn gewartet, auf ihren Einsatz, deshalb hängt sie da. Er knotet das Seilende an die Sprosse der Leiter, das andere Ende schlingt er um seinen Hals.
Er springt in die Freiheit, in die Erlösung. Ein Ruck am Hals, ein Krachen und Splittern, die Sprosse bricht aus der Leiter, wirbelt durch die Luft. Einen Wimpernschlag schwerelos, das Paradies? Aysa winkt ihm zu.
Mit dumpfem Klang schlägt sein Kopf an die Glocke. Benommen fällt er in den Kettentrieb.

Küster Kunkel kniete auf den Stufen, starrte mit gefalteten Händen murmelnd auf das Kruzifix. „Vater unser …“, „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade …“
Hinter ihm stemmte Pfarrer Schneider die Fäuste in die Seiten und schüttelte den Kopf. „Ich hole die Stehleiter, will doch mal sehen, was sich hinter diesem Wunder verbirgt!“
Küster Kunkel bekreuzigte sich erschreckt, als der Herr Pfarrer die Leiter vor dem Allerheiligsten aufstellte, seine Soutane raffte und beherzt zum Heiland aufstieg. Ein Sakrileg! Nun tupfte er dem Gekreuzigten gar das wundersame Blut von der Wange. Frisch und rot. Kein Öl vom Uhrwerk oder vom Kettentrieb der Glocken! Woher kam es? Pfarrer Schneider sah zur Decke, den Dielen über dem Altar.
Vor einigen Minuten, bevor es geklingelt hatte und der Küster zur Sakristei hereingekommen war, hatte er das Messbuch hineingetragen. Da war dieser eine dumpfe Klang gewesen, das Knacken vor dem ersten Glockenschlag.
Er stieg von der Leiter und tippte seinem Küster auf die Schulter. „Kommen Sie, ich erkläre es Ihnen später.“
 

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