Erwachen Sie, bevor es zu spät ist

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Sehr geehrter Herr

Ich schreibe Ihnen, obwohl ich weiss, dass Sie dieser Brief nicht erreichen wird.

Mein Name ist Adolf Dreyfus, ich bin 57 Jahre alt und lebte in Berlin. Meine Frau, Elsa, verliess mich vor sechs Jahren. Meine Kinder, Ferdinand und Jules starben im vergangenen Sommer. Heute bin ich allein. Und Sie sind die bestimmende Person in den letzten Tagen meines Lebens. Ich verfolge Ihr Tun seit vielen Jahren. Ich beginne darunter zu leiden, dass ich nichts getan habe, solange ich es gekonnt hätte. Ungeachtet dessen, halte ich sie noch heute für einen visionären Menschen, einen intelligenten, sensiblen Mann und ich frage mich, wie wenig notwendig gewesen wäre, um Sie zu einem wahren Heilsbringer unseres Volkes werden zu lassen.
Oft erkannte ich meine sehnlichsten Wünsche als mutmassliche Gründe Ihres Handelns. Ich bewunderte die Früchte Ihrer Arbeit, schmerzlich wissend, welches Klima sie zum Vorschein brachte. Ich war gelähmt vor heimlichem Staunen, trunken von Hoffnungen und Wünschen, die sich letztendlich als meine ureigenen und niemals die Ihren entpuppten.

Heute sehe ich klar; sehe klar mein Ende. Es ist, wie ein geboren werden in den stillen Augenblick des Todes. Die vergangenen Jahre waren Jahre des Rausches. Ich fühlte Angst und Bewunderung, Hass und Hassliebe und musste schweigen, mein Denken und Fühlen all die Zeit für mich behalten; die Nachbarn, die Freunde, sie alle hätte es nicht verstanden.
Ich will es noch heute verstehen um nicht den Schmerz fühlen zu müssen, Jahre meines Lebens einem Irrbild gefolgt zu sein. Doch das Verstehen fällt schwerer und schwerer, gelingt oft nicht mehr. Und je häufiger dies geschieht, desto schwächer werden die Erinnerungen an das, was war und desto weniger wird meine Angst zu sterben.

Ihnen wird es ebenso ergehen.

Sie sind ein mächtiger Mann. Man achtet Sie und man fürchtet Sie. Doch Sie tun Unrecht.
Ich bete, dass ich Ihnen im Augenblick meines Todes vergeben kann. Ich bete, dass Sie eher aus dem Rausch erwachen, als ich es tat. Und ich bete, dass ich der Letzte bin, der stirbt.


Adolf Dreyfus
 

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