Erwin und das Stinkekraut

Greenypsi

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Erwin sitzt in seinem Garten und schaut sich um. In der Mitte steht ein mächtiger Baum mit vielen Ästen und Blättern. Etliche Vögel haben dort ihr Nest gebaut, Spatzen, Meisen, Goldammern, Amseln. An den Wurzeln des Baums vorbei rascheln Mäuse durch das Laub. Echsen machen es sich auf der Steinmauer in der Sonne gemütlich. Abends flattern Fledermäuse umher und eine Eule geht auf die Jagd. Überall stehen wilde Blumen und Kräuter, drum herum schwirren Bienen, Wespen, Fliegen, Käfer, sogar eine Libelle hatte Erwin schon gesehen.

Doch dann steigt ihm etwas in die Nase. „Ihhh, Stinkekraut“, ruft Erwin und zieht an einer kleinen Pflanze mit weißen Blüten. Die Pflanze strömt einen ganz speziellen Duft aus, der Bienen gefällt, den meisten Menschen jedoch nicht. „Ich will kein Stinkekraut in meinem Garten“, sagt er trotzig und reißt es raus. Doch daneben steht noch ein Stinkekraut, und auf der anderen Seite auch. Und direkt am Baum wachsen sie auch, und an der Steinmauer. Erwin reißt noch ein Stinkekraut aus, dann noch eins, dann noch eins. Den ganzen Tag ist er beschäftigt. Am Ende liegt ein riesiger Haufen Stinkekraut in der Ecke. Er bringt die Pflanzen in die Biotonne und blickt sich erneut im Garten um. Keines ist übrig. Er schnüffelt. Der fiese Geruch ist weg, nun riecht er nur noch das frische Gras. Er ist glücklich. Es ist viel schöner ohne das blöde Stinkekraut.

Am nächsten Tag bemerkt Erwin, dass etwas anders ist. Irgendwie stiller. Es summt und surrt nicht mehr so laut wie sonst. Und jetzt, wo er darauf achtet, sieht er keine Käfer mehr, keine Fliegen, keine Bienen. Die hatten sich häufig dort aufgehalten, wo das Stinkekraut stand. Jetzt suchen sie woanders nach Kräutern. Schade, denkt Erwin, aber es geht auch ohne Käfer, Fliegen und Bienen. Ehrlich gesagt waren die manchmal ganz schön nervig, wenn sie in der Limo oder auf dem Kuchen landeten. Daher, auch gut.

Am nächsten Morgen ist es noch ein bisschen stiller geworden. Erwin kann gar nicht richtig ausmachen, was es ist. Doch irgendwann fällt es ihm ein: Das leise Tapsen der Echsenfüße auf der Mauer und das Schnalzen ihrer Zungen, es ist nicht mehr da. Er schaut sich um. Am Baumstamm: keine Echse. Auf der Steinmauer: keine Echse. Am kleinen Teich: keine Echse. Wo waren sie nur? Und dann erinnert sich Erwin, dass sie ja immer nach den Fliegen schnappten. Wenn jetzt keine Fliegen mehr da sind, dann suchen die Echsen wahrscheinlich woanders nach Nahrung. Ist ganz gut so, denkt Erwin. Die Echsen waren ihm ohnehin etwas unheimlich. Mit ihren großen Glubschaugen, die sie so weit verdrehten, in alle möglichen Richtungen. Sie sahen immer etwas genervt aus. Wie genervte Dinosaurier. Darauf kann er gut verzichten.

Am nächsten Tag ist es wieder etwas stiller geworden. Was fehlt denn nun? Erwin schaut sich um, aber ihm fällt zunächst nichts auf. Dann bleibt sein Blick am Baumstamm haften. Dort unten liegen ein paar vertrocknete Blätter, aber sie sind still. Normalerweise rascheln sie hin und wieder. Die Mäuse sind weg! Die kleinen Mäuse, die immer um den Baumstamm huschten, sind nicht mehr da. Erwin geht um den Baum herum zum Mäuseloch, doch auch das ist leer. Wo sind die nur? Dann fällt Erwin ein, was Mäuse fressen: Käfer. Und auch, wo die Käfer sich immer tummelten: An den Stängeln des Stinkekrauts. Ach, naja. Die Mäuse waren ihm sowieso nicht ganz geheuer, wie die da so rumschlichen. Und das eine Mal, als Erwin mit einem Buch im Gras lag, hatte sich eine Maus in seinen langen Locken verfangen. Er hatte sich noch nie so erschrocken. Ist vielleicht ganz gut, dass sie jetzt weg sind, nun kann er in Ruhe lesen.

Am nächsten Tag bemerkt Erwin sofort, was fehlt: das „Wiep, wiep, wiep“. Er schaut sich um. Die Vogelnester im Baum sind leer, es schwirren keine Spatzen mehr herum, keine Amseln, gar keine kleinen Vögel. Der Garten war immer erfüllt von ihrem Gesang, nun ist nichts mehr davon zu hören. Er schaut zur Mauer, zu den Sträuchern, in den Himmel. Keine Vögel zu sehen. Wo sind die denn alle? Vögel fressen Fliegen und Käfer. Vielleicht gibt es nicht mehr genug zu essen für sie. Nun „wiepten“ sie woanders. Hm, schade, denkt Erwin. Andererseits ist er schon oft sehr früh aufgewacht, weil die Vögel so laut gesungen haben. Nun kann er endlich schlafen, solange er möchte.

Am Abend sitzt Erwin noch lange in seinem Garten und denkt nach. Als es anfängt zu dämmern, fällt ihm auf, dass auch keine Fledermäuse mehr umherflattern. Klar, die Fledermäuse fressen auch Fliegen und Käfer. Hm, schade, den Fledermäusen hatte Erwin gerne zugesehen. In Gedanken lässt er seinen Blick durch den Garten schweifen und bleibt am Baumloch hängen. Die Eule. Auch die Eule ist weg. Normalerweise ging sie zu dieser Zeit auf die Jagd, Erwin konnte sonst die Umrisse der Eule gerade noch erkennen. Und ihre Rufe hören: „Huh, huh“. Und das flattern der Flügel, und das Rauschen des Sturzfluges, wenn sie etwas auf dem Boden erspäht hatte. Und jetzt – nichts mehr. Die Eule war weg. Oh nein, denkt Erwin, die Eule mochte er doch so gern. Aber Eulen essen Mäuse, und Fledermäuse, und kleine Vögel. Sein Garten kann nichts mehr davon bieten. So geht sie nun woanders jagen.

Am Morgen fällt Erwin auf, wie still es geworden war. Kein surren, kein summen, kein rascheln, kein tapsen, kein schnalzen, kein flattern, kein Wiep, kein Huh. Nur noch der Wind ist zu hören, der die Blätter des Baums hin und her wiegt. Der Baum ist voller grüner Blätter, und trotzdem sieht er irgendwie kahl aus. Erwin bemerkt zum ersten Mal das Rauschen der Schnellstraße, die ein paarhundert Meter entfernt verläuft. Noch nie war ihm aufgefallen, dass die Sonne so grell scheint und die Luft so staubig ist. Er hat keine Lust mehr, im Garten zu sein, und geht hinein. Nun bleibt er im Haus und spielt dort.

Ein paar Tage später bittet seine Mutter Erwin, die Wäsche im Garten aufzuhängen. Als er hinaustritt, wird er von der Sonne geblendet. Dann schaut er sich um – immer noch keine Tiere. Doch er sieht etwas kleines grünes mit weißen Blüten an der Mauer: ein Stinkekraut! Er lässt den Wäschekorb auf den Boden fallen und rennt hinüber. Ja, es ist eins. Wie sehr er diese stinkende Pflanze vermisst hat. Erwin setzt sich neben das Kraut und streichelt es mit den Fingerspitzen: „Dich reiße ich nie wieder raus.“ In den folgenden Tagen kommen immer mehr Stinkekräuter hinzu, und mit ihnen die Käfer, Fliegen, Bienen, Echsen, Vögel, Mäuse, Fledermäuse. Sogar die Eule kommt zurück. Ein paar Wochen später ist alles wie vorher, doch Erwin hatte etwas wichtiges gelernt: Stinken ist was Gutes!
 

VeraL

Mitglied
Hallo Greenypsi,
mir gefällt deine Geschichte. Ich finde es super, wie du die aktuelle Umweltthematik, lebensnah und leicht verständlich für Kinder verpackst.
Am Schluss hätte ich mir nur gewünscht, dass das Stinkekraut nciht einfach so wieder auftaucht. Erwin hätte auch aktiv etwas tun können, damit das Leben in den Garten zurückkommt. Vielleicht Samen aussäen oder so.
Viele Grüße
Vera
 


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