Ich bekam wieder eine Fünf. Vielleicht war es sogar eine Sechs. Es war Mathematik. Wir saßen am Küchentisch, mittags, es gab Erbsensuppe. Ich legte das Heft auf den Tisch. Viereinhalb Punkte bis zur Vier. Die Stimmung war angespannt. Mein Vater sagte, es müsse besser werden, aber es gab kein „besser“ mehr. Das war die letzte Arbeit in diesem Jahr. Ich musste in die Nachprüfung. Schon wieder. Genau wie zwei Jahre zuvor. Damals war es katastrophal ausgegangen.
Ich hatte den gesamten Sommer gelernt, während andere Kinder sechs Wochen im Urlaub waren und sorglos ihre Zeit verbrachten. Bei mir gab es nichts davon. Und nun stand ich erneut an derselben Stelle. Ich fragte mich, ob das alles selbst verschuldet war. Ob ich wirklich für alles allein verantwortlich war. Ich war fünfzehn. Mit fünfzehn keine Ferien zu haben bedeutet, die Sonne nicht genießen zu können und abends nicht länger draußen bleiben zu dürfen. Stattdessen musste ich Inhalte auswendig lernen, von denen ich sicher war, dass ich sie nie brauchen würde.
Ich nahm mir vor, in den ersten beiden der insgesamt sechs Wochen nicht zu lernen. Ich hatte mir, so glaubte ich, eine Pause verdient. Als der Anruf mit der offiziellen Bestätigung der Nachprüfung kam, lag ich im Garten auf der Liege. Es war schwül, für Juni viel zu schwül. Über mir flogen Gänse. Mein Vater nahm das Gespräch entgegen. Ich hörte seine Stimme, und die Stimme der Lehrerin war laut genug, damit ich jedes Wort auffangen konnte: pädagogische Entscheidung, nachvollziehbar, Klassenziel nicht erreicht, die Anforderungen seien gestiegen, ich sei so nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Danach folgten noch Bemerkungen über ehrgeizige und intelligente Auszubildende – Eigenschaften, die man bei mir offenbar nicht erkannte.
Ich lag da und fühlte mich betäubt; so, wie man sich fühlt, wenn man schlechte Nachrichten bekommt und das Gehirn in eine Art Schutzmodus schaltet. Der Himmel schien plötzlich leer: keine Wolken, keine Gänse, nur Hitze. Ein Sommer ohne Ferien. Das war die Realität.
Am nächsten Tag fuhren wir zur Berufsberatung. Ein Backsteingebäude, ein großer steinerner Hof, keine Pflanzen. Ich ging allein hinein. Ich zog eine Nummer: 00045. Im Wartebereich saßen Menschen, die wie aus einem anderen Film wirkten. Einer spielte Mundharmonika. Ein Kleinkind rutschte auf dem Boden herum. Eine ältere Frau aß ein Stück Butter, einfach so, ohne Brot.
Der Berater war etwa fünfzig, übergewichtig, mit Brille und einem verschwitzten Gesicht. Er sah sich meine Zeugnisse an und meinte, er erkenne ein klares Muster. Ich antwortete lediglich: „Aha.“ Er erklärte, für seinen Beruf reiche es bei mir nicht; dafür brauche man Zweien. Vielleicht müsse ich die neunte Klasse wiederholen. Eine Fünf in Mathematik, eine Fünf in Englisch. „Sowas sehe ich jeden Tag“, sagte er. „Dieselben Trantüten, die nie etwas dafür können wollen. Ich habe mich hingesetzt und gelernt – und sehen Sie, wo ich heute bin. Ganz oben.“ Er sagte das wirklich: „Ganz oben.“
Dann klickte er in seinem Computer herum. „Sie können eine Ausbildung zum Bürsten- und Pinselmacher machen. Oder über eine Leiharbeitsfirma irgendwo den Hof fegen. Mehr kann ich Ihnen nicht anbieten.“
Er blätterte durch meine Bewerbungsunterlagen und wies auf vermeintliche Fehler hin: Rechtschreibung, fehlende Punkte, Kommas. „Jeder Personaler wirft so etwas sofort weg. Heute wird sehr genau selektiert. Kein Wunder, dass wir acht Million arbeitslose Jugendliche haben.“ Ich nickte nur und ging nach draußen. Die Sonne brannte.
Die folgenden zwei Wochen verbrachte ich mit dem Gefühl eines unsichtbaren Damoklesschwerts über mir (damals kannte ich den Begriff noch nicht). Ich lag viel im Bett oder auf der Liege im Garten. Rückblickend war es vermutlich ein frühes Anzeichen einer Depression. Vielleicht hatten die Worte dieses „Berufsberaters“ mehr bewirkt, als ich zugeben wollte.
Ich erhielt weitere E-Mails mit Berufsvorschlägen. Einer war besonders absurd: eine Ausbildung zum Gerüstbauer in Halle an der Saale. Wobei „Ausbildung“ übertrieben war. Zunächst sollte ich den Vorbereitungskurs Gerüstbau I absolvieren, danach – bei guten Noten – das Vorbereitungsjahr II, mit der Aussicht auf einen möglichen Lehrstellenstart im September. Ich löschte diese Mails sofort, aber nie endgültig. Etwas hielt mich zurück. Hatte dieser schwitzige, miefige Berater recht? Hatte ich tatsächlich nicht das Zeug für eine reguläre Ausbildungsstelle? Sollte ich mir seinen Lebenslauf als Vorbild nehmen?
Schließlich begann ich zu lernen. Ich verstand nichts. Die Zahlen verschwammen vor meinen Augen. Ich rechnete irgendetwas aus, verglich die Ergebnisse, und jedes Mal war alles falsch. Ich zeichnete Graphen und Diagramme, doch auch die ergaben keinen Sinn. Nichts passte, alles war falsch.
Eine merkwürdige Müdigkeit überkam mich ständig. Ich dachte über alles nach. Ich spann mir absurde Szenarien zusammen. Es war mir unverständlich, dass andere, die offensichtlich schlechter waren als ich, so problemlos durch die Klausuren kamen. Fast jedes Schuljahr bedeutete für mich die Gefahr, sitzenzubleiben. Ich war dauerhaft im Abstiegskampf – wie ein Sportverein, der Jahr für Jahr gegen den Abstieg spielt und niemals, wirklich niemals, den entscheidenden Hebel findet.
Draußen ging der Sommer unbeirrt weiter.
Ich hatte den gesamten Sommer gelernt, während andere Kinder sechs Wochen im Urlaub waren und sorglos ihre Zeit verbrachten. Bei mir gab es nichts davon. Und nun stand ich erneut an derselben Stelle. Ich fragte mich, ob das alles selbst verschuldet war. Ob ich wirklich für alles allein verantwortlich war. Ich war fünfzehn. Mit fünfzehn keine Ferien zu haben bedeutet, die Sonne nicht genießen zu können und abends nicht länger draußen bleiben zu dürfen. Stattdessen musste ich Inhalte auswendig lernen, von denen ich sicher war, dass ich sie nie brauchen würde.
Ich nahm mir vor, in den ersten beiden der insgesamt sechs Wochen nicht zu lernen. Ich hatte mir, so glaubte ich, eine Pause verdient. Als der Anruf mit der offiziellen Bestätigung der Nachprüfung kam, lag ich im Garten auf der Liege. Es war schwül, für Juni viel zu schwül. Über mir flogen Gänse. Mein Vater nahm das Gespräch entgegen. Ich hörte seine Stimme, und die Stimme der Lehrerin war laut genug, damit ich jedes Wort auffangen konnte: pädagogische Entscheidung, nachvollziehbar, Klassenziel nicht erreicht, die Anforderungen seien gestiegen, ich sei so nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Danach folgten noch Bemerkungen über ehrgeizige und intelligente Auszubildende – Eigenschaften, die man bei mir offenbar nicht erkannte.
Ich lag da und fühlte mich betäubt; so, wie man sich fühlt, wenn man schlechte Nachrichten bekommt und das Gehirn in eine Art Schutzmodus schaltet. Der Himmel schien plötzlich leer: keine Wolken, keine Gänse, nur Hitze. Ein Sommer ohne Ferien. Das war die Realität.
Am nächsten Tag fuhren wir zur Berufsberatung. Ein Backsteingebäude, ein großer steinerner Hof, keine Pflanzen. Ich ging allein hinein. Ich zog eine Nummer: 00045. Im Wartebereich saßen Menschen, die wie aus einem anderen Film wirkten. Einer spielte Mundharmonika. Ein Kleinkind rutschte auf dem Boden herum. Eine ältere Frau aß ein Stück Butter, einfach so, ohne Brot.
Der Berater war etwa fünfzig, übergewichtig, mit Brille und einem verschwitzten Gesicht. Er sah sich meine Zeugnisse an und meinte, er erkenne ein klares Muster. Ich antwortete lediglich: „Aha.“ Er erklärte, für seinen Beruf reiche es bei mir nicht; dafür brauche man Zweien. Vielleicht müsse ich die neunte Klasse wiederholen. Eine Fünf in Mathematik, eine Fünf in Englisch. „Sowas sehe ich jeden Tag“, sagte er. „Dieselben Trantüten, die nie etwas dafür können wollen. Ich habe mich hingesetzt und gelernt – und sehen Sie, wo ich heute bin. Ganz oben.“ Er sagte das wirklich: „Ganz oben.“
Dann klickte er in seinem Computer herum. „Sie können eine Ausbildung zum Bürsten- und Pinselmacher machen. Oder über eine Leiharbeitsfirma irgendwo den Hof fegen. Mehr kann ich Ihnen nicht anbieten.“
Er blätterte durch meine Bewerbungsunterlagen und wies auf vermeintliche Fehler hin: Rechtschreibung, fehlende Punkte, Kommas. „Jeder Personaler wirft so etwas sofort weg. Heute wird sehr genau selektiert. Kein Wunder, dass wir acht Million arbeitslose Jugendliche haben.“ Ich nickte nur und ging nach draußen. Die Sonne brannte.
Die folgenden zwei Wochen verbrachte ich mit dem Gefühl eines unsichtbaren Damoklesschwerts über mir (damals kannte ich den Begriff noch nicht). Ich lag viel im Bett oder auf der Liege im Garten. Rückblickend war es vermutlich ein frühes Anzeichen einer Depression. Vielleicht hatten die Worte dieses „Berufsberaters“ mehr bewirkt, als ich zugeben wollte.
Ich erhielt weitere E-Mails mit Berufsvorschlägen. Einer war besonders absurd: eine Ausbildung zum Gerüstbauer in Halle an der Saale. Wobei „Ausbildung“ übertrieben war. Zunächst sollte ich den Vorbereitungskurs Gerüstbau I absolvieren, danach – bei guten Noten – das Vorbereitungsjahr II, mit der Aussicht auf einen möglichen Lehrstellenstart im September. Ich löschte diese Mails sofort, aber nie endgültig. Etwas hielt mich zurück. Hatte dieser schwitzige, miefige Berater recht? Hatte ich tatsächlich nicht das Zeug für eine reguläre Ausbildungsstelle? Sollte ich mir seinen Lebenslauf als Vorbild nehmen?
Schließlich begann ich zu lernen. Ich verstand nichts. Die Zahlen verschwammen vor meinen Augen. Ich rechnete irgendetwas aus, verglich die Ergebnisse, und jedes Mal war alles falsch. Ich zeichnete Graphen und Diagramme, doch auch die ergaben keinen Sinn. Nichts passte, alles war falsch.
Eine merkwürdige Müdigkeit überkam mich ständig. Ich dachte über alles nach. Ich spann mir absurde Szenarien zusammen. Es war mir unverständlich, dass andere, die offensichtlich schlechter waren als ich, so problemlos durch die Klausuren kamen. Fast jedes Schuljahr bedeutete für mich die Gefahr, sitzenzubleiben. Ich war dauerhaft im Abstiegskampf – wie ein Sportverein, der Jahr für Jahr gegen den Abstieg spielt und niemals, wirklich niemals, den entscheidenden Hebel findet.
Draußen ging der Sommer unbeirrt weiter.