es blieben die briefe

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HerbertH

Mitglied
es blieben die briefe
in schatullen kartons
ans herz und in tränen

gepresst


doch wo kann ich heute
in bytes in speichern
diese gedanken

gedenken vergangener liebe
verwest verschwunden
etwa als typescript

irgendwie finden

so wie der klang der stimme
die farbe der haut
der lidschwung der blicke

ist all dies in zellen des hirns
zerfasert im fühlen
nicht sicher zu bergen

und wo werden enkel selbst kinder
die halt suchenden in ihrer zeit
geschichten der meinigen finden
 

Cellist

Mitglied
und wo werden enkel selbst kinder
die halt suchenden in ihrer zeit
geschichten der meinigen finden
Ja, so denken und fürchten wir heute. Aber ich bin sicher, es wird weitergehen (wie auch immer, ich kann es mir einfach nicht vorstellen!) und die Morgigen werden unsere Sorgen gar nicht mehr nachvollziehen können.

Oder: ich hoffe, dass es so kommt und nicht ganz anders ...
 

Mondnein

Mitglied
Lieber HerbertH!
doch wo kann ich heute
in bytes in speichern
diese gedanken

gedenken vergangener liebe
verwest verschwunden
etwa als typescript

irgendwie finden
Ja, das bewegt uns alle.
Folgenden Gedanken habe ich:
Bevor die Lieder, auf denen die Hochkulturen aufgebaut haben, schriftlich konserviert wurden, wurden sie einzig und allein im Gedächtnis der Schamanen, Priester und Lehrer gespeichert. Je älter solche Basistexte sind, desto länger ist ihre mündliche Überlieferungsphase. Beim Qur'ân nur eine Generation, beim Neuen Testament zwei Generationen, beim Alten Testament die 500 Jahre zwischen David und der Endredaktion der Psalmen und Königsbücher, oder die schwer greifbaren Zeiten zwischen den Mythen im Genesisbuch und eben dieser Endredaktion nach dem babylonischen Exil der Rabbiner. Beim Buddhismus etwa vierhundert Jahre bis zur Kristallisation der Buddhareden, beim Rgveda eine Entstehungszeit ca 1000 v.Chr., dann eine reine mündliche Tradierung, flankiert von sprachwissenschaftlichen Sicherungen (Etymologische Wörterlisten, die Grammatik des Panini, Sprachebenen-Reflexion durch Karma-Mimansa und Vedânta), die Verschriftlichung erst unter den Moghulkaisern, da die Muslim ein "Buch" (Kitab) einforderten - das sind dann gut zweitausendfünfhundert Jahre von der Gestaltung der Opferhymnen bis zu deren Lesbarkeit für "andere".
Als in der römischen Antike die Lesefähigkeit allgemein wurde, ging zugleich mit der Lesefähigkeit "aller" die Gedächtnisfähigkeit verloren. Dazu ist der Gallier-Exkurs in Caesars Gallischerkriegkommentaren (Buch VI, Kap. 13/14) ein interessanter Beleg, dort aber in Bezug auf die mündliche (!) Literatur der Kelten, die uns 1200 Jahre später (!) in den mittelalterlichen Epen gespiegelt wird, die die mythischen Strukturen in die Artus-Sagenkreis re-projiziert haben (Chrêtien de Troyes, Wolfram von Eschenbach). Wolfram behauptete, er könne nicht lesen und schreiben. Nun ja, ich glaube es ihm nicht. Aber ein kühner autobiographischer Stolz ist das schon, erwägenswert, allein schon, um ihn zu widerlegen.

Zweiter Gedanke: Die Flüssigkeit, Offenheit, Kommunikativität des kommunikativen Raums im unauslotbaren Netz der Internet-Texte - faszinierend! Wir bewegen uns soeben in diesem Raum, ich schreibend, Du lesend, und alle, die sich hier einloggen.

grusz, hansz
 

Etma

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Herbert

Bin leider noch zu jung um einzufühlen in die Worte des "früher war's besser". Mit meinen 19 bin ich einer Kategorie zuzuordnen, die an das Internetsche gewohnt ist und nichts anderes kennt - niemals Briefe geschrieben, dafür Emails eine Tonne.

und wo werden enkel selbst kinder
die halt suchenden in ihrer zeit
geschichten der meinigen finden
Die Antwort ist hier auf der Leselupe. Und das ist so auch nicht falsch. Oder eben in veröffentlichten Büchern angenommen man bringt es so weit.

Ein interessantes Gedicht. Sprachlich fällt mir diese eine brücke auf. Formal schön fetzig.
 

HerbertH

Mitglied
Cellist schrieb:
die Morgigen werden unsere Sorgen gar nicht mehr nachvollziehen können.
Aber was, wenn sie es wollen oder sollten? Ich denke, jede Generation steht auf den Schultern der vorigen, und das ist ein lebendiger Erfahrungsschatz.

Man stelle sich nur einmal vor, dass die schmerzlichen Erfahrungen des frühen 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten könnten, und die alten Fehler bis hin zu Holocaust und globalen Kriegen von neuem gemacht würden.
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Hansz,

die Überlieferung in Geschichten, Liedern, Märchen und Mythen ist sicherlich eine Möglichkeit, Erfahrungen zu tradieren.

Interessanterweise wurde die mündliche Überlieferung in "Wächterkasten" (meine Kurzfassung der Idee :)) ernstlich diskutiert und herausgestellt als einzige Möglichkeit, zuverlässig die Kenntnis von atomaren Endlagerstätten über Jahrzehntausende am Leben zu erhalten.

Die Ansprüche an die Gedächtnisleistung sind heute geringer als je, denn man kann ja alles im Internet finden, wenn .... wenn man zumindest gelernt hat, die richtigen Fragen zu stellen, und seinen eigenen Kopf zu gebrauchen. Wenn nicht, ist die Chance groß, auf Fake-News und moderne Internet-Demagogie hereinzufallen.

Und ja, ich sehe auch die Chancen in einer Freiheit im Internet, dynamisch und selbstregulierend. Die Gefahren, sich in den Fängen von Internetriesen zu finden, und direkte menschliche Interaktion nur noch per Datenaustausch zu suchen, sehe ich allerdings auch.

Mir ging es letztlich um die Abbildbarkeit menschlicher Empfindungen, Erinnerungen und Probleme in materiellen Medien, früher oft in Briefen und Büchern, heute zunehmend in digitaler Weise. Die Briefe mit ihren Botschaften waren noch greifbar, die Bilder und Texte auf Smartphones und Festplatten sind es weniger.

Danke für Deine beiden Ideenkreise dazu.

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Etma,

so ganz kann die Leselupe die Bewahrung persönlicher Geheimnisse und Erfahrungen, z.B. in der Familie, wohl nicht ersetzen. Ob soziale Medien wie Facebook, WhatsApp und ähnliches diese Rolle übernehmen können, ist für mich noch offen. Dort spielen zuviele kommerzielle Interessen hinein.

Das Internet ist ein tolles Medium, und es schafft neue Formen des Zusammenlebens, immer noch neue.

Ich bin gespannt, was in den nächsten Jahrzehnten noch alles dort passieren wird.

Ein "früher war alles besser" kann man vielleicht herauslesen, ich habe es aber nicht hineingeschrieben.

Herzliche Grüße

Herbert
 

Cellist

Mitglied
quote:Cellist schrieb:
die Morgigen werden unsere Sorgen gar nicht mehr nachvollziehen können.


Aber was, wenn sie es wollen oder sollten? Ich denke, jede Generation steht auf den Schultern der vorigen, und das ist ein lebendiger Erfahrungsschatz.

Man stelle sich nur einmal vor, dass die schmerzlichen Erfahrungen des frühen 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten könnten, und die alten Fehler bis hin zu Holocaust und globalen Kriegen von neuem gemacht würden.
Hi Herbert,

ich glaube nicht, dass etwas verloren geht. Wer heute im Internet recherchiert, findet alles. Und wenn er entsprechend gebildet ist und dazu eine gewisse Intelligenz mitbringt, dann ist er auch in der Lage zu filtern. Ziel muss es sein, Technik und Bildung gleichermaßen zu fördern.
Ich beobachte meine 12jährige Tochter sehr genau bei ihren Recherchen fürs Gymnasium (als IT'ler und Papa bin ich doppelt sensibel dafür) und ich finde es großartig, was heute möglich ist. Entscheidend ist, der Jugend den richtigen Weg zu zeigen, all die Möglichkeiten zu nutzen. Ob es mir gelingt, werde ich erst noch sehen. Zunächst kann ich nur kluge Sprüche machen. ;-) Aber wichtig: das Internet ist viel mehr als Youtube etc.

Nein, ich sehe hier Herausforderungen, aber auf Dauer keine wirkliche Gefahr. Das Wissen des Menschen ist konserviert in Büchern, Internet und auch in den Genen des Menschen selbst.

Aber es wird sich alles ändern. Und auch als IT'ler erkenne ich, wie oldschool ;-) ich heute schon bin. Ich habe zwar einen Kindle und schon etliche Romane und andere Texte darauf gelesen. Aber mir fehlt immer dieses Erlebnis, ein Buch in der Hand zu haben. Aber das ist mein Problem, in Zukunft werden die Menschen dieselben Worte lesen, ebenso davon gepackt sein wie ich, aber digital. Und sie werden vielleicht sogar Resourcen geschont haben. ;-)


Es kommt nicht darauf an, die alte heile Welt wiederzubeleben. Würde ich als alter Sack auch gern, geht aber nicht. Es geht darum, der nachfolgenden Generation Verantwortung beizubringen: für sich selbst und für alles, was um sie herum existiert.
Verantwortungsbewusstsein ist die Basis dafür, dass die Technik uns vielleicht wirklich auf eine neue Entwicklungsstufe bringt, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.

Die Alternative wäre schrecklich ...
 

Cellist

Mitglied
Aber Herbert,

ich vergaß es in meinem Kommentar zu erwähnen:

Es ist in der Tat ein Thema für ein Gedicht, und ein gutes dazu. Ich mag deinen Text, seine Gedanken und Sorgen. Blauäugigkeit ist der falsche Weg. Und etwas soll ja auch bleiben von uns, oder? ;-)
 

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