Es ist ein Tag wie alle Tage sind

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Es ist ein Tag wie alle Tage sind
Die Rosen bleiben rot - die Menschen grau
Dort stirbt ein Mann, ein anderer wird blind
Man sehnt sich nach - ich weiß es nicht genau

Gewiss nicht wichtig wenn die Sonne scheint
Ach ja, und albern, denn das Bier ist gut
Trotz hin und her und tief gelitten tut
Man sich bloß sorgen dass die Nase schleimt

Und manchmal strömt man aus, verrinnt
Verrennt sich wieder in das alte Leid
Warum das alles. Wer und was wir sind -
- Verlassenheit?

Man säuft, beschäftigt sich mit Ohrenschmalz
Und Gott. Gebilde? Segen oder Fluch?
Dem Menschen, hin und her und was und falls?
Und rotzt die Fragen in das Taschentuch
 

Mondnein

Mitglied
gekonnt!

Sehr schön, trocken, gewitzt, originell formuliert.
Verkürzte vierte Zeilen ("- Verlassenheit?") klingen wie bei Benn. Die Pointen fein wie bei Kästner: Kein melancholisches Gejammer, sondern eher trockene Scherze. So besonders die komischen Disparitäten, die absurd-hart-gleichgeschalteten Fügungen (wie bei Hoddis u.a.): "Ohrenschmalz" meets "Gott".
Und diese in der Luft hängenden Fragewörter und Adverbien als Schluß-Pointe (vorletzte Zeile), darin ist alles gut konzentriert, bevors im allzuleichten, allzukleinen, allzuzarten Tempoblättelein landet. (Oder gehörst Du zu den alten Säcken, die noch große baumwollene Stofftaschentücher mit sich tragen? Gewiß nicht. Ich schon.)
 

Ralf Langer

Mitglied
Hallo,
Hiermit gründe ich deinen ersten leselupenfanclub

Das ist grosse kunst

Mondnein hat es schon treffend ausgedrückt
Applaus

Ralf
 

wüstenrose

Mitglied
ja, es wird nicht schlechter durch einmal drüber schlafen. Mit vergleichsweise wenigen Worten alles gesagt, was zu sagen ist. Perfekt! Glückwunsch, Patrick!

lg wüstenrose
 
Hallo ihr drei
Bei so viel Lob wird man ja ganz rot :D

Freut mich dass es euch so gut gefällt.


@ Mondnein
Zu den alten Säcken gehöre ich mit meinen 21 Erdenjahren sicher nicht, Stofflappen benutze ich trotzdem ab und zu.
 

Penelopeia

Mitglied
Der Text illustriert m.E. hervorragend (in Tucholsky'scher Diktion?) die Unmöglichkeit, konkrete Aussagen mit Poesie zusammenzubringen. Der Engel der Poesie ist wohl immer nur anwesend, wenn die "reinen Wahrheiten" abwesend sind oder eben ins Taschentuch "transportiert" wurden.

LG

P.
 

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