Es war einmal ein Dorf

Michele.S

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Als sie an Karlsruhe vorbeifuhren, brach die Sonne durch die Wolkendecke. Sie waren von Stuttgart aus losgefahren, und hier war es nun schon einige Grad wärmer. Hinter Karlsruhe machte die Autobahn eine Wendung, und jetzt ging es wieder Richtung Süden, nah am Rhein entlang. Die Landschaft wurde reicher und lieblicher. Der Himmel war jetzt wolkenlos. Etwa vierzig Minuten später überquerten sie auf einer Brücke den Rhein.
Dann kamen die blauen Schilder.
Erst „Grand Est“, dann einige Meter weiter „France“.
„Wir sind in Frankreich!“, rief Vincent fröhlich vom Rücksitz. Sofort wurde die Straße etwas holpriger und das Brückengeländer rostig.
Sie fuhren durch mehrere Kreisverkehre, dann auf die Route Nationale.
„So angenehm, dass es hier ein Tempolimit gibt. Nur in Deutschland hat es das nicht“, sagte Elmer, der Vater.
Die Landschaft lag in sanften Hügeln vor ihnen. Viele kleine Weinberge und Felder. Ab und zu Wald. Die Dörfer am Rand der Autobahn wirkten mit ihren großen Kirchen wie einem Bilderbuch entnommen.
Schließlich fuhren sie von der Autobahn ab, auf eine Landstraße. Sie nahmen die zweite Ausfahrt eines Kreisverkehrs, und ein Schild sagte jetzt „Glucksheym 4 km“.
Sie waren am Ziel.
Als sie am Ortsschild vorbeifuhren, schaute Paul interessiert aus dem Fenster. Sie fuhren durch eine Dorfstraße. Die Fachwerkhäuser sahen alt, düster und etwas heruntergekommen aus, als ständen sie schon lange leer. Aber die Geländer des Gehsteigs waren mit Blumen geschmückt. Sie fuhren vorbei an einer riesigen Kirche, die viel zu groß für das Dorf wirkte. Sie parkten das Wohnmobil auf einem Stellplatz am Rand des Ortes.
Elmer schaltete den Motor aus und lehnte sich im Sitz zurück. „Ich hätt echt keinen Meter mehr weiterfahren können, ich sag’s euch.“
Vincent rollte mit den Augen. Die Fahrt hatte keine zwei Stunden gedauert.
Man trank Kaffee und aß belegte Brote. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Paul setzte sich in einen Campingstuhl vor das Wohnmobil und las. Nach einer halben Stunde rief seine Mutter Christine: „Paul, wir machen alle noch einen Abendspaziergang durchs Dorf, kommst du mit?“
Er legte das Buch weg und stand auf.


In den Kopfsteinpflasterstraßen lag ein rauchig-salziger Geruch.
Es war auch etwas von Fleisch darin.
Sie erreichten den Marktplatz.
Eine Glocke schlug dumpf zehn Mal.
Es war jetzt vollständig dunkel geworden. In der Mitte des Marktplatzes war ein großer Brunnen. Wasser strömte aus den Mündern von Figuren, die kleine Jungen darstellten, die auf monströs aussehenden Fischen ritten. Der Brunnen hatte eine matte, rostgrüne Farbe.
„Der sieht doch irgendwie genau so aus, wie man sich einen Brunnen immer vorstellt“, meinte Vincent.
Paul lachte.
Sie gingen weiter in eine Seitengasse.
Auf dem Weg sahen sie zwei Mädchen, die wohl dreizehn oder vierzehn Jahre alt waren.
Sie hüpften mit einem Springseil.
Dabei sagten sie sich irgendeinen französischen Reim auf.
Als sie vorbeigelaufen waren, tauschten Paul und Vincent einen kurzen Blick, sagten aber nichts.
Schließlich erreichten sie die große Kirche, die sie schon auf der Fahrt bemerkt hatten. Sie war tatsächlich unglaublich hoch und aus sehr dunklem Stein gebaut.
„Was ist das denn?“, fragte Vincent und zeigte auf eine Stelle der Kirche.
Jetzt sah Paul es auch.
An den Außenwänden waren Figuren von Hunden und von anderen, nicht definierbaren Tieren angebracht.
Aber ihre Gesichter waren zu grässlichen Fratzen verzogen, und ihre Zungen standen ihnen weit aus dem Maul.
„Warum macht man sowas an ’ne Kirche?“, sagte Vincent und schüttelte den Kopf.
Niemand antwortete.
Paul blickte die Figuren lange an.
Er spürte Beklemmung, aber noch etwas anderes. Eine Art Wiedererkennen.
Er wusste nicht, wieso, und konnte es auch nicht besser beschreiben.
„Paul, bist du eingeschlafen?“
Die anderen waren schon bestimmt hundert Meter weitergelaufen.


Sie machten sich auf den Rückweg, diesmal entlang der Hauptstraße.
Wieder dumpfe Glockenschläge.
Eine alte Frau kam ihnen entgegen.
Mager, schwarz gekleidet, mit ganz weißen Haaren.
„Bonsoir“, grüßte Paul.
„Grüß Gott“, erwiderte die Frau lächelnd.
„Oh, Sie sprechen also Deutsch?“
Die Frau lächelte noch herzlicher.
„Natürlich. Alle alten Menschen im Elsass können Deutsch. Die Jüngeren haben es leider oft verlernt.“
„Ah, OK, schade“, sagte Paul.
Die Frau trat auf ihn zu.
Dann streckte sie ihre magere Hand aus und streichelte Paul kurz über die Wange.
„Du siehst ein bisschen aus wie mein Sohn, als er noch gelebt hat. Aber das macht nichts.“
Paul wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
Christine sagte schnell: „Es war sehr schön, Sie zu treffen. Man bekommt gleich einen ganz anderen Bezug zu einem Ort, wenn man jemanden kennengelernt hat.“
Die Frau sagte nichts. Sie lächelte auch nicht. Ihre Augen waren immer noch auf Paul gerichtet.
„Aber wir müssen jetzt weiter, wir sind alle müde und wollen ins Bett“, fuhr Christine fort.
Die Frau schwieg einige Sekunden.
Dann lächelte sie und sagte: „Dann schlaft alle gut und dass ihr morgen früh auch alle wieder gesund aufwacht.“
Eine Sekunde herrschte Schweigen. Dann lachte Vincent leicht auf, und Paul und Christine sagten beide gleichzeitig: „Danke“.
Sie gingen weiter.
Das Dorf wirkte für Paul jetzt noch älter und düsterer.
Aber da war noch etwas anderes.
Etwas, das er nicht genau beschreiben konnte, das aber sein Herz schneller schlagen ließ.
Er fühlte sich wieder wie ein Kind.
Ja, das war es. Er wusste nur nicht, woher dieses Gefühl kam.
Als sie an der Metzgerei vorbeiliefen, kam ihnen jemand entgegen. Es war ein Mann, etwa fünfzig Jahre alt.
Er hatte einen so tiefen Buckel, dass er nur auf die Pflastersteine unter ihm blicken konnte.
Er humpelte.
Als er an ihnen vorbeiging, sagten alle vier besonders freundlich: „Bonsoir“.
Der Mann blieb stehen und hob mit großer Anstrengung das Gesicht, um sie erkennen zu können. Er grinste und sagte ebenfalls: „Bonsoir“. Dann humpelte er weiter.
Paul hatte sehen können, dass er fast keine Zähne mehr hatte.
Keiner von ihnen blickte sich nach ihm um.
Der Rest des Heimwegs verlief schweigsam.


Eine Stunde später saßen alle vier am Tisch im Wohnmobil und aßen Spaghetti mit Tomatensauce. Vincent trank Rotwein dazu.
„Morgen gehen wir wandern. Hinter dem Dorf gibt es endlos Wald“, sagte Christine.
„Ja“, antwortete Paul knapp.
„Schon irgendwie schön, dieses Dorf, oder? Das hat doch etwas“, meinte Elmer.
Vincent blickte ihn nachdenklich an.
Dann sagte er: „Ja, es hat was.“
Ein paar Sekunden lang schwieg er, dann sagte er: „Aber irgendwie hatte ich vorher die ganze Zeit das Gefühl, dass ich früher schon mal hier war. Schon oft.“
Elmer und Christine schauten ihn leicht verwundert an.
Paul sagte: „Bist du von dem einen Becher Wein schon betrunken, oder was?“ Dann lachte er kurz.
Aber während des Rests des Essens schwieg er.
Sein Bruder hatte genau das ausgesprochen, was er selbst die ganze Zeit über gedacht hatte.
Die Kirchenglocke schlug dumpf zwölf Mal.
 



 
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