Es wurde jung gestorben

Wieder einmal gehe ich über den Hamburger Friedhof Ohlsdorf. Er könnte mit 1,7 Millionen bestatteten Menschen das kollektive Gedächtnis der Stadt sein. Wenn nur die Toten nicht so schweigsam wären und die Erinnerungen der Lebenden nicht so schwindsüchtig … Ich bin auf die Grabinschriften angewiesen, wenn ich etwas über die Geschichten der Toten erfahren will.

Da liegen drei junge Männer zwischen zwanzig und dreißig in einem Grab, dem Anschein nach nicht miteinander verwandt gewesen. Unter jedem Namen ist als Relief ein altmodisches Propellerflugzeug herausgearbeitet. Dazu lese ich, die drei seien 1937 den Fliegertod gestorben. Ich denke an Proust und Agostinelli und wüsste gern mehr über die hier.

Ein Elternpaar hat seinen im März 1918 in Frankreich gefallenen Sohn so geehrt: Wer den Tod im Ehrenkampf fand / Ruht auch in fremder Erde im Vaterland. Makaber – sie machen auch noch die Toten dem Annexionsstreben dienstbar. Vielleicht hat der Sohn in der Schule gelernt: Ubi bene, ibi patria – wo es mir gut geht, da bin ich zu Hause. Nun soll er sagen: Wo ich ins Gras gebissen, auch da ist deutsche Erde … Und ich gehe über das Gräberfeld der toten Soldaten des Commonwealth, Weltkrieg II. Es sind Hunderte und Aberhunderte, die meisten Anfang zwanzig, viele Australier darunter.

Ein Wegweiser macht mich auf die Primus-Gräber neugierig. Davon habe ich noch nie gehört und erfahre jetzt: Es sind die Opfer der bisher größten Schiffskatastrophe auf der Elbe. 1902 rammte ein Schlepper den Vergnügungsdampfer Primus, an Bord die Liedertafel Eilbek. Die Bordkapelle soll noch gespielt haben: Nach Hause, nach Hause gehn wir nicht … In der Tat – von den 101 Toten liegen 78 hier im Massengrab. Die meisten waren zwischen zwanzig und vierzig, es waren auch Kinder darunter.

Ob ich sein Grab wieder finden würde? Ich bin nur einmal da gewesen und es gibt Hunderttausende Gräber hier … Ich will mich jetzt nicht an die Friedhofsverwaltung wenden und begnüge mich mit Erinnerungen. Damals hat er eine Kunstreise nach Berlin betreut und ist nicht über Nacht bei mir geblieben – nachher. Und er hat gesagt: Ich geh lieber ins Hotel zurück und lass mich wecken. Ist schon mal in Basel schief gegangen, am Morgen die Gruppe ohne mich im Museum … Im Jahr darauf hat er mich zuerst nicht erkannt, er hat es noch mal bei mir versucht, ich habe gelacht und ihm ist’s peinlich gewesen.

Umtriebig ist er gewesen, ist oft nach New York geflogen, hat Riskantes gemacht. Und Jahre später sitze ich in einem Zug in Österreich und lese die Süddeutsche und mein Blick bleibt an seiner Todesanzeige hängen - also auch er … Kann sein, seine Liegezeit ist schon um. Übrigens hat er noch ein Buch über Majoliken geschrieben, man kann es antiquarisch bekommen. Schade, dass ich so wenig Interesse für Majoliken habe.
 

Ciconia

Mitglied
Moin Arno,

gegen Deine Texte gibt es meistens nichts Negatives zu sagen, wie könnte ich auch.
Aber in diesem Fall stoße ich mich am Titel, der meines Erachtens dem Thema nicht gerecht wird und Leser nicht unbedingt anzieht. "Es wurde ..." klingt für mich abstrakt und kalt.

Gruß Ciconia
 
Guten Morgen, Ciconia - deinen Einwand kann ich nachvollziehen, das kann man so empfinden. Allerdings war es, wie sich hoffentlich aus dem Text ergibt, nicht so gedacht. Nun ja, vielleicht ein wenig fatalistisch ...

Persönlich habe ich auch generell eine Abneigung gegen besonders gefühlvoll klingende Titel anderer Autoren und meide sie daher meistens. Die emotionale Verarbeitung eines Textes sollte nach meiner Auffassung Sache des Lesers bleiben und nicht schon mit Hilfe des Titels in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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