Esthers Liebe Teil II

Es war der 31. Oktober. Seit Jonas' Tod waren dreieinhalb Monate vergangen. Esther hatte nicht erfahren, an was er eigentlich gestorben war. In einer kurzen Zeitungsmeldung war als Todesursache „Herzversagen" angegeben. Bei einem 26-jährigen? Esther glaubte das nicht. Oder hatte er etwas so Schreckliches gesehen, dass sein Herz tatsächlich stehenblieb?

Ihr Handy summte. Es war ihre Freundin Caroline.
„Kommst du jetzt mit auf die Halloween-Party?"
Esther lehnte ab. „Ich bleibe lieber zu Hause. Sei mir nicht böse."
„Bin ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass es dir dadurch besser geht, wenn du ständig über diese Sache nachgrübelst."
Esther erwiderte nichts.
„Ich soll dich übrigens schön von Anette und Thilo grüßen", sagte Caroline.
„Danke. Habt einen schönen Abend."
Sie legten auf.

Den ganzen Abend war Esther unruhig. Sie schaltete den Fernseher an und wieder aus. Sie nahm ein Buch in die Hand, las ein paar Seiten und legte es wieder weg. Das wiederholte sich einige Male.
Ich sollte ins Bett gehen, dachte sie, konnte sich aber auch dazu nicht aufraffen.

Schließlich hörte sie die Kirchturmuhr Mitternacht schlagen. Nun gut, sie würde sich jetzt einfach ins Bett legen.
Sie stieß die Schlafzimmertür auf und blieb wie angewurzelt stehen.
Mitten im Zimmer stand Jonas. Unwillkürlich machte sie einen Schritt auf ihn zu.
In diesem Moment verwandelte sich Jonas' Gesicht in eine häßliche Fratze und sein Körper in den einer Vogelscheuche. Esther keuchte entsetzt auf.
Die Gestalt gab ein grauenhaftes gurgelndes Lachen von sich. Das war ganz sicher nicht Jonas.
„Hast du mich vermisst?" fragte er mit einer knarrenden Stimme, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Er breitete die Arme, die wie Stöcke aussahen, aus.
„Komm doch her! Ich weiß doch, dass du in mich verliebt warst. Du wirst mich doch wohl jetzt nicht von dir stoßen, weil ich keinen jungen Körper mehr habe?"
Die Gestalt ließ ein schauriges Lachen hören.

Esther schrie. Sie drehte sich um und rannte aus ihrem Haus. Sie rannte und rannte, bis sie ans Flussufer kam und sich dort erschöpft niederließ. Auf keinen Fall würde sie wieder nach Hause gehen!
An einen Baum gelehnt schlief sie ein.

„Jetzt habe ich zehnmal versucht, sie anzurufen." Stirnrunzelnd blickte Caroline auf ihr Handy. Sie hatte nach der Party bei ihren Freunden übernachtet.
„Wenn du keine Ruhe hast, gehen wir nach ihr schauen." Anette rief Thilo zu sich.
„Wir gehen zu Esther. Sie geht nicht an ihr Handy."
„Wenn es sein muss." Thilo seufzte.

Doch Esther war nicht zu Hause. Niemand öffnete. Nachdem sie sich vierundzwanzig Stunden nicht gemeldet hatte, riefen sie die Polizei.

Keiner von ihnen sah Esther jemals wieder.
 

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