Etikett

L'étranger

Mitglied
Weh dir, du hebst es auf!
Das Wort, das jener achtlos fallen ließ,
klebt wie ein Etikett an dir.
Schau auf dein Spiegelbild und lies:
beschädigt.

Weh dir, du fängst ihn auf!
Der Blick, den jener achtlos warf,
klebt wie ein Etikett an dir.
Sieh hin und lies:
mit Mängeln.

Weh dir, du nimmst ihn an!
Der Richterspruch, von leichter Hand gefällt,
klebt wie ein Etikett an dir.
Du weißt, da steht jetzt:
schuldig.
 

Mondnein

Mitglied
Als Beschreibung einer sich bespiegelnden Mimose, lieber Fremdling,

hat es einen gewissen Witz. Hättest Du das Wort vom "Spiegelbild" weggelassen, sähe es aus wie pubertärer Weltschmerz, - dagegen wäre nichts zu sagen: Das wäre eine der großen Inspirationsquellen der Lyrik.

Das Hauptstilmittel ist das Understatement, fast schon Verheimlichung der Ironie: Die schlagfertige Antwort, die in jedem alltäglichen Kommunikations-Pingpong dem Schlag auf die Wasseroberfläche mit einem Gegenspritzer entgegenlacht, scheint unterdrückt, so daß der flapsige Vor-Wurf am Gesprächspartner hängenbleibt, so daß der nun mit seinem Spiegel-Selbstgericht klarkommen muß, als hätte er es ernst gemeint. Wenn Scherz nicht auf Scherz antwortet, bleibt der erste der beiden Joker in der Falle seines spontanen Witzes hängen. Dann ist er der "Schuldige".

Hoffentlich mit Mindeshaltbarkeitsdatum auf dem Etikett.

grusz, hansz
 

L'étranger

Mitglied
Hallo Hansz,

Du hast recht. Das Gedicht macht sich der bohrenden und nachhaltigen Einseitigkeit schuldig - im Stil und im Inhalt.

Was deinen Scherz angeht:
Sorry, das Mindesthaltbarkeitsdatum stand nicht darauf. Zu deinem Unglück hatte ich auch die EU-Norm 73 456 nicht eingehalten. Sonst hättest du lesen können: "zum Verzehr nicht geeignet".
Vielleicht hätte dir das Kummer erspart.

Zum Ernst zurück. Danke für Feedback.

Grüße von Lé.
 

Soljanka

Mitglied
Hallo, L'etranger,

Ich frage mich, ob man das Wort so achtlos liegen lassen kann, wie es fallen gelassen wurde. Der Angesprochene liest die Worte ja denn auch trotzdem (auf).
Das finde ich realistisch, ob nun Mimose oder nicht. Achtlos lese ich hier nicht in dem Sinn, dass es sich um einen unbedachten Witz handelt, sondern als eine Grundhaltung - respektlos eben, wie der Blick in der zweiten Strophe zeigt.

Aber angenommen, das Wort bleibt liegen, bleibt dann der Nächste daran kleben, der es aufhebt, um es zu entsorgen? Ich stelle mir eine Kettenreaktion vor, wie bei der goldenen Gans...

Ich würde die zweite und dritte Strophe streichen und stattdessen das Bild vielleicht ein bisschen weiter spinnen.

Gruß von Soljanka
 

L'étranger

Mitglied
Hallo Soljanka,

in dem Text rufe ich tatsächlich nur dazu auf, sich die Wirkung achtloser Werturteile oder ebensolcher Schuldzuweisungen bewusst zu machen - so verstehe ich ihn.

Wirkungen und Wechselwirkungen, viellschneeballartig, ja das ist denkbar ...

Wie man im Einzelfall damit umgehen mag, ist nicht so einfach in ein Gedicht zu fassen.
Ich plädiere jedenfalls für das Bewusstmachen, das Ablehnen, das Sichtbar machen ...

Gruß Lé.
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Lé,

ich schleiche schon einige Zeit um dein Gedicht.
Ich würde die dritte Strophe nicht an den Schluss des Gedichtes stellen, dann das "Etikett" ist hier zu vorhersehbar und so läuft das Gedicht leider etwas ins Leere. Vielleicht an den Anfang?

Liebe Grüße
Manfred
 

L'étranger

Mitglied
Hallo Franke,

der Vorherbarkeit entginge ich nur mit einer radikalen Kürzung, etwa in dieser Art:

Weh dir, du hebst es auf!
Das Wort, das jener achtlos fallen ließ,
klebt wie ein Etikett an dir.
Schau auf dein Spiegelbild und lies:
beschädigt.

Fang auch nicht auf den Blick,
den jener achtlos warf,
und nimm den Richterspruch nicht an!

Gruß Lé.
 

revilo

Mitglied
Grüß Dich, die Version ist besser, liest sich aber ein wenig gestelzt.....ich meine damit das "jener"....Lg revilo
 

revilo

Mitglied
Hallo Franke,

der Vorherbarkeit entginge ich nur mit einer radikalen Kürzung, etwa in dieser Art:

heb es nicht auf!
Das Wort, das jemand fallen ließ,
klebt an dir.
Schau auf dein Spiegelbild und lies:
beschädigt.

Fang auch nicht auf den Blick,
den jemand achtlos warf,
und nimm den Richterspruch nicht an!

Gruß Lé.
 

L'étranger

Mitglied
Hi revilo,

dein Vorschlag klingt in jedem Fall moderner, sozusagen von "antiquiertem Sprachpathos" befreit.

Jedoch ist das "jemand" von der Bedeutung her nicht so "giftig " wie "jener"; jenen hab ich sozusagen im Blick, jemand könnte seine Worte
wann und wo auch immer fallen lassen.
Auch "achtlos" war mir wichtig.

Bleibt die Frage nach dem "Weh dir ..." im Vergleich zum modernen "heb es nicht auf".
Hier hänge ich an dem schrillen Klang der Vokale in "Weh mir".

Das ganze öffnet, wie Mondnein bemängelt hatte, vehement die Opferperspektive, die das Lyri hier einnimmt, stellt aber durch diese Dringlichkeit doch auch die Frage nach der Alternative. Mondnein ging soweit, dass man so etwas einseitiges gar nicht aufschreiben solle.

Bleibt noch die Frage nach dem Etikett. Da gebe ich dir jetzt recht. Das ist verzichtbar und vielleicht auch nicht ganz realitätsnah.

Vielen Dank dafür, dass du dich mit dem Text beschäftigt hast, revilo.

Ergäbe folgendes:

Weh dir, du hebst es auf!
Das Wort, das jener achtlos fallen ließ,
es klebt an dir.
Schau auf dein Spiegelbild und lies:
beschädigt.

Fang auch nicht auf den Blick,
den jener achtlos warf,
und nimm den Richterspruch nicht an!

Gruß Lé.
 

Mondnein

Mitglied
Mondnein ging soweit, dass man so etwas einseitiges gar nicht aufschreiben solle.
nein, ich würde eher daran denken wollen, daß Schuldzuweisungen in der Gesprächssituation, wie sie im Alltag zwischen den Menschen spielt und die Bewertungen wechselt, kein langes "Haltbarkeitsdatum" haben. (Ich meinte auch dort nicht das Verzehr-Limit der beleidigten "Leberwurst", so sehr mir der Kalauer auf der Zunge liegen könnte, sondern schlicht und einfach die Flüchtigkeit loser Wortetikett-Schnipsel. Wer ist schon "schuldig", für wen und wie lange, und so weiter ...
 

revilo

Mitglied
Grüß Dich, was Du aus den zahlreichen Vorschlägen machst, ist Dir überlassen.....mir gefällt die Version gut........da schält sich langsam etwas heraus.......Lg revilo
 

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