Eva beißt zurück

Im Paradies- ich kann‘s bekunden-

hing jedes Blatt am rechten Ast.

Das Denken war noch nicht erfunden-

man lebte frei von jeder Last.



Ein Baum nur trug, höchst amtlich Schilder:

„Erkenntnis! Pflücken streng verboten!!

Der Himmel war zu Menschen milder,

die niemals fragten, wer’s geboten.



Doch Eva las – und las nochmal

und fragte: „Warum eigentlich?“

Die Schlange glitt durch’s Areal

und sprach: „Der Herr weiß‘s selber nicht.“



Sie war kein Biest mit falscher List,

nur klug und gar nicht angepasst:

„Wer nie von der Erkenntnis isst,

bleibt hier ein ewig höriger Gast,“



Da nahm die Frau die rote Frucht,

nicht aus Verführung, Schuld und Gier-

Erkenntnis war’s, die sie gesucht:

„Was ist die Welt? Und wer sind wir?“



Adam stand indessen dumm herum

in seinem knappen Feigenblatt.

Er sah sich erst noch ratlos um.

Dann aß auch er sich richtig satt.



Der Himmel rief zur Untersuchung,

ein Engel führte Protokoll.

Adam wand sich aus der Verfluchung,

sprach: „Sie war’s“ und fand sich toll.



Doch Eva trat dem Herrn entgegen:

„Ja, Herr, ich war’s, bereu‘ es nicht.

Ein Paradies ist gar kein Segen,

wenn man nicht fragen darf im Licht.



Da bebten fromm die Apfelbäume,

der Cherub schwang sein Flammenschwert.

Man warf sie aus dem Reich der Träume.

Fürs Paradies: Zutritt verwehrt!



Eva behielt die Apfelkerne

und pflanzte immer neue Fragen.

Deswegen hab‘ ich sie recht gerne

und wage hier und jetzt zu sagen:



Erkenntnis war kein Sündenfall.

Sie war der Anfang der Kultur.

Seitdem wächst Fortschritt überall .

Was wären wir ohne Eva nur?
 



 
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