Ewig - Sonett sechshebig

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Walther

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Ewig

Der Griff ins Kalte, nichts, und doch: Da ist das Gitter.
Die Luft ist beißend. Seine Angst greift seelentief.
Sie ist gewachsen, seit er bei den Toten schlief.
Hier im Verlies ist keiner mehr ein edler Ritter.

Er fühlt die Zähne mit der Zunge. Es schmeckt bitter.
Der Wärter hat ein Schweinsgesicht, das Grinsen schief,
Und schlurft nach vorn gebeugt und furchtgeladen defensiv.
Das Essen fiel fast aus der Schale vom Gezitter

Der rechten Hand, als er dort vor den Stäben stand
Und reichte, was nicht schmeckt und niemanden ernährt.
Er grunzt. Er spricht nicht, scheint nicht wirklich bei Verstand.

Er würde an den Stäben rütteln. Doch ihn lehrt,
Dass keiner aus dem Loch entfloh, den er gekannt,
Und es die Strafe ist, dass diese ewig währt.
 
Hallo Walther,

der Clou hier ist, dass man zunächst meinen könnte, dass es um die Perspektive eines Gefangenen geht, aber das ist eine Täuschung.

Es ist der nur äußerlich hässliche Wärter, der im Mittelpunkt steht, der Angst hat, dem es vor der Grausamkeit der Menschen graut - Er ist ein guter, empathischer Akteur in einem abgründigen “Spiel“, zu einer Zeit, in der Gefangenschaft nur einem Zweck diente: der langsamen physischen Vernichtung eines Gegners.

Der Wärter ist im Prinzip ebenfalls ein Gefangener, da er eine “unehrenhaften“ Beruf ausüben muss und vom Rest der Gesellschaft ausgeschlossen wird ... Hier im Gedicht hält er den Menschen einen Spiegel ihrer Hässlichkeit vor (Bezüge zu Quasimodo ...).

Die Zeilen haben auch etwas Cineastisches an sich, eine filmische Qualität, die sehr ansprechend ist.

Gruß,
Artbeck
 

Walther

Mitglied
Hallo Walther,

der Clou hier ist, dass man zunächst meinen könnte, dass es um die Perspektive eines Gefangenen geht, aber das ist eine Täuschung.

Es ist der nur äußerlich hässliche Wärter, der im Mittelpunkt steht, der Angst hat, dem es vor der Grausamkeit der Menschen graut - Er ist ein guter, empathischer Akteur in einem abgründigen “Spiel“, zu einer Zeit, in der Gefangenschaft nur einem Zweck diente: der langsamen physischen Vernichtung eines Gegners.

Der Wärter ist im Prinzip ebenfalls ein Gefangener, da er eine “unehrenhaften“ Beruf ausüben muss und vom Rest der Gesellschaft ausgeschlossen wird ... Hier im Gedicht hält er den Menschen einen Spiegel ihrer Hässlichkeit vor (Bezüge zu Quasimodo ...).

Die Zeilen haben auch etwas Cineastisches an sich, eine filmische Qualität, die sehr ansprechend ist.

Gruß,
Artbeck
Hi Artbeck,
danke. sehr spannend, deine interpretation. so könnte es sein.
es gibt situationen und lagen, da sind wir alle hässlich, unritterlich, verloren. manchmal auf ewig.
der schließer und sein häftling spiegeln sich. auch das ist eine erkenntnis, deren wir uns bewusst sein sollten.
lg W.
 

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