Experimentum Crucis

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Mondnein

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GrüßDich, HerbertH!

Tiefgründig, reichhaltig, unendlich bedenkenswert.

Den Ausdruck "Experimentum crucis" kannte ich nicht, hab also den englischen Wiki-Artikel gelesen, mit dem Newton-Beispiel.

Entschuldige, daß ich mit der Form anfange, das soll den Inhalt nicht mißachten:

Ein (klassischer) Hexameter ist es nicht, da er nicht die Längen und Kürzen daktylisch und spondeisch setzt. Und der zweite Vers ist auch kein Pentameter.
Ich kennzeichne die langen (auch die positionslangen) Silben blau:
[blue]Lux coelorum[/blue] colori[blue]bus super[/blue] [blue]Gol[/blue]ga[blue]tham frac[/blue]ta
[blue]Ex[/blue]peri[blue]mentum Cru[/blue]cis in [blue]per[/blue]petuum
Ich vermute, Du liest es einfach "iktisch", wie es seit dem Mittelalter üblich ist (iktisch betonte blau):
[blue]Lux [/blue]coe[blue]lo[/blue]rum [blue]co[/blue]lori[blue]bus[/blue] super [blue]Gol[/blue]gatham [blue]frac[/blue]ta
[blue]Ex[/blue]peri[blue]men[/blue]tum [blue]Cru[/blue]cis in [blue]per[/blue]petu[blue]um[/blue]
Was mich "endlos" nachdenken macht, ist schon die Frage, was durch dieses "Experiment" bewiesen und was widerlegt wird.

Wobei die Schlüsselbegriffe "lux coelorum" (für Christus) und "crux" ein wenig quer dazu stehen, weil sie durch "Golgatha" auf die Passion bezogen werden, also nicht bloß das Newtonsche Lichtexperiment meinen, und die Sache verkomplizieren -
und andererseits (oder eher zusätzlich), in einer weiteren Imagination, einer Metaebene zum ursprünglichen regenbogenbunten Himmelslicht - sehe ich so etwas wie die Analogien des geometrischen Strahlensatzes vor mir: Die Strahlen von einem Parallelpaar geschnitten. Aber das ist natürlich nicht die ursprüngliche Imaginationsmetapher des bunten Himmels, die einem ein Morgen- oder Abendrot vormalt.

grusz, hansz
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Hansz,

als Hexameter oder Distichon war das Ganze nie gedacht. Was icb am Lateinischen schätze, ist die Möglichkeit, sehr knapp und auf den Punkt, also inhärent verdichtet Ideen und Gedanken auszudrücken.

Ausserdem bot sich diese Sprache hier an, weil der Begriff Experimentum Crucis ja Latein ist.

Die Idee zu diesem Gedicht ist mir zu Ostern gekommen, weil einerseits das Kreuz und das Licht zur Passion gehören, Newtons Experiment um die Untersuchung von Licht geht, und das ursprüngliche Verständnis, ein Experiment könne eine Theorie beweisen, heutzutage eher bestritten wird.

Hier boten sich so viele Gemeinsamkeiten, dass sich das Thema geradezu aufdrängte.

Für mich beleuchtet das Fragen zu einem dieser Themen das andere, wirft dort neues Fragen auf und bringt auf neue Gedanken, z.B. inwieweit man der wissenschaftlichen Methodik Glauben schenken kann, ob dort Überzeugungen die Rolle von Glaubenssätzen haben, ob sich religiöse und wissenschaftliche Wege zum Verständnis der Welt und des Lebens ausschliessen oder ergänzen, welche Rolle Religion heute spielt und früher spielte, oder die Frage, ob das Experiment Gottes, die Welt durch die Opferung seines Sohnes die Menschen zu erlösen, aus seiner Sicht - oder unserer - erfolgreich war.

Das ist auch in der Frage der Übersetzung indirekt enthalten, fracta kann man mit gebrochen oder zerbrochen übersetzen, und lux coelorum als beschreibend oder im übertragenen oder symbolischen Sinne verstehen.

Danke für Deine Gedanken zu diesem Gedankengedicht. insbesondere ist Strahlensatz im Zusammenhang mit diesem Gedicht eine sehr sinnreiche Verdichtung.

Herzliche Grüße
Herbert
 

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