Explosionen

Max Neumann

Mitglied
Alles, was du gewesen bist, verbrannte. Alles, was du sein wolltest, verbrannte. Was du nicht loslassen wolltest, verbrannte. Alles, ausnahmslos.

Du hast es verhindert, viele, viele, viele Jahre lang. Je größer deine Anstrengung, desto höher die Flammen. Je lauter deine Schreie, desto lauter das Knistern. Je heftiger dein Widerstand, desto stärker die Hitze.

So ist dein gesamtes Leben niedergebrannt. Vor deinen Augen. Alles zerfiel. Irgendwann sind die Flammen immer größer geworden und du selbst immer kleiner, bis du dort gelegen hast, in einer Ritze zwischen Meer und Ufer, zwischen Straße und Bürgersteig, zwischen Bett und Matratze. Dein linkes Auge geschlossen, dein rechtes im Dämmerzustand, während alles, was du jemals gewesen bist, alles, was du jemals sein wolltest, und alles, woran du festgehalten hast, verbrannt ist.

Als du deine Augen wieder geöffnet hast, war es still und ein wenig dunkel. Ein bisschen hell.

Du warst müde, aber ein wenig wach.

Alles, worauf du vertraut hattest, ist zu Staub zerfallen. Die großen Pläne gescheitert. Die Ziele verschwunden, das Geld dahin. Die Liebe verkorkst.

Zum ersten Mal in deinem Leben hast du dich frei gefühlt. Sehr frei. Du hast erkannt, dass du nicht in der Ritze lagst. Nicht mehr in dieser Ritze zwischen Meer und Ufer. Zwischen Straße und Bürgersteig, Bett und Matratze.

Du bist über den Himmel geflogen und hast alles von oben gesehen. Dein ganzes bisheriges Leben und alles, was dazugehört hat. Deine Mutter, deine Geburt. Deine Brüder, deine Schwestern. Deine Kindheit. Dein erster Kuss. Das erste Mal, als du in einer Frau gekommen bist. Das erste Mal, als dein Schweiß sich an ihrem Schweiß gerieben hat. Das erste Mal, als sie dich gekratzt hat. In deiner Haut mit ihren Händen festgekrallt, als ob das niemals enden würde.

Und während du das gesehen hast, hast du es gefühlt.

Alles verbrannt. Das schönste Gefühl auf der Welt.

Irgendwann in unserem Leben werden wir gezwungen, loszulassen. Und irgendwann bist auch du dazu gezwungen worden. Und du hast es gehasst. Du wolltest es nicht. Es war so schwer. Doch es ging nicht anders.

Irgendwann hat alles, was du jemals verdrängt hast und was du da in dir drin tief versteckt hast, sich neue Wege gesucht. Ist zu vielen großen Kanälen geworden und zu vielen großen Autobahnen und zu vielen großen Rohren und Schächten, durch die Feuersalven schossen.

Alles in deinen Kopf, alles in dein Gehirn, alles in dein Bewusstsein, bis du explodiert bist.

Und mit dieser Explosion ist alles, was du gewesen bist, verbrannt. Mit dieser Explosion ist alles, was du sein wolltest, verbrannt. Mit diesen Explosionen ist alles, was du nicht loslassen wolltest, verbrannt. Alles, ausnahmslos.

Nichts davon war das Ende. Es war der Moment, in dem du aufgehört hast, gegen dein eigenes Leben zu kämpfen.
 



 
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