F wie Freitod

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Heute habe ich wieder an F. gedacht, F wie Freitod. Ich muss noch oft an ihn denken, dabei ist er schon über vierzig Jahre tot.

Er war einer der bestaussehenden Männer, an die ich mich erinnere. Groß, kräftig, breitschultrig und hübsch. Von leichter Melancholie umflort. Ich sah ihn jahrelang in den Straßen, in den Bars von West-Berlin, ohne mit ihm in Berührung zu kommen.

Dann begegneten wir uns zufällig an einem Sommersonntagnachmittag im Grunewald. Es war auf einem breiten Waldweg, nicht weit vom Stadtrand. Wir blieben beide stehen und sahen uns an. Er stellte eine Frage, ich nenne sie mal die F-Frage. Ich sagte nein. Da lächelte er schwermütig und sagte, sich entschuldigend: "Ich brauch das halt." Dann wandte er sich ab und ging in eine andere Richtung. Ich habe danach nie mehr mit ihm gesprochen.

Er verschwand für ein, zwei Jahre aus meinem Gesichtskreis. Dann war er wieder da und ich hörte, er sei in Westdeutschland gewesen. Es hatte weder privat noch beruflich geklappt. Nun versuchte er es erneut in Berlin. Er ließ sich auf riskante Praktiken ein, ich nenne sie hier mal die FF-Praktiken. Dabei gab es einen Zwischenfall, er wäre beinahe verblutet. Er kam durch, wurde lange behandelt und sorgte überall durch sein bloßes Erscheinen für Gesprächsstoff. Es war ihm sichtlich unangenehm. Er bekam viel Taktloses zu hören.

Ich zog fort aus der Stadt. Im selben Jahr las ich, dass er sich umgebracht hatte. Sonntagsspaziergänger hatten ihn gefunden. Er hatte sich gerade am Ort unserer früheren Begegnung an einem Baum aufgeknüpft. Ich las es in einem Nachruf. Der Verfasser stellte dort Vermutungen über ihn an. Er sei wohl unter seiner gefassten, männlich-kameradschaftlichen Oberfläche ein anderer gewesen: verletzlich, einsam und enttäuscht.

Seitdem ist kein Jahr vergangen, in dem ich nicht an ihn gedacht hätte. Die meisten Selbstmörder ziehen sich zum Sterben zurück. Sie wenden sich von uns ab, endgültig. Er dagegen hatte es öffentlich vollzogen, ein Schrecken für harmlose Spaziergänger, ein Vorwurf an die, die ihn gekannt hatten. Sein Tod ein Skandal. Oder wollte er insgeheim, dann man ihn rechtzeitig fände und zum Leben wiedererweckte? In diesem Fall wäre ihm auch das misslungen.
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Arno Abendschön,

Ein beeindruckendes Stück, dass mich nachdenklich hinterlässt.
Und so ist es sehr oft:
Er sei wohl unter seiner gefassten, männlich-kameradschaftlichen Oberfläche ein anderer gewesen: verletzlich, einsam und enttäuscht.
Und sehr oft fragen wir uns: Hätte ich etwas tun können?
In meiner Familie gab es zwei Suizidfälle und mehrere unter meinen Freunden.
Bearbeiten kann ich so etwas nur dank meiner "Religiösen" (um es so zu nennen) Einstellung.
Sehr ausgeglichen geschrieben.
Mit freundlichen Grüssen,
Ji
 

Oscarchen

Mitglied
Hallo Arno,

der zu Eingangs erwähnte Begriff Melancholie ließ mich schon erahnen, wie es endet.
Eine anrührende Geschichte.

LG
Oscarchen
 
Meinen großen Dank für den freundlichen Zuspruch, an Ji Rina, Oscarchen und klauskuckuck.

Da hier primär Textarbeit erwünscht ist, will ich, statt auf Suizid allgemein einzugehen, noch Informationen zum Hintergrund geben. Was mich vor Jahren zur Gestaltung antrieb, war die örtliche Übereinstimmung: Er tötete sich tatsächlich da, wo unser einziges und ganz kurzes Gespräch stattgefunden hatte. Klingt konstruiert, war aber tatsächlich so; alles rein autobiographisch, wegen Totensonntag heute hervorgeholt.

Freundliche Grüsse
Arno Abendschön
 
Danke, Franke, für die sehr günstige Beurteilung des kleinen Textes.

Zu den Abkürzungen: Sie entsprechen dem, das Zartfühlende schreiben lässt: Was ist das heute für ein Sch...wetter. - Im Text wollte ich brutale Offenheit vermeiden, darunter kann ich es jetzt anders handhaben. F. fragte also: "Lässt du dich ficken?" (Er kannte mich ja vom Sehen.) Und die FF-Paxis bedeutet: Faustficken. F. war seinerzeit nicht der Einzige, der so zu Schaden kam.

Man kann, wenn man will, F. als Opfer von sexueller Befreiung und Promiskuität sehen. So attraktiv wie er war, fand er damals mühelos immer neue Sexualpartner, aber die vielen Kontaktmöglichkeiten scheinen ihm nicht gut bekommen zu sein. Im Text wollte ich das nicht zu breit darstellen, eher wie unter einem durchsichtigen Schleier. Der Text selbst ist ja für ein breiteres Publikum bestimmt.

Als ich einmal spätabends den U-Bahnhof nahe meiner Wohnung verließ, sah ich ihn aus der nahe gelegenen Bedürfnisanstalt herauskommen. Das verbirgt sich hinter "den Straßen von West-Berlin". Es hat sich mir eingeprägt, da gerade eines der so seltenen Wintergewitter mit heftigem Schneefall und Blitzen sich entlud.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Arno,

der Buchstabe "F" hat hier viele Bedeutungen - der Text hat eine distanzierte Sprache, aber gerade dadurch zieht er den Leser in seinen Bann. Und lässt ihn mitfühlen.

Trotz der Thematik gerne gelesen!

Viele Grüße

DS
 
Recht vielen Dank, DocSchneider, für Beurteilung und Bewertung. Für mich hat das F noch eine weitere Bedeutung, die ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes hier nicht mitteilen kann.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

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