Liebe Ubertas, du Sprachvirtuosin und Wortweberin,
unsere irischen Freunde sind weg. Nun habe ich Zeit, mich deinem wunderbaren Gedicht zu widmen. Hier ein Versuch der Annäherung:
Ich lese diese Zeilen als ein Verschmelzen von Körper und Herbstlandschaft. Das Haar wird mit Bäumen, Licht und September verbunden, als hinterließe die Jahreszeit ihre Farben unmittelbar am Menschen.
„aus sonnenbäumen / banden sie mein haar“ lässt zunächst vermuten, das Haar selbst bestehe aus sonnenbeschienenen Bäumen. Zugleich klingt darin die gewöhnliche Bewegung an, jemandem die Haare zurückzubinden. Beides überlagert sich: eine vertraute, beinahe zärtliche Berührung und eine Verwandlung ins Pflanzliche. Wer „sie“ sind, bleibt offen.
Besonders ungewöhnlich steht „nach hinten september“ im Satz. „Nach hinten“ gehört zunächst zum Zurückbinden der Haare; dann unterbricht „September“ die Bewegung. Für mich wirkt es, als würde der Monat selbst ins Haar eingeflochten. Man könnte darin auch etwas Rückwärtsgewandtes hören: den Sommer, der bereits hinter einem liegt.
„eine strähne / orangerieroten lockens“ verdichtet Farbe und Bewegung. In „Lockens“ klingt sowohl die Haarlocke als auch das Locken, das Anziehen und Verführen, mit. Das ungewöhnliche „orangerierot“ ruft für mich ein warmes Orange-Rot auf, trägt aber auch die „Orangerie“ in sich – einen Ort bewahrter Wärme.
So entsteht für mich ein sinnliches Septemberbild: Der Sommer zieht sich zurück, doch seine Wärme bleibt noch als Farbe und Berührung im Haar. Eine mögliche Lesart, keine eindeutige Auflösung – gerade die offene Grammatik hält die Bilder in Bewegung.
Wenn du einen Gedichtband herausbringen würdest, ich würde ihn kaufen.
Allerbeste Grüße
Chandrika