Fahrradfahren - Alles Neuland

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Als wir jung waren fuhren wir Fahrrad. Damenfahrrad, Herrenfahrrad. Für den Sport gab es Rennräder. Das waren Fahrräder mit einem gebogenen Lenkrad. Für die Exoten gab es noch Klappräder, Bonanzaräder und später BMX-Räder. Es gab Eingang, Zweigang-, Dreigangnabenschaltung und 5-Gang Kettenschaltung, für die Rennräder 10-Gang. Fertig. Ach so, Tandems gab es auch.

Wenn wir in den Urlaub fuhren, packten wir hinten eine Fahrradtasche auf den Gepäckträger. Die gab es noch: Gepäckträger. Und Schutzbleche. Zur Sicherheit hatte man vorne einen Dynamo, der das Vorder- und Rücklicht mit Energie versorgte. Helme gab es nicht zur Sicherheit.

Mit diesen Fahrrädern fuhr man zum Bäcker, zur Arbeit oder in den Urlaub nach Holland oder Südfrankreich.

Natürlich gab es auch in den 80ern Freaks. Es gab diese Hefte, wo man sich sein Rad individuell zusammenstellen konnte. Speziallager, ganz leichter Rahmen, vergoldete Speichen. Auch da konnte man schnell 10.000 Mark loswerden. Wenn sich jemand bei mir meldet, der mir beweisen kann, dass er so ein 10.000 Mark Fahrrad hatte, lade ich ihn ein, zahle die Getränke und höre mir den ganzen Abend seine Geschichte an. Oder ihre Geschichte.

Klingt alles kompliziert? Abwarten! Denn...

Anfang der 2000er Jahre war es vorbei mit den Fahrrädern. Immer weniger wollten fahren, die Dopingskandale in der Tour de France hatten das Fahrrad desavouiert. Außerdem fuhren alle mit dem Auto zum Bäcker, zur Arbeit oder in den Urlaub. Fahrradfahren war ein Exotenvergnügen geworden. Nur wer Student oder Schüler war, setzte man sich auf irgendwelche alte Schese und radelte dahin.

Doch dann entdeckte die Industrie das Rad neu, außerdem kam das Internet. Irgendwann kamen Facebook und Youtube und dann war es mit dem Nischendasein dahin.

Fahrräder sieht man heute keine mehr, aber der Markt boomt. Ein Widerspruch? Beileibe nein:

Es gibt keine Fahrräder mehr. Aber es gibt Bikes. Es gibt Bikes für jeden Anlass und jede Lebenslage. Unter drei Bikes geht heute bei OttoNormalBiker nichts mehr.

  • Für den Weg zum Bäcker gibt es klar: Das Citybike
  • Für den Ausflug am Wochenende: Das Treckingbike
  • Für den Ausflug am Wochenende in die Berge: Das Mountainbike
  • Für den Ausflug am Wochenende, wenn schnell gefahren werden soll: Das Rennrad
  • Für den Ausflug am Wochenende, wenn es schnell gehen soll, die Wege aber trotzdem unwegsam sind: Das Gravel-Bike
  • Für die Weltreise, über mindestens drei Kontinente: Das Reiserad. Das Reiserad ist am ehesten mit dem Fahrrad zu vergleichen, mit dem man einst nach Holland und Südfrankreich in den Urlaub fuhr
  • Die Alten und Schwachen, die Faulen und Ängstlichen fahren natürlich: E-Bike. Diese unterscheiden sich auch wieder, entsprechend, s.o.

Ein Bike braucht Zubehör


Für jeden Anlass gibt es unterschiedliche Reifen und unterschiedliche Laufräder. Am besten hat man gleich mehrere Sätze, die mit Hilfe von Schnellspannern, vermeintlich schnell, gewechselt werden können. Geschaltet wird wie weiland über Nabe oder Kette. Aber welche Nabe: Drei, Fünf, Sieben, Acht oder vierzehn Gänge? Oder doch lieber Kette mit einem, zwei oder drei Ritzeln vorne und fünf, sechs, sieben, acht oder neun hinten? Soll manuell oder elektrisch geschaltet werden?
Wer viel schaltet und viel fährt, muss auch Bremsen. Mit Felgenbremse, mechanisch oder Öldruck, mit Scheibenbremse?

Früher fuhr man nach Karte. Heute gibt es tolles Kartenmaterial. Das wird aber ergänzt durch diverse digitale Helferlein. Mit verschiedenen Klemmvorrichtungen installiert man sich Navigationsgeräte, die auch gerne mit dem Smartphone gekoppelt werden, das den Walkman der 80er abgelöst hat. Mit dem konnte man aber nur Musik hören. Diese Navigationsgeräte zeigen Dir den Weg, zeichnen den Weg auf und mit der entsprechenden App beweist Du anschließend Deinen Followern, wo Du warst, wie schnell Du warst, wieviel Höhenmeter Du überwunden und wieviel Kalorien Du verbraucht hast. Wenn du noch wissen musst, wie hoch Deine Wattzahl war, installierst du das entsprechende Gerät an Deinen Kurbeln.

Früher hatte man eine Fahrradtasche, die kam auf den Gepäckträger. Heute betreibt man Backpacking. Das Problem dabei ist, dass es heute keine Gepäckträger mehr gibt. Doch, es gibt sie noch, sie werden aber nur von Unwissenden genutzt. Der Biker von heute setzt auf Lowrider. Die können vorne und hinten befestigt werden und die Taschen, äh Backpacks, werden eingehängt. Dazu kommen noch die Rahmentaschen, die Taschen für die Sattelstütze, die Lenkradtaschen. Alle mit unterschiedlichen Systemen, weil unterschiedlichen Patenten. Marktführer ist eine Firma, die früher LKW-Planen produziert hat und aus diesen jetzt Backpacks herstellt. Diese zusammengeschweissten Kunststofffolien mit unterschiedlichen Befestigungspatenten kosten mindestens dreistellig im Doppelpack.

Ach so, da Schutzbleche, eine der besten Erfindungen gegen aufwirbelnden Dreck, so was von out sind, gibt es heute komplizierte Plastiksysteme, die mittels Klettband und anderen unpraktische Verschlüssen im Fall der Fälle an den Bikes befestigt werden können und mehr recht als schlecht ihre Funktion erfüllen.

Jedes Gramm zählt
Wichtig ist immer, dass alle Anbauteile vorgeblich fix wieder abgebaut werden können, denn: Jedes Gramm zählt. Je leichter, desto teurer. Wegen dieser Bikebulimie gibt es natürlich auch keine Dynamos mehr. Es gab eine Zeit lang sehr praktische Nabendynamos, aber auch das geht gar nicht mehr. Jedes Gramm zählt. Deshalb werden heute im Bedarfsfall wild blinkende Leuchteinheiten vorne und hinten angeklippt, die meist dann nicht funktionieren, wenn man sie braucht, weil die Batterie gerade leer ist. Doch auch darauf hat die Bikeindustrie reagiert und bietet heute handtuchgroße Solarpanels an, die nebenbei auch die Navigationsgeräte, Smartphones und andere Helferlein mit Strom versorgen sollen, was auf Weltreisen sicher eher in Namibia als in Neheim-Hüsten funktioniert.

Youtube & Co.
Dieser Absatz über das Biking ist jetzt unwesentlich länger geworden, als der über das Fahrradfahren. Aber keine Sorge: Guter Rat ist nicht teuer. Für alle Fragen rund um das Biking gibt es jetzt Youtube-Tutorials. Die erklären nicht nur, wie man ein richtiges Bike auswählt, sondern auch wie man damit durch die Welt fährt. Sie erklären, wie man sein Backpack richtig packt, was man essen muss und wie die ganzen Zubehörteile so in etwa befestigt werden und funktionieren. Ein Tutorial, welches Fahrrad ich brauche, um zum Bäcker zu fahren finde ich dort natürlich nicht.

Kein Wunder, dass sich bei dieser Vielfalt niemand mehr traut, nur ein Bike zu besitzen. Wie gesagt, unter dreien geht nichts.

Und auch für diejenigen, die jetzt völlig verunsichert sind und sich gar nicht mehr nach Draußen trauen, weil sie Angst haben, dass falsche Bike zu benutzen, hat die Industrie vorgesorgt: Sie kaufen sich eine so genannte Rolle, schnallen ihr Bike drauf, verbinden sich mit dem Internet und fahren dann die schönsten Strecken der Welt im heimischen Wohnzimmer ab. Sie können dabei sogar gegen ihren Nachbarn ein Wettrennen fahren. Wie das genau funktioniert finden Sie in den entsprechenden Youtubetutorials. Nur an echte Brötchen kommen sie damit nicht ran. Doch auch dafür wird die Industrie bald eine Lösung finden.
 

Hagen

Mitglied
Hallo Schreibensdochauf,
Geile Sache, das!
Leider steht mein Fahrrad (ich habe nur eins) in der Garage, weil ich gelegentlich mal Luft aufpumpen müsste.
Naja, zuviel Action, da nehm' ich lieber das Auto um zum Bäcker zu fahren, oder zum Getränkemarkt!
Überhaupt ist ein voller Bierkasten schwer auf dem Fahrrad zu trasportieren; - es sei denn, es ist ein Liegerad mit Anhänger.
Hm, wäre doch mal eine dankbare Aufgabe für die Fahrradindustrie sowas zu bauen.
Nun ja,
wir lesen uns!
Herzlichst
yours Hagen


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Schulbildung schadet niemanden, sofern er sich später die Mühe macht, etwas Ordentliches zu lernen.

(Karel Soltan)
 

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