Fallrichtung

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Eine Sternschnuppe
streicht der Nacht
das Dunkel durch.

Mein Körper erstarrt,
als hätte das Licht
ihn bei einem Geheimnis
erwischt.

Unter meiner Zunge
kommt ein Wunsch
zu sich.

Ich spreche ihn nicht aus.
Noch ist er
ohne Grenze,
ohne Danach.

Später liegt der Himmel
wieder unversehrt
über den Häusern.

Ich gehe weiter.

Mein Körper nimmt die Richtung,
bevor ich sie begreife.
 
Zuletzt bearbeitet:

Rachel

Mitglied
Eine Sternschnuppe
streicht der Nacht
das Dunkel durch.

Das Bild kommt sofort in Bewegung und leuchtet nach; gefällt mir unglaublich gut.
Hat, überlege ich, vielleicht sogar was von einem Haiku ... hm, noch zwei Wörter?

Eine Sternschnuppe
streicht der Nacht im Bogen
das Dunkel durch.

Kann sein, dass der Körper in Annahme oder Wahrung einer Bewegung im gleichen Moment Bewusstheit ist wie er sich begreifend am Geheimnis Himmelspiel erstarrt? Sich vielleicht tot (vor)stellt?

Lesart S4 wäre dann möglicherweise: Ich spreche ihn (den Körper) nicht aus.

Körper und Wunsch nun "unter meiner Zunge" kommt "zu sich" wie Sterbenlernen oder Loslassen grenzenlos ... da oben, im Zelt.

In der letzten Strophe gefiele mir deshalb auch anstatt "kennt" -

"nimmt".

Mein Körper nimmt die Richtung (Leid), bevor ich sie begreife (in Sprache verwandle - reagiere).

Wie auch immer - dein Gedicht ist, liebe Chandrika, eine tolle Vorlage, sehr inspirierend.

LG Rachel
 
Liebe Rachel,

hab ganz herzlichen Dank für deine intensive und so einfühlsame Lektüre. Wie schön, welche Bewegungen und Gedanken das Gedicht in dir ausgelöst hat!

Deine Haiku-Assoziation gefällt mir sehr. „Im Bogen“ lässt die Sternschnuppe tatsächlich noch sichtbarer werden – zugleich hänge ich ein wenig an der Kargheit der ursprünglichen Zeilen. Darüber muss ich nachdenken.

Auch dein Vorschlag „nimmt“ statt „kennt“ ist spannend: Der Körper weiß dann nicht nur etwas voraus, sondern nimmt die Richtung bereits an, bevor Sprache und Begreifen folgen. Das eröffnet noch einmal einen anderen Raum. Ich nehme deinen Vorschlag daher gerne an und setze ihn um.

Besonders berührt mich deine Lesart des unausgesprochenen Körpers und des Loslassens. Ich lasse deine Gedanken jetzt erst einmal in mir nachleuchten.

Danke dir, liebe Rachel – solche Rückmeldungen sind ein Geschenk.

Herzliche Grüße
Chandrika
 



 
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