Falsch verbunden

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Seinen Umzug nach Berlin hatte Albert gut überstanden. Er war so weit, dass er Danziger anrufen konnte, den guten alten Danziger. Sein Blick streifte den Kaktus, der zum vierten Mal mit umgezogen war: siebenunddreißig Jahre von ihm gepflegt – und Rupert Danziger kannte er noch etwas länger.

Danziger ging nicht ans Telefon. Er hatte eine neue Ansage auf dem Anrufbeantworter, die seltsam schelmisch klang: „Vielleicht bin ich ja nicht zu Hause …“ Es war seine Stimme, nur etwas verfremdet. Als hätte er nun ein Engagement an einem Kindertheater und spräche als Märchenonkel mit leicht verstellter Stimme zu den Kleinen.

„Lieber Rupert“, sagte Albert nach dem Signalton, „du hattest doch in diesen Tagen Geburtstag. Dazu noch meine guten Wünsche fürs leibliche und seelische Befinden. Was mich betrifft, ich bin gerade komplett übergesiedelt, ganz und gar. Willst du mich nicht mal in meiner neuen kleinen Behausung besuchen?“ Und so weiter.

Kein Rückruf von Danziger. Das war ungewöhnlich. Nach zwei Wochen wählte Albert erneut die bekannte Nummer. Und wieder nur seine vertraute Stimme auf der Sprachbox! Sollte da etwas passiert sein? Stunden später erreichte er ihn doch noch. Nur dass der andere bestritt, Rupert Danziger zu sein – er leugnete es! Dabei verriet ihn doch diese Stimme mit ihrem gepflegt nervösen Timbre. Albert sagte: „Dann entschuldigen Sie bitte“, legte auf und war so gut wie überzeugt, eben mit Danziger gesprochen zu haben. Ein übler Scherz von ihm, er verstellt sich gewiss, alte Leute werden manchmal wunderlich. Wodurch könnte er selbst ihn denn verärgert oder verletzt haben?

Und dann verglich er seine aktuelle Liste der Telefonnummern mit einer älteren noch vorhandenen. Sechs Richtige und doch kein Treffer – die siebente Ziffer falsch übertragen und einen Unbekannten belästigt, wie peinlich. Und überhaupt: Wie hatte er Danziger einen derart geschmacklosen Scherz zutrauen können? Wer wurde da etwa wunderlich? Oder war vielleicht immer schon krankhaft misstrauisch gewesen?

Kein Problem, Danziger kurz darauf sprechen zu können. Seine Stimme allerdings klang seltsam verändert - nicht schon wieder! Sie hörte sich ein wenig leidend an. Nein, nein, es gehe ihm gut, es sei nur das Treppensteigen gerade eben. „Aber wenigstens du“, sagte Danziger, „klingst am Telefon wie immer.“ – „Was für ein Kompliment jetzt, irgendwie auch ein bisschen erschreckend. Weißt du was: Besuch mich doch mal … und dann schauen wir, ob wir noch die Alten sind.“

Und so sollte es geschehen.
 
Hallo Arno,

die Geschichte gefällt mir. Kein überflüssiges Wort, kein Satz zu viel, sie kommt direkt auf den Punkt und Wichtiges wird beiläufig erwähnt (dass der Protagonist zum vierten Mal umgezogen ist, erfährt man über den mit umgezogenen Kaktus - solche Spielereien mag ich).

Das war übrigens wahrscheinlich meine letzte Bewertung vor dem Umbau der Leselupe.

LG SilberneDelfine
 
Danke, Delfine, für deine positive Einschätzung, die ich sehr wohl zu schätzen weiß. Hoffen wir, dass es uns hier ab Mitte November ebenso gut wie bisher ergehen wird - oder noch besser?

Schönen Abendgruß
Arno Abendschön
 
Hoffen wir, dass es uns hier ab Mitte November ebenso gut wie bisher ergehen wird - oder noch besser?
Ich bin davon überzeugt :) besonders gespannt bin ich auf die neue Farbe der Leselupe. Ich las, dass das bisherige Grün "retro" sei, also gehe ich davon aus, dass die Farbe geändert wird.

Ein schönes Wochenende wünsche ich dir und allen Mitlesern und Mischreibern. Und den fleißigen Technikern natürlich.

Bis bald in der neuen Leselupe

LG SilberneDelfine
 

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