Faust (7, 8)

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Eine Komödie von Rolf-Peter Wille in 22 Szenen

(Szenen 1-2)
(Szenen 3-4)
(Szenen 5-6)

(Szenen 7-8)





VII

Fausts Computerzimmer



Faust.

(am Klavier; singt sein eigenes Lied)

"Mein Wort, mein Wort,
[ 2]Wo ziehst Du hin?
[ 2]Wann wirkst Du fort?
[ 2]Wie webt Dein Sinn?
Was kannst Du denn, was sollst Du denn
[ 2]Allein, alleine schaffen?
[ 2]Ein Affe, der veräfft sich bloss
[ 2]So ohne andre Affen.
Wie sollst Du denn, wie willst Du denn
[ 2]Uns als Solist betören?
[ 2]Es müssen sich die Musiker
[ 2]In einer Band verschwören.
Mein Bild, mein Bild. Ein Bild jedoch,
[ 2]Das springt doch aus dem Rahmen!
[ 2]Das ist ein Baum, ein Garten schon;
[ 2]Nicht bloss ein Blumensamen!
Das lockt sie ja, das lockt sie ja,
[ 2]Die grosse Horde Affen.
[ 2]Sie springen in die Galerie,
[ 2]Stehn dumm davor und gaffen.
Sie stürzen sich, sie stürzen sich
[ 2]Hinein in dieses Bild.
[ 2]Sie klettern wendig auf den Baum.
[ 2]Sie purzeln sich wie wild.
Ich hab sie nun, ich hab sie nun,
[ 2]Mit meinem Bild gepackt.
[ 2]Da dürfen sie sich purzeln
[ 2]Im Rhythmus und im Takt.
Sie tanzen mir, sie tanzen mir
[ 2]In bunter Melodie.
[ 2]Gar munter und mit Leidenschaft
[ 2]Und auch Melancholie.
Musik, dein trauter Rhythmus erst,
[ 2]Der wird uns recht durchdringen.
[ 2]Lass mich mein Bild mit meinem Wort
[ 2]In meinem Lied besingen."

Mephisto.

(tritt ein)

Mein teurer Freund, ich bin so frei,
Die Türe stand ja offen –

Faust.

(blickt auf)

Was gibts?

Mephisto.

[ 4]Du wirkst so heiter, ei -
Du bist wohl nicht besoffen?

Faust.

Betrunken machte mich das Wort.
Es trug mich fort, und fort, und fort –

Sprich, trinkst du einen scharfen Korn?
Er steht im Kühlschrank, schau, da vorn.

Mephisto.

Ein Korn? Das klingt so kernig gut!
Mir kocht das Körnige im Blut.
Mein Faust, der ehemals apathische,
Hat einen Sinn für scharfen Geist.

Doch trink ich lieber, wie du weisst,
‘ne Tasse Kaffee, eine aromatische.

Faust.

(nimmt eine antike Kaffeemühle)

Dann mahle ich. Doch sage mir,
Wärst du bereit? Gern läs ich dir
Heut meine neusten Verse vor.

Mephisto.

So schiesse los. Ich bin ganz Ohr.

Faust.

(mahlt Kaffee und deklamiert Verse)

Warum in der Stube hocken?
[ 2]Weite deinen Geist, mein Kind!
[ 2]Komm, ich mach mich auf die Socken,
[ 2]Greife meinen Stock geschwind.
Reise rasch nach Transsylvanien.
[ 2]Die Geranien will ich schnuppern,
[ 2]Und ich nasche von Kastanien
[ 2]Wenn die Samoware blubbern.
Und so suchet sich mein Leben
[ 2]Seine Seele im Gedicht.
[ 2]Nur nach Poesie zu streben,
[ 2]Dies ist meine heilge Pflicht.
Ach, wie bös ist mein Erwachen!
[ 2]Niemals hätt ich es geahnt.
[ 2]Tief im Lande lauern Drachen
[ 2]Und ihr Rachen ist gezahnt.
Und am Grabe von dem Vater
[ 2]Weht mein Schmerz so wild und frei.
[ 2]Schwarz gewandet kommt ein Pater
[ 2]Aus der dunklen Sakristei.
Selbst die flinken Fledermause
[ 2]Flattern nun im Trauerflor.
[ 2]Schauerlich durch die Kartause
[ 2]Tönt der Toten Klagechor.
O du schnödes Transsylvanien!
[ 2]Hätt ich dich doch nie bereist!
[ 2]Ich verlasse euch, Geranien.
[ 2]Lebe wohl, mein Dichtergeist!
Wozu in die Ferne eilen?
[ 2]Schau, das Gute wohnt daheim.
[ 2]Hier nur darf ich sanft verweilen,
[ 2]Dieses sei mein letzter Reim.

Mephisto.

Nice! Gefällig, deine Lieder –
Doch vielleicht ein wenig bieder.

Reist allein nach Nirgendwo?
[ 2]Pack sie dir ins Portmanteau,
[ 2]In Graf Drakulas Chateau
[ 2]Leg sie ein
[ 2]Ins Gebein,
[ 2]Wörter von Herrn Frankenstein!

Mein Faust – was schaust du so betroffen?

Faust.

Nicht ich – nein du bist heut besoffen!
Du kommst zu mir bloss um zu faseln?
Gespinste sind das, oder Gaseln.

Mephisto.

Was machst du denn für ein Gesicht?
Sag, kennst du Lewis Carroll nicht?
Alicia im Wunderland.
Ist dir die Kleine nicht bekannt?

(Faust nickt)

Das dacht ich mir. Du kennst sie doch.
Und trafest du den Jammerwoch,
Den Jabberwocky, meinen Drachen?
Den kennst du nicht? Da muss ich lachen.

Faust.

Nie gehört. Doch sag mir bloss,
Was bedeutet "Portmanteaus"?

Mephisto.

Frankenwörter, Portmanteaus –
Kofferworte sind noch toffer –
Statt der Kleider in den Koffer
Packst du Wörter und bon mots:

Sakristei und Transsylvanien
Sind zusammen Sankristanien
Oder aber Sangristei.
Doch das sei uns einerlei,
Wenn es nunmehr also heisst:
"O du schnödes Sankristanien!
Hätt ich dich doch nie bereist!"

Ist die Holde heute blöde,
Ihre Prüderei so spröde,
Ist sie schnöde mal, mal holde,
Tja, dann ist sie deine Schnolde:
"O du schnoldes Sankristanien!
Hätt ich dich doch nie bereist!"

Fledermäuse werden Fläuse,
Schrill und schaurig schrauelig.
Und die flattern durchs Kartäuse
Schliff gesimmt und sabberig.

Doch flattern sie ein wenig schlapp.
Schlattern bringt sie frisch auf Trab:

"Und es schlattern all die Fläuse,
[ 2]Schliff gesimmt im flugsen Flor.
[ 2]Schrauelig durch die Kartäuse
[ 2]Siriliert ihr Sabbachor."

Faust.

Hui, das klingt vielleicht exotisch!
...oder aber idiotisch...

Mephisto.

"Und am Grabe von dem Vater
Weht mein Schmerz so wild und frei"?
Warum nicht der Nosfurater
Und der wilde Wandolei?

Faust.

Wandolei? Versteh kein Wort.

Mephisto.

Schreibst du einen Schulreport?

Geht es nur um das Verstehen,
Dann begrab dir die Ideen.

"Und am Grab von Nosfurater
Weht der wilde Wandolei
Schmerzgewallet wie ein Pater
Aus der schmären Sangristei."

Faust.

Schmäre? Schnolde? Sangristei?
Nosfurater? Wandolei?

Es dreht sich mir im Kopf.

Mephisto.

Du bist und bleibst ein armer Tropf.

Jetzt muss ich aber leider gehn.
Adieu, Herr Faust!

Faust.

[ 5]Auf Wiedersehn.

(Mephisto geht)




VIII

Billardsaal: Mephisto und Meager Art spielen




Mephisto.

Was macht der Faust, mein Töchterlein?
Hast du ihn dir gekrallt?

Meager Art.

Wir trafen uns im Mondenschein
Auf einer Bank im Wald.

Mephisto.

O wie poetisch! Wunderbar.

Meager Art.

Ich frass ihn auf mit Haut und Haar.

Mephisto.

Obschon er keins mehr hat.

Und? Bist du satt?

Meager Art.

[ 5]Ich find ihn nett.

Mephisto.

Mein holdes Seelchen redet gar,
Als wenns ein Seelchen hätt.

Hälst du kein Pfand in deiner Hand
Von diesem armen Wicht?
Sonst steh ich da und krieg ihn nicht...

Meager Art.

Mal dich nicht selber an die Wand!

(Faust tritt auf mit einem Cognacschwenker in der Hand)

Mephisto.

Da schau – wenn man vom Teufel spricht,
So kommt er selbst gerannt.
Sein Anagramm? Heut ist es "sauft".
Mal sehn, was er uns da verkauft.

(zu Faust)

Professor Faust; seit wann gefiel
Euch denn das schnolde Billardspiel?

Faust.

Hier seid ihr! Und ich rannte fast bis Spanien.

Ich wollt euch, wenn ich darf, mein Sankristanien...

Mephisto.

Das schnolde mit verlassenen Geranien?
Schon fertig?

Faust.

[ 4]Darf ichs deklamieren?

Mephisto.

Frisch zu! Ihr sollt euch nicht genieren!

Nimm uns mit nach Transsylvanien –

(spielt Billard mit Meager Art während Faust deklamiert)

Faust.

O du schnoldes Sankristânien!

Warum in der Stube schnocken?
[ 2]Weite deinen Geist, mein Kind!
[ 2]Komm, ich mach mich auf die Socken,
[ 2]Greife meinen Stock geschwind.
Reise rasch nach Sankristânien,
[ 2]Will die frischen Lanien schnuppern,
[ 2]Wandeln unter den Kastanien
[ 2]Und am Summovare schlubbern.
Denke meiner Seel zu frieden,
[ 2]Dünke mich im Paradeis.
[ 2]Nur der Poesie zu schmieden
[ 2]Sei mein heiliges Geleis.
Ach, wie arg ist mein Verzachen!
[ 2]Niemals hätt es mir geschwant.
[ 2]Unter Lanien blummern Rachen,
[ 2]Schwitz geschweift und blut gezahnt.
Und am Grab von Nosfurater
[ 2]Weht der wilde Wandolei
[ 2]Schmerzgewallet wie ein Pater
[ 2]Aus der schmären Sangristei.
Und es schlattern all die Fläuse,
[ 2]Schliff gesimmt im flugsen Flor.
[ 2]Schrauelig durch die Kartäuse
[ 2]Siriliert ihr Sabbachor.
O du schnoldes Sankristânien!
[ 2]Hätt ich dich doch nie bereist!
[ 2]Lebet wohl, ihr holden Lanien!
[ 2]Lebe wohl, poëtscher Geist!
Wozu in die Ferne schweilen?
[ 2]Treue stets dem trauten Häum.
[ 2]Ja, hier darfst du dich vertreilen,
[ 2]Selig und in sachter Säum.

Mephisto.

(applaudiert mit Queue unterm Arm)

Mein sel’ger Faust, ihr habts vortrefflich ausgeführt!
So eloquent und so versiert! Ach – zum Verwöhnen!

Meager Art.

Hast du das Werk schon publiziert?

Faust.

Noch nicht. Da wird man mich verhöhnen.

Mephisto.

I wo, i wo! Bei diesen schönen
Erfundnen Wörtern wird man wild dich feiern. –

...wohl noch in grauer Zukunft deine Verse leiern...

Ein wenig Mumm mit etwas Schuss!

Faust.

Ein rechter Mann, wer mit Genuss
Schlägt einmal drauf und damit Schluss!

(leert Cognacglas)

Mephisto.

Prost! Nur zu. Kein Scherz, kein Scherz.
Gehe auf die Foren.
Traue dich! Fass dir ein Herz.
Zeig es diesen Toren!

Faust.

(zu Meager Art)

Kommst du, meine schnolde Fee?
Ich sing dir holde Lieder...

Mephisto.

(zu Faust)

Geh mit ihr. Ja geh, geh, geh
Und sing sie immer wieder.

(Faust und Meager Art ab)

--

(Mephisto allein; stösst langsam eine Kugel an)

Pfuhl dich durch die Höllenpforte,
[ 2]Sachte nur, gleich bist du da.
[ 2]Schleich zum Klang der Frankenworte,
[ 2]Summ dir ein drakules La.
Labe dich an den Ergüssen
[ 2]Deiner feinen Poesie.
[ 2]Nasch nur von den Satanüssen
[ 2]Meiner fiesen Fantasie.
Und ersinne süsse Lieder,
[ 2]Sanft, sonor und stets perfider.

Suhle dich in der Spelunke,
[ 2]Sauf dich grünlich, lach dich blau.
[ 2]Schnalzt die Kröte mit der Schnunke
[ 2]Walzt Mephisto auf der Sau.
Aale dich in den Genüssen
[ 2]Einer schnöden Hedonie.
[ 2]Schaler soll die Muse küssen
[ 2]Solcher öden Parodie.
Und verleime deine Lieder
[ 2]Noch gemeiner, noch perfider.

Buhle um die Gunst der Gosse
[ 2]Und um Babels kranken Wein,
[ 2]Und ernenn dich zum Kolosse,
[ 2]Mein genialer Frankenstein.
Brenne nun in dem Genusse
[ 2]Deiner elenden Manie,
[ 2]Denn ich gebe dir im Kusse
[ 2]Meine ewge Agonie.
Schreie, schreie deine Lieder
[ 2]Immer wieder, immer wieder,

(spielt gegen sich selbst im accelerando)


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