Feier

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Vom Kleinsten bis zum Ältesten, von den Orchideen bis zu den Wänden und Weinen, treibt mich das Weiß um in den offenen Räumen.
In glänzenden Tischen, Spitzendecken und lachenden Augen. Nur die Lippen sind Blutrot und sprechen vom Leben.
Die Worte schwellen an und prallen von den Wänden als Lachen zurück in die offenen Münder.
Ich höre ihnen zu, aber ihre Sprache ist kaum zu verstehen.

Sie kriecht mir unter den Anzug, unter die Haut, sie kriecht mir in die Venen bis in die Nerven und zurück.

Plötzlich möchte ich das Tischtuch zerschneiden.
Ich möchte die Weine blutig färben und die Teller zertrümmern.
Die Stühle werfen, den Vorhang zerreißen und schreien.
Ich möchte die Kerzen umstoßen, alles in Brand setzten und lachen.

Stattdessen entschuldige ich mich und trete vor die Tür,
Die Einladung zur Feier zerknülle ich und werfe sie auf die Straße.

Dabei klangen die Abschiedsworte so echt.
 
A

aligaga

Gast
Sorry - aber dass es sich um einen Leichenschmaus handelt, kommt tatsächlich nicht herüber. Das mit den Abschiedsworten versteht man eher als Laufpass am Rande (sie hat den falschen geheiratet!) und das selbstbezogene, recht schwülstige Gejammer auf die Seelenlage des Verschmähten.

Jeder, der schon mal bei einem Leichenschmaus mitgemacht haben sollte, weiß, dass es dort nicht so dramatisch traurig zuzugehen pflegt. Nach der Beerdigung ist nach der Beerdigung, und mit dem Sarg ist ein Teil der Trauer verschwunden. Das ist ja auch Sinn und Zweck einer Grablegung.

So richtig betroffen vom Tod ist in der Regel doch nur der Verblichene. Das sollte man bei aller Trauer nicht vergessen, wenn man sie denn besingen möchte.

Heiter

aligaga
 
Hi aligaga
Gut, wenn es nicht ersichtlich ist dass es sich um
eine Beerdigung handelt, habe ich es falsch gemacht.

Ich hatte das Pech schon auf recht vielen Beerdigungen
anwesend zu sein. Mich hat die gute und ausgelassene Stimmung
immer wütend gemacht. Sie erschien mir falsch.

Obwohl ich natürlich weiß, dass Gejammer unsinnig ist.
Bloß ein Gefühl.

Vielen Dank für die ehrlichen Worte.

L.G
Patrick
 

molly

Mitglied
Lieber Patrick,

die Gefühle, die Du hier beschreibst kenne ich gut, und sie sind echt.

"Die Worte schwellen an und prallen von den Wänden als Lachen zurück in die offenen Münder.
Ich höre ihnen zu, aber ihre Sprache ist kaum zu verstehen."

Diesen Teil habe ich in einem Gedicht "Totenstille" genannt,
man hört viele Worte, doch dringen sie nicht durch, alles rauscht vorbei.

Dann, wenn der größte Trubel im Haus vorbei ist, kommen die Fragen, die Wut und die "Totenklage":

""Sie kriecht mir unter den Anzug, unter die Haut, sie kriecht mir in die Venen bis in die Nerven und zurück.

Plötzlich möchte ich das Tischtuch zerschneiden.
Ich möchte die Weine blutig färben und die Teller zertrümmern.
Die Stühle werfen, den Vorhang zerreißen und schreien.
Ich möchte die Kerzen umstoßen, alles in Brand setzten und lachen.""

Doch das passiert meist vor der Beerdigung.

Nach der Beerdigung kehrt langsam "Totenruhe" ein. Und das Zusammentreffen dient der Erinnerung.

Wie wäre es, wenn Du Deine Geschichte mit der Nachricht vom Tod eines lieben Menschen beginnst? Vor der Beerdigung kann es jedem grausen: vor der Abschiedsfeier, den weißen Tüchern...

Ich lese Deine Texte sehr gern.

Liebe Grüße

molly
 
A

aligaga

Gast
Es geht hier nicht um das plötzliche Hinscheiden eines Menschen, sondern ganz eindeutig um den Leichenschmaus lange danach. Eine Gaststätte; Teller und Tische, nicht Aussegnungshalle, ne?

Trauer trägt man, mit der geht man nicht hausieren. Wer beim Leichenschmaus immer noch öffentlich leichenbittert, ist ein Egoist, der nur auf sich guckt und nicht auf dem Schirm hat, dass die Zurückgebliebenen ein Recht auf eine Zukunft haben. Essen und Trinken sind der beste Anfang dorthin; auch gemeinsam Musik machen oder Fußball spielen ist eine sehr schöne Sache: Der Verstorbene ist fort und dennoch mit dabei.

Mit einem persönlichen Verlust tagelang nicht fertig werden zu können und es den anderen möglichst deutlich zu zeigen, ist eine scheußliche Angewohnheit; ein untrügliches Kennzeichen der Heuchler und Paharisäer. Echten Trost findet man auf diese Weise nicht.

Leichenschmäuse habe es, so behaupten die Paläontologen vergnügt, schon in der Steinzeit gegeben.

Heiter

aligaga
 
Ich stimme dir volkommen zu aligaga.
Man sollte abschließen können, seine eigenen Interessen
zurückstellen und sich nicht selbst bejammern.

Aber es ist so schwer aus seiner Haut zu kommen.
Begreifen ist das eine, tun das andere.

Ich wollte einfach nur beschreiben wie die Leute, die man
im Leben ein bis zweimal gesehen hat, bei jeder Beerdigung
auftauchen, ein paar Trostworte sagen, nur um sich dann
dem Käsekuchen zu widmen um endlich wieder bis zur nächsten
Beerdigung zu verschwinden.
Brrr mich schaudert.


Hi molly
Danke dir für den einfühlsamen Kommentar :)
Das freut mich sehr.

L.G
Patrick
 
Noch ein Nachtrag.
Muss es denn unbedingt auf der Beisetzung, dem entgültigem Abschied, so fröhlich zugehen? Das kann man doch davor oder danach
machen. Oder bin ich hier ein Rückständiger Westmensch.
In anderen Kulturen ist es ja oft ein riesiges Fest und Ereignis.

Vielleich bin ich zu sehr beeinflusst.
Wahrscheinlich...

Ändern kann ich meine Gefühle damit trotzdem nicht.
Es macht mich wütend.
 

molly

Mitglied
Aligaga, Du schreibst
""Der Verstorbene ist fort und dennoch mit dabei.""
Das ist gut und richtig. Das Zusammensein mit Familie und Freunden und die Erinnerung an den Verstorbenen sind schon einen Teil der Trauerarbeit.
Bei den meisten Beerdigungen, die ich mit erlebt habe, ging es recht heiter zu.

Jeder trauert auf seine Weise und niemand kann das einem Angehörigen abnehmen.

""Mit einem persönlichen Verlust tagelang nicht fertig werden zu können und es den anderen möglichst deutlich zu zeigen, ist eine scheußliche Angewohnheit;""

Vielleicht brauchen manche Menschen nicht tagelang, aber bei andern dauert es eben länger, was nicht heißt, dass sie deshalb den Mitmenschen mit scheußlichen leichenbittermienen begegnen und heuchelnd heulend durch die Straßen laufen müssen.

"Echten Trost findet man auf diese Weise nicht".

Da hast Du wirklich recht.

Lieber Patrik, Deine Geschichte regt jedenfalls zum nachdenken an.

Grüßle an Euch beide

molly
 

Hyazinthe

Mitglied
Lieber Patrick!

Jenseits der Frage, welche Art zu trauern die richtige ist: Mich hat dein Text sehr berührt.
Ich finde, er ist mehr der Lyrik zuzuordnen als der Prosa, denn Sätze wie

Die Worte schwellen an und prallen von den Wänden als Lachen zurück in die offenen Münder.
Ich höre ihnen zu, aber ihre Sprache ist kaum zu verstehen.
und

Sie kriecht mir unter den Anzug, unter die Haut, sie kriecht mir in die Venen bis in die Nerven und zurück.
klingen für mich wie reine Poesie.

Du bist eben ein Dichter.

Gruß, Hyazinthe
 
A

aligaga

Gast
Kein Erwachsener wird gezwungen, zu essen, wenn er nicht möchte, und niemand zwingt einen Erwachsenen, an den Ritualen einer Beerdigung teilzunehmen.

Es macht wenig Sinn, widerwillig zum Leichenschmaus zu gehen und dabei nicht nur sich, sondern auch den anderen die Laune zu verderben - oder gar auf Dritte herabzusehen, weil sie angeblich nicht "richtig" trauerten.

Wie bereits gesagt, hat ein Leichenschmaus nichts mit der Aussegnungsfeier oder der Grablegung selbst zu tun, sondern ist ein probates Mittel, sich wieder selbst und zurück zu den anderen Hinterbliebenen zu finden.

Wer das nicht möchte, sollte dem Ritual fernbleiben, statt geringschätzig an dessen Rand zu stehen und nur auf sich zu gucken.

Die "Häuser am Fluss" sind inzwischen geschlossen und stehen nicht mehr zur Diskussion; es darf deshalb, ohne dass der törichte Vorwurf der "Eigenwerbung" weiter erhoben werden könnte, auf "In der Lagune 18" ff hingewiesen werden - dort wird gezeigt, wie man (in Italien) als Erwachsener mit einem kleinen Mädchen trauern kann, das gerade seinen Pappa verloren hat.

Froh und munter

aligaga
 
Danke Hyazinthe für die erbaulichen Worte.
Ob es Lyrik oder Prosa ist weiß ich in meiner
Unkenntnis nicht zu beurteilen.

Vielen Dank für die Antwort :)

Hi aligaga

Wieder richtig! Es fällt nur schwer auf die
Beerdigung von Familienmitgliedern nicht zu reagieren
und fern zu bleiben.

L.G euch
Patrick
 
A

aligaga

Gast
Es fällt nur schwer auf die
Beerdigung von Familienmitgliedern nicht zu reagieren
und fern zu bleiben.
Das mag sein; es ist gewiss eine Abwägungssache. Die Teilnahme an einem Leichenschmaus ist aber auch für direkte Angehörige des Verstorbenen keineswegs verpflichtend, sondern war immer schon fakultativ.

Nochmal: Man hüte sich davor, die "Schmausenden" in toto als oberflächlich, gefühllos oder unangemessen handelnde Banausen zu sehen. Das Ritual hat einen tieferen Sinn - es hilft, den Verlust zu bewältigen und eint die Hinterbliebenen. Einen besseren "Nachruf" kann sich der Verstorbene vor seinem Tod gar nicht gewünscht haben.

@Ali wünschte sich, nach seinem Begräbnis sollten seine Anverwandten, seine Freunde und seine Feinde ein paar Tage lang so richtig durchfeiern - eine "Sause", von der sie noch Jahre später schwärmen könnten. Das wäre @ali viel lieber als ein protziger Grabstein.

Heiter

aligaga
 

Aina

Mitglied
Hallo Patrick,
das "Weiß" hat mich auch erst auf die Fährte einer Hochzeit gelockt, doch beim zweiten Lesen konnte ich die Trauerfeier gut erkennen. Trauer wird in vielen verschiedenen Farben und Formen gelebt und erlebt. Eine davon beschreibst du sehr treffend und wie ich meine (ohne mich auszukennen), sehr schön lyrisch.
Ich mag, wie du schreibst. Immer wieder.

Ein kleines überflüssiges "t" habe ich noch gefunden und bin am vorletzten Satz hängen geblieben. Er wirkt für mich so sperrig lang vor der letzten, wirklich wichtigen Aussage.
Ich möchte die Kerzen umstoßen, alles in Brand setz[blue][strike]t[/strike](ohne das zweite "t")[/blue]en und lachen.
Stattdessen entschuldige ich mich und trete vor die Tür,
Die Einladung zur Feier zerknülle ich [blue]und werfe sie auf die Straße[/blue].
Dabei klangen die Abschiedsworte so echt.
Wie wäre es das "und werfe sie auf die Straße" einfach weg zu lassen?
Herzliche Grüße,
Aina
 
Hallo Hyazinthe
Es freut mich dass dich der Text berührt hat.
Er ist sehr lyrisch ausgefallen.
Das passiert mir oft gar nicht bewusst ;)


Hi aligaga
Ja, eine Beerdigung ist keine Pflichtveranstaltung.
Ich glaube aber dass man bei Freunden oder Familie
erscheinen sollte. Ob man dann meckern sollte ist
eine andere Sache.


Hallo Aina
Auch dir Danke für das Interesse.
Freut mich :)

L.G
Patrick
 
Vom Kleinsten bis zum Ältesten, von den Orchideen bis zu den Wänden und Weinen, treibt mich das Weiß um in den offenen Räumen.
In glänzenden Tischen, Spitzendecken und lachenden Augen. Nur die Lippen sind Blutrot und sprechen vom Leben.
Die Worte schwellen an und prallen von den Wänden als Lachen zurück in die offenen Münder.
Ich höre ihnen zu, aber ihre Sprache ist kaum zu verstehen.

Sie kriecht mir unter den Anzug, unter die Haut, sie kriecht mir in die Venen bis in die Nerven und zurück.

Plötzlich möchte ich das Tischtuch zerschneiden.
Ich möchte die Weine blutig färben und die Teller zertrümmern.
Die Stühle werfen, den Vorhang zerreißen und schreien.
Ich möchte die Kerzen umstoßen, alles in Brand setzen und lachen.

Stattdessen entschuldige ich mich und trete vor die Tür,
Die Einladung zur Feier zerknülle ich und werfe sie auf die Straße.

Dabei klangen die Abschiedsworte so echt.
 
A

aligaga

Gast
Ja, eine Beerdigung ist keine Pflichtveranstaltung.
Ich glaube aber dass man bei Freunden oder Familie
erscheinen sollte. Ob man dann meckern sollte ist
eine andere Sache.
Nochmal, aber wirklich zu letzten Mal: Du beschreibst keine Beerdigung, sondern den Leichenschmaus. Die Beerdigung, die Gebete, die Trauerreden, die Grabbeigaben: Vorbei. Beim Schmaus geht's - im Einvernehmen mit dem Toten - wieder nach vorn!

Zur Teilnahme am Leichenschmaus wird niemand gezwungen; auch die direkten Angehörigen des Verblichenen können ihm fernbleiben, ohne scheel angesehen zu werden.

Aber wenn man daran teilnimmt, sollte man nicht den überheblichen Spielverderber geben. Das hat keiner der Anwesenden verdient; oft sind sie von sehr weit hergekommen.

Heiter

aligaga
 
Hi aligaga
Ich schäme mich etwas.
Du hast natürlich recht und ich bin blinderweise davon ausgegangen,dass du weißt wie jung ich bin. Der Leichenschmaus war für mich immer Pflicht, wollte ich meine Eltern und Verwandte, die leider sehr nachtragend sind, nicht für lange zeit verärgern.
Sprich, ich war zwischen 12 und 17 Jahren.

Vielleicht daher die Unfähigkeit nicht teil zu nehmen.

Beleidigt oder geringer gemacht hat der Protagonist allerdings niemanden, es spielt ja alles in seinem Kopf und findet nicht zu Worten an andere.

L.G und Danke für die Kritik, die mich sehr nachdenklich macht.
Patrick

PS:
Danke an a. für die Wertung, auch wenn ich sie für ungerechtfertigt halte, bedenkt man was hier sonst so erscheint.
Froh bin ich trotzdem. :)
 
A

aligaga

Gast
Beleidigt oder geringer gemacht hat der Protagonist allerdings niemanden, es spielt ja alles in seinem Kopf und findet nicht zu Worten an andere.
So? Warum schreibt der Autor auf Vorhalt dann:
Ich wollte einfach nur beschreiben wie die Leute, die man im Leben ein bis zweimal gesehen hat, bei jeder Beerdigung auftauchen, ein paar Trostworte sagen, nur um sich dann dem Käsekuchen zu widmen um endlich wieder bis zur nächsten Beerdigung zu verschwinden.
Brrr mich schaudert.
Der Protagonist bildet sich ein, er sei der einzige, der zu trauern "verstünde" oder das "Recht" dazu habe - und verkennt dabei, dass das gemeinsame Totenmal nicht nur wesentlicher Bestandteil der Traueraufarbeitung, sondern in aller Regel auch ein letzter Wunsch des Verblichenen zu sein pflegt.

So was macht man Menschen, die man lieb gehabt hat, nicht kaputt. Es sei denn, man wäre krasser Egoist und dächte nur an sich und an seinen Schmerz.

Gleichwohl heiter

aligaga
 

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