Feldpost

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Sie wartet nicht mehr. Doch ihr ganzer Leib
ist wie ein Haus, durch das die Stille geht,
die jede Tür, die offen vor ihr steht,
durchschreitet - und sie selbst
(sich selbst!)
ein fremdes
Weib.

Kein Mann hat sie berührt; allein der Krieg,
der wie die Sense durch die Felder zog
und ihren Einen aus dem Atem schlug
ihn fortnahm, eh sein Wort zum Munde stieg.

Dort liegt ein Feld, so endlos und so weit,
daß es die Namen, die es birgt, vergißt;
ein Schweigen drüber, das die Lebenden zerfrißt,
drunter auch er - ein Teil der Dunkelheit.

Sie aber trägt ihn weiter wie ein Licht,
das keiner sieht und das noch alle Wärme kennt:
in ihrem Blut ein Sommer ohne End,
in ihrem Aug sein schwindendes Gesicht.

Und manchmal, wenn die Dämmrung niedergeht
und alle Dinge tief ins Dunkel hinein gehen,
spürt sie ihn nah, so nah wie nie geschehn,
und fühlt, was er aus seinem Totenreich erfleht:

Trag mich nicht länger.
Leg mich ab.
Und geh

 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Dio,

ich bin sprachlos und empfehle dein Gedicht.

Liebe Grüße
Manfred
 

trivial

Mitglied
Lieber Dionysos,

Irgendetwas irritiert mich an Deinem Gedicht, ein diffuses Störgefühl, das ich nur schwer in Worte fassen kann.

In meinen Augen beweist der Text großes Können, aber leider wenig Notwendigkeit.

Es tut mir leid, wenn ich Dir damit unrecht tue, doch beim Lesen entsteht für mich der Eindruck, dass das Leid hier konsumierbar wird. Es wird aufgelöst, statt es unaufgelöst stehen zu lassen – als grober Brocken, der im Hals stecken bleibt.

Der Blick auf die Trauernde sollte nicht das Ziel des Gedichts sein, sondern dessen Ausgangspunkt. Es ist traurig schön, es fühlt sich gut an, hier empathisch mitzuleiden. Aber damit bleibt es für mich vor allem die Vorstellung von Trauer, nicht die Begegnung mit ihr.

Ein Text über Trauer, nicht aus ihr heraus.

Vielleicht bin ich hier allzu speziell, aber damit ist es für mich eher eine Romantisierung von etwas Unaussprechlichem, das alles, was nicht in diese Bilder passt, auch nicht erfahrbar macht – wie gesagt: traurig schön.

Das Leid entsteht hier aus den Worten und nicht die Worte aus dem Leid.

Natürlich möchte ich nicht urteilen, dass Deinem Gedicht die Notwendigkeit fehlt – das wäre vermessen. Ich kann nur sagen, dass ich sie nicht spüre und der Text mich deshalb unbefriedigt zurücklässt.

Liebe Grüße
Rufus
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Rufus,
ich bin mir nicht sicher, ob ich vollkommen verstehe, was Du anmerkst. Oft empfinde ich einen gewissen Überdruss, weil das Elegische in der Lyrik so überpräsent scheint. Man kann an manchen Tagen trübsinnig werden. Da fehlt mir bisweilen die hoffnungsfrohe Melancholie, wie Chopin sie in seinen Präludien ausdrückt.
Der andere Aspekt, dass etwas nur dem Namen nach in den Gedichten vorkommt, aber nicht nachempfindbar beschrieben wird, finde ich hier aber auch in den Liebesgedichten. Wenn der Ehrgeiz, ein tolles Gedicht zu schreiben überwiegt, entstehen selten berührende Texte. Es kommt in Fluss, wenn der Autor sich gehen lassen kann. Ja, nicht ganz der richtige Begriff.
Ein schwieriges Thema.
Anders
 
Lb. @trivial ich danke Dir für Deine Kritik, von der ein Satz besonders beeindruckt: "Das Leid entsteht hier aus den Worten und nicht die Worte aus dem Leid". Daraus folgt zwanglos, dass dem Gedicht die "Notwendigkeit" fehlt (ein sehr treffender Ausdruck, der die existenzielle, schonungslos ungeschützte Berechtigung, so wie ich Sie verstanden habe wunderbar auf den Punkt bringt). Nur zwei Gedanken dazu: Das LI im Gedicht macht in der Tat einen sehr verkürzten, fast schon grob verkürzten Leidensweg durch, der an manchen Stellen vielleicht deswegen unauthentisch wirken mag. Das konzidiere ich. Die große Kunst, solche Spannungsbögen organisch in den wenigen Zeilen eines Gedichts zu entfalten ist wohl nur ganz wenigen Dichtern vorbehalten. Zu diesem auserwählten Kreis zähle ich mich nicht. Zudem: Die von mir gewählte Perspektive schafft natürlich vornehmlich Distanz, verlangt von der Leser/in aber am Ende dann doch ein sehr intimes Hinschauen. Das kann einerseits "abprubt" wirken, andererseits auch artifiziell und nicht organisch hergeleitet ?

@Anders Tell "hoffnungsfrohe Melancholie" gefällt mir sehr gut, weil es das Progressive im Leiden so schön "mitnimmt", das "kathartische, reinigigende", wenn das Leid denn auch wirklich in seiner ganzen Tiefe zugelassen wird. Ich würde mein Gedicht auch in diese Richtung lesen. Die positiven Elemente wie "Licht, Wärme, Sommer ohne End" sollen alle auch einen weiteren sehr wichtigen Punkt für mich verdeutlichen:

Das Leben gehört den Lebenden

@Franke Lb. Manfred herzlichen Dank. Wenn ein Gedicht so eine Reaktion auslösen kann, dann ist das eine wunderbare Erfahrung! Merci

mes compliments

dio
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Dio,
in meinem Beitrag habe ich mehr mit trivials Kommentar auseinandergesetzt. Dein Gedicht habe ich ermutigend empfunden und nicht als im Leid verharrend. Zum Schluss der Appell zum Loslassen weißt in die Zeit nach dem Abschied.
Anders
 

trivial

Mitglied
Vielleicht sehe ich in Schwere Bedeutung und diese Gravitas in der Lücke, die beschrieben und besungen immer das Potenzial des Mangels ist.

Jetzt ist die Liebeslyrik vom Barock bis zur Romantik vielleicht aus dem Mangel der fehlenden Selbstverwirklichung entsprungen und war ein „positiver“ Mangel, während in der Moderne das Fehlen der existenziellen Bedrohung ein „negativer“ Mangel ist und eine Sehnsucht nach etwas entsteht, das „echt“ ist und Gewicht hat. Das leidvolle Gedicht wird zum Surrogat für eine existenzielle Erfahrung, bei dem die Worte den Schmerz erst künstlich erzeugen müssen, um eine Schwere zu simulieren.

Das ist bestimmt kein Defizit, aber wohl eine andere Wahrnehmung von Bedeutung – „das Leben gehört den Lebenden“ trifft den Unterschied wohl sehr genau; weil es die Lücke, die Schwere der Bedeutung nicht aushält, wird aus Gravitas eine dekorative, tröstliche Bedeutungsschwere. Das Leiden wird aufgelöst in Hoffnung.

Aber für mich liegt das Potenzial des Mangels im Aushalten dieser Lücke, darin, ihn in seiner ganzen unerträglichen Tiefe spürbar zu machen.

Jetzt bin ich auch kein großer Klassik-Experte, aber auch hier sind mir Beethoven, Mahler und – kürzlich entdeckt – Sibelius weit näher als Chopin oder gar Mozart, da ich auch bei ihnen eine Gravitas spüre, die sich ungefiltert Bahn bricht und eben nicht harmonisch aufgelöst wird.

Wie man sieht, bin ich hier nicht unvoreingenommen und kann deshalb nur konstatieren, dass Dein Gedicht bestimmt aus vielen Gesichtspunkten vieles einlöst – nur eben diese eine, mir so wichtige Facette nicht. Aber das will es wohl auch gar nicht sein, und so ist es einfach „not my cup of tea“.

Merkwürdigerweise fiel mir beim Gedicht „Mutter“ von Franke genau das Gegenteilige auf. Hier spüre ich diese intrinsische Notwendigkeit, aber eben auch eine gespiegelte Irritation zu „Feldpost“. Während für mich bei der „Feldpost“ der Inhalt eine Schwere besitzt, die Form aber zu glatt und konsumierbar wirkt, ist es bei „Mutter“ genau umgekehrt. Die Form ist roh und authentisch, aber der Inhalt prallt hart an meiner eigenen Biografie ab. Beide Texte lösen etwas Ähnliches in mir aus, nur von verschiedenen Seiten. Einmal steht die Ästhetik der brutalen Wahrheit, die Form dem Inhalt im Weg, und einmal der (für mich) idealisierte Inhalt, der die Form auflöst... So sind wir wohl in unseren eigenen Lücken und Erfahrungen gefangen.

Nach all dem Nachdenken denke ich, dass beide Gedichte eine positive Wertung meinerseits verdienen. Es ist vielleicht nicht der objektivste Wertungsmaßstab, aber für mich ist meist entscheidend, wie sehr mich etwas berührt, statt wie sehr ich etwas mag. Und wenn ich so lang und breit über etwas nachdenken musste, scheint es mich enorm ergriffen zu haben...

Viele Dank, Anders und Dionysos, für diesen Austausch :)

Liebe Grüße
Rufus
 



 
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