Felrdan der Dritte

Boelz

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Felrdan der Dritte hatte einen Auftrag. Scharniere, verzierte Zaunstäbe, Metallornamente und ein neuer Satz Hufeisen. Alles für die Herzogsfamilie. Das war sicheres Geld, denn die Herzogsfamilie zahlte immer.

Also machte sich Felrdan ans Werk. Er nahm einen der gegossenen Eisenbarren aus dem Fass neben der Werkbank und legte ihn in die Esse. Die Esse war so alt wie sein Großvater, Felrdan der Erste, selbst.

Als das Eisen heiß genug war, nahm er es heraus und legte es auf den Amboss. Felrdan hob den Hammer und schlug zu. Ein greller Blitz, ein Knall, und er flog rücklings durch den geschlossenen Fensterladen auf die Straße.

Er schüttelte seinen Kopf und sammelte sich. Die Schmiede war nur noch eine Ruine. In der Rückwand war ein Loch, eine der Seitenwände war umgeklappt, die andere bis auf die Grundmauer abgerissen. Von der Vorderwand fehlte die Hälfte. Nur die Seite, mit dem Fenster, durch das er geflogen war, stand noch. Die Tür war ebenfalls noch da, aber hing nur noch an einer Angel. Die Esse fehlte mitsamt Kamin. Der Amboss hatte sich in das Gemüsebeet des Nachbarn gegraben und eine Rinne hinterlassen.

Die Dorfbewohner kamen aus ihren Häusern. Manche zögerlich, andere schnell und neugierig. Sie kamen auf Felrdan zu, der in der Mitte der Straße saß. Seine Vorderseite komplett mit Ruß und Staub bedeckt, während sein Rücken sauber war.

Obwohl sein Heim und seine Schmiede zerstört waren, besorgte es ihn nicht. Andere Dinge schossen ihm durch den Kopf. Die Beschaffenheit des Bodens. Konstruktionen, die seine Arbeit extrem vereinfachen und um ein Hundertfaches beschleunigen würden. Gefühle von Gegenständen. Er verstand, was Hufeisen fühlten. Was Nägel empfanden.

Er griff sich an die Schläfen und schrie auf. Die Dorfbewohner zuckten kurz zurück. Dann begann er zu weinen. Seine Nachbarn standen dort und wussten nicht, was sie tun sollten.

Dann trat der Bürgermeister aus der Gruppe hervor und berührte Felrdans Schulter. "Na, komm. Keine Sorge, Felrdan. Wir helfen dir. Wir bauen die Schmiede zusammen wieder auf", sagte er in beruhigendem Ton.

Felrdan riss den Kopf hoch und grinste. "Ja, natürlich! Zusammen wieder aufbauen. Weniger Zeit. Das ist es! Schneller, zusammen!" Dann schnippste er.

Die Bewohner sahen ihn vorerst mitleidig an. Doch dann fiel einem von ihnen etwas auf. Er deutete mit offenem Mund auf eine Stelle über der Ruine.

Dort begann sich Rauch zu bilden. Nicht aus einem Feuer. Aus der Luft. Der Rauch bewegte sich rückwärts. Dort, wo er ankam, stand die Esse. Die Wände richteten sich auf. Aus dem Gemüsebeet des Nachbarn kam der Amboss geflogen und landete auf seinem ursprünglichen Platz. Das Dach reparierte sich, die Tür bekam ihre fehlende Angel zurück. Sogar der Riss in der Türschwelle war wieder da.

Nach einigen Sekunden stand die Schmiede wieder so, wie sie vor wenigen Minuten aussah. Keine Spur von der Explosion zu sehen, die Felrdan auf die Straße geschleudert hatte.

Niemand in der Gruppe bewegte sich. Dann begannen sie zu flüstern und zu murmeln. "Erz-Schock", sagte einer. "Erz-Syndrom", erwiderte ein anderer im Brustton der Überzeugung. "Seid ihr sicher? War es nicht eher etwas mit Erz-Schreck?", fragte ein Dritter. "Erz-Schreck? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!", erwiderte der Erste.

Felrdan waren diese Wörter durchaus bekannt. Sie standen für einen Unfall. Doch nun wusste er, dass sie mehr bedeuteten. Sie bedeuteten Wahrheit. Und Unwahrheit zugleich. Sie bezeichneten eher einen Zustand.

In seinem Verstand formten sich zusehend mehr und mehr Antworten auf Fragen, die er nie gestellt hatte. Fragen, gestellt von anderen. Antworten, die keine Antworten waren, huschten durch seinen Kopf. Fragmentiert und nie komplett. Das, was er sah, konnte er beantworten. Warum es geschah. Aber niemals die Ursache. Direkte ungefilterte und exakte Wahrheit. Doch nichts davon konnte er konkret fassen. Nur warum seine Tür zwei Scharniere hatte und nicht drei, oder fünf. Wie viele Nägel in den Fensterläden verarbeitet waren und warum Holz, Holz ist. Und Stein eben Stein.

Er stöhnte und schluchzte leise. Der Bürgermeister klopfte ihm auf die Schulter. "Nana, Felrdan. Was hast du denn?", fragte er in mitleidigem Ton. "Dein Zuhause ist doch wieder ganz. Und die Schmiede auch!"

Felrdan sah ihn mit Tränen in den Augen an. "Aber jetzt will ich nicht mehr schmieden."

Der Bürgermeister sah ihn fragend an. "Wie? Du willst nicht mehr? Warum denn nicht?"

"Ich kann es hören", flüsterte er.

"Was kannst du hören?"

"Das Universum. Es ist laut. Und es redet auf mich ein. Unaufhörlich. Das ist unangenehm." Er presste eine Hand an seine Schläfe. Es fühlte sich an, als würde eine Lawine durch seinen Verstand brechen. Aber sie kam niemals an.

Ratlos sah der Bürgermeister zu den restlichen Dorfbewohnern.

"Und außerdem", begann Felrdan. "Ich möchte keine Hufeisen mehr quälen."

"Was? Hufeisen?", fragte der Bürgermeister.

"Ja, Hufeisen! Sie fühlen, wisst ihr? Und was wir mit ihnen machen. Damit sind sie nicht einverstanden!" Felrdan erhob seinen Zeigefinger. "An Hufen von Pferden geschlagen und verschlissen durch Pflasterstraßen. Als Glücksbringer an Wände oder über Türrahmen genagelt!" Der Wirt stellte sich nervös lächelnd zwischen Felrdan und dem Eingang seiner Taverne, um das Hufeisen über seinem Türrahmen zu verdecken.

"Aber das wusstest du doch vorher auch, oder nicht? Wofür Hufeisen verwendet werden. Warum ist das jetzt schlimm?", fragte der Bürgermeister mit geneigtem Kopf.

Felrdan wurde wütend. "Ja, natürlich! Aber jetzt fühle ich es! Es geht ihnen nicht gut!"

Die Dorfbewohner sahen sich fragend an. Einer davon tippte sich an die Stirn. Sein Nachbar nickte.

Dann zeigte Felrdan auf den Schlüsselbund des Bürgermeisters. "Ach, ja! Und die Schlüssel! Sie mögen es überhaupt nicht, wie ihr sie in euren Taschen verstaut. Über die Jahre verbiegen sie sich leicht. Und jedes Mal, wenn es euch auffällt, dann biegt ihr sie grob zurecht. Wisst ihr, wie unangenehm so etwas ist?!" Die Dorfbewohner sahen sich gegenseitig an und zuckten mit den Schultern. Manche scharrten mit den Füßen.

Ein greller Blitz erhellte kurz die Straße in der Mitte der Menge. POPP! In ihrer Mitte stand nun ein Mann mit einer blauen Robe, geschmückt mit Mondsicheln und Sternen. An seinen Füßen, Schuhe mit aufwärts gebogenen Spitzen. Er stützte sich entspannt auf einen rustikalen Eichenstab.

Die Dorfbewohner wichen zurück. "Fürchtet euch nicht!", ließ der Fremde verlauten. "Man nennt mich–" Er schnippste mit den Fingern und neigte kurz den Kopf. Schlagartig richtete er sich wieder auf und lächelte. "Arkanus! Ja, exakt! So nennt man mich. Seltsamer Name. Ich würde mich anders nennen. Aber gut." Schweigen und verwirrte Blicke waren die Antwort.

Arkanus ignorierte das. Er hob seinen Stab, deutete damit auf Felrdan und kicherte. "Hast du mit Eisen gespielt und nun die Rechnung bekommen, hmmmm?"

Felrdan hatte aufgehört zu weinen und lächelte, als er den Stab sah. Eiserne Ringe zierten das Holz. Sie berührten den Stab nicht, sondern kreisten schwebend darum. Felrdan war klar, warum sie das taten. Und wozu der Edelstein gut war.

Auch verstand er, warum der Stab eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte.

Dann neigte er den Kopf. "Ja. Ich glaube, so stimmt es wohl. Ich verstehe es jetzt."

Der Bürgermeister drehte sich zu ihm. "Was meinst du? Was heißt, du verstehst es jetzt?"

Felrdan sah zu ihm hoch und sagte: "Warum wir so sind, wie wir sind. Also Arkanus und ich. Die Mythen der Erz-Magier sind keine Mythen. Eurer Definition nach gehöre ich nun auch dazu."

Der Bürgermeister hob eine Augenbraue. "Ich verstehe nicht. Wovon sprichst du? Ich kenne den Mythos, aber was meinst du damit, dass du nun dazugehörst? Alles in Ordnung bei dir, Felrdan?"

Felrdan nickte. "Nein. Und Ja. Ich weiß es nicht. Und zur ersten Frage: Ich hab versucht, es euch zu erklären. Mehr kann ich nicht tun."

Arkanus schlug mit dem unteren Ende seines Stabes auf den Boden. "Komm! Lass uns gehen. Du weißt, dass ich dir noch viele Dinge zeigen muss."

"Ja. Ich weiß. Bis demnächst!", erwiderte Felrdan, stand auf und stellte sich neben Arkanus.

"Wartet. Wo–", setzte der Bürgermeister an.

POPP! Ein erneuter greller Blitz. Magier und Schmied waren verschwunden. Zurück blieben die Dorfbewohner.

Und eine Schmiede, die sich betrogen und verlassen fühlte.
 



 
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