Ferdinand schlug Nägel in die Dielen (narratives Sonett aus dem Buch Ferdinand)

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Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ferdinand schlägt Nägel in die Dielen,
denn ihn stört das ständige bizarre
seine Nerven tötende Geknarre --
und die sollten so nicht weiter spielen.

Und die sollten lieber leise liegen
ohne aneinander sich zu reiben,
die Geräusche sollten unterbleiben,
Ferdinand wär's lieber, dass sie schwiegen.

Und er spricht: "Ich werde Euch bezwingen,
und mit allen mir vertrauten Kräften
euch an eure Trägerbalken heften,
Ruhe brauche ich vor allen Dingen!"

Ferdinand schlägt heftig mit dem Hammer
auf den Daumen, kauernd in der Kammer.
 

Label

Mitglied
welch eine Pointe!
Ich kann mich nicht erinnern, jemals so bei einem Sonett gelacht zu haben.
Das nenne ich trockenen Humor in Perfektion.
Wunderbar auch die Hinführung - die es spielend leicht ermöglicht sich in Ferdinand einzufühlen.
Doch dann dieser Schmerz!
Ich lache immer noch.

lieber Gruß
Label
 

Willibald

Mitglied
Ein bisschen was Pingeliges:

a) die Zeitstruktur der Szenen:

Das Präsens der ersten Zeile beißt sich ein wenig mit dem finalen Präsens des Daumentreffers. Zusätzlich forciert durch die Ansprache an die Dielen, die in einem Normalscript ja vor der Action erfolgt, hier auch durch das Futur markiert. Das Tempusproblem scheint sich auch im Subtext der Überschrift eingeschlichen zu haben ("schlug")

Ferdinand [blue]schlägt[/blue] Nägel in die Dielen,
denn ihn stört das ständige bizarre
seine Nerven tötende Geknarre --
und die sollten so nicht weiter spielen.

Und [blue]die sollten[/blue] lieber leise liegen
ohne aneinander sich zu reiben,
die Geräusche sollten unterbleiben,
Ferdinand wär's lieber, dass sie schwiegen.

Und [blue]er spricht[/blue]: "Ich [blue]werde[/blue] Euch bezwingen,
und mit allen mir vertrauten Kräften
euch an eure Trägerbalken heften,
Ruhe brauche ich vor allen Dingen!"

Ferdinand [blue]schlägt[/blue] heftig mit dem Hammer
auf den Daumen, kauernd in der Kammer.

b) Marginalien

Das Komma im dritten Quartett nach "bezwingen", die Doppelung von "euch", Kommaproblemchen in der "bizarr-Sequenz"

Vielleicht plausibel:

[blue]Ferdinand holt Nägel für die Dielen,[/blue]
denn ihn stört das ständige bizarre
seine Nerven tötende Geknarre --
und die sollten so nicht weiter spielen.

Und die sollten lieber leise liegen
ohne aneinander sich zu reiben,
die Geräusche sollten unterbleiben,
Ferdinand wär's lieber, dass sie schwiegen.

Und er spricht: "Ich werde Euch bezwingen[blue](,)[/blue]
und mit allen mir vertrauten Kräften
[blue]fest[/blue] an eure Trägerbalken heften,
Ruhe brauche ich vor allen Dingen!"

Ferdinand schlägt heftig mit dem Hammer
auf den Daumen, kauernd in der Kammer.

Beste Grüße

ww
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ferdinand schlägt Nägel in die Dielen, (Gegenwart)
denn ihn stört das ständige bizarre (Gegenwart)
seine Nerven tötende Geknarre --
und die sollten so nicht weiter spielen. (Konjunktiv 2)

Und die sollten lieber leise liegen (Konjunktiv 2)
ohne aneinander sich zu reiben, (Infinitiv)
die Geräusche sollten unterbleiben, (Konjunktiv 2 + Infinitiv)
Ferdinand wär's lieber, dass sie schwiegen. (Konjunktiv 2, zweimal)

Und er spricht: "Ich werde Euch bezwingen, (Gegenwart, Zukunft))
und mit allen mir vertrauten Kräften
euch an eure Trägerbalken heften, (Zukunft, "werden" aus Zeile 1)
Ruhe brauche ich vor allen Dingen!" (Gegenwart, die in die Zukunft reicht)


Die Wiederholung ist hier Stilmittel, sie tritt auch an anderen Stellen auf. (di, Ferdinand,
Ferdinand schlägt heftig mit dem Hammer (Gegenwart)
auf den Daumen, kauernd in der Kammer.


Wo liegt der Fehler?
Dass es keine Vergangenheitsformen sind, wird ja schon dadurch geklärt, dass diese falsch sind, wenn an den anderen Stellen Gegenwart steht. Da bleibt nur Konjunktiv.

Dass die Überschrift Vergangenheit darstellt, liegt daran, dass das Gedicht in der Vergangenheit spielt, aber in einer berichtenden Gegenwart erzählt wird.

Tippfehler werde ich natürlich beseitigen. Danke für die Hinweise.

Die Dopplung ist Absicht, weil sie die Monotonie und die Wiederholung symbolisiert. Wenn man Deklination berücksichtigt, ist es dreifach.

Viele Grüße von Bernd, dem Dichter des Kaltwarm.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ferdinand schlägt Nägel in die Dielen,
denn ihn stört das ständige bizarre
seine Nerven tötende Geknarre --
und die sollten so nicht weiter spielen.

Und die sollten lieber leise liegen
ohne aneinander sich zu reiben,
die Geräusche sollten unterbleiben,
Ferdinand wär's lieber, dass sie schwiegen.

Und er spricht: "Ich werde Euch bezwingen --
und mit allen mir vertrauten Kräften
euch an eure Trägerbalken heften,
Ruhe brauche ich vor allen Dingen!"

Ferdinand schlägt heftig mit dem Hammer
auf den Daumen, kauernd in der Kammer.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Zur Verwendung von Konjunktiv 2:

https://de.wikipedia.org/wiki/Konjunktiv

Irrealis
Der Konjunktiv II wird auch Irrealis genannt. Der Konjunktiv II wird verwendet, um unmögliche und unwahrscheinliche Bedingungen oder Bedingungsfolgen zu benennen oder um auszudrücken, dass unter mehreren an sich möglichen Folgen infolge menschlicher Entscheidungen durch Ermessensgebrauch eine bestimmte Folge ausscheiden werde. ...

PS: Wieso schlägt man sich beim Holen von Nägeln auf den Daumen?
 

Willibald

Mitglied
Das "sollten" als eine präteritale Form ist nicht mein Argument, das "sollten" ist sicher kontextuell Konjunktiv 2 (oder auch ein Imperfekt/Präteritum, hier kontextuell eher nicht).
.
Vielmehr ist Argument, dass mit "sollen" meist der Zukunftsaspekt verbunden ist. (Die Irrealis-Lesart liegt hier nicht zwingend vor. Vielmehr eine recht elaborierte Formel für eine indirekte stille Rede. Auch das "ihm wär es lieber" ist kein echter Irrealis, sondern syntaxsemantisch eine Sonderform).

Explizit dann in "Ich werde euch bezwingen.."

Daher die erste Zeile eventuell mit "holt" und der Vorstufe/Vorbereitung, da schlägt man sich natürlich nicht (noch nicht) auf die Pfoten...

Beste Grüße

ww
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Du hast wahrscheinlich recht, den Begriff "irrealis" habe ich nie wirklich verstanden.
Ich verstehe die Konjunktiv-2-Form hier als dringenden Wunsch (zur Veränderung).

Deutlicher wird es in der ersten Person:
Könntet ihr nicht endlich damit aufhören?
("Nicht" ist hier eine Art "doppelter Verneinung" im Sinne der Bekräftigung. "Aufhören" ist die Verneinung von "weitermachen".

Interessan, dass wir hier über linguistische Aspekte sprechen können, das freut mich sehr. Es hat mir gefehlt.
(Vergleiche den Unterschied zu: "Das hat mir gerade noch gefehlt".
 

Label

Mitglied
Hätten die Dielen nicht gequietscht, würde sich Ferdinand nicht auf den Daumen geschlagen haben.
 

Willibald

Mitglied
Nagel und so

(1) Problemfeld

1.1 Basis - eine diskutable Version (?)

Ferdinand holt Nägel für die Dielen,
denn ihn stört das ständige bizarre
seine Nerven tötende Geknarre --
und die sollten so nicht weiter spielen.

Und die sollten lieber leise liegen
ohne aneinander sich zu reiben,
die Geräusche sollten unterbleiben,
Ferdinand wär's lieber, dass sie schwiegen.

Und er spricht: "Ich werde Euch bezwingen
und mit allen mir vertrauten Kräften
fest an eure Trägerbalken heften,
Ruhe brauche ich vor allen Dingen!"

Ferdinand schlägt heftig mit dem Hammer
auf den Daumen, kauernd in der Kammer.


Das Bedeutungsspektrum des Konjunktivs – es sei erstmal beiseite gelassen – ist sehr komplex und akademisch nervend.

1.2 Zielvorstellungen

Worauf es (mir) hier auch ankommt, ist das linguistische Konzept des „Scripts“. Eng verwandt mit dem „frame“ (Restaurant, Ober, Speisekarte, Menü, Gabel; „Wortfeld“) ist das „Script“ ein in unserem Weltwissen und Kopf gespeichertes Sequenzmuster, ein meist lineares Ablaufschema („Restaurantbesuch“: Auswahl des Restaurants, Garderobe, Tisch, Menükarte….).

Hier bei folgender Sonettversion gab es den Versuch, das entsprechende „Script“ zu installieren und damit den Text für den Leser (noch) zugänglicher zu machen. Die Pointe, also die Durchbrechung des erwarteten Geschehensablaufs wird dadurch keinesweg geschwächt, scheint mir.

(2) Scriptorientierte Sonettversion - Vierersequenz mit Kollaps

2.1 Vorbereitung für eine Arbeit „Nägelholen“, erste Skizze für die Motivation der erzählten Figur, der spezielle Zweck deutet sich bereits an, bleibt aber in der ersten Zeile noch unerwähnt (siehe aber: Ferdinand schlägt Nägel in die Dielen,.)

Ferdinand holt Nägel für die Dielen,
denn ihn stört das ständige, bizarre,
seine Nerven tötende Geknarre --
und die sollten so nicht weiter spielen.


2.2 Aktivierung und Vertiefung der in V3 und V4 bereits anskizzierten Innensicht („Nerven“, „sie sollten nicht“), dabei viele interessante Konjunktive. Indirektheitssignale, keinesfalls Irrealissignale. Ein Irrealis, Label hat darauf hingewiesen, wäre/ist: "Wenn die Dielen nicht gequietscht hätten ..."Besonders deutlich die Irrealisferne in „Ferdinand wär´s lieber“, da durchaus ersetzbar durch den Indikativ: „Ferdinand war/ist es lieber, dass sie schwiegen/ schweigen.

Und die sollten lieber leise liegen
ohne aneinander sich zu reiben,
die Geräusche sollten unterbleiben,
Ferdinand wär's lieber, dass sie schwiegen.


2.3 Die Gedankenrede des zweiten Quartetts wird nun zur lauten monologischen Rede, ein eher komisches Pathos im Frame eines Kampfes mit dem Objekt, das nicht hören kann, aber jetzt gleich fühlen muss. Und der Sieger wird Ferdinand sein.

Und er spricht: "Ich werde Euch bezwingen
und mit allen mir vertrauten Kräften
fest an eure Trägerbalken heften.
Ruhe brauche ich vor allen Dingen!"


2.4 Im Couplet der „Einschlagversuch“ und das Ausbleiben des Erfolges, somit ein (nicht unbedingt unvorhersehbares, aber doch zur Erwartung kontrastives) „Ereignis“: entweder beim ersten Mal oder später der Daumentreffer. Komischer Kollaps des Sieger(selbst)bildes aus dem dritten Quartett. Zusätzlich noch komisch, weil es statt der angestrebten Stille nun auch noch - vermutlich - laute Flüche und ähnliches gibt.

Ferdinand schlägt heftig mit dem Hammer
auf den Daumen, kauernd in der Kammer.


In der Primärversion liegt als Geschehen bereits im Einstieg ein“ korrektes“ Nägelschlagen vor, dann folgt die Motivation samt kriegerischer Heldenrede, dann der Kollaps.

(3) Aside

p.s.
Ähnliche Fragen nach Skript, Geschehensablauf und Tempus finden sich in Bernds Gohrisch-Limerick mit dem Schlüsselwort „Anliegen“ (und "illusorisch"), scheint mir

Anregung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Frame-Semantik
http://www.sebastian-kirsch.org/moebius/docs/framesscripts-ho.pdf (grässlich akademisch)
 

James Blond

Mitglied
Interessanter Ansatz mit der Frame-Semantik,

auch wenn ich meine, dass man hier mit dem Erfahrungshintergrund weiter kommt als mit Weltwissen, denn die Welt weiß nichts (über Dielen) - und was wir von der Welt wissen, ist sehr verschieden, wenig objektiv und oft spekulativ. Erfahrung betont hingegen die subjektive Komponente und stellt eine Verbindung zum eigenen Erleben bereit, ohne die Komik nicht zünden könnte.

Ich schrieb bereits an anderer Stelle, dass Humor ohne einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund von Autor und Leser nicht auskommt und dass dieser beim globalen Aufbruch in zahllose Parallelwelten zunehmend abhanden kommt.

Insofern nicht gerade überraschend, wenn Bernd sich in Zeiten schwindender Gemeinsamkeiten an einem bewährten Joke versucht, der einem breiteren Publikum aus unzähligen Witzen bereits geläufig sein dürfte: dem schmerzhaften Hammerschlag auf den eigenen Daumen. Hammer und Nagel als Symbol der Tat, als menschlichem Eingriff zur Herrschaft über die (scheinbar widerspenstige) Natur. Nicht die Natur widersetzt sich dem Eingriff, vielmehr ist es die eigene Unternehmung, die das Scheitern der Absicht selbst herbeiführt. So beruht (gerade auch) der Witz auf der Grundeinsicht in die Ausichtslosigkeit menschlichen Unterfangens. Die Umsetzung gerät zur Karikatur der Idee. Hier endet der Plan gegen die (angeblich) äußere Ruhestörung in einer weitaus heftigeren inneren Störung: dem Schmerz und Ärger einer Selbstverletzung.

Das wird, wie "Willibald" bereits beschrieb, sehr fein, bedächtig, nahezu pedantisch ausgerollt: Was sich locker in zwei Versen zusammenfassen ließe, wird in Sonettform haarfein dargelegt. Die recht umständlichen, zur Wiederholung neigenden Formulierungen und der eindringliche Trochäus unterstreichen dabei den genervten, vielleicht sogar depressiven Zustand. Dabei gerät der Witz, der sich bereits im 1. Vers erahnen lässt, zunehmend in den Hintergrund. Wird hier also ein Riesenanlauf genommen, nur um dann übers Stöckchen zu springen?

Fast scheint es so, doch meine ich, dass es hier in erster Linie gar nicht um den Witz geht. Vielmehr entfaltet sich vor unseren Augen ein schönes Spiel mit Worten und Reimen, die nahtlos und anmutig gefügt wurden: da knarrt nichts, obwohl hier nicht geleimt wurde.

Eigentlich ist es nicht lustig, sondern schön - und mit Tiefe. ;)

Grüße
JB
 

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