Filzläuse in Österreich

„Wo ist das?“ fragt Sascha und weist auf ein Foto mit weißgelber Doppelturmfassade. Er steht vor dem neu dekorierten Wandabschnitt in meinem Schlaf- und Arbeitszimmer. Da hängen nun an die Hundert Ansichtskarten von Kirchen und Klöstern, die ich früher mal besuchte. (Unbeachtet lag die Sammlung viele Jahre in einem Karton.)
„Das? Warte mal – ja, das ist die Weizbergkirche in der Steiermark.“
Und als ich wieder allein bin, kommt die Erinnerung an jenen Tag zurück, nicht an die Kirche – an den Abend im Hotel. Nach einem schönen Tag, nach einem guten Abendessen lag ich in diesem prachtvollen Bett, das Zimmer geräumig und behaglich. Ich las in einem Band Proust und genoss den Abend wie selten – bis es da unten ein klein wenig juckte. Also absuchen und dann seufzen: Mist, Filzläuse! Der Befall war noch gering, es musste erst Tage vorher – besser Nächte - in Wien passiert sein. Die Apotheke war sicher schon geschlossen.
Am anderen Morgen besorgte ich das Mittel, schulterte den Rucksack und steuerte die Raabklamm an. Die Tierchen auf mir turnten, wie ich in dieser Felsenschlucht, im Dickicht der Schamhaare herum. Sie ahnten nichts von dem grausigen Geschick, das ich ihnen bereiten würde. Es ließ sich machen: nachmittags im nächsten größeren Dorf ein Zimmer mit Dusche nehmen, um nach dem Abendessen die Kur durchzuführen. In diesem Gasthof, verbunden mit einer Fleischerei, roch es auf den Gängen und Stiegen angenehm nach Rauchfleisch und Würsten – und im Zimmer bald scheußlich schweflig. Man lässt einwirken, duscht gründlich, legt sich am besten nackt ins Bett und zieht anderntags frisches Unterzeug an. (Mein Rucksack enthielt es.)
Unruhiges Frühstück. Trotz langen Lüftens stank es noch immer bestialisch in meinem Zimmer. Es war nur für eine Nacht gemietet. Wenn nun die Aufwärterin schon den Raum betrat, während ich noch aß, könnte es eine Szene geben …

Es war keine Premiere. Zehn Jahre vorher hatte ich die Prozedur in einer Wiener Unterkunft vornehmen müssen, zusammen mit Wolfram. Er, auf meine abendliche Entdeckung damals: „Ach, es sind wohl nur Semmelbrösel …“ Und ich darauf: „Aber sie bewegen sich doch!“ - Die Pension lag im Zentrum der Inneren Stadt, dicht am Graben, und sah in jedem Detail wie die Welt von Peter Altenberg aus: Vorhänge, Portieren, Teppiche, Deckchen, Troddeln, Plüsch über und über …
Wenn zwei das Mittel im selben Raum zur selben Zeit auftragen, erzeugen sie eine hochkonzentrierte Gestankswolke. Sie breitet sich aus und durchdringt rasch die feinen Textilgewebe, in denen sie dann hängenbleibt. Wir wussten, was wir taten – es war für uns auch damals nicht das erste Mal – und hatten doch kein schlechtes Gewissen. Die ältere Pensionswirtin hatte sich bei uns unbeliebt gemacht, hatte nach Wolframs Woher gefragt und auf die Antwort - Aus Linz! - mit aristokratisch-verächtlicher Gebärde befunden: „Aus Linz? Na, geschenkt …“ - „Geschieht ihr recht“, meinte der Oberösterreicher Wolfram, „sie wird das Zimmer tagelang lüften müssen und nicht vermieten können. Geschenkt!“ Dieser Provinzler hatte mir schon einmal erklärt: „Wiener sind ironisch, nur nicht selbstironisch.“

Jetzt im steirischen Dorf lagen die Dinge ein wenig anders. Doch was soll ein infizierter Rucksacktourist sonst machen? Sich nackt im Wald oder auf freiem Feld einölen und dann stinkend so auf Zimmersuche gehen? Ich sah zu, dass ich rasch zahlte und wegkam. Und entwich über die Berge.

(Die Kur war erfolgreich gewesen, kein Rückfall.)
 



 
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