Flacher Atem

4,50 Stern(e) 2 Bewertungen

Willibald

Mitglied
Salute, Kollegen und Lectores,

hier der Versuch, eine dunkle Adoleszenzgeschichte zu bauen.

Vielleicht gibt es Anmerkungen?

Flacher Atem

Katharina keuchte ein wenig, sie hatte ihren Kopfhörer beim Laufen auf und ihre Beine trommelten im Takt eines ihrer Lieblingslieder. "Walking in Memphis, put on my blue suede shoes, touched down in the land of the Delta blues, in the middle of the pouring rain."

Es war Samstag, die Schulwoche lag hinter ihr, der Montag weit vor ihr und die kleine Stadt unter ihr. Die Fachwerkgebäude, das Schnatterloch, das Gymnasium waren nicht mehr zu sehen. Ein paar Steinhäuser und Villen fanden sich noch auf der Graubergstraße. Gründerzeitvillen. Die Freundin wohnte dort. Ralph, der sie beim Tanzkurs hatte küssen wollen. Der alte Pfarrer, der sie vor sechzehn Jahren getauft hatte.

Nun bog sie in den flachen Ringweg ein, der schattendunkle Wald hatte sie aufgenommen. Sie atmete tief durch und beschleunigte das Tempo, ihre blauen Schuhe wirbelten über den Boden, sie näherte sich dem ummauerten Privatgrundstück. Das eiserne Gittertor in der Sandsteinmauer. Der Besitzer ließ sich nie sehen. Mehrmals schon hatte sie durch das Gartentor geblickt, hatte die hohe Akazienhecke im hinteren Ende des Gartens gemustert, die etwas zu verbergen schien, und war dann weitergelaufen. Heute würde sie prüfen, ob die Tür verschlossen war.„Saw the ghost of Elvis On Union Avenue, followed him up to the gates of Graceland, then I watched him walk right through. They just hovered 'round his tomb. But there's a pretty little thing waiting for the King down in the Jungle Room.”

Sie lief noch vier, fünf Schritte auf der Stelle, gewann ihren Atem zurück und lehnte sich mit der Stirn an das eiserne Gitter. Dann legte sie die Hand auf die Klinke, blickte kurz auf das Blumenbeet vor sich. Dahinter erhob sich mannshoch die Akazienwand, dicht, sorgfältig beschnitten. Der Besitzer oder ein Gärtner? Besser draußenbleiben? Aber das dichte Gras zwischen Tor und Akazienwand war nirgends geknickt oder gar zertreten. Niemand hatte sich in letzter Zeit hier aufgehalten. So öffnete sie vorsichtig das Tor.

Es war fast windstill. Katharina setzte ihre Schritte langsam, das Gras raschelte und einen Augenblick lang genoss sie es, das blaue Leder ihrer Sportschuhe durch das Grün gleiten zu sehen, dann stand sie vor dem Blumenbeet. Glühende Päonien und smaragdgrüne Kaiserkronen breiteten sich vor ihren Füßen aus, ein süßlicher Duft hing über dem Beet. Katharina schloss die Augen und lauschte ihrem Atem, ihr Atem ging tief und ruhig.

Es wurde kühler und ein Schatten schien sich auf ihrer Stirn auszubreiten. Katharina öffnete die Lider und blickte zum Himmel hinauf. Als kleines Kind hatte sie dies schon einmal so gesehen: Segel bauschten sich. Schiffe schwammen an der Sonne vorbei und netzten mit ihrem Schatten die Haut. Dann kam das warme Licht wieder, die Strahlenlanzen trafen auf das Blumenrondell, auf abgefallene Nadeln und die Akazien. Katharina glaubte dahinter etwas Weißes, vielleicht ein Gartenhaus, vielleicht einen Pavillon zu erkennen. Die Akazien kratzten, als sich Katharina an ihnen vorbeizwängte. Kein Gartenhaus, vielmehr eine Art Kapelle. Weiß gekalkt, mit einem blauen Rautenzeichen an der Außenfront, keine Fenster in dem Mauerwerk, das Tor wieder nicht verschlossen. Ein Andachtsraum des unbekannten Besitzers? Ein geheimer Platz für Liebespaare? Ob Ralph von diesem Ort wusste?

Ihre Augen brauchten eine Zeitlang, bis sie sich an das Halbdunkel im Inneren gewöhnt hatten, dann sah sie vor sich ein Podest, darauf eine weiße Statue, ein nackter Jüngling, fast lebensgroß. Die Rechte der Figur berührte die Schläfe, es war nicht klar, ob in einer sinnenden oder verzweifelten Geste. Der linke Fuß war leicht vorangestellt, als verhielte der junge Mann mitten in einer Bewegung. Die pupillenlosen Augen schienen auf das halb geöffnete Tor zu blicken. Dort, wo sie sie eingetreten war, säumte nun ein Lichtschwamm das Dunkel der Kapelle.

Auf dem Podest fand sich eingemeiselt das Wort „Pan". Ein griechischer Gott, soweit sie wusste. Eine Kapelle für Pan? Auf dem Podest kein weiterer Hinweis. In den Sockel eingelassen eine Haltevorrichtung. Dort hing an kurzer Kette eine ölgefüllte Ampel aus Rubinglas, sie erinnerte ein wenig an das "Ewige Licht" ihrer Taufkirche. Katharina streichelte über das kühle Gebilde und spürte eine feine Gravur, Umrisse einer Gestalt, Schnörkelwerk, winzige, regelmäßige, deltaförmige Schuppen.

Hinter dem Rubin ein Docht, verankert in einer lancettenförmigen Zunge. Auf dem Podest eine von Feuchtigkeit aufgebogene Streichholzschachtel. Das dritte Hölzchen zündete Gottseidank, der Docht begann zu glosen und blakte, dann züngelte eine Flamme, tänzelte ein wenig und setzte sich leise sprühend am Dochtende fest.

Als Katharina ganz nahe herantrat, so dass sie mit der Stirn das Glas berühren konnte, schien sich dahinter ein rubinrotes Meer auszubreiten. Darüber ein unendlicher Horizont, gekrümmt zwar, aber ohne Ende. Sie nahm den Kopf etwas zurück und betrachtete die Gravur. Sie erkannte einen fein gearbeiteten Fisch, schmal, der Leib geschuppt. Anstelle der Kiemen zwei Flügel.

Katharina musterte die Wände der Kapelle. In der Dunkelheit zog der Schatten eines großen geflügelten Fisches vorüber, zog rings um sie einen Halbkreis nach vorn, bewegte sich dann langsam, sehr langsam wieder zurück. Sie fühlte, dass ihr Herz bei dieser Bewegung schneller schlug. Der Fisch hatte die Wände verändert. Sie erinnerten an eine Grotte aus dunkelblauem, blättrigen Schiefer, von Flechten durchädert, eine schwarze Masse, darin aufglimmende Drusen, bald weißlich schimmend, bald ins Rötliche fallend. Ein rotes, dunkles Meer, atemberaubend und schön, um sie und über ihr. Und doch. Sie musste weg, etwas nahm ihr den Atem, etwas war in dem Raum, das saugte leise die Luft weg. Auf dem Docht hockte die Flamme, flüssiges Quarz, violettfarbig, verzehrend biegsam - Sie musste, das war ihr plötzlich sehr klar, den Lichtsaum bei der Tür erreichen, in dem die feinen Staubkörnchen schwebten, sie musste den Bannkreis der Flamme durchbrechen, den Halbzirkel, den der Fisch an den Wänden zog.

Katharina kehrte der Jünglingsstatue den Rücken zu. Das Mädchen zwang die Füße in eine Bewegung, die langsam und tranceartig ausfiel, ausgeführt wie von einem fremden Körper. Sie spürte den Blick von jemand oder etwas, das den Raum zu erfüllen schien, den Blick auf ihren Körper. Die Luft wurde merklich dünn. Katharina senkte den Kopf und atmete flach. Dabei berührte sie mit der Hand ihre Schläfe, um sich zu beruhigen.

Sie hatte den Eindruck, sich selber zuzuschauen, als sie nun den Kopf hob, um den Atem zu gewinnen, den sie brauchen würde, wenn sie die Tür noch erreichen wollte.
 

knychen

Mitglied
hallo willbald,
eins muß ich dir lassen: das ende hast du wunderbar offen gelassen. ist sie denn noch raus gekommen oder findet der oder die nächste besucher/in zwei statuen.
zwei dinge sind es, über die ich gestolpert bin.
einmal die "lancettenförmige vorrichtung"- darunter kan ich mir nämlich nix vorstellen. mit "c" gibt's das nicht und mit "z" ist es ein zweischneidiges chirurgisches instrument.
und der letzte absatz - den würde ich in zwei sätze teilen.
etwa so: sie hatte den eindruck, sich selbst zuzuschauen, als sie nun den kopf hob, um atem zu gewinnen. den atem, den sie brauchen würde, die rettende tür noch zu erreichen.
klingt für mich persönlich übersichtlicher, ist aber auch nicht der weisheit letzter schluß.
beste grüße aus berlin. knychen
 

Willibald

Mitglied
P.S.
Die "Lancette" ist so ein bisschen altdeutsch geschrieben, hat dann mit den "gothic touch" des plots und seiner Ausführung.
 

Gandl

Mitglied
Lieber Willibald,
zart & spannend geschrieben.
Deine Sprache ist dicht, genau, baut die Spannung perfekt.
Und ... äh: zauberhaft/verzaubernd.
Wird sie es schaffen rauszukommen aus Pans verwunschenem Dickicht?
Wird sie seine Geliebte? Und geht doch hinaus in die Welt?
Danke für die vielen Denkanstöße.
Liebe Grüße
Gandl
 

Willibald

Mitglied
Salute, dear gandl,

schön, dass der Text Dir schön ist.
Solche Leser-Autoren sind uns zu wünschen.
Ja, put on your blue suede shoes .... und
Katharina/die Reine sei mit dir
 

Oben Unten