Flohmarktmord - Sonett rasant in Amphibrachen

Walther

Mitglied
Flohmarktmord

Ich ging auf den Flohmarkt alleine.
Zu zweien macht Flohmarkt nicht Spaß.
Ich kaufte, ich handelte, das
Und dies und vertrat mir die Beine.

Bei Smutje gab’s wieder das Gras,
Ihr wisst schon, was ich damit meine,
Naja, einem jeden das Seine:
Ich packte das Meine ins Glas.

So ging ich am Abend nach Hause
Und trug an der Schwere der Dinge.
Zuhaus aber wohnt ein Banause,

Ihr wisst, welches Liedchen ich singe.
Sie zieht ihre Stirne recht krause.
Da nehm ich vom Holzbrett die Klinge.

Sonett rasant in Amphibrachen xXxxXxxX(x)
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es gefällt mir insgesamt sehr gut. Die Form bringt einen lustigen und lockeren Ton ins Gedicht.
Bei mir persönlich tritt leider ein Unterton mit ins Gedicht. Das liegt an der Mehrdeutigkeit und dem grässlichen Unterton von "Jedem das Seine".
Wenn ich es lese, tritt vor mir sofort das Eingangstor zu Buchenwald ins Gedächtnis. Dafür kannst Du nichts. Und so ist das Gedicht auch nicht gemeint. Wir hatten Buchenwald im 8. Schuljahr besucht. In der DDR war der Spruch lange schon mit Buchenwald verbunden. In der Bundesrepublik begann es erst nach der Wiedervereinigung. Ich denke deshalb, dass viele es nicht so empfinden.
Es ist sehr alt und war eigentlich positiv, Ich denke, es war schon ein Thema in der Bibel.

In einer gewissen Beziehung ist die Wendung fatalistisch, das tritt auch im Gedicht auf. Es wird tragisch, eingebettet in einen fröhlichen Ton.

---
Durch den Mord entsteht eine seltsame individuelle Beziehung zu Buchenwald.
 
Zuletzt bearbeitet:

Mondnein

Mitglied
suum quique - "Jedem seine (standesgemäße) Pflicht" -
Rechtsprinzip im Codex Juris Civilis des Justinian, dem codifizierten "Römischen Recht" an sich. Noch ursprünglicher: Rechtsprinzip schon in Platons Politeia.
Aber ich denke, daß es spätestens seit Beginn der Neuzeit individualistisch verstanden wird, wie auch in diesem Sonett. "Jedem Einzelnen sein Eigenes".

Die Standes-, Klassen- oder Kasten-Zuordnung bei Platon und Justinian war schon scheußlich, anti-egalitär, gegen die Allgemeingültigkeit der Ethik-Argumentationen bei Sokrates und später der bürgerlichen Gesetze im Römischen Recht gebürstet; und in diesem Sinne, höhnisch zugeschärft, stand sie über dem Eingangstor von Buchenwald.

Als individualistisch reflektiertes "Sichbescheiden" hat das zur Redensart abgesunkene Kulturgut des höchsten römischen Rechtsprinzips heute vielleicht einen eher resignierten Unterton, siehe hier im Gedicht das "Naja" vor dem Suumquique.
 

Walther

Mitglied
Es gefällt mir insgesamt sehr gut. Die Form bringt einen lustigen und lockeren Ton ins Gedicht.
Bei mir persönlich tritt leider ein Unterton mit ins Gedicht. Das liegt an der Mehrdeutigkeit und dem grässlichen Unterton von "Jedem das Seine".
Wenn ich es lese, tritt vor mir sofort das Eingangstor zu Buchenwald ins Gedächtnis. Dafür kannst Du nichts. Und so ist das Gedicht auch nicht gemeint. Wir hatten Buchenwald im 8. Schuljahr besucht. In der DDR war der Spruch lange schon mit Buchenwald verbunden. In der Bundesrepublik begann es erst nach der Wiedervereinigung. Ich denke deshalb, dass viele es nicht so empfinden.
Es ist sehr alt und war eigentlich positiv, Ich denke, es war schon ein Thema in der Bibel.

In einer gewissen Beziehung ist die Wendung fatalistisch, das tritt auch im Gedicht auf. Es wird tragisch, eingebettet in einen fröhlichen Ton.

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Durch den Mord entsteht eine seltsame individuelle Beziehung zu Buchenwald.
danke, lb Bernd, fürs finden und aufgreifen.
alles, was wir schreiben und lesen, berührt die fäden unserer assoziationsräume. ich argumentiere mal kurz string-theoretisch. denkwelten, jede ist anders, driften in diesen räumen. jeder anstoß löst wellen aus, die sich wie gravitationswellen durch den raum mehrdimensional verbreiten und andere punkte zum schwingen bringen. texte legen sich in diese räume lösen schwingungen aus, in der rückkopplung zu sich als anstoßgeber.
so wird jedes gute gedicht in jedem leser anders - und zu jedem lesezeitpunkt anders, weil die räume sich ständig schwingend verändern.
dieses "jedem das Seine" ist natürlich bewußt gewählt. es soll anregen. alle anstöße bergen die gefahr in sich, gedanken zu stimulieren, die schmerzen und verletzen, das ist m.e. geradezu unvermeidlich.
lg W.

suum quique - "Jedem seine (standesgemäße) Pflicht" -
Rechtsprinzip im Codex Juris Civilis des Justinian, dem codifizierten "Römischen Recht" an sich. Noch ursprünglicher: Rechtsprinzip schon in Platons Politeia.
Aber ich denke, daß es spätestens seit Beginn der Neuzeit individualistisch verstanden wird, wie auch in diesem Sonett. "Jedem Einzelnen sein Eigenes".

Die Standes-, Klassen- oder Kasten-Zuordnung bei Platon und Justinian war schon scheußlich, anti-egalitär, gegen die Allgemeingültigkeit der Ethik-Argumentationen bei Sokrates und später der bürgerlichen Gesetze im Römischen Recht gebürstet; und in diesem Sinne, höhnisch zugeschärft, stand sie über dem Eingangstor von Buchenwald.

Als individualistisch reflektiertes "Sichbescheiden" hat das zur Redensart abgesunkene Kulturgut des höchsten römischen Rechtsprinzips heute vielleicht einen eher resignierten Unterton, siehe hier im Gedicht das "Naja" vor dem Suumquique.
lb Hansz,
danke für deinen klugen beitrag. auch das "naja" davor hat seine wichtige rolle. das lyrich ist sich nicht ganz sicher - und schreitet dennoch fort in seinem tun.
lg W.
 

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