Der Grund meiner Reise
Was ist eine Familie? Jeder ist mindestens in einer. Jeder Mensch hat Eltern, Großeltern, vielleicht Geschwister, eventuell Kinder, Enkelkinder. Man kann einer durch Adoption, Pflegschaft, Heirat oder gemeinsamen Kindern beitreten. Jeder kann ihr entsagen, den Kontakt abbrechen, aber austreten kann niemand. Eine Familie ist kein Verein, keine Partei, keine Glaubensgemeinschaft. Letztlich gehören wir alle einer an: der Familie Mensch. Wir alle sind Schwestern und Brüder. Neben den „biologischen“ Familien existieren auch solche, die aus einem tragischen Ereignis wie einem Feuer, einem Erdbeben oder einem Tsunami geboren wurden. Die größte dieser Familien ist die der vom Nationalsozialismus Verfolgten, Internierten oder Ermordeten und deren Nachkommen. Ich gehöre dieser Familie an. Es war mir jedoch nicht klar, bevor ich an der Gedenkfeier der Gedenkstätte des KZ Flossenbürg vom 24. bis 26. April dieses Jahres teilnahm. Für mich war es das erste Mal.
Ich wusste, dass meine Großmutter, Ursula „Uschi“ Heilmann, meine Oma Ursel, Verfolgte war, dass die SS sie in einem KZ interniert hatte. Entgegen vieler anderer hielt sie damit nicht hinter dem Berg. Deshalb machte ich mich Anfang letzten Jahres auf den Weg: viel zu spät. Meine Großmutter verstarb, da war ich 25. Ihre teilweise bruchstückhaften Berichte im Kopf brach ich auf, recherchierte. Ja, sie hatte Fußspuren hinterlassen, schaffte es in mehreren Büchern, ein, zwei Zeilen, von denen ich nichts ahnte. Genauso wenig, dass ihr Name in Yad Vashem verewigt ist. Ich erfuhr etwas von ihrer, meiner Familie, die ich nie kennenlernte. Ich las die Zöglingsakte meines Urgroßvaters und konnte teilweise die Kindheit, die Jugendzeit von ihr aus dem Tal des Vergessens holen. Aber dieses ist wie ihr Leben nach 1945, frei nach Walter Kempowski: „Ein Kapitel für sich“. Was mich mit meiner „neuen“ Familie und meinem Besuch in der Gedenkstätte Flossenbürg verbindet, ist die Zeit von 1940 bis 1945. Ich will nicht ins Detail gehen, nur so viel beschreiben, dass jeder es nachvollziehen kann. Außerdem existieren noch Lücken, die ich aufgrund der Fakten, spekulativ auffülle. Meine Großmutter gebar Ende Mai 1940 meinen Vater in einem „Mutter-Kind-Heim“. Gleich nach der Geburt leistete sie ihren „Arbeitsdienst“ in der Lüneburger Heide ab. Sie kehrte jedoch nicht zurück. Sie brachte meinen Vater zu ihrer Mutter, meiner Urgroßmutter, die ich ebenfalls bis zu ihrem Tod kannte und mit „Oma“ ansprach. Meine Großmutter floh nach Hamburg und tauchte unter, bis man sie um den 8. Mai 1942 aufgriff. Die Gestapo brachte sie am 7. Juni ins Gefängnis Hütten. Am 27. des Monats war sie eins von den ersten „gefallenen“ Mädchen des KZ Uckermark. Im Sommer des folgenden Jahres floh sie, und wurde nach ein paar Tagen in Berlin aufgegriffen. Mitte Dezember steckte die Staatsmacht sie als sogenannte „Asoziale“ ins KZ Ravensbrück. Im Frühjahr 1944 schuftete sie im KZ-Außenlager Zwodau. Aus dem sie am 20. Juli 1944 mit ihrer Kameradin Josefine „Fanny“ Nick türmte. Nach sechs Wochen Flucht nahm man sie wieder gefangen und verbrachte sie als „Sonderhäftling“ in den Arrestbau des KZ Flossenbürg. Die SS peitschte sie aus, folterte sie. Sie überführten sie in das KZ-Außenlager Holleichen. Nach knapp zwei Monaten kam sie zurück in den Arrestbau, wegen Sabotage, wie meine Großmutter schrieb. Sie stellten sie unter „jüdische Haft“. Bis zum „Todesmarsch“ im April 1944 schuftete sie in dem rein „jüdischen“ Frauen-KZ-Außenlager Oederan. Dort war sie als „Politische“ interniert. Die Frauen nahmen sie auf, beschützten sie. Dabei war sie als „arisch“ privilegiert. Keiner der SS durfte sie einfach hinrichten. Foltern, durch Arbeit und Hunger vernichten, bestimmt, aber an den Galgen wäre sie gewiss nur auf Befehl der Reichsführung gekommen. Das Kriegsende überlebte sie, vom schwedischen Roten Kreuz geschützt als „mosaisch“, im Ghetto Theresienstadt.
Sie gehörte, zwar nicht mit einer Urkunde belegt, allen drei Hauptgruppen der Verfolgten an: den sozialrassisch, den politisch und den rassisch Verfolgten. Ganz klar, dass ihr niemand Glauben schenkte.
Ab in den Süden
Ich fahre auf der A 36 gen Osten. Der Harz ist rechts von mir, Wernigerode in Sichtweite, und ich bin gedanklich bei meiner Urgroßmutter. In Schierke oberhalb von Wernigerode hatte sie für drei Monate kurz nach der Machtergreifung eine Anstellung als Hausgehilfin im Hotel Fürstenhöhe, wie ich aus ihren Melderegisterdaten erfuhr. Meine Großmutter arbeitete gleichfalls im Harz: Braunlage, Hotel Waidmannsheil, bestimmt nicht als Hausgehilfin, eher als Näherin, und über dreißig Jahre später.
Seit über einem Jahr arbeite ich das Leben meiner Großmutter auf. Oh, Ahnenforschung, interessant, habe ich auch schon einmal gemacht, wird der eine oder die andere sagen. Und ich muss zustimmen: Was man alles über seine Vorfahren erfahren kann, ist spannend. Die Heilmanns, also meine Namensgeber, stammten aus Geiselbach, einer Gemeinde in Unterfranken nahe Aschaffenburg: eine weitverzweigte Familie. Einer meiner Verwandten schaffte es zu einer Berühmtheit. Seine Baufirma Heilmann & Littmann errichtete das Münchner Hofbräuhaus und andere Gebäude in dieser Stadt. Sogar in Baltimore ließen sie sich nieder, und daraus erwuchs ein loser E-Mail-Kontakt zu meiner Cousine 4. Grades aus Arizona. Ein anderer Teil meiner Vorfahren stammte aus Krebeck: Eichsfeld unweit von Duderstadt. Einmal war ich dort, schritt über den Friedhof und stellte an den Namen fest, dass ich mit vielen, die dort ruhten, verwandt bin. Auch einen Zweig der Knöchelmanns verschlug es in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Chicago. Ja, Ahnenforschung ist faszinierend. Ich erfuhr etwas von meinem Urgroßvater: Waisenkind. Sein Vater verstarb, als er sechs, seine Mutter, als er vierzehn war. Einen Bruder, eine Schwester und einen Halbbruder hatte er. Dass er existierte, wusste ich, nicht nur aus der Logik, dass jeder Mensch welche hat, sondern weil meine Urgroßmutter und meine Großmutter von ihm erzählten: nicht viel, nur das Nötigste. Die Ehe meiner Urgroßeltern wurde 1936 geschieden und meine Urgroßmutter heiratete erneut 1940. Aber, dass meine Großmutter zwei Onkel und eine Tante hatte, erfuhr ich nicht. Dabei verstarb mein Urgroßvater erst 1971, also nach meiner Geburt, und sein Bruder 1986. Die Familie war zerbrochen. Den animalischen Kraftausdruck, den ich denke, schreibe ich nicht nieder. Auf das Niveau des NS-Regimes möchte ich mich nicht begeben.
Einen Bruder hatte sie auch. Am 11. April 1945 sendete U 396 den letzten Funkspruch aus dem Nordatlantik.
Mein Urgroßvater stand 1936 unter der Beobachtung der Gestapo, und aus einem der Briefe meiner Großmutter erfuhr ich, dass er zweimal inhaftiert wurde. In Haft war er bereits in den 20er-Jahren. Neun Monate saß er wegen Diebstahls und Unterschlagung in Hameln ein. Als Kind war er im Erziehungsheim Kalandshof bei Burgwedel, aus heutiger Sicht eine schreckliche Anstalt.
Dieses ist nicht der Anlass, warum ich diese Reise begonnen habe. Es geht um allein meine Großmutter, ihr Leben von 1940, kurz nachdem sie meinen Vater zur Welt gebracht hatte, bis 1945. Auch sie war zeitweise Heimkind, und stand unter katholischer Obhut. Aber das ist, wie bereits Walter Kempowski schrieb: „Ein Kapitel für sich“. Fünf Stunden trennen mich von meinem Ziel. Genug Zeit, um nachzudenken. Fünf Stunden für mich. Bei meiner Großmutter waren es fünf Jahre. Die besten Jahre eines Lebens, wie man gern sagt: vom 18. bis zum 22. Lebensjahr. Die Jahre, in denen man die Welt erkundet, sich von den Eltern lossagt, um vielleicht am Ende dieser Sturm-und-Drang-Zeit selbst eine Familie zu gründen. Diese Jahre raubten ihr die Nazis. Sie zwangen sie in Schutzhaft. Jedoch nicht um sie zu schützen, sondern den „deutschen Volkskörper“ vor ihr. In zwei Gefängnissen und sechs Lagern sperrten sie meine Großmutter ein: Gestapo-Gefängnis Hütten (Hamburg), Mädchen-KZ Uckermark, Frauengefängnis Berlin, KZ Ravensbrück, Arbeitsaußenlager Zwodau, Holleichen sowie Oederan und zum Schluss Theresienstadt Ghetto. Dreimal floh sie: von Wolfenbüttel nach Hamburg, aus dem Mädchen-KZ Uckermark nach Berlin und am 20. Juli 1944 mit ihrer Mitinsassin Josefine Nick aus dem Außenlager Zwodau. In den Lagern zwang die Staatsmacht sie unter erbärmlichen, unmenschlichen Bedingungen für den Endsieg zu schuften. Sie nähte, vielleicht waren es Uniformen – das Schneiderhandwerk hatte sie gelernt –, baute Instrumente für Flugzeuge und fertigte Munition für die Front. In einem Lager arbeitete sie nicht, dort folterte man sie: Flossenbürg. Zweimal war sie dort: nach ihrer Flucht aus Zwodau und nach dem Lager Holleichen wegen Sabotage, wie ich in einem ihrer Texte las. Sie kam danach nach Oederan. Mitinsassen schrieben später, sie hätte unter ‚jüdischer Haft‘ gestanden. Deswegen überlebte sie in Theresienstadt.
Ich fuhr weiter. Eine Gedenkstätte zu besuchen, war eins, aber Flossenbürg war für mich etwas anderes. Es würde nicht das Erste für mich sein. In der elften Klasse war ich in Buchenwald gewesen: Politfahrt in die DDR. Die Kulturstädte Dresden und Weimar standen genauso auf dem Programm, wie das Treffen mit FDJlern. Nichts Neues für mich, denn ich habe Verwandte in Magdeburg. Trotzdem kann ich mich an Buchenwald nicht mehr erinnern: verdrängt, aus meinem Gedächtnis getilgt. Ich kann mir vorstellen, wie erbärmlich es mir ging. Der Führer der Tour, erzählte und ich dachte an meine Großmutter. Eins vergaß ich nicht. Es hat sich in meinem Gehirn eingeprägt. Vor jeder Studienfahrt bespricht eine Klasse die Fahrt. Die NS-Zeit und Buchenwald waren bei uns gewiss ein Thema. Ein Lehrer, ich weiß nicht mehr, wer es war, fragte uns, was unsere Großeltern während der Zeit gemacht hätten. Sicher berichtete, die eine oder der andere, dass der Großvater bei der Wehrmacht gewesen oder aus Schlesien geflüchtet wäre. Als ich an die Reihe kam, und nichts dergleichen zu berichten hatte, sagte ich, meine Großmutter hätte im KZ eingesessen. Der Lehrer fragte mich, ob ich jüdische Vorfahren hätte, was ich verneinte. Anstatt mich aufzufordern, meine Großmutter als Zeitzeugin einzuladen, gab er mir zu verstehen, sie sei gewiss dort zu Recht gewesen. Was unternahm ich? Nichts. Ich ging nicht zu ihr, berichtete ihr darüber, forderte sie auf, mir die ganze Geschichte zu erzählen. Vielleicht hatte ich Angst, dass sie von dem Sockel fiel, auf den ich sie bereits gestellt hatte.
Ich fuhr durch Aschersleben und bog in eine Straße ein, die zu Ehren zweier Widerstandskämpfer benannt wurde.
Für mich stand sie als Widerstandskämpferin gegen den Faschismus auf gleicher Höhe wie die Geschwister Scholl. Meine Recherchen führten dazu, dass ich überhaupt nicht so falsch lag. Soweit ich es beweisen kann. Muss ich es? Warum sind die Aussagen der Leidtragenden weniger wert als die der Täter? Erst recht dann, wenn diese bereits überführt sind. Es bleibt für immer im Dunkel der Geschichte, was meine Großmutter tat. Ich gehe davon aus, dass sie in der Zeit, in der sie sich in Hamburg versteckte, nicht die Hände in den Schoß gelegt hatte. Das war nicht ihr Ding. Man hat sie schlicht bei der Tat nicht erwischt. Weswegen sie floh, scheint aus den Unterlagen plausibel. Sie gebar meinen Vater in einem Mutter-Kind-Heim in Hannover. Danach hatte sie für ein halbes Jahr zusammen mit meinem Vater einen Aufenthalt in Poppenhagen nahe Hannover. Davon kehrte sie jedoch nicht zurück, brachte meinen Vater zu meiner Urgroßmutter. In einem Dokument schrieb sie später, dass sie sich nicht der Musterung zum Arbeitsdienst verweigert hätte, sondern bereits dort gewesen wäre. Warum hatte ich sie nie gefragt? Sie starb, da war ich 25. War es meine Scham oder weil sie damit abgeschlossen hatte? Sie berichtete, jedoch nicht im Zusammenhang. Das, was sie erzählte, passt zu dem, was ich im vergangenen Jahr erfuhr. Ich las ihre Briefe und hatte den Eindruck, als hätte ich neben ihr gesessen, während sie diese mit ihrer Reiseschreibmaschine schrieb.
„Woher soll ich drei Zeugen bekommen, die sind doch alle tot.“
Sie zeigte mir die Nummer, die man ihr unterhalb der Achseln in den Oberarm tätowiert hatte. Damals habe ich sie mir nicht gemerkt, heute kenne ich sie: 50282.
Ihr Bemühen führte schlussendlich zu einem spärlichen Erfolg. Ihr wurden Rentenjahre gutgeschrieben. Vielleicht bekam sie auch ein paar Mark. Allerdings rehabilitiert wurde sie erst 2020, als der Bundestag, die sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ als Opfer des Nationalsozialismus anerkannte. Opfer? Als hätte sich meine Großmutter geopfert oder wäre zufälligerweise Ziel einer Straftat gewesen. Sie war Verfolgte. Opfer war mein Vater. Kollateralschaden. Ohne Mutter, ohne Vater – mein Großvater ist unbekannt – wuchs er bei seiner Großmutter auf, sprach sie mit Mama an, wie ich sie mit Oma. Meine Großmutter lernte ich erst später kennen. Was geht in einem Kind vor, zu dem in einer Kleinstadt, in der fast jeder wusste, dass seine Mutter seine Großmutter war? Fast jeder wusste, an welchem Ort und weswegen seine leibliche Mutter während der NS-Zeit sich aufgehalten hatte. Einen Satz von ihm vergesse ich nie. Er berichtete, dass er nicht immer ein Waisenknabe gewesen wäre, bisweilen ihm Lehrer trotz Unschuld einen Diebstahl angelastet hätten. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Dass er mit vierzehn das Weite suchte, dieser piefigen Kleinstadt entfloh, und zur See fuhr, ist verständlich. Wenn er noch leben würde, dürfte er seit dem Bundestagsentschluss, als Opfer nach vergangenen 75 Jahren einen Antrag auf kostenlose psychologische Beratung stellen. Ich bin gerührt!
Mein Weg führt mich weiter durch die deutschen Lande und mir wird es bange um die Zukunft, um meine Tochter. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Plakate der Partei, die sich für das Wohl des „deutschen Volkes“ bemüht. Habt ihr nichts gelernt? Nein, ich mache euch, die ihr dieser Ideologie hinterherlauft, und euch, die ihr das Kreuz an jener Stelle auf dem Wahlzettel zeichnet, keine Vorhaltungen. Es ist eure Meinung und wir haben Meinungsfreiheit. Dieses gilt gleichfalls für uns, jene, die nicht eure Ansicht teilen. Alle Menschen sind gleich, und besitzen einen Verstand, den man nutzen sollte. Für euch ist die NS-Zeit bloß ein Kapitel in einem Geschichtsbuch, gleichbedeutend mit dem Kaiserreich. Ihr habt keine emotionale Bindung. Einverstanden, auch unter euren Vorfahren gab es Opfer. Nicht jeder Soldat ging freiwillig an die Front, jedoch wurden sie nach dem Krieg geehrt. Gewiss gab es Großeltern, die ausgebombt, geflohen oder gestorben waren. Mein Mitgefühl ist mit allen Opfern. Allerdings waren sie, wie bei meinem Vater – das meine ich nicht abwertend – Kollateralschäden. Leid kann man nicht steigern. Es existiert aber ein kleiner Unterschied. Dies ist der Grund des Leids: Massenmord. Der Unterschied zwischen gezieltem, staatlichem Massenmord und Leidtragenden eines erbärmlichen Krieges. Es ist unwürdig, dass Überlebende des Massenmordes von einem rechtsstaatlichen, demokratischen Staat wie der Bundesrepublik weiterhin als „Asoziale“, sogar als „Volksschädlinge“ stigmatisiert wurden. Zumindest beschloss der Bundestag, vor sechs Jahren, alle Opfer als solche anzuerkennen. Aber nicht alle stimmten mit „Ja“: die Abgeordneten einer Partei nicht. Denkt darüber nach, welchen Rattenfängern ihr hinterherlauft. Denn auch ihr seid stets ein Teil einer Minderheit: alles eine Sache der Definition.
Ich erreiche Bayern, denke an den morgigen Tag, und mir schnürt sich die Kehle ein. Wie ich bereits ausführte, eine Gedenkstätte aufzusuchen, belastet mich. Dazu muss ich mich überwinden. Ich denke an die Internierten, die nach Jahren der Befreiung diesen Gang gingen, und ziehe vor ihnen meinen Hut. Wenn mich, als direkter Angehöriger, schon ein mulmiges Gefühl plagt, welche Qualen erlitten sie? Ich möchte es mir gar nicht ausmalen. Wovor ich jedoch am meisten Bammel habe, ist der Ort, an dem meine Großmutter in Flossenbürg einsaß: der Bunker oder, wie Frau Nick schrieb, die Todeszelle. Er war einer der schrecklichsten Orte in Flossenbürg. Dort wurde sie gefoltert. Dort fesselten sie meine Großmutter bäuchlings auf den Bock, derart fest, bis die Haut sich spannte. 25 Peitschenhiebe. Hört sich eigentlich wenig an. Aber wer die Berichte der Gefolterten gelesen hat, weiß es besser. Sie waren ausgemergelt, von Mangelernährung und Zwangsarbeit gezeichnet. Meine Großmutter war sechs Wochen auf der Flucht gewesen: kein Erholungsurlaub. Jeden Schlag mussten sie mitzählen. Verzählten sie sich, begann es von vorn. Nach den ersten Hieben zerriss ihre Haut. Wie viele es überlebten, ist nicht bekannt. Entweder verstarben sie bereits auf dem Bock oder später an den Folgen.
Ich überlege, ob ich weiterfahre oder mich übergeben soll.
Ich entscheide mich für das Erste, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mir ein Bild gemacht habe.
Das Grundgesetz ist doch eindeutig. Allein der erste Paragraph, Abschnitt 1, sagt alles:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Wie die staatlichen Gewalten der Bundesrepublik mit den sogenannten „Asozialen und Berufsverbrechern“ umgingen, war würdelos.
Berufsverbrecher? Ja, es waren Straftäter, Kleinkriminelle, die nach verbüßter Strafe nicht in die Freiheit entlassen wurden, sondern ins KZ kamen: Schutzhaft, Vorbeugehaft oder Sicherungsverwahrte.
Gleich nach dem Krieg bildeten sich Komitees, die durch ihre Empfehlungen mitentschieden, ob ein Internierter als Opfer anerkannt wurde. In diesen Komitees waren jedoch nicht alle Gruppen paritätisch vertreten. Die Homosexuellen: Sie trugen ein rosa Stoffdreieck. Den nannte man Winkel und er war vergleichbar mit dem „Judenstern“. Die Sinti und Roma hatten einen braunen Winkel, die „Berufsverbrecher“ einen grünen und die „Asozialen“ einen schwarzen. All diese Internierten waren nur selten Mitglieder in den Komitees. Die überwiegende Mehrheit waren die „politischen“ mit dem roten Winkel. Dieses war einleuchtend. Die Kommunisten und Sozialdemokraten waren bereits vor der Machtergreifung organisiert. Auch wenn die übergeordneten Strukturen spätestens 1937 zerschlagen waren, fanden sich die ehemaligen Parteimitglieder recht zügig wieder. Die anderen Gruppen waren nicht organisiert gewesen. Die Sinti und Roma nehme ich heraus. Ihre bestialische, planmäßige Vernichtung war Völkermord und steht dem Rassenwahn gleich, den das NS-Regime „den Juden“ angetan hatte. Dabei setze ich den Begriff gedanklich in Anführungszeichen, denn er trifft nur zu, wenn man so denkt wie die Nationalsozialisten.
Gegen diese Übermacht hatten die Ausgegrenzten keine Chance. Mehr noch, Sie wurden teilweise zu Helfershelfern, Funktionshäftlingen abgestempelt – Vorarbeiter, Blockälteste oder „Hilfsaufseher“ – ohne die das perfide Lagersystem nie funktioniert hätte. Das Regime hatte gar nicht genug Leute. Die SS schaute nicht nach der Winkelfarbe, wenn sie jemanden für eine Tätigkeit aussuchte und ihm dafür Vergünstigungen anbot. Nach der Befreiung vergaßen die „Rotwinkel“ rasch, dass auch unter ihnen Funktionshäftlinge waren. Die freien Plätze mussten belegt werden. Oder wie man so schön sagt: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“ Nicht organisiert und Helfershelfer! Dass die Anerkennungsquote der nicht „politisch“ Verfolgten eher mickrig ausfiel, ist einleuchtend. Da trugen sie weiter den Winkel, den ihnen das NS-Regime meist willkürlich angesteckt hatte. Sogar noch Anfang dieses Jahrhunderts waren Historiker schnell dabei, „Asoziale“ und „Funktionshäftling“ zu verbinden. In einer Publikation über die Außenlager von Flossenbürg war meine Großmutter eine von diesen. Wenn es mir in ein paar Monaten als Laie gelang, ihr Schicksal zu ergründen. Welche Möglichkeiten hätten Profis gehabt?
Noch eine knappe Stunde zum Ziel und ich denke weiterhin an meine Großmutter. Sie war als Kind bei den „Roten Falken“, ihre Eltern SPD‑Mitglieder. Warum wurde sie zur „Asozialen“? Drei Aspekte waren sicher ausschlaggebend: Sie war zeitweise im Heim, hatte einen unehelichen Sohn und saß im Mädchen-KZ Uckermark ein. Um das Lager zu beschreiben, reicht meine Zeit nicht mehr. Ich könnte es jedoch kurz skizzieren. Es wurde 1942 für sogenannte „verwahrloste“, nicht in die „Volksgemeinschaft“ integrierbare Mädchen errichtet. Da war es in der Denke der Nazis plausibel, dass meine Großmutter nach ihrer Flucht, von einer Haftanstalt ins KZ Ravensbrück als „Asoziale“ überführt wurde. In Oederan war sie dann „politische“. Es existieren keine offiziellen Dokumente darüber, aber meine Großmutter in ihren Briefen und ihre Mitinsassinnen Frau Helga Pollak-Kinsky sowie Frau Grete Salus schrieben es später in ihren Büchern auf. Oederan war ein rein „jüdisches“ Frauenlager und im November 1944, als meine Großmutter dahin kam, nahm die SS es weiterhin sehr genau, zu welcher „Rasse“ die Internierten gehörten. Die Frauen schlossen sie in ihre Mitte, und beschützten sie beim Marsch von Oederan nach Theresienstadt. Wenn sie es nicht getan hätten, wäre sie bestimmt zurück nach Flossenbürg gekommen, um auf ihre Hinrichtung zu warten. Ich denke an die Gedenkveranstaltung, zu der ich geladen bin, und mir wird mulmig. Mir ist bewusst, an welchem Ort man der Internierten gedenkt. An dem Ort, an dem sie verstarben oder befreit wurden. Für meine Großmutter war dieser Ort nicht Flossenbürg gewesen.
Ankunft in Weiden
Ohne lange zu suchen, erreichte ich mein Hotel „Zur Post“. Ich hatte es nicht wegen der Lage ausgesucht. Weiden ist wie Wolfenbüttel eher kleinstädtisch, daher ist das Zentrum gut zu Fuß zu bewältigen, hat aber dasselbe Problem wie andere Städte: Parkraum. Das Hotel hat einen Parkplatz. Ein Mitarbeiter oder der Eigentümer des Hotels, ich nenne ihn einfach Herbert, begrüßt mich freundlich.
Während er die Formalien erledigte, kamen wir ins Gespräch. Er fragte mich nach dem Grund meines Besuchs, ob ich mir das schöne Weiden ansehen wolle. Ich verneinte wahrheitsgemäß und sagte ihm, ich wolle heute noch zur Gedenkstätte. Worauf er entgegnete, dass sie im vorigen Jahr einen ganzen Bus aus Frankreich gehabt hätten: Wäre nett gewesen. Er habe heute auch noch einen Termin, gab er mir zu verstehen, er wolle wie jeden Freitag und Sonntag in die Kirche. Ich muss dazu sagen, dass ich es mit dem „Göttlichen“ nicht so habe. Dennoch bin ich katholisch getauft, hatte meine Erstkommunion und bin, obwohl ich aus einer katholischen Diaspora stamme, recht gut informiert. Und ganz ehrlich, bei Bayern denke ich meist an Katholizismus. Dass ich in diesem Moment voreingenommen war, wurde mir erst danach bewusst. Ich teilte Herbert meine Bedenken mit und sagte ihm, dass Freitagabend für die „Heilige Messe“ doch ungewöhnlich sei. Er klärte mich auf. Herbert gehörte einer freikirchlichen Gemeinde an. Dieses zu meinem Vorurteil. Anschließend fragte er mich, was ich bei den „Farükten“ wolle. Dabei sprach er nicht abfällig über die Gedenkstätte. Er drückte eher Unverständnis aus und fragte mich, ob die Welt heute besser oder schlechter als damals wäre. Worauf ich ihm knapp „anders“ antwortete. „Gibt es weniger Kriege, weniger Elend auf der Welt, wenn man die Geschichte aufarbeitet?“, fragte er.
Ich antwortete: „Nein. Kaum jemand lerne aus der Geschichte.“ Warum man es täte, fragte er erneut. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich mehr über das Leid meiner Großmutter und der Mitinsassen erfahren, und ihrer gedenken möchte. Würde dadurch das Leid gelindert, fragte er nach. Abermals antwortete ich mit „Nein“.
„Wäre es nicht besser zu beten?“, kam seine Frage retour. Ich spürte, obwohl wir anderer Meinung waren, dass eins uns vereinte: Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass wir durch unser Engagement etwas ändern könnten. Seine Antwort auf seine nächste Frage, machte meine Hoffnung im Gegenüber wieder zunichte. Wie hieße unser Gott, wollte er wissen. Ich antworte, obwohl ich das „Göttliche“ nicht teile: „Er habe keinen Namen.“ Er hieße Jesus, sagte er mir. Ich schluckte. Ist es nicht das, was zumindest alle monotheistischen Religionen vereint, dass sie einen Gott haben?
Herbert gab mir, wie er meinte, eins seiner schönsten Zimmer, und ich brachte meine Tasche dorthin.
Auf dem Weg zur Gedenkstätte verfolgte mich Herbert. Seine Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Gewiss konnten, seine Ansichten bezüglich Jesus als Gott, die einen oder anderen christlichen Gemeinden teilen. Zumindest die, die an die „Dreifaltigkeit“ glauben. Aber was ist mit den islamischen oder jüdischen Gemeinden? Der ursächliche Grund eines Konfliktes, gar eines Krieges, ist selten die Religion, dennoch wird diese oft als Vorwand gewählt. Wäre es dann nicht besser, wenn Herbert, anstatt zu beten, ihnen die Hand reichen würde? Zweifel über meine Reise keimten in mir auf. Was wollte ich bezwecken? Was brachte mir die zwar laienhafte, dennoch wissenschaftliche Aufarbeitung des Lebens meiner Großmutter? Wem half sie? Niemanden, nicht einmal mir. Mein Ansatz war von Grund auf falsch. Wer lernt aus der Historie, erst recht aus Büchern? Ich erinnerte mich an meinen Geschichtsunterricht in der Realschule, an Frau Remmers. Auch sie benutzte Bücher, ohne Frage, aber ansonsten erzählte sie Geschichten. Geschichten vom französischen Königshof, vom Hofe Friedrichs und andere Monarchen. Sie schmückte sie aus, ging gern einmal unter die Gürtellinie. In meiner Jugend las ich unter anderem das Tagebuch von Anne Frank, Günter Grass’ Blechtrommel und Walter Kempowskis Lebensgeschichte. Warum? Die Texte beschrieben Menschen, nicht Daten und Fakten. Ich erkenne die Leistungen von Historikern nicht ab. Aber Hand aufs Herz, wer liest das, abgesehen von Historikern? Allein das Lesen ist für manch einen eine Qual.
Ich wusste nicht, was mich in Flossenbürg erwartete, deshalb nahm ich mir vor, mich treiben zu lassen.
Was ist eine Familie? Jeder ist mindestens in einer. Jeder Mensch hat Eltern, Großeltern, vielleicht Geschwister, eventuell Kinder, Enkelkinder. Man kann einer durch Adoption, Pflegschaft, Heirat oder gemeinsamen Kindern beitreten. Jeder kann ihr entsagen, den Kontakt abbrechen, aber austreten kann niemand. Eine Familie ist kein Verein, keine Partei, keine Glaubensgemeinschaft. Letztlich gehören wir alle einer an: der Familie Mensch. Wir alle sind Schwestern und Brüder. Neben den „biologischen“ Familien existieren auch solche, die aus einem tragischen Ereignis wie einem Feuer, einem Erdbeben oder einem Tsunami geboren wurden. Die größte dieser Familien ist die der vom Nationalsozialismus Verfolgten, Internierten oder Ermordeten und deren Nachkommen. Ich gehöre dieser Familie an. Es war mir jedoch nicht klar, bevor ich an der Gedenkfeier der Gedenkstätte des KZ Flossenbürg vom 24. bis 26. April dieses Jahres teilnahm. Für mich war es das erste Mal.
Ich wusste, dass meine Großmutter, Ursula „Uschi“ Heilmann, meine Oma Ursel, Verfolgte war, dass die SS sie in einem KZ interniert hatte. Entgegen vieler anderer hielt sie damit nicht hinter dem Berg. Deshalb machte ich mich Anfang letzten Jahres auf den Weg: viel zu spät. Meine Großmutter verstarb, da war ich 25. Ihre teilweise bruchstückhaften Berichte im Kopf brach ich auf, recherchierte. Ja, sie hatte Fußspuren hinterlassen, schaffte es in mehreren Büchern, ein, zwei Zeilen, von denen ich nichts ahnte. Genauso wenig, dass ihr Name in Yad Vashem verewigt ist. Ich erfuhr etwas von ihrer, meiner Familie, die ich nie kennenlernte. Ich las die Zöglingsakte meines Urgroßvaters und konnte teilweise die Kindheit, die Jugendzeit von ihr aus dem Tal des Vergessens holen. Aber dieses ist wie ihr Leben nach 1945, frei nach Walter Kempowski: „Ein Kapitel für sich“. Was mich mit meiner „neuen“ Familie und meinem Besuch in der Gedenkstätte Flossenbürg verbindet, ist die Zeit von 1940 bis 1945. Ich will nicht ins Detail gehen, nur so viel beschreiben, dass jeder es nachvollziehen kann. Außerdem existieren noch Lücken, die ich aufgrund der Fakten, spekulativ auffülle. Meine Großmutter gebar Ende Mai 1940 meinen Vater in einem „Mutter-Kind-Heim“. Gleich nach der Geburt leistete sie ihren „Arbeitsdienst“ in der Lüneburger Heide ab. Sie kehrte jedoch nicht zurück. Sie brachte meinen Vater zu ihrer Mutter, meiner Urgroßmutter, die ich ebenfalls bis zu ihrem Tod kannte und mit „Oma“ ansprach. Meine Großmutter floh nach Hamburg und tauchte unter, bis man sie um den 8. Mai 1942 aufgriff. Die Gestapo brachte sie am 7. Juni ins Gefängnis Hütten. Am 27. des Monats war sie eins von den ersten „gefallenen“ Mädchen des KZ Uckermark. Im Sommer des folgenden Jahres floh sie, und wurde nach ein paar Tagen in Berlin aufgegriffen. Mitte Dezember steckte die Staatsmacht sie als sogenannte „Asoziale“ ins KZ Ravensbrück. Im Frühjahr 1944 schuftete sie im KZ-Außenlager Zwodau. Aus dem sie am 20. Juli 1944 mit ihrer Kameradin Josefine „Fanny“ Nick türmte. Nach sechs Wochen Flucht nahm man sie wieder gefangen und verbrachte sie als „Sonderhäftling“ in den Arrestbau des KZ Flossenbürg. Die SS peitschte sie aus, folterte sie. Sie überführten sie in das KZ-Außenlager Holleichen. Nach knapp zwei Monaten kam sie zurück in den Arrestbau, wegen Sabotage, wie meine Großmutter schrieb. Sie stellten sie unter „jüdische Haft“. Bis zum „Todesmarsch“ im April 1944 schuftete sie in dem rein „jüdischen“ Frauen-KZ-Außenlager Oederan. Dort war sie als „Politische“ interniert. Die Frauen nahmen sie auf, beschützten sie. Dabei war sie als „arisch“ privilegiert. Keiner der SS durfte sie einfach hinrichten. Foltern, durch Arbeit und Hunger vernichten, bestimmt, aber an den Galgen wäre sie gewiss nur auf Befehl der Reichsführung gekommen. Das Kriegsende überlebte sie, vom schwedischen Roten Kreuz geschützt als „mosaisch“, im Ghetto Theresienstadt.
Sie gehörte, zwar nicht mit einer Urkunde belegt, allen drei Hauptgruppen der Verfolgten an: den sozialrassisch, den politisch und den rassisch Verfolgten. Ganz klar, dass ihr niemand Glauben schenkte.
Ab in den Süden
Ich fahre auf der A 36 gen Osten. Der Harz ist rechts von mir, Wernigerode in Sichtweite, und ich bin gedanklich bei meiner Urgroßmutter. In Schierke oberhalb von Wernigerode hatte sie für drei Monate kurz nach der Machtergreifung eine Anstellung als Hausgehilfin im Hotel Fürstenhöhe, wie ich aus ihren Melderegisterdaten erfuhr. Meine Großmutter arbeitete gleichfalls im Harz: Braunlage, Hotel Waidmannsheil, bestimmt nicht als Hausgehilfin, eher als Näherin, und über dreißig Jahre später.
Seit über einem Jahr arbeite ich das Leben meiner Großmutter auf. Oh, Ahnenforschung, interessant, habe ich auch schon einmal gemacht, wird der eine oder die andere sagen. Und ich muss zustimmen: Was man alles über seine Vorfahren erfahren kann, ist spannend. Die Heilmanns, also meine Namensgeber, stammten aus Geiselbach, einer Gemeinde in Unterfranken nahe Aschaffenburg: eine weitverzweigte Familie. Einer meiner Verwandten schaffte es zu einer Berühmtheit. Seine Baufirma Heilmann & Littmann errichtete das Münchner Hofbräuhaus und andere Gebäude in dieser Stadt. Sogar in Baltimore ließen sie sich nieder, und daraus erwuchs ein loser E-Mail-Kontakt zu meiner Cousine 4. Grades aus Arizona. Ein anderer Teil meiner Vorfahren stammte aus Krebeck: Eichsfeld unweit von Duderstadt. Einmal war ich dort, schritt über den Friedhof und stellte an den Namen fest, dass ich mit vielen, die dort ruhten, verwandt bin. Auch einen Zweig der Knöchelmanns verschlug es in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Chicago. Ja, Ahnenforschung ist faszinierend. Ich erfuhr etwas von meinem Urgroßvater: Waisenkind. Sein Vater verstarb, als er sechs, seine Mutter, als er vierzehn war. Einen Bruder, eine Schwester und einen Halbbruder hatte er. Dass er existierte, wusste ich, nicht nur aus der Logik, dass jeder Mensch welche hat, sondern weil meine Urgroßmutter und meine Großmutter von ihm erzählten: nicht viel, nur das Nötigste. Die Ehe meiner Urgroßeltern wurde 1936 geschieden und meine Urgroßmutter heiratete erneut 1940. Aber, dass meine Großmutter zwei Onkel und eine Tante hatte, erfuhr ich nicht. Dabei verstarb mein Urgroßvater erst 1971, also nach meiner Geburt, und sein Bruder 1986. Die Familie war zerbrochen. Den animalischen Kraftausdruck, den ich denke, schreibe ich nicht nieder. Auf das Niveau des NS-Regimes möchte ich mich nicht begeben.
Einen Bruder hatte sie auch. Am 11. April 1945 sendete U 396 den letzten Funkspruch aus dem Nordatlantik.
Mein Urgroßvater stand 1936 unter der Beobachtung der Gestapo, und aus einem der Briefe meiner Großmutter erfuhr ich, dass er zweimal inhaftiert wurde. In Haft war er bereits in den 20er-Jahren. Neun Monate saß er wegen Diebstahls und Unterschlagung in Hameln ein. Als Kind war er im Erziehungsheim Kalandshof bei Burgwedel, aus heutiger Sicht eine schreckliche Anstalt.
Dieses ist nicht der Anlass, warum ich diese Reise begonnen habe. Es geht um allein meine Großmutter, ihr Leben von 1940, kurz nachdem sie meinen Vater zur Welt gebracht hatte, bis 1945. Auch sie war zeitweise Heimkind, und stand unter katholischer Obhut. Aber das ist, wie bereits Walter Kempowski schrieb: „Ein Kapitel für sich“. Fünf Stunden trennen mich von meinem Ziel. Genug Zeit, um nachzudenken. Fünf Stunden für mich. Bei meiner Großmutter waren es fünf Jahre. Die besten Jahre eines Lebens, wie man gern sagt: vom 18. bis zum 22. Lebensjahr. Die Jahre, in denen man die Welt erkundet, sich von den Eltern lossagt, um vielleicht am Ende dieser Sturm-und-Drang-Zeit selbst eine Familie zu gründen. Diese Jahre raubten ihr die Nazis. Sie zwangen sie in Schutzhaft. Jedoch nicht um sie zu schützen, sondern den „deutschen Volkskörper“ vor ihr. In zwei Gefängnissen und sechs Lagern sperrten sie meine Großmutter ein: Gestapo-Gefängnis Hütten (Hamburg), Mädchen-KZ Uckermark, Frauengefängnis Berlin, KZ Ravensbrück, Arbeitsaußenlager Zwodau, Holleichen sowie Oederan und zum Schluss Theresienstadt Ghetto. Dreimal floh sie: von Wolfenbüttel nach Hamburg, aus dem Mädchen-KZ Uckermark nach Berlin und am 20. Juli 1944 mit ihrer Mitinsassin Josefine Nick aus dem Außenlager Zwodau. In den Lagern zwang die Staatsmacht sie unter erbärmlichen, unmenschlichen Bedingungen für den Endsieg zu schuften. Sie nähte, vielleicht waren es Uniformen – das Schneiderhandwerk hatte sie gelernt –, baute Instrumente für Flugzeuge und fertigte Munition für die Front. In einem Lager arbeitete sie nicht, dort folterte man sie: Flossenbürg. Zweimal war sie dort: nach ihrer Flucht aus Zwodau und nach dem Lager Holleichen wegen Sabotage, wie ich in einem ihrer Texte las. Sie kam danach nach Oederan. Mitinsassen schrieben später, sie hätte unter ‚jüdischer Haft‘ gestanden. Deswegen überlebte sie in Theresienstadt.
Ich fuhr weiter. Eine Gedenkstätte zu besuchen, war eins, aber Flossenbürg war für mich etwas anderes. Es würde nicht das Erste für mich sein. In der elften Klasse war ich in Buchenwald gewesen: Politfahrt in die DDR. Die Kulturstädte Dresden und Weimar standen genauso auf dem Programm, wie das Treffen mit FDJlern. Nichts Neues für mich, denn ich habe Verwandte in Magdeburg. Trotzdem kann ich mich an Buchenwald nicht mehr erinnern: verdrängt, aus meinem Gedächtnis getilgt. Ich kann mir vorstellen, wie erbärmlich es mir ging. Der Führer der Tour, erzählte und ich dachte an meine Großmutter. Eins vergaß ich nicht. Es hat sich in meinem Gehirn eingeprägt. Vor jeder Studienfahrt bespricht eine Klasse die Fahrt. Die NS-Zeit und Buchenwald waren bei uns gewiss ein Thema. Ein Lehrer, ich weiß nicht mehr, wer es war, fragte uns, was unsere Großeltern während der Zeit gemacht hätten. Sicher berichtete, die eine oder der andere, dass der Großvater bei der Wehrmacht gewesen oder aus Schlesien geflüchtet wäre. Als ich an die Reihe kam, und nichts dergleichen zu berichten hatte, sagte ich, meine Großmutter hätte im KZ eingesessen. Der Lehrer fragte mich, ob ich jüdische Vorfahren hätte, was ich verneinte. Anstatt mich aufzufordern, meine Großmutter als Zeitzeugin einzuladen, gab er mir zu verstehen, sie sei gewiss dort zu Recht gewesen. Was unternahm ich? Nichts. Ich ging nicht zu ihr, berichtete ihr darüber, forderte sie auf, mir die ganze Geschichte zu erzählen. Vielleicht hatte ich Angst, dass sie von dem Sockel fiel, auf den ich sie bereits gestellt hatte.
Ich fuhr durch Aschersleben und bog in eine Straße ein, die zu Ehren zweier Widerstandskämpfer benannt wurde.
Für mich stand sie als Widerstandskämpferin gegen den Faschismus auf gleicher Höhe wie die Geschwister Scholl. Meine Recherchen führten dazu, dass ich überhaupt nicht so falsch lag. Soweit ich es beweisen kann. Muss ich es? Warum sind die Aussagen der Leidtragenden weniger wert als die der Täter? Erst recht dann, wenn diese bereits überführt sind. Es bleibt für immer im Dunkel der Geschichte, was meine Großmutter tat. Ich gehe davon aus, dass sie in der Zeit, in der sie sich in Hamburg versteckte, nicht die Hände in den Schoß gelegt hatte. Das war nicht ihr Ding. Man hat sie schlicht bei der Tat nicht erwischt. Weswegen sie floh, scheint aus den Unterlagen plausibel. Sie gebar meinen Vater in einem Mutter-Kind-Heim in Hannover. Danach hatte sie für ein halbes Jahr zusammen mit meinem Vater einen Aufenthalt in Poppenhagen nahe Hannover. Davon kehrte sie jedoch nicht zurück, brachte meinen Vater zu meiner Urgroßmutter. In einem Dokument schrieb sie später, dass sie sich nicht der Musterung zum Arbeitsdienst verweigert hätte, sondern bereits dort gewesen wäre. Warum hatte ich sie nie gefragt? Sie starb, da war ich 25. War es meine Scham oder weil sie damit abgeschlossen hatte? Sie berichtete, jedoch nicht im Zusammenhang. Das, was sie erzählte, passt zu dem, was ich im vergangenen Jahr erfuhr. Ich las ihre Briefe und hatte den Eindruck, als hätte ich neben ihr gesessen, während sie diese mit ihrer Reiseschreibmaschine schrieb.
„Woher soll ich drei Zeugen bekommen, die sind doch alle tot.“
Sie zeigte mir die Nummer, die man ihr unterhalb der Achseln in den Oberarm tätowiert hatte. Damals habe ich sie mir nicht gemerkt, heute kenne ich sie: 50282.
Ihr Bemühen führte schlussendlich zu einem spärlichen Erfolg. Ihr wurden Rentenjahre gutgeschrieben. Vielleicht bekam sie auch ein paar Mark. Allerdings rehabilitiert wurde sie erst 2020, als der Bundestag, die sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ als Opfer des Nationalsozialismus anerkannte. Opfer? Als hätte sich meine Großmutter geopfert oder wäre zufälligerweise Ziel einer Straftat gewesen. Sie war Verfolgte. Opfer war mein Vater. Kollateralschaden. Ohne Mutter, ohne Vater – mein Großvater ist unbekannt – wuchs er bei seiner Großmutter auf, sprach sie mit Mama an, wie ich sie mit Oma. Meine Großmutter lernte ich erst später kennen. Was geht in einem Kind vor, zu dem in einer Kleinstadt, in der fast jeder wusste, dass seine Mutter seine Großmutter war? Fast jeder wusste, an welchem Ort und weswegen seine leibliche Mutter während der NS-Zeit sich aufgehalten hatte. Einen Satz von ihm vergesse ich nie. Er berichtete, dass er nicht immer ein Waisenknabe gewesen wäre, bisweilen ihm Lehrer trotz Unschuld einen Diebstahl angelastet hätten. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Dass er mit vierzehn das Weite suchte, dieser piefigen Kleinstadt entfloh, und zur See fuhr, ist verständlich. Wenn er noch leben würde, dürfte er seit dem Bundestagsentschluss, als Opfer nach vergangenen 75 Jahren einen Antrag auf kostenlose psychologische Beratung stellen. Ich bin gerührt!
Mein Weg führt mich weiter durch die deutschen Lande und mir wird es bange um die Zukunft, um meine Tochter. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Plakate der Partei, die sich für das Wohl des „deutschen Volkes“ bemüht. Habt ihr nichts gelernt? Nein, ich mache euch, die ihr dieser Ideologie hinterherlauft, und euch, die ihr das Kreuz an jener Stelle auf dem Wahlzettel zeichnet, keine Vorhaltungen. Es ist eure Meinung und wir haben Meinungsfreiheit. Dieses gilt gleichfalls für uns, jene, die nicht eure Ansicht teilen. Alle Menschen sind gleich, und besitzen einen Verstand, den man nutzen sollte. Für euch ist die NS-Zeit bloß ein Kapitel in einem Geschichtsbuch, gleichbedeutend mit dem Kaiserreich. Ihr habt keine emotionale Bindung. Einverstanden, auch unter euren Vorfahren gab es Opfer. Nicht jeder Soldat ging freiwillig an die Front, jedoch wurden sie nach dem Krieg geehrt. Gewiss gab es Großeltern, die ausgebombt, geflohen oder gestorben waren. Mein Mitgefühl ist mit allen Opfern. Allerdings waren sie, wie bei meinem Vater – das meine ich nicht abwertend – Kollateralschäden. Leid kann man nicht steigern. Es existiert aber ein kleiner Unterschied. Dies ist der Grund des Leids: Massenmord. Der Unterschied zwischen gezieltem, staatlichem Massenmord und Leidtragenden eines erbärmlichen Krieges. Es ist unwürdig, dass Überlebende des Massenmordes von einem rechtsstaatlichen, demokratischen Staat wie der Bundesrepublik weiterhin als „Asoziale“, sogar als „Volksschädlinge“ stigmatisiert wurden. Zumindest beschloss der Bundestag, vor sechs Jahren, alle Opfer als solche anzuerkennen. Aber nicht alle stimmten mit „Ja“: die Abgeordneten einer Partei nicht. Denkt darüber nach, welchen Rattenfängern ihr hinterherlauft. Denn auch ihr seid stets ein Teil einer Minderheit: alles eine Sache der Definition.
Ich erreiche Bayern, denke an den morgigen Tag, und mir schnürt sich die Kehle ein. Wie ich bereits ausführte, eine Gedenkstätte aufzusuchen, belastet mich. Dazu muss ich mich überwinden. Ich denke an die Internierten, die nach Jahren der Befreiung diesen Gang gingen, und ziehe vor ihnen meinen Hut. Wenn mich, als direkter Angehöriger, schon ein mulmiges Gefühl plagt, welche Qualen erlitten sie? Ich möchte es mir gar nicht ausmalen. Wovor ich jedoch am meisten Bammel habe, ist der Ort, an dem meine Großmutter in Flossenbürg einsaß: der Bunker oder, wie Frau Nick schrieb, die Todeszelle. Er war einer der schrecklichsten Orte in Flossenbürg. Dort wurde sie gefoltert. Dort fesselten sie meine Großmutter bäuchlings auf den Bock, derart fest, bis die Haut sich spannte. 25 Peitschenhiebe. Hört sich eigentlich wenig an. Aber wer die Berichte der Gefolterten gelesen hat, weiß es besser. Sie waren ausgemergelt, von Mangelernährung und Zwangsarbeit gezeichnet. Meine Großmutter war sechs Wochen auf der Flucht gewesen: kein Erholungsurlaub. Jeden Schlag mussten sie mitzählen. Verzählten sie sich, begann es von vorn. Nach den ersten Hieben zerriss ihre Haut. Wie viele es überlebten, ist nicht bekannt. Entweder verstarben sie bereits auf dem Bock oder später an den Folgen.
Ich überlege, ob ich weiterfahre oder mich übergeben soll.
Ich entscheide mich für das Erste, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mir ein Bild gemacht habe.
Das Grundgesetz ist doch eindeutig. Allein der erste Paragraph, Abschnitt 1, sagt alles:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Wie die staatlichen Gewalten der Bundesrepublik mit den sogenannten „Asozialen und Berufsverbrechern“ umgingen, war würdelos.
Berufsverbrecher? Ja, es waren Straftäter, Kleinkriminelle, die nach verbüßter Strafe nicht in die Freiheit entlassen wurden, sondern ins KZ kamen: Schutzhaft, Vorbeugehaft oder Sicherungsverwahrte.
Gleich nach dem Krieg bildeten sich Komitees, die durch ihre Empfehlungen mitentschieden, ob ein Internierter als Opfer anerkannt wurde. In diesen Komitees waren jedoch nicht alle Gruppen paritätisch vertreten. Die Homosexuellen: Sie trugen ein rosa Stoffdreieck. Den nannte man Winkel und er war vergleichbar mit dem „Judenstern“. Die Sinti und Roma hatten einen braunen Winkel, die „Berufsverbrecher“ einen grünen und die „Asozialen“ einen schwarzen. All diese Internierten waren nur selten Mitglieder in den Komitees. Die überwiegende Mehrheit waren die „politischen“ mit dem roten Winkel. Dieses war einleuchtend. Die Kommunisten und Sozialdemokraten waren bereits vor der Machtergreifung organisiert. Auch wenn die übergeordneten Strukturen spätestens 1937 zerschlagen waren, fanden sich die ehemaligen Parteimitglieder recht zügig wieder. Die anderen Gruppen waren nicht organisiert gewesen. Die Sinti und Roma nehme ich heraus. Ihre bestialische, planmäßige Vernichtung war Völkermord und steht dem Rassenwahn gleich, den das NS-Regime „den Juden“ angetan hatte. Dabei setze ich den Begriff gedanklich in Anführungszeichen, denn er trifft nur zu, wenn man so denkt wie die Nationalsozialisten.
Gegen diese Übermacht hatten die Ausgegrenzten keine Chance. Mehr noch, Sie wurden teilweise zu Helfershelfern, Funktionshäftlingen abgestempelt – Vorarbeiter, Blockälteste oder „Hilfsaufseher“ – ohne die das perfide Lagersystem nie funktioniert hätte. Das Regime hatte gar nicht genug Leute. Die SS schaute nicht nach der Winkelfarbe, wenn sie jemanden für eine Tätigkeit aussuchte und ihm dafür Vergünstigungen anbot. Nach der Befreiung vergaßen die „Rotwinkel“ rasch, dass auch unter ihnen Funktionshäftlinge waren. Die freien Plätze mussten belegt werden. Oder wie man so schön sagt: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“ Nicht organisiert und Helfershelfer! Dass die Anerkennungsquote der nicht „politisch“ Verfolgten eher mickrig ausfiel, ist einleuchtend. Da trugen sie weiter den Winkel, den ihnen das NS-Regime meist willkürlich angesteckt hatte. Sogar noch Anfang dieses Jahrhunderts waren Historiker schnell dabei, „Asoziale“ und „Funktionshäftling“ zu verbinden. In einer Publikation über die Außenlager von Flossenbürg war meine Großmutter eine von diesen. Wenn es mir in ein paar Monaten als Laie gelang, ihr Schicksal zu ergründen. Welche Möglichkeiten hätten Profis gehabt?
Noch eine knappe Stunde zum Ziel und ich denke weiterhin an meine Großmutter. Sie war als Kind bei den „Roten Falken“, ihre Eltern SPD‑Mitglieder. Warum wurde sie zur „Asozialen“? Drei Aspekte waren sicher ausschlaggebend: Sie war zeitweise im Heim, hatte einen unehelichen Sohn und saß im Mädchen-KZ Uckermark ein. Um das Lager zu beschreiben, reicht meine Zeit nicht mehr. Ich könnte es jedoch kurz skizzieren. Es wurde 1942 für sogenannte „verwahrloste“, nicht in die „Volksgemeinschaft“ integrierbare Mädchen errichtet. Da war es in der Denke der Nazis plausibel, dass meine Großmutter nach ihrer Flucht, von einer Haftanstalt ins KZ Ravensbrück als „Asoziale“ überführt wurde. In Oederan war sie dann „politische“. Es existieren keine offiziellen Dokumente darüber, aber meine Großmutter in ihren Briefen und ihre Mitinsassinnen Frau Helga Pollak-Kinsky sowie Frau Grete Salus schrieben es später in ihren Büchern auf. Oederan war ein rein „jüdisches“ Frauenlager und im November 1944, als meine Großmutter dahin kam, nahm die SS es weiterhin sehr genau, zu welcher „Rasse“ die Internierten gehörten. Die Frauen schlossen sie in ihre Mitte, und beschützten sie beim Marsch von Oederan nach Theresienstadt. Wenn sie es nicht getan hätten, wäre sie bestimmt zurück nach Flossenbürg gekommen, um auf ihre Hinrichtung zu warten. Ich denke an die Gedenkveranstaltung, zu der ich geladen bin, und mir wird mulmig. Mir ist bewusst, an welchem Ort man der Internierten gedenkt. An dem Ort, an dem sie verstarben oder befreit wurden. Für meine Großmutter war dieser Ort nicht Flossenbürg gewesen.
Ankunft in Weiden
Ohne lange zu suchen, erreichte ich mein Hotel „Zur Post“. Ich hatte es nicht wegen der Lage ausgesucht. Weiden ist wie Wolfenbüttel eher kleinstädtisch, daher ist das Zentrum gut zu Fuß zu bewältigen, hat aber dasselbe Problem wie andere Städte: Parkraum. Das Hotel hat einen Parkplatz. Ein Mitarbeiter oder der Eigentümer des Hotels, ich nenne ihn einfach Herbert, begrüßt mich freundlich.
Während er die Formalien erledigte, kamen wir ins Gespräch. Er fragte mich nach dem Grund meines Besuchs, ob ich mir das schöne Weiden ansehen wolle. Ich verneinte wahrheitsgemäß und sagte ihm, ich wolle heute noch zur Gedenkstätte. Worauf er entgegnete, dass sie im vorigen Jahr einen ganzen Bus aus Frankreich gehabt hätten: Wäre nett gewesen. Er habe heute auch noch einen Termin, gab er mir zu verstehen, er wolle wie jeden Freitag und Sonntag in die Kirche. Ich muss dazu sagen, dass ich es mit dem „Göttlichen“ nicht so habe. Dennoch bin ich katholisch getauft, hatte meine Erstkommunion und bin, obwohl ich aus einer katholischen Diaspora stamme, recht gut informiert. Und ganz ehrlich, bei Bayern denke ich meist an Katholizismus. Dass ich in diesem Moment voreingenommen war, wurde mir erst danach bewusst. Ich teilte Herbert meine Bedenken mit und sagte ihm, dass Freitagabend für die „Heilige Messe“ doch ungewöhnlich sei. Er klärte mich auf. Herbert gehörte einer freikirchlichen Gemeinde an. Dieses zu meinem Vorurteil. Anschließend fragte er mich, was ich bei den „Farükten“ wolle. Dabei sprach er nicht abfällig über die Gedenkstätte. Er drückte eher Unverständnis aus und fragte mich, ob die Welt heute besser oder schlechter als damals wäre. Worauf ich ihm knapp „anders“ antwortete. „Gibt es weniger Kriege, weniger Elend auf der Welt, wenn man die Geschichte aufarbeitet?“, fragte er.
Ich antwortete: „Nein. Kaum jemand lerne aus der Geschichte.“ Warum man es täte, fragte er erneut. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich mehr über das Leid meiner Großmutter und der Mitinsassen erfahren, und ihrer gedenken möchte. Würde dadurch das Leid gelindert, fragte er nach. Abermals antwortete ich mit „Nein“.
„Wäre es nicht besser zu beten?“, kam seine Frage retour. Ich spürte, obwohl wir anderer Meinung waren, dass eins uns vereinte: Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass wir durch unser Engagement etwas ändern könnten. Seine Antwort auf seine nächste Frage, machte meine Hoffnung im Gegenüber wieder zunichte. Wie hieße unser Gott, wollte er wissen. Ich antworte, obwohl ich das „Göttliche“ nicht teile: „Er habe keinen Namen.“ Er hieße Jesus, sagte er mir. Ich schluckte. Ist es nicht das, was zumindest alle monotheistischen Religionen vereint, dass sie einen Gott haben?
Herbert gab mir, wie er meinte, eins seiner schönsten Zimmer, und ich brachte meine Tasche dorthin.
Auf dem Weg zur Gedenkstätte verfolgte mich Herbert. Seine Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Gewiss konnten, seine Ansichten bezüglich Jesus als Gott, die einen oder anderen christlichen Gemeinden teilen. Zumindest die, die an die „Dreifaltigkeit“ glauben. Aber was ist mit den islamischen oder jüdischen Gemeinden? Der ursächliche Grund eines Konfliktes, gar eines Krieges, ist selten die Religion, dennoch wird diese oft als Vorwand gewählt. Wäre es dann nicht besser, wenn Herbert, anstatt zu beten, ihnen die Hand reichen würde? Zweifel über meine Reise keimten in mir auf. Was wollte ich bezwecken? Was brachte mir die zwar laienhafte, dennoch wissenschaftliche Aufarbeitung des Lebens meiner Großmutter? Wem half sie? Niemanden, nicht einmal mir. Mein Ansatz war von Grund auf falsch. Wer lernt aus der Historie, erst recht aus Büchern? Ich erinnerte mich an meinen Geschichtsunterricht in der Realschule, an Frau Remmers. Auch sie benutzte Bücher, ohne Frage, aber ansonsten erzählte sie Geschichten. Geschichten vom französischen Königshof, vom Hofe Friedrichs und andere Monarchen. Sie schmückte sie aus, ging gern einmal unter die Gürtellinie. In meiner Jugend las ich unter anderem das Tagebuch von Anne Frank, Günter Grass’ Blechtrommel und Walter Kempowskis Lebensgeschichte. Warum? Die Texte beschrieben Menschen, nicht Daten und Fakten. Ich erkenne die Leistungen von Historikern nicht ab. Aber Hand aufs Herz, wer liest das, abgesehen von Historikern? Allein das Lesen ist für manch einen eine Qual.
Ich wusste nicht, was mich in Flossenbürg erwartete, deshalb nahm ich mir vor, mich treiben zu lassen.
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