Flucht

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kleinerbaer

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Haben sie schon einmal gesehen, wie eine Autotür während der Fahrt im hohen Bogen durch die Luft fliegt?

Irgendwo bei Frankfurt.
„Scheiße! Schon wieder Spätdienst.“ Ich stehe vor der Schranke und bin innerlich am Fluchen.
Mein Kollege in der Pforte scheint weggetreten zu sein. Nicht das er bei uns im offenen Strafvollzug allzu sehr aufpassen müsste, aber ein wenig Aufmerksamkeit würde auch nicht schaden. Jetzt bemerkt er mich, drückt den Knopf und die Schranke fährt hoch.
Ich such mir auf dem Gelände unserer kleinen Anstalt einen Parkplatz; vor dem Verwaltungsgebäude direkt unter dem Fenster des Chefs.
Leicht unmotiviert schäle ich mich aus dem Auto und beweg mich zur Pforte, um meinen Anstaltsschlüssel zu holen. Da kommt mir Micha entgegen, japsend vom schnellen gehen und offensichtlich im Stress. „Hi, Jörg. Komm gleich runter zur Kammer. Wir haben drei Mann im Bunker.“ Im Bunker heißt eingeschlossen in einer Zelle. Das passiert immer, wenn einer Scheiße gebaut hat. „Was haben sie angestellt?“
Ich zupf mir gelangweilt meine hässlich grüne Uniform zurecht. Sie spannt inzwischen über dem Bauch. Ich muss wirklich wieder mehr Sport treiben. „Sie waren übern Zaun und haben Wodka reingeholt.“ Micha ist ziemlich kurzatmig. Mit seinen 30kg Übergewicht toppt er meine 100kg locker. Kleine Schweißperlen machen sich auf seiner Glatze breit.
„Okay, dann sind sie ja jetzt gut aufgehoben.“
Micha ist mein bester Kumpel.
„Wer isses denn?“
„Dörner, Krowalski und“ Seine Augen funkeln jetzt amüsiert unter den dichten Brauen. „dein Broddun.“
„Okay.“ Dein Broddun heißt, den Gefangenen betreue ich. Ein Räuber, 120 Kilo reine Muskelmasse, Oberarme wie meine Oberschenkel. Ist für meine Gefangenen – Kraftsportgruppe verantwortlich. Hat sich draußen mal einen Schusswechsel mit der Mafia geliefert. Keiner der leichten Jungs.
„Sind alle friedlich?“
„Ja. Sieh zu, dass es so bleibt. Ich mach mich jetzt vom Acker.“
„Ich geb mir Mühe. Tschau, bis Morgen.“
Ich hatte gehofft Broddun kriegt den Dreh. Jetzt hat er sich doch alles kaputt gemacht.
Auf dem Weg zu den Zellen, die Fahrstraße runter, durch das Ausbildungsgelände der Landschaftsgärtner, erklärt mir mein Bereichsleiter, dass ich Broddun in den geschlossenen Vollzug fahre. Begleiten soll mich Armin. Ausgerechnet Armin. Mit seinen 60 Kilo Gewicht ist er bei Ärger keine besondere Hilfe.
Mit sechs Mann begleiten wir den Gefangenen in den Transporter. Alles läuft reibungslos.
„N´Abend Herr Kröger.“ Broddun grüßt höflich beim Einsteigen. Hoffentlich bleibt das.
Auch mit zwanzig Jahren Kampfsporterfahrung ist es mir lieber, es bleibt friedlich.
„Hi Jörg.“ Armin wirkt erleichtert, dass ich mit fahre. Er ist ein netter Kollege. Auch ziemlich helle. Leider ein wenig schwächlich.
Wir fahren los, Armin am Steuer. Über Funk melden wir uns in der Pforte ab. Der Gefangene ist durch ein Gitter und ein gläsernes Schiebefenster von uns getrennt. Läuft gut bis jetzt. Aus dem Schminkspiegel schauen mich, unter der Kurzhaarfrisur, zwei müde Augen an. Etwas weniger Wein und dafür mehr Schlaf würden mir gut tun.
„Tok! Tok! Tok!“ Gerade als wir auf die Autobahn auffahren klopft Broddun an die Scheibe. Mit sanfter Gewalt schiebe ich das Fenster zur Seite. „Was gibt’s?“
„Herr Kröger, fahren sie rechts ran und lassen mich raus. Ich lass mich nicht in den Geschlossenen bringen.“ Seine Stimme ist ganz ruhig, aber er meint es ernst. Armin funkt sofort die Kollegen im geschlossenen Vollzug an und bittet um Hilfe.
Ich rede derweil auf den Gefangenen ein. Ich kann das gut, aber heute habe ich keine Chance.
„Wir sind nur mit drei Mann.“ Hör ich über Funk.
„Dann schickt uns die Polizei.“ Armin redet ununterbrochen in die Funke, ich pausenlos auf Broddun ein.
Wir fahren von der Autobahn ab. Ich kann den Kopf des Gefangenen nicht mehr sehen. Dafür allerdings seine Füße, die mit aller Gewalt gegen die Scheibe unseres Transporters donnern. „Tempo halten!“ schrei ich Armin zu. Mit hundert Sachen rasen wir durch die City. Wir nehmen jede Kurve scharf. Der Gefangene schleudert hinten hin und her. Das scheint zu funktionieren. Doch jetzt kommen die engen Gassen. Wir müssen mit dem Tempo runter.
Es ist nicht mehr weit.
„Krack!!!“ Wie in Zeitlupe sehe ich unsere Wagentür im hohen Bogen auf den Bürgersteig fliegen. Armin gibt noch mal Gas und stoppt dann neben einem Streifenwagen direkt vor der Polizeiwache. Doch der Versuch Broddun damit am Aussteigen zu hindern scheitert kläglich. Er klettert über das Dach des Streifenwagens und rennt in den Wohnblock. Ich will sofort hinterher.
„Scheiße!“ Meine Tür wird durch den Polizeiwagen blockiert. Armin fährt ein Stück vor. Doch zu spät. Broddun ist nicht mehr zu sehen. Ich haste in die Wache und mache Meldung. Kaum bin ich wieder auf der Straße ertönt ein unglaubliches Sirenengeheul. Umgehend ist der Block umstellt. Fünf Polizisten mit Hunden verschwinden in den Gassen. Nur wenige Augenblicke später kommen sie wieder aus dem Wohnblock heraus. Broddun gefesselt in der Mitte. Ein Einsatz mit beeindruckender Geschwindigkeit. Beschämt nehmen wir den Gefangenen von der Polizei entgegen und bringen ihn, gemeinsam mit zwei Polizisten, in das nahe gelegene Gefängnis.
Zurück am Auto hilft mir ein freundlicher Passant die Wagentür einzuladen.
„Für die Show, die ihr mir geboten habt, kann ich auch mit anfassen“, grinst er.

Ich hatte schon bessere Tage.
 

 
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