fluchten

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mein ich droht mir auszuwandern
ins exil der massenmassen
ins scheinlicht hinter der scheibe
wollte die wespe und endete
halbtot auf der fensterbank
zwischen ausgetrockneten fliegen
und eingetopften kakteen

draußen am horizont des meeres
steigen mir gedanken stufenweise
durch losen dünensand
ins sich verlierende gedächtnis
möven gleiten kreischend und
ferienjets wedeln mit weißem schweif

ein ausgebuchter tourenbus wartet
ich fliehe zu fuß
 
F

Fettauge

Gast
Lieber Karl,

nicht ganz leicht, zu diesem Text sich zu äußern. Du assoziierst das Ich mit einer getäuschten Wespe, die hinter Glas einen Ausweg ins Freie sucht. Das Ich hat Angst vor der "Vermassung", es spürt, wie es sich selbst entgleitet und in der Masse untergeht. Nicht nur, dass die Vermassung (nicht die brüderliche Gemeinschaft) im Widerspruch steht zur gepredigten Ideologie des Individualismus, das Ich sieht sich als hilfloses Insekt, als Wespe, der ein (wenn auch nur scheinbarer) Ausweg ins Draußen versperrt ist.

Ein bisschen zu unklar für mich die "Gedanken" in der zweiten Strophe, hier könnte ich mir einen Hinweis auf einen (missglückten) Ausweg aus der Ich-Situation vorstellen. Etwas störend für mich der letzte Vers, ich würde ihn weglassen. Du würdest dann mit dem Tourenbus rausgehen, wieder ein Hinweis darauf, dass der Ausbruch missglückt ist, dass sich das Ich an die Situation angepasst hat. Das "positive" Ende mit dem Zu-Fuß-Gehen stört mich, er scheint mir auch nicht wirklich in der Realität angesiedelt, ein "Kurzschluss". Der Wunsch zum Ausbruch ist da, aber lässt er sich unter diesen Verhältnissen verwirklichen? Nicht anzunehmen, dazu wäre ein absoluter Schlussstrich vonnöten, der sich in diesem Kontext für mich aber nicht abzeichnet.

Ich habe versucht, deinen Gedanken zu folgen, aber ob ich mit meiner Mutmaßung richtig liege, kannst nur du wissen.
Ein gutgeschriebener Text, wie ich finde, gedankenlastig, was vielleicht nicht bei jedermann Interesse weckt. Mir hat der Text Freude gemacht.

Lieben Gruß, Fettauge

P.S. Möwe mit w.
 
mein ich droht mir auszuwandern
ins exil der massenmassen
ins scheinlicht hinter der scheibe
wollte die wespe und endete
halbtot auf der fensterbank
zwischen ausgetrockneten fliegen
und eingetopften kakteen

draußen am horizont des meeres
steige ich mit müden füßen
durch losen dünensand
ins sich verlierende gedächtnis
 
Hallo Fettauge,
mir fällt es übrigens schwer, Dich Fettauge zu nennen. Es klingt wenig poetisch...
Deine geäußerten Assoziationen treffen das, was ich aussagen wollte. Ich habe, Deinen Anregungen folgend, gekürzt...
Was meinst Du jetzt?
 
mein ich droht mir auszuwandern
ins exil der massenmassen
ins scheinlicht hinter der scheibe
wollte die wespe und endete
halbtot auf der fensterbank
zwischen ausgetrockneten fliegen
und eingetopften kakteen

draußen am meereshorizont
steige ich mit müden füßen
durch losen dünensand
ins sich verlierende gedächtnis
meinem flüchtling hinterher
 
F

Fettauge

Gast
Ja, finde ich besser, Karl. So bleibt alles offen. Fettauge war eine Wette: Traust dich nicht. Hab mich getraut. Aber nenn mich Hanna, wenn es dir leichter fällt.

Hanna
 

Perry

Mitglied
Hallo Karl,

Thematik und Bildebene sprechen mich durchaus an.
Das LI möchte ins Exil gehen, dem "massenmassen" entfliehen.
Der Vergleich mit der am "Scheinlicht" gescheiterten Wespe trifft es gut, ob er allerdings so "groß (Zeile 6 und 7)" ausgemalt werden muss, bezweifle ich.
LG
Manfred
 
O

orlando

Gast
Hallo Karl,
ein Gedicht, das auch mir ausgezeichnet gefällt - die Kürzung wirkt sich positiv aus.
Alles andere ist bereits gesagt worden, deshalb von mir nur ein kurzes
"Bravo."

orlando
 
mein ich droht mir auszuwandern
ins exil der massenmassen
ins scheinlicht hinter der scheibe
wollte die wespe und endete
halbtot auf der fensterbank
zwischen ausgetrockneten fliegen

draußen am meereshorizont
steige ich mit müden füßen
durch losen dünensand
ins sich verlierende gedächtnis
meinem flüchtling hinterher
 
Lieber Karl,
dieses Gedicht gefällt mir ausgesprochen gut.

Mehr brauche ich ja nicht dazu zu sagen, da andere es ja schon ausführlich taten.

Eins möchte ich aber noch bemerken. Die Ur-Version hat mir auch gefallen.

Viele Grüße,
Marie-Luise
 
Liebe Marie-Luise,
da Du eine meiner kritischsten Leserinnen bist, freue ich mich über Dein Lob besonders.
Danke und herzliche Grüße
Karl
 

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