fortsetzung 2

zettelstraum

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Sie begann zu weinen, als sie ihm von ihren Gefühlen für ihn erzählte. Und er, Florian, stand da, neben ihr und ließ sich einfangen von diesen Strömen warmer Gefühle. Er wußte, daß der ihr nicht zu Füßen liegen mußte, um sie für sich zu gewinnen, sie war sein Gewinn, dem er sich verweigern konnte. Aber obgleich er sie zu beruhigen wußte, konnte er es nur, da er die Prinzessin in den Hintergrund zu schieben wußte. Wie lange nur, das war die Frage. Sie nahm mit einem Mal seine Hand und führte ihn durch das Dickicht zu einer ganz besonderen Stelle. Florian spürte ihre warme Hand und sein Herz schien schneller zu schlagen vor Erwartung. Er begann sich aufzulösen für sie, fern von sich, nur ihre Marionette. Doch als er vor einem kleinen Holzkreuz mit einer grob eingeschnitzten Inschrift stand, erschauerte er. Vor ihm mußte ein Kind liegen, daß eine Frau hatte nicht austragen dürfen, einer dieser vielen verschwiegenen Geburten, die doch nichts mit dem Anfang eines Lebens zu tun hatten, sondern nur mit seinen Umständen. Der Mensch schien nicht fähig zu sein, seiner Natur nach zu leben, er erschien erhaben, er schien über alle Macht dieser Welt verfügen zu wollen.
Marie erzählte ihm ihre Geschichte, die Geschichte einer großen Liebe zu einem jungen Mann, der hierher gekommen war, um die Prinzessin zu sehen, als sie noch mit ihrem Fürsten zusammen auf dem Schloß lebte. Er wohnte in dem kleinen Zimmer wie Florian und sie verbrachten nur eine Nacht miteinander, aber diese Nacht war voller Versprechen. Es war wie eine Glut in einer windigen, warmen Gegend. So sehr bestand ihr Leben aus Arbeit, Vernunft und Pflichtgefühl, daß sie leicht bereit war sich diesem warmen Gefühlsbad hinzugeben. Die nächsten Tage sprachen sie nur noch über die Möglichkeiten einer Flucht vom Hofe, über Träume, über lauter schöne Dinge. Bis sie eines Tages anfing Launen zu zeigen und abends nicht mehr ansprechbar für ihn war, da sie die Arbeit am Hofe so mitnahm. Der junge Mann sah darin ein Verhalten, daß er mit ihren gemeinsamen Ideen nicht mehr vereinbaren konnte, und so brach er eines Tages plötzlich auf, ohne Vorwarnung, ohne mit ihr darüber zu reden. Sie verzweifelte an ihren Erwartungen, die sie plötzlich nicht mehr hatte zeigen können, ohne daß es einen Grund gegeben hatte. Solange sie sich damit auch beschäftigte, solange sie sich damit auch tröstete, daß er ja auch selbst hätte sehen können, daß es nur eine Zeit gebraucht hätte, bis daß sie wieder in der Lage gewesen wäre; nichts half ihr aus dieser Trauer und den Verlust. Als sie sich endlich wieder angefangen hatte - die Notwendigkeit ihrer Arbeitskraft hatte viel dazu beigetragen sie abzulenken -, beendete sie die Geschichte, indem sie ihre niedergeschriebenen Gedanken in eine Kiste steckte und stellvertretend für die gestorbene Liebe an dieser Stelle in die Erde eingrub.
Florian war erleichtert darüber, daß sein Schaudern nicht auf dem ersten wirklich traurigen Gedanken basieren mußte, sondern auf etwas anderem, ungleich romantischerem, aber trotzdem meinte er, ihr Leid in jenem Moment mit ihr teilen zu können.
Er blieb lange mit ihr vor dieser eigenartigen `Grabstätte´ sitzen, bis daß sie sich schweigend auf den Nachhauseweg machten.
Am Gehöft angekommen, verlangte es ihm nach einer deftigen Brotzeit und so setzten sich beide in die Küche und machten ein großes Vesper. Stillschweigend schien ihre Übereinkunft getroffen, rücksichtsvoll und von nun an ehrlich zueinander zu sein, so wie es Marie Florian vorgemacht hatte. Erst beim Anbruch der Dämmerung liefen ihre Wege wieder auseinander, indem sich Florian auf den Weg machte, den Bauern zu suchen, um zusammen mit ihm in der Werkstätte weiter zu arbeiten.
Er traf ihn auf dem Feld, von der Arbeit ziemlich erschlagen, aber trotzdem mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen zur Begrüßung. Florian mußte ihm erzählen wie es ihm ergangen war und so zeigte er erst einmal seine beiden gefüllten Münzsäckchen und kam dann mit der dazugehörigen Geschichte heraus. Der Bauer gratulierte ihm und ließ sich dann gern dazu überreden in die Werkstätte zu gehen, um noch ein bißchen Abwechslung zu bekommen.
Dort angekommen gingen sie dort der besonderen Idee Florians nach, Schachfiguren zu schnitzen, die beste Methode, um jemanden ein Handwerk beizubringen. Florian fertigte die weißen, der Bauer die schwarzen Figuren an. Selbstverständlich schnitzten sie die Formen aus dem unbehandelten reinen Holz, bevor sie anschließend die fertigen Figuren färben würden. Eine Woche würden sie ungefähr noch benötigen, dann würde Florian das Spiel auf dem Markt anbieten können. Das Erhalten würden sie sich dann teilen.
Zwei Tage nach jenem Markttag auf dem Schlößchen fand Florian Plakate an den Bäumen, die einluden zu einem Fest dort oben, für alle Bewohner des Dorfes und all die Menschen, welche am Marktgeschehen beteiligt waren. Sein Herz begann sich wieder aufzuspalten, da war Marie, dort die Prinzessin, da war die innige Freundschaft, dort die keimende Liebe. Und hätte er am Himmel nicht in jenem Moment einen Bussard gesehen, wie würde er sich dann entschieden haben.
Das Fest war ein besonderes Ereignis für alle Anwesende, es gab ein tolles Büfett, viele verschiedene Getränke, eine leise Musik, die zum Tanzen einlud, und viel Kerzenlicht.
Florian hatte im Dorf schon einige Menschen kennengelernt und unterhielt sich mit ihnen. Gerne würde er hier seine Freunde Hans und Herold treffen, doch an deren Abwesenheit hatte er sich fast schon gewöhnt. Es ging nun um sein Leben, das konnte nur er erlangen, niemand konnte ihm dabei helfen.
Die Prinzessin hatte ein schlichtes Kleid um ihren Leib gebunden und saß an einem Tisch mit vielen Frauen und nur wenigen Männern, welche auch teilweise schon im hohen Alter waren. Nicht an ihrem Tisch konnte er Thomas entdecken, welchen er gerne wiedergesehen hätte. Die Nacht schien eigentlich zu dunkel, um Blumen zu gießen.
 

 
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