Freds Halloween

An diesem Halloween wurde Fred Gorler 50 Jahre alt, zumindest stand es so in seinem Pass. Nur Fred selbst wusste, dass weder der Name noch das Datum stimmte. Vor 20 Jahren, nach dieser Sache und seiner verbüßten Gefängnisstrafe, war er vom Hunsrück nach Regensburg gezogen. Er hatte eine andere Identität erhalten, um neu anfangen zu können. Auch die Wohnung und einen Job hatten seine Wohltäter für ihn organisiert. Seit seinem Umzug arbeitete er für eine Spedition als LKW-Fahrer. Bedingung für alles war, dass er sich niemals wieder in seiner alten Heimat blicken lassen sollte und keinen Kontakt zu Verwandten und früheren Freunden haben durfte. Für diese war er wie vom Erdboden verschluckt.
Heute hatte er frei. Er öffnete die Haustür, holte die von ihm abonnierte Tageszeitung herein und setzte sich auf die Couch, um die Zeitung zu überfliegen. Zwei Minuten später war es mit seiner Ruhe vorbei. Unter den Traueranzeigen blieb sein Blick auf einer dick schwarz umrandeten, ganz unten rechts auf der Seite, haften.

„Wir trauern um unsere geliebte Mutter

Frau
Adelia Marlene Cornelia Zirbelmann
geboren 14.05.1946, gestorben 25.10. 2025

Die Beerdigung findet am 31.10.2025 um 15.00 Uhr statt.

Ingrid und Robert mit Familie“

Es folgten die genaue Angabe des Friedhofes und an welche Adresse die Kondolenzbriefe gehen sollten.
Adele Marlene Cornelia Zirbelmann war seine Mutter. Er überlegte nicht lange. Er würde hinfahren, sich unauffällig unter die Trauergäste mischen und nach der Beerdigung sofort verschwinden. Niemand würde ihn erkennen, auch seine Geschwister nicht. Er hatte Robert und Ingrid seit 30 Jahren nicht mehr gesehen.
Als er losfuhr, war es 9.00 Uhr. Das sollte reichen, um pünktlich dort zu sein. Auf dem Beifahrersitz lagen ein schwarzer Hut und ein langer schwarzer Mantel.

„Ich hoffe, er kommt nicht.“ Ingrid sah aus dem Küchenfenster. „Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich ihn sehe. Ich habe Robert gesagt, dass die Anzeige in allen möglichen Zeitungen eine Scheißidee war. Sogar in einer Regensburger Tageszeitung hat er sie geschaltet, weil Mutter da mal als Kind gewohnt hatte. Als ob sich dort noch jemand an sie erinnern würde.“
Ihr Mann trat neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dein Bruder auf der Beerdigung blicken lässt. Als ein bekannter verurteilter Straftäter, nach der Sache damals … Was ist eigentlich genau passiert? Ich weiß nur, was ich damals in der Zeitung gelesen habe. Es gab einen Raubüberfall mit drei Tätern, bei dem jemand zu Tode kam.“
„Der Tote war der Fahrer des Geldtransports. Angeblich war das nicht beabsichtigt. Es konnte nicht geklärt werden, wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, die haben sich alle gegenseitig beschuldigt, und Fingerabdrücke waren auch von allen auf der Waffe. Robert und ich wollten nach dieser Tat nichts mehr mit Dirk zu tun haben. Wir waren froh, als er im Gefängnis verschwunden ist.“

Auf der A6 stand Fred im Stau. Und das nach relativ kurzer Fahrt. Ärgerlich drehte er am Knopf seines Autoradios, in der Hoffnung, etwas über das Ende des Staus zu erfahren. Es rauschte, als er einen anderen Sender suchte. Alle spielten nur Musik. Er drehte den Knopf zurück. Wieder rauschte es, undeutlich waren Worte zu verstehen. Er merkte auf, als er meinte, seinen Namen zu hören. „Dirk … nicht ….lass … sein“. Er drehte weiter, die Worte wiederholten sich. „Dirk … nicht … lass … sein.“ Er schaltete das Radio aus und wieder an. Es rauschte und knirschte, dann war ein lauter Knall zu hören und ein Schrei. Erschrocken drehte er weiter am Knopf, es rauschte, dann ertönte Musik, „Seasons of the witch“ von Lana Del Rey. Richtig, es war ja Halloween. Da wollte wohl jemand die Hörer einstimmen. Fred atmete auf, als der Song geendet hatte und es zeitgleich im Schneckentempo vorwärts ging. Er musste aufpassen und hatte keine Zeit, am Knopf des Radios zu drehen, trotzdem ertönte wieder ein Rauschen und danach eine Stimme. „Hier … Mutter … nicht … lass … sein.“ Hatte die Stimme wirklich „Mutter“ gesagt? Ach Unsinn – da wollte jemand seine Hörer erschrecken. Kaum hatte er das gedacht, ertönte ein Kichern aus dem Radio. Natürlich – das war eine blöde Halloween-Special-Sendung und ganz bestimmt nicht für ihn gedacht. Sobald er wieder anhalten musste – der Verkehr lief noch lange nicht flüssig – schaltete er das Radio ganz aus.

Im Gegensatz zu seiner Schwester hoffte Robert, dass ihr gemeinsamer Bruder zur Beerdigung kam. Er hatte damals sein Leben zerstört, als Klaus bei dem Raubüberfall ums Leben kam, selbst wenn Dirk nicht selbst geschossen haben sollte. Er und Klaus waren seit zwei Jahren zusammen gewesen und hatten es geheim gehalten. Damals war man im Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe noch nicht so aufgeklärt wie heutzutage, und Robert arbeitete als Religionslehrer. Es war quasi unmöglich, sich zu dieser Zeit und in diesem Beruf zu outen. Nach Klaus‘ Tod war er am Boden zerstört. Er war unfähig zu arbeiten, musste seinen Job kündigen und kam nie wieder auf die Beine. Ingrid bot ihm an, bei ihr zu wohnen und er konnte auch bleiben, als sie heiratete. Er machte sich im Haushalt nützlich, verrichtete kleinere handwerkliche Tätigkeiten und nahm Gelegenheitsarbeiten an. So kam er zwar - mit viel Hilfe von Ingrid, der er sich nach Jahren schließlich anvertraute - über die Runden, aber Klaus vergaß er nie.
Er hatte seinem Bruder Rache geschworen.

Es war 15.15 Uhr, als Fred in dem kleinen Ort im Hunsrück ankam. Auf dem Friedhof waren keine Parkplätze mehr frei. Er parkte ein Stück weit die Straße herunter, vergewisserte sich, dass niemand auf ihn achtete, sprang aus dem Auto, zog sich Hut und Mantel an und machte sich dann gemessenen Schrittes auf den Weg zum Friedhof. Niemand beachtete ihn, als er sich unter die Trauergäste mischte. Er staunte, wie viele Leute gekommen waren, das waren gut und gerne 70, und die meisten waren wesentlich jünger als seine Mutter. Sie war im Ort wohl sehr beliebt gewesen, trotz seiner Tat damals. Vielleicht wussten die jüngeren Leute aber auch gar nichts mehr davon.
Ingrid, Robert und ein anderer Mann standen am Eingang der Kapelle und warteten ab, bis die Trauergäste ihnen kondoliert hatten. Wahrscheinlich war der Unbekannte Ingrids Mann. Hatte Robert nie geheiratet? Er drängte sich unter die letzten Schwarzgekleideten – das waren normalerweise die Leute, die keinen persönlichen Bezug zur Toten hatten, nur auf dem letzten Weg zur Begleitung dabei sein wollten und nicht extra kondolieren würden, soweit er sich erinnerte – und zog sich den Hut tiefer ins Gesicht. Eigenartig, dass er seine Geschwister nach so langer Zeit sofort erkannt hatte. Er hoffte, dass es umgekehrt nicht so sein würde.
Der Sarg wurde aus der Kapelle getragen, und der Trauerzug setzte sich schweigend in Bewegung. Am Grab sprach der Pfarrer ein Gebet, und die Leute verharrten in Schweigen, was Fred wie eine Ewigkeit vorkam. Schließlich machte man sich auf den Weg zur Gemeindehalle, um den Beerdigungskaffee einzunehmen. Ingrid, Robert und Ingrids Mann – sofern er das war – gingen voran.
Fred wartete bei einem in der Nähe gelegenen Grab ab, bis die Leute sich zerstreut hatten. Als er sicher war, allein zu sein, ging er zum Grab seiner Mutter und sprach ein Gebet.

Auf dem Rückweg zu seinem Auto fiel ihm die schwarzgekleidete Person, die ihm folgte, nicht auf. Er stieg ein, wollte starten und fuhr zu Tode erschrocken zurück, als sie unvermittelt vor seinem Auto auftauchte und wild mit den Armen fuchtelte. Gleichzeitig setzten Schmerzen in seiner Brust ein. Er konnte sich nicht mehr bewegen, auch nicht, als die Gestalt die Tür aufriss und ihm etwas zuschrie. Er konnte sie nur noch anstarren und benommen registrieren, dass es sich um Robert handeln musste.

Fred alias Dirk starb auf dem Parkplatz des Friedhofs an einem Herzinfarkt. Für die Gemeinde war er ein unbekannter Toter und erhielt ein Begräbnis auf Staatskosten. Kein Einwohner hatte ihn je zuvor gesehen.
 
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