Freiflug

Nyxon

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FREIFLUG

Die Sonne steht bereits sehr tief. Ihre Strahlen treffen auf die Wasseroberfläche und verwandeln die dreckige Elbe in ein kleines Meer voller Gold. Es strahlt eine angenehme Wärme aus, die schon einige in ihren Bann gezogen hat. Sie kommen immer wieder, egal, wie das Wetter ist. Die Hoffnung, das kleine Meer voller Gold zu erblicken, ist jedesmal größer als die Angst vorm Regen.
Auch ich habe mich früher immer gefreut, wenn ich das goldene Meer erblickte. Nach der Schule ging ich früher jedesmal hier vorbei. Über die Brücke und stellte mich auf den höchsten Punkt. Ich streckte meine Arme nach der untergehenden Sonne aus und träumte von einer besseren Welt.
Vergessen waren die schrecklichen Bilder meiner Mutter, die mit blauem Auge auf dem Bett lag. Vergessen war die Wut gegen meinen betrunkenen Vater, der sie geschlagen und mißhandelt hatte. Wenn ich auf der Brücke stand, gab es diese Welt nicht mehr. Nur ich zählte in diesen Minuten. Es war wunderschön.
Doch irgendwann waren die Drogen in mein Leben getreten und es begann sich in den synthetischen Aufputschmitteln aufzulösen. Nichts hatte mehr eine Bedeutung für mich. Ich saß in einer Ecke und rauchte einen Joint oder ich schnupfte etwas von dem gestreckten Kokain, das mir ein Freund besorgte.
Ein Freund. Das war immer eine schöne Vorstellung gewesen. Ich habe schon lange keine Freunde mehr. Vielleicht – ja sogar sicher – hatte ich nie welche. Ich hatte Kumpels, die sich mit mir zudröhnten, aber keine Freunde.
Schon vor Jahren habe ich jegliche Zukunftsperspektiven verloren. Ich ging nach der Schule nicht mehr auf die Brücke. Die Straße war mein Zuhause geworden, eine dreckige Ecke mein Bett, geklautes Essen meine Nahrung. Doch es war nie schlimm gewesen. Ich habe einen Ausgleich zum verkorksten Leben und meinen schrecklichen Eltern gefunden. Nun führe ich ein verkokstes Leben und ich bin zufrieden damit.
Die Drogen sind mein einziger Lichtblick und ohne sie zu leben, kann ich mir mittlerweile nicht mehr vorstellen. Bin ich süchtig? Natürlich bin ich süchtig nach meinen Drogen. Ich brauche sie dringend. Jeden Tag. Und es ist mir egal, was ich für sie tun muß. Wenn ich etwas brauche, beschaffe ich es mir. Kein Weg zu weit, keine Straftat zu schwer, kein Vorhaben zu risikoreich. Ich tue alles dafür.
Und jetzt habe ich einen Mord begangen. Nicht nur, weil ich ihn hasse. Das tue ich, natürlich. Wer würde diesen fetten Alkoholiker nicht hassen? Ihn wird niemand vermissen. Die Tabletten in der Hausapotheke vielleicht. Wieso hat er mich auch dabei erwischt? Morphium. Ich habe es gebraucht und ich habe es mir besorgt. Und es ist mir egal, was passiert ist.
Aber jetzt will ich fliegen. Von der Köhlbrandbrücke, die wegen Bauarbeiten für drei Tage gesperrt ist, und über die Elbe. Fliegen will ich, solange das Hochgefühl anhält. Was danach kommt, interessiert nicht. Das Jetzt ist wichtig für mich. Und ich will fliegen. Jetzt und hier. Sonst nichts.
Wie tief bin ich gesunken? Nach der Höhe, kommt der Fall. Wie tief würde ich fallen? Gibt es für mich noch einen festen Boden, einen Halt, der mich stoppen würde? Ich weiß es nicht.

Es erscheint mir wie eine Ewigkeit, bis mein Körper das Gleichgewicht verliert.
Schwer fällt er über den Rand hinaus. Meine Füße behalten bis zum letzten Augenblick den Halt auf dem Geländervorsprung. Mein Körper fällt, doch meine Seele fliegt. Weit hinaus in die Abendsonne. Ich kann den Wind spüren, der durch meine Haare pflügt. Ich sehe das goldene Meer, die Sonne und den Himmel. Und ich fühle mich sehr wohl. Da ist keine Angst vor der bevorstehenden Situation, nein, ich fiebere ihr sogar entgegen. Mein Magen hebt sich empor, wie bei einer irren Achterbahn-Fahrt, dessen Fall niemals zu enden scheint. Endlich! Ich habe mein Ziel erreicht. Endlich verspüre ich die Freiheit, nach der ich so lange gesucht habe. Nur ich und mein Flug. Sonst nichts. Keine Mutter mit blauem Auge, kein gewalttätiger Vater. Nur ich und meine neue Freiheit.
Doch sie hält nur die fünf Sekunden an, die mein Fall von der Brücke benötigt.
Nach dem Fall kommt der Aufprall. Ein kurzes Stechen geht durch meinen Leib, als ich auf die Wasseroberfläche treffe, die sich in Beton zu verwandeln scheint. Das goldene Meer ist nun grau und ich bin wieder in meiner Welt. Ich bekomme nur noch dieses letztes Gefühl mit, bevor mein Genick durch den Aufschlag bricht und ich in die dunklen Tiefen sinke. Ich sehe nicht das helle Licht, von dem jeder spricht, der eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt haben will. Auch fährt meine Seele nicht in den Himmel oder die Hölle. Sie fliegt nicht mehr. Ich fliege nicht mehr. Es ist anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es ist so – langweilig. Dieses kurze Stechen, dann nur Dunkelheit und danach… Ja, was kommt danach?
Nichts! Danach kommt überhaupt nichts mehr!

Ich glaube, ich bin tot.
 

 
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