Freunde wider Willen

renatelonder

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Freunde wider Willen

Mit gespitzten Ohren halte ich mein Spielzeug in der Schnauze. Mir ist fad. Wieder bin ich allein in meiner Behausung. Vier Meter nach rechts, kehrt um, zwei Meter nach hinten, dann das Ganze in die andere Richtung. Der Boden ist erdig, feucht, abgetreten. Kein Gräschen schafft es, einen Blick an die Sonne zu erhaschen. Wenigstens regnet es nicht mehr. Ich hasse es, die durchdringende Nässe auf meinem Fell zu spüren. Zusammengerollt wie eine Katze, versuche ich mich zu wärmen. Wie eine eisige Gletscherzunge drängt sich die Kälte feuchtnass bis in meine Knochen vor. Es gab Zeiten, da hat mir das nichts ausgemacht. Ich trotzte Wind und Wetter, war vor Energie kaum zu bändigen.

Stupide drehe ich meine Runden im Zwinger. Niemand beachtet mich heute. Der blaue Wurfknochen liegt demoliert neben mir. ER hat nie gecheckt, dass die Löcher dazu da sind, sie mit Belohnungen zu füllen. Mir eine Freude zu bereiten, wenn ich schlau genug bin, sie da wieder heraus zu bekommen. Ich soll wohl nicht fürs Spielen belohnt werden, ich habe zu funktionieren. Ich bin nicht da, um geliebt zu werden. Ich bin immer im Dienst. Seit sieben Jahren, beinahe jeden Tag. Meine Aufgabe ist der Gehorsam, die Umsetzung der Befehle und sonst nichts.

Ich bin nervös. Irgendetwas ist im Busch. Mein Magen reagiert auf die beginnende Dämmerung. Die Futterzuteilung, der kurze Blickkontakt mit ihm bringen mir etwas Abwechslung. Kurze knappe Anweisungen. Sitz, Platz. Braver Hund, viel mehr Zuspruch ist heute an meinem freien Tag nicht zu erwarten. Wenn er von der Doppelschicht kommt, spricht er auch beim Auslauf zur getimten Darmentleerung kaum mit mir. Ich achte sorgsam drauf, dass die Leine locker durchhängt. Ich will ihn nicht provozieren, herausfordern. Ich habe keine Lust ihn durch vermeintlichen Ungehorsam noch mehr zu frustrieren. Heute fällt es mir besonders schwer die verlockenden Gerüche, die zu meiner feinen Nase aufsteigen, nicht an mich heranzulassen. Der Wald riecht nach Hasen und Rehen, feuchtem Gras, nach Freiheit nach Lebenslust. Hmm. Steigt da gerade der Geruch einer Hündin hoch? In meinen Flanken beginnt es zu zucken, sie riecht so gut, ach, wenn ich dürfte wie ich möchte … Doch, nein. Sein scharfer Blick reicht, es geht nicht. Für mich gibt es kein markieren der Staude, an der sie langstreifte, wie es andere Hunde selbstverständlich machen. Ich bin kein gewöhnlicher Hund. Sie wird mich nicht finden. Schade. Er muss gar nichts sagen. Ich wage es nicht, der Verlockung nachzugeben. Meinen erhobenen Kopf knapp vor seinem Knie, trotte ich brav bei Fuß. Die Trainingsleine hängt leicht durch und er murrt etwas Unverständliches vor sich hin. Ich weiß nicht es Lob oder Frust bedeutet. Er würdigt mich keines Blickes. Da, endlich die Lichtung. Sekunden später lässt er mich von der Leine und ruft das Codewort. Koten.
Nach folgsamer Verrichtung geht es zurück in mein Domizil. Morgen wird ein harter Tag für uns, teilt er mir müde über seine hängenden Schultern blickend mit. Ich habe auch eine Überraschung für dich.

Es war ein harter Einsatztag. Meine Spürnase und meine Kraft waren gefragt. Automatisiert spulte ich mein gedrilltes Programm ab und er lobt mich, wie immer, wenn ich den Dienst gut verrichte. Gut gemacht mein Alter.
Ich verstehe noch nicht, was er damit meint, als er mir den Kopf tätschelt und erklärt, ich sei bald erlöst und könne mich zurückziehen. Ich hätte meinen Job gut gemacht.

Der bislang leere Zwinger neben meinem war belegt. Er war jung, übermütig, frech. Er ist ein reinrassiger Belgischer Malinois und mein Nachfolger. Ich bin abgemeldet. Außer Dienst gestellt. Pensioniert. Er ist jetzt der neue Macher. Ich bin nur mehr der geduldete Zuseher, wenn der Jungspund trainiert wird. Wenn er, wie ich einst, auf Kommando auf den Gegner losgeht, wenn er ihn angreifen muss, sich in den dickwattierten Arm verbeißt, keine Angst vor dem abwehrenden Stock haben darf. Er kassiert das Lob, wenn er in dem Augenblick loslässt, wenn das Kommando AUS fällt.
Ich mag ihn nicht, den kleinen, reinrassigen Jungpolizisten. Er nimmt mir meinen Lebensinhalt. Ich kenne nichts anderes als meine Arbeit mit meinem Hundeführer. Soll ich in meinem Zwinger auf mein Ende warten?

Fütterungszeit. Wie immer öffnet er die Zwingertüren. Doch diesmal übernehme ich das Kommando. Gierig verbeiße ich mich. Der Jungpolizist erkennt meinen höheren Rang, er spürt meine Aufforderung und macht mit. Werden wir doch noch Freunde? Das Kommando AUS kommt nicht mehr. Nie mehr.
 

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