Frischer Anstrich

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miVa

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„So, und nun versuch's mal ganz alleine“, sagte der Malermeister zu seinem neuen Lehrling, während sie vor dieser alten Wand standen, die wohl kaum höher als 3 Meter 50 war, von hier unten aber um Längen gigantischer wirkte.
„Ganz alleine?“, erwiderte der Jungspund skeptisch und mit beinahe ängstlichem Blick.
„Ja, ganz alleine!“
„Aber ... aber ...“, der Junge geriet leicht ins Stottern, „das habe ich doch noch nie gemacht! Woher soll ich überhaupt wissen, wie das geht? Und außerdem …“.
„Weißt du …“, der Alte unterbrach ihn, „wenn man herausfinden möchte, wie man ein Problem am besten löst, dann ist es manchmal am besten, sich dem Problem einfach zu stellen."
Der Lehrling blickte hinauf zur schier endlosen Wand, hinab auf den Farbeimer, wieder hinauf, hinunter und schlussendlich zurück zu seinem Meister:
„Und was ist mit der alten Tapete ... lass ich die dran?“
„Wie ich bereits sagte: Wie du's machst, sollst du selbst entscheiden.“

Der Lehrling überlegte kurz, um kurzerhand die Entscheidung zu treffen, dass er die alte Tapete nicht entfernen und eine neue anbringen würde.
„Warum sollte er auch zwei weitere Arbeitsschritte einplanen, die ihm mindestens ebenso viele zusätzliche Tage kosten würden, wenn er die Arbeit auch in der Hälfte der Zeit schaffen könnte?“, dachte er sich und begann Pinselstrich für Pinselstrich mit seinem Werk.
Und während er mit schneller Hand strich und strich, bildeten sich langsam mehr und mehr Flecken. Als er schließlich am Ende des Tages mit seiner Arbeit fertig zu sein glaubte, musste er feststellen, dass die Tapete über und über mit eben jenen übersät war.
„Nun gut ... etwas flüssige Farbe eben.", begründete er das Debakel und fügte hinzu: „Die Wand muss halt erst einmal trocknen und morgen, ja morgen streiche ich einfach noch einmal drüber. So habe ich mir immerhin noch einen ganzen Tag Arbeit erspart."
Gut gelaunt und sich seiner Sache sehr sicher, legte er die Arbeit nieder.

Am nächsten Morgen kam der Junge zurück zu der Baustelle, die er am Abend zuvor hinterlassen hatte, um sich frohen Mutes gleich wieder frisch ans Werk zu machen – immerhin war er ja der festen Überzeugung, dass er es nach diesem Tag geschafft hätte und sicherlich würde der Meister ganz besonders stolz auf seine flinke Leistung sein. So begann er erneut mit dem Anstrich. Er strich. Und strich. Und strich. Und strich. Und während er so strich, bildeten sich langsam und allmählich kleine Wellen. Erst kaum merklich – dann mehr und mehr, bis sich die Tapete bereits anfing, von der Wand zu lösen …

„VERDAMMT!“, fluchte der Knabe im Augenblick dieser Erkenntnis so laut, dass der Meister aus dem Zimmer nebenan herbeieilte, um nach dem Rechten zu sehen.
„Was ist denn los, mein Junge?“, fragte er seinen Schützling.
„Diese verflixte Wand, sie will sich einfach nicht streichen lassen. Gestern, da haben sich Flecken gebildet. Und heute wollte ich dann noch einmal drüber streichen, um meine Fehler von gestern auszubessern. Doch nun beginnt sich wegen der ganzen vielen Farbe an der Wand, die Tapete zu lösen“, der Lehrling geriet dabei allmählich in Rage.
„Aber warum hast du denn nicht zunächst die alte Tapete entfernt und eine neue angebracht, bevor du mit dem Malern begonnen hast?“
„Nun ja … Sie haben doch selbst gesagt, ich solle selbst entscheiden, wie ich das Problem angehe. Und hätte alles so funktioniert, wie ich's mir vorgestellt habe, dann hätte ich mir ganze zwei Tage Arbeit gespart“, seine Wut wandelte sich um in Verzweiflung als er zu realisieren begann, dass er nun noch einmal ganz von vorne werde beginnen müssen.

„Wohl wahr, das hättest du“, der alte Meister trat einen Schritt an den Jungen heran, legte eine Hand auf seine Schulter und fuhr fort, „aber weißt du“, er machte eine kurze Kunstpause, „hin und wieder lohnt es sich – und sei der Weg noch so weit – einen Neuanfang zu wagen, statt etwas reparieren zu wollen, das bereits unwiderruflich kaputt ist."
 

hein

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Hallo miVa,

die Geschichte gefällt mir.

Es ist wie überall im Leben: ohne eine ordentliche Basis (Untergrund, Fundament, Bildung) kann eine Sache nicht gut werden.

LG
hein
 

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