Frühlingsmorgen

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HerbertH

Mitglied
Frühlingsmorgen

Er sieht, wie -- dicht dem Horizont -- aus grauen,
nur leicht vom Wind zerpflückten Nebelschwaden
ein Vogelschwarm sich naht auf Eos Pfaden,
um Brutgefilde nistend zu bebauen.

Der Anblick kalter Röte lässt ihn schaudern,
erinnert ihn, wie glühend heisse Wangen
ihn stammeln ließen voll Verlangen.
Und wie sie ihn verlachte, ohne Zaudern.

Er schaut zum Nachbarhaus, wo er sie fand,
träumt sie, die sich an jenem Fenster zeigt,
wie sie sich lauschend dreht zur Wand.
Und wie sie sucht, wo er verborgen geigt --
Er zwingt den Rollstuhl näher an den Rand
des Dachs. Und siegt, als er sich endlich neigt.
 

Mondnein

Mitglied
Beim ersten (aber nicht letzten) Lesen:
Quartett 2 Vers 3 und Terzett (bzw. Sextett?) Vers 3 sind um eine Hebung gekürzt, haben nur vier statt der in diesem Lied sonst durchgängigen fünf Hebungen. Absicht?
 

HerbertH

Mitglied
Frühlingsmorgen

Er sieht, wie -- dicht dem Horizont -- aus grauen,
nur leicht vom Wind zerpflückten Nebelschwaden
ein Vogelschwarm sich naht auf Eos Pfaden,
um Brutgefilde nistend zu bebauen.

Der Anblick kalter Röte lässt ihn schaudern,
erinnert ihn, wie glühend heisse Wangen
ihn hilflos stammeln ließen voll Verlangen.
Und wie sie ihn verlachte, ohne Zaudern.

Er schaut zum Nachbarhaus, wo er sie fand,
träumt sie, die sich an jenem Fenster zeigt,
wie sie sich lächelnd, lauschend dreht zur Wand.
Und wie sie sucht, wo er verborgen geigt --
Er zwingt den Rollstuhl näher an den Rand
des Dachs. Und siegt, als er sich endlich neigt.
 

HerbertH

Mitglied
Lieber mondnein,

diese "Stockfehler" habe ich beseitigt. Tausend Dank für den Hinweis!

Liebe Grüße

Herbert
 

Mondnein

Mitglied
So, nun zum wiederholten Mal gelesen - und laut gelacht, weil ich nun erst begriffen habe, daß sich da im letzten Vers gar kein "Dachs" neigt...
Sondern - Schreck! - der Rollstuhl? ?? ... ?

Es ist ein schönes Lied. Mir gefällt schon der Anfang, nicht mit einem Ich, sondern einem Er.
Dann die "kalte Röte" (ist die Morgenröte nicht eher eine "Heôs" - mit spiritus asper - als eine "Eos"?) und die klangharmonische Entsprechung von "Verlangen" und "verlachte" - um nur einige kleine Glanzlichter zu nennen.
 

JoteS

Foren-Redakteur
Teammitglied
Man könnte dem Text "Respektlosigkeit" vorwerfen, was allerdings angesichts der sprachlichen Qualität respektlos wäre. ;)
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Mondnein,

in der Tat ist kein Dachs im Spiel. Ich könnte "Dach's" zur Deutlichkeit schreiben, denke aber, dass es im Falles eines Dachses "des Dachses" hätte heißen müssen. In der Tat ist es der Rollstuhl der sich neigt, oder - weil das "er" nicht vollständig eindeutig ist (gewollt) - das Lyrische Er.

Eos ist - zumindest lt. Duden - die Ausprache der Güttin der Morgenröte. Deinem Hinweis werde ich nochmal nachgehen.

Danke auch für Deine anderen Hinweise auf verschiedene Stilfiguren!

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Jote,

hier würde mich interessieren, was Du mit "Respektlosigkeit" genau gemeint hast. Denn hier gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Ich freue mich, dass Du die sprachliche Qualität hier so gewürdigt hast :)

Liebe Grüße

Herbert
 
Lieber Herbert,
hier kann man wirklich von sprachlicher Qualität sprechen.
Mir gefällt auch, dass du Eos, die rosenfingrige Göttin der Morgenröte, mit einbringst.
Mir gefällt das ganze Gedicht.

Viele Grüße,
Marie-Luise
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Mary,

das habe ich mir gedacht :), weil Du die Sprache liebst! Um die habe ich mir hier - wie aber auch in jenem anderen Gedicht, Du weisst schon, wenn auch ganz anders - viel Gedanken gemacht.

Danke und liebe Grüße

Herbert
 

Vera-Lena

Mitglied
Lieber Herbert,

schon der Titel ist gut gewählt, weil er anderartige Erwartungen weckt, als der Text dann einlöst.

Der bittere Schluss: Wenn du mich nicht willst, will ich mich auch nicht, findet seine sprachliche Mitteilung allein in einer halben Zeile.

Ob es wirklich die Behindrung ist, welche auf Ablehnung stieß,wird nicht gesagt, ist aber doch naheliegend, denn an seinem Geigenspiel findet sie beispielsweise Gefallen.

Die Hinführung zu dem bitteren Ende gefällt mir außerordentlich gut. Da wird haargenau beschrieben, wie sich dieser Morgen ankündigt, so harmlos wie jeder Morgen um diese Jahreszeit.

Dann kommen die Gedankenverbindungen, welche durch das Morgenrot ausgelöst werden und der Leser wird informiert, dass es sich hier um einen äußerst bitteren Liebeskummer handelt.

Genial finde ich die Formulierung:Er zwingt den Rollstuhl, weil man hier vor sich sieht, wie stark die Behinderung ist, so dass der Mann nur mühsam vorankommt. Zugleich kann es aber auch bedeuten, wie schwer es ihm letztlich doch fällt, diese allerletzte unumkehrbare Entscheidung zu treffen.

Das Wort und siegt lässt sich sicher mehrfach interpretieren. Einmal ist es ein Sieg über die Einsatzfähigkeit seiner geringen Kräfte zum anderen ist es ein Sieg über den Lebenswilen, den er natürlich überwinden muss, wenn er sein Leben beenden will. Dass er sich von dem Nachbarhaus hinab stürzt, legt auch nahe, dass ihm dabei hilfreich die Vorstellung, sozusagen in ihren Schoß zu fallen, entgegen kommt.

Letzlich kann man, sofern man das möchte, den Text auch über seine Aktualität hinaus interpretieren, die Ablehnung all dessen, was anders ist, sei es körperliche oder sprachliche Behinderung oder ganz einfach eine andere Hautfarbe.

Ich finde, lieber Herbert, hier ist Dir etwas Bedeutendes gelungen. Meinen Glückwunsch!

Liebe Grüße
Vera-Lena
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Vera-Lena,

Du hast eine wunderbare Interpretation gefunden und sehr genau die Besonderheiten dieses Gedichtes aufgezeigt. Ich kann jeden Punkt nur unterschreiben.

Solche LeserInnen wie Dich kann man sich als Autor nur wünschen.

Tausend Dank dafür!

Von der Wertung bin ich ganz geplättet: Du hast mir einen wunderschönen, frohen Heimweg geschenkt.

Liebe Grüße

Herbert
 

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