Fünf Minuten Ruhe

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„Haste mal ne Schneide?“
„Klar“, sage ich und nehme mir selbst auch eine aus der Schachtel.
Zusammen mit drei weiteren Kollegen stehen wir vor dem Eingang unseres Consulting-Unternehmens. Etwas unbeholfen krempelt Paul, dem ich gerade die Klinge der Marke NSSV gereicht habe, den Ärmel hoch. Die Narben verlaufen vollkommen unstrukturiert seinen Unterarm entlang. Ein Blick auf meinen eigenen Arm verrät größere Sorgfalt; dort windet sich eine feine Narbe gleich einem Armreif um mein Handgelenk. Andreas und Sarahs Narben bilden das übliche Streifenmuster und Tanjas Handrücken wird von einem schiefen Herzchen geziert.
„Braucht noch einer?“ Die anderen verneinen. Andreas nutzt sowieso nur selbstgeschärfte Rohlinge von EastCut.
Ich presse die kühle Silberklinge auf meine Haut und führe sie gerade entlang der Narbe. Am Anfang verspüre ich einen stechenden Schmerz in meinem linken Arm, doch schon bald werde ich von einer wohligen Welle an Endorphinen in das Meer der Entspannung getaucht. Warmes Blut läuft unsere Arme herab und hinterlässt rote Flecken im grauen Schnee.
„Arschkalt ist das“, bemerkt Paul und setzt zum nächsten Schnitt an.
„Soll auch nicht besser werden die nächsten Tage.“
„Ach, von mir aus könnt ihr hier einschneien“, lacht Tanja, „in vier Tagen liege ich am Strand in der Karibik.“
Inzwischen zieht sich der Schnitt fast vollständig um mein Handgelenk.
„Ich bin ja sowieso der Meinung, dass sie uns wieder drinnen schneiden lassen sollten. Wenn man das richtig anstellt, saut man auch nicht alles voll. Ne, Paul?“, spricht Andreas aus, was wir alle denken. Beschämt starrt der Angesprochene auf seine blutüberströmte Hand.
Ich schnippe die Klinge auf den Boden und tupfe mir mit einem Taschentuch das Gelenk ab. Um Entzündungen vorzubeugen, sprüht Sarah sich eine alkoholische Lösung auf die frischen Wunden. „Wollt ihr auch?“
Die Flasche wird einmal im Kreis herumgereicht. Das Zeug brennt höllisch, aber das gehört nunmal dazu.
Über uns wird ein Fenster geöffnet und der Kopf vom Chef erscheint. „Genug Pause gemacht meine Herrschaften, und die Damen natürlich. Zurück an die Arbeit.“
 
Zuletzt bearbeitet:

jon

Mitglied
Böse, aber als Zuspitzung durchaus mein Geschmack. Auch der Sound passt für mein Empfinden gut.

Zum Handwerk:

Logisches:
Wenn das Schneiden so normal ist, sollten alle auch frische Wunden haben, nicht nur Narben.

Formales:
Leerzeilen entfernen!

Die Anderen verneinen.
Die anderen verneinen.

„Ach, von mir aus könnt ihr hier einschneien“, lacht Tanja, „in vier Tagen liege ich am Strand in der Karibik.“
Nicht direkt falsch, aber besser wäre: „Ach, von mir aus könnt ihr hier einschneien“, lacht Tanja. „In vier Tagen liege ich am Strand in der Karibik.

„Ich bin ja sowieso der Meinung, dass sie uns wieder drinnen Schneiden lassen sollten. Wenn man das richtig anstellt, saut man auch nicht alles voll. Ne, Paul?“, spricht Andreas aus, was wir alle denken. Beschämt starrt der Angesprochene auf seine Blutüberströmte Hand.
… wieder drinnen schneiden lassen …
blutüberströmte …


Um Entzündungen vorzubeugen, sprüht Sarah sich eine alkoholische Lösung auf die frischen Wunden und fragt: „Wollt ihr auch?“
Logik: Um Entzündungen vorzubeugen fragt sie das? Besser: … Wunden. Sie fragt: …

Über uns wird ein Fenster geöffnet und der Kopf vom Chef erscheint: „Genug Pause gemacht meine Herrschaften, und die Damen natürlich. Zurück an die Arbeit.“
Der Doppelpunkt ist falsch. Ein Kopf kann keine Wörter einscheinen.
 
@jon vielen Dank für das aufmerksame Lesen! Die formalen Fehler werde ich natürlich schnellstmöglich korrigieren (wobei ich anmerken möchte, dass "die Anderen" vielleicht etwas unnötig und unschön aber nicht formal falsch ist).
Es stimmt auch, dass die Figuren alle frische Wunden haben sollten, da bin ich mit dem Begriff der Narben etwas sehr freizügig umgegangen.
SlG Eugen
 

jon

Mitglied
"Die Anderen" ist okay, wenn es im Sinne von "die Fremdartigen/Andersartigen" benutzt wird. Hier sind aber nur die anderen Personen gemeint.

Was die Narben angeht: Klar, das ausführlicher zu machen würde dem Tonfall etwas an Fatalismus nehmen (oder auch nicht, käme wohl auf die Umsetzung an), zumal es ja noch mehr Fehler in diesem Bereich gibt. Die Narbe des Erzählers/der Erzählerin dürfte längst nicht mehr dünn sein, wenn er/sie immer an der gleichen Stelle schneidet, und Tanjas Herzchen spricht auch eher davon, dass es von einer "Sitzung" stammt. Aber das auszuführen würde - wie schon gesagt - den Text in der Aussage nur unerheblich verbessern. Daran zerbricht der Text ja nicht, nicht aus meiner Sicht jedenfalls.
 



 
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