Willi starb an einem Sonntag im August. Einen Tag nach dem Konzert in Hamburg. Die Medien waren voll mit Berichten und Nachrufen. Ein tragischer Unfall ohne Verdacht auf Fremdeinwirkung. Eigenverschulden aus Unkenntnis und Missachtung von Verbotsschildern. Ich wurde namentlich nicht erwähnt. Ich war nur der Drummer.
Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band. Ich weiß, wovon ich rede. Ich sitze hinter meinen Tom-Toms und Hi-Hats, während die anderen vorne die Sau rauslassen und angehimmelt werden. Gerieten sie aus dem Takt, war ich schuld. Paul, der Gitarrist ejakulierte bei jedem Einsatz, der Bassist spielte die coole Sau und dann war da noch unser Sänger Willi. Der reine Psycho. Wenn der seine Verrenkungen machte und sich in den Schritt fasste, als wäre er Michael Jackson, fragte ich mich, was bei dem schiefgelaufen ist in der Kindheit. Vor allem durfte niemand Willi zu ihm sagen, dann rastete er aus. Sein Künstlername war Charlie Melmo. Willi war ein Name aus einem anderen Leben, entsorgt wie ein Irrtum der Evolution. Ich nannte ihn trotzdem so, hin und wieder. Das war Majestätsbeleidigung. Dafür hasste er mich und ich musste zahlen. Bei den Auftritten bekam ich nur ein kurzes Solo. Keine In-A-Gadda-Da-Vida-Nummer über zehn Minuten, es durfte höchstens eine dauern. Willi bestand darauf. Dann waren alle froh, dass es vorbei war und die Jungs vorne hampelten wieder ihre Show ab.
Das mit dem Strom kam später. An das erste Mal erinnere ich mich genau. Wir waren auf der „Verdacht-Tour“, so hieß unsere Tournee, die Werbeagentur des Labels hatte sie so vermarktet wegen des gleichnamigen Hits.
Ich habe den leisen Verdacht
Du hast all das für mich gemacht
Und ich weiß, dass du weißt
Es wird heiß heut Nacht
Gott im Himmel, der Rest war noch schlimmer. Einfache Nummer in C, F und B-Dur, immerhin griffige Beats. Beim letzten Vers fasste sich Willi auf der Bühne zwischen die Beine und leckte seine fetten Lippen. Richtig üble Nummer. Außer Willi und dem Label gab niemand einen Pfifferling drauf. Aber das Ding wurde ein Hit, keine Ahnung, warum. Die Konzerte waren ausverkauft, auch in Berlin, wo wir in einem Hotel in Wilmersdorf übernachteten. Nach der Show waren die Kollegen in irgendwelchen Clubs unterwegs, trafen Freunde, Willi war auf Frauenjagd, genauso wie Paul, der Gitarrist. Ich machte einen Spaziergang in der Hotelumgebung um den Prager Platz, ein lauer Sommerabend, aber die Gegend dort war tot um diese Zeit. Ich legte mich schlafen.
Nachts weckte mich ein Geräusch. Ein leichtes Zischen oder Fiepen übereinander gelagerter Töne, wie ein Rauschen im Kurzwellenkanal. Das Handy zeigte zwei Uhr an. Als ich das Licht anschaltete, war es weg. Ich öffnete das Fenster. Draußen war alles still. Auch im Flur ließ sich kein Laut vernehmen. Ich legte mich zurück ins Bett und drehte das Licht aus. Nach kurzer Zeit ging es wieder los. Leise, zaghaft, ein kleines Zischen, wie eine Frage, gefolgt von einem Rauschen in verschiedenen Frequenzen, als käme eine Antwort. So fing es an und so war es dann jede Nacht. Ich schlief nicht mehr, hatte panische Angst vor dem Moment, in dem ich den Lichtschalter betätigte. Ich habe mit keinem darüber gesprochen. Sollte ich etwa sagen: „Hey Jungs, jetzt mal eine gute Nachricht: Ich kann den Strom hören.“ Die hätten mich aus der Band geworfen.
Niemand kann den Strom hören, schon klar. Niemand, außer mir. Ich wusste, wo er fließt in den Wänden. Von der Steckdose neben dem Bett waagerecht über der Fußleiste, an der Tür senkrecht hoch zum Lichtschalter, von da weiter zur Deckenleuchte. Ich hörte ihn in seinen Leitungen. Ich schaltete das Licht nicht mehr aus, es half nichts. Nach wenigen Minuten kehrte das Wispern zurück. Ich nahm Schlaftabletten, probierte es mit jeder Menge Alkohol, ja, Drogen auch. Es änderte nichts, an Schlaf war nicht zu denken. Ich war verrückt geworden.
Vor dem Konzert in Hamburg hielt ich es nicht mehr aus und erzählte es den Jungs.
„Geh zum Arzt!“, riet mir Willi. „Oder nimm das hier! Hilft gegen alles.“
Er hielt eine kleine Pille hoch.
„Psychiater“, schlug Paul vor, klopfte auf seine Fender-Gitarre, die er nie aus der Hand legte und tippte an seine Stirn. „Zur Not könnte mein Bruder einspringen, der hat gerade mit Schlagzeug-Unterricht angefangen.“
Paul verletzte gern andere Leute, am allerliebsten mich.
„Nimm endlich Ohrenstöpsel“, sagte der Bassist. „Das Schlagzeug pustet dir die Ohren weg. Jeder Drummer hat die. Du hast eine Art Tinnitus.“
Willi drückte mir die Pille in die Hand. „Nimm die, heute Abend ist Showtime! Dein Solo fällt flach, den Rest schaffst du, ich kann nicht alles allein machen!“
Ich hielt durch, das Konzert in Hamburg war grandios. Der Adrenalinpegel, wenn einem Tausende Fans zujubeln, ist unbeschreiblich. Ich war der Taktgeber, die Stütze, das verdammte Korsett der Band. Ich bin nicht nur ein guter Drummer, ich bin der Beste. Ein Gott der Becken, der Magier der Sticks. Zurück im Hotel in der Nähe des Schanzenviertels fiel die Euphorie ab, vielleicht ließ die Droge nach. Ich fragte Willi. Der hatte noch eine. Ich verschwand in meinem Zimmer.
In der Nacht klopfte es an der Tür. Ich öffnete und ein Mädchen drängte sich herein. Sie sah mir kurz ins Gesicht, dann wanderte ihr Blick auf den Boden. Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Jane“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Hanna“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
„Du wolltest nicht zu mir, oder?“
„Schon“, sagte sie. „Ich dachte nur, der Sänger wäre auch hier.“
Ich nickte, dann polterte es kurz und Willi stürmte ins Zimmer. Er hatte ein Faible für gutes Timing. Sein Blick nahm mich gar nicht wahr, er musterte das Mädchen von oben bis unten.
„Wen haben wir denn da?“
„Jane“, hauchte Hanna.
„So, so“, sagte Willi. „Ich bin Charlie Melmo.“
„Ich weiß“, sagte Hanna.
„Wolltest du zu mir?“, fragte Willi. Er warf mir einen spöttischen Blick zu.
Hanna nickte und blickte wieder zu Boden.
„Du entschuldigst uns doch, oder?“, fragte er mich.
Er nahm ihre Hand und verschwand mit dem Mädchen. Ich starrte ihnen nach, schloss die Tür und legte mich aufs Bett. Betätigte den Lichtschalter. Licht aus. Dunkel. Es dauerte nicht lang. Ein winziges Zischen. Ein Knacken, ein Rauschen, das lauter wurde, anschwoll zu einer Symphonie. Ich lag da und lauschte. Der Strom sprach zu mir. Ich hörte zu.
Am nächsten Morgen wollten wir abreisen, aber der Tourbus war ausgefallen. Getriebeschaden. Das Gemecker war groß, es wurde ein Transporter organisiert für Teile des Equipments, wir nahmen die Bahn. Irgendwo in Niedersachsen war Schluss. Der Zug fuhr nicht weiter, aus technischen Gründen, hieß es. Wir mussten aussteigen und warteten auf die Anschlussverbindung. Willi pöbelte den Tourleiter an, Paul streichelte seine Fender, wie um sich selbst zu beruhigen, der Bassist saß gelangweilt auf einer Bank. Das Kamerateam holte sich Kaffee vom Bahnhofskiosk. Ein paar Reisende standen am Bahnsteig und beobachteten uns. Vermutlich hatten sie uns erkannt.
Die norddeutsche Tiefebene kann etwas deprimierend Banales haben, aber manchmal gibt es bunte Punkte in der Tristesse. Auf einem Nachbargleis stand ein alter Güterwaggon unter einer Oberleitung, zerschlissen, mit Graffiti vollgesprüht, die Fenster teilweise eingeschlagen. Wie aus einem Film. Ich sah auf den Waggon und hörte den Strom zum ersten Mal im Freien. Er hatte nichts Zischendes, kein Rauschen, es klang wie ein Grollen. Die anderen nahmen es nicht wahr, sie mussten alle taub sein. Ein Brodeln, wild und roh. Ich stand am Gleis und lauschte.
Willi machte dem Tourleiter immer noch Vorwürfe. Der wies darauf hin, dass er weder was für defekte Getriebe, noch für das Funktionieren der Deutschen Bahn konnte. Ich ging zu den beiden und legte Willi die Hand auf die Schulter. Er schlug sie weg.
„Was?“
Ich setzte ein beleidigtes Gesicht auf.
„Charlie, wir können es doch nicht ändern, der nächste Zug ist unterwegs. Lass uns die Zeit für was Kreatives nutzen! Siehst du den Waggon da drüben?“
Er sah auf den heruntergekommenen Schrotthaufen.
„Und?“
„Das Kamerateam ist da. Stell dir vor, du auf dem kaputten Zug. Graffiti, zersplitterte Scheiben, dein Ledermantel, die Westernstiefel, Siegerpose, dein Haar weht im Wind. Als nächstes Plattencover nicht zu toppen, würde ich sagen.“
Willi sah aus, als würde er mich schlagen wollen. Sein Blick schwenkte auf das Wrack, auf die verrosteten Räder, die vergilbte Farbe des Stahls, das marode Bahnhofsdach im Hintergrund. Er begriff das Bild, sah sich dort oben stehen mit wehendem Mantel. Er nahm meinen Kopf und küsste mich, nein, nicht auf die Stirn, sondern auf den Mund. Mit seinen fetten Lippen. Das war nicht schön, der Rest schon, es war wie in einem Roadmovie. Ich beobachtete, wie sie über die Gleise gingen und Willi hinaufhalfen. Wie sich das Kamerateam positionierte. Er oben in gebückter Haltung, sich langsam aufrichtete, während der Strom in der Oberleitung fauchte.
„Charlie!“, rief ich ihm zu. „Nimm die Arme hoch, Siegerpose!“
Willi schwankte etwas, fing sich dort oben und lächelte. Lächelte uns allen zu an diesem wunderschönen Sommertag, an dem nicht eine Wolke den blauen Himmel verschmutzte. Eine sanfte Brise ließ seine Haare wehen und er blickte hinunter auf uns, die sich versammelt hatten, um ihn zu fotografieren. Ihm huldigten, dem Star von DPM, der Pop Maschine, die seit Wochen die Nummer Eins der Charts waren und deren „Verdacht“-Tour alle Rekorde brach. Er öffnete den Ledermantel, und stellte einen Fuß nach vorn. Der Kameramann schoss die ersten Fotos.
„Die Arme!“, rief ich.
Willi stand auf dem Waggon, sah zu mir und zeigte auf mich. Warf mir eine Kusshand zu. Er war so weit oben. Dann hob er triumphierend die Arme, die Kamera klickte. Es war nah genug. Der Lichtbogen bildete sich. Ich hörte, wie der Strom das Gefängnis der Stahlseile mit einem Fauchen verließ, die anderen sahen nur die Funken. Den Geruch nach verbranntem Fleisch werde ich nie vergessen.
Paul stand auf dem Gleis, nicht weit entfernt, er hatte seine Fender fallen lassen. Der Arsch ließ seine Gitarre sonst nie los, nun blickte er fassungslos auf die Szene. Dann sah er ungläubig zu mir. Ich starrte zurück. In der Trasse oben röhrte der Strom.
Das Management sagte die Tour ab, ohne Sänger ging es nicht. Allen war unklar, wie es weitergehen sollte. Oder ob überhaupt. Aber wir waren immer noch in den Charts, das Label hatte eine Best-of-Scheibe rausgebracht. Außerdem war Willi zum Zeitpunkt seines Todes 27 Jahre alt, das erhob ihn zur Legende. Nach drei Monaten hatten wir einen neuen Sänger und gingen wieder auf Tour. Die „Für-Charlie“-Tour. Sie wurde ein Mega-Erfolg.
„Wir sollten ein längeres Schlagzeug-Solo einbauen!“, sagte ich.
Paul nickte, der Bassist auch. Der neue Sänger hatte nichts dagegen.
„Deine Riffs übertönen manchmal den Gesang, achte da mal drauf!“, wies ich Paul an.
„Mach´ ich“, sagte er.
Das Konzert in der Festhalle Frankfurt war ausverkauft und grandios. Der Adrenalinpegel, wenn einem Tausende Fans zujubeln, ist unbeschreiblich. Ich war der Taktgeber, die Stütze, das verdammte Korsett der Band. Ich bin nicht nur ein guter Drummer, ich bin der Beste. Ein Gott der Becken, der Magier der Sticks. Danach feierten wir unseren Erfolg in der Hotelbar, ich ging spät aufs Zimmer.
In der Nacht klopfte es an meiner Tür. Ich öffnete und ein Mädchen drängte sich herein. Sie sah mir kurz ins Gesicht, dann wanderte ihr Blick auf den Boden. Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Rose“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Lisa“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
„Wolltest du zu mir?“
Sie nickte.
„Mach die Tür zu!“, sagte ich.
Der Schlagzeuger ist meist der Vollpfosten einer Band. Ich weiß, wovon ich rede. Ich sitze hinter meinen Tom-Toms und Hi-Hats, während die anderen vorne die Sau rauslassen und angehimmelt werden. Gerieten sie aus dem Takt, war ich schuld. Paul, der Gitarrist ejakulierte bei jedem Einsatz, der Bassist spielte die coole Sau und dann war da noch unser Sänger Willi. Der reine Psycho. Wenn der seine Verrenkungen machte und sich in den Schritt fasste, als wäre er Michael Jackson, fragte ich mich, was bei dem schiefgelaufen ist in der Kindheit. Vor allem durfte niemand Willi zu ihm sagen, dann rastete er aus. Sein Künstlername war Charlie Melmo. Willi war ein Name aus einem anderen Leben, entsorgt wie ein Irrtum der Evolution. Ich nannte ihn trotzdem so, hin und wieder. Das war Majestätsbeleidigung. Dafür hasste er mich und ich musste zahlen. Bei den Auftritten bekam ich nur ein kurzes Solo. Keine In-A-Gadda-Da-Vida-Nummer über zehn Minuten, es durfte höchstens eine dauern. Willi bestand darauf. Dann waren alle froh, dass es vorbei war und die Jungs vorne hampelten wieder ihre Show ab.
Das mit dem Strom kam später. An das erste Mal erinnere ich mich genau. Wir waren auf der „Verdacht-Tour“, so hieß unsere Tournee, die Werbeagentur des Labels hatte sie so vermarktet wegen des gleichnamigen Hits.
Ich habe den leisen Verdacht
Du hast all das für mich gemacht
Und ich weiß, dass du weißt
Es wird heiß heut Nacht
Gott im Himmel, der Rest war noch schlimmer. Einfache Nummer in C, F und B-Dur, immerhin griffige Beats. Beim letzten Vers fasste sich Willi auf der Bühne zwischen die Beine und leckte seine fetten Lippen. Richtig üble Nummer. Außer Willi und dem Label gab niemand einen Pfifferling drauf. Aber das Ding wurde ein Hit, keine Ahnung, warum. Die Konzerte waren ausverkauft, auch in Berlin, wo wir in einem Hotel in Wilmersdorf übernachteten. Nach der Show waren die Kollegen in irgendwelchen Clubs unterwegs, trafen Freunde, Willi war auf Frauenjagd, genauso wie Paul, der Gitarrist. Ich machte einen Spaziergang in der Hotelumgebung um den Prager Platz, ein lauer Sommerabend, aber die Gegend dort war tot um diese Zeit. Ich legte mich schlafen.
Nachts weckte mich ein Geräusch. Ein leichtes Zischen oder Fiepen übereinander gelagerter Töne, wie ein Rauschen im Kurzwellenkanal. Das Handy zeigte zwei Uhr an. Als ich das Licht anschaltete, war es weg. Ich öffnete das Fenster. Draußen war alles still. Auch im Flur ließ sich kein Laut vernehmen. Ich legte mich zurück ins Bett und drehte das Licht aus. Nach kurzer Zeit ging es wieder los. Leise, zaghaft, ein kleines Zischen, wie eine Frage, gefolgt von einem Rauschen in verschiedenen Frequenzen, als käme eine Antwort. So fing es an und so war es dann jede Nacht. Ich schlief nicht mehr, hatte panische Angst vor dem Moment, in dem ich den Lichtschalter betätigte. Ich habe mit keinem darüber gesprochen. Sollte ich etwa sagen: „Hey Jungs, jetzt mal eine gute Nachricht: Ich kann den Strom hören.“ Die hätten mich aus der Band geworfen.
Niemand kann den Strom hören, schon klar. Niemand, außer mir. Ich wusste, wo er fließt in den Wänden. Von der Steckdose neben dem Bett waagerecht über der Fußleiste, an der Tür senkrecht hoch zum Lichtschalter, von da weiter zur Deckenleuchte. Ich hörte ihn in seinen Leitungen. Ich schaltete das Licht nicht mehr aus, es half nichts. Nach wenigen Minuten kehrte das Wispern zurück. Ich nahm Schlaftabletten, probierte es mit jeder Menge Alkohol, ja, Drogen auch. Es änderte nichts, an Schlaf war nicht zu denken. Ich war verrückt geworden.
Vor dem Konzert in Hamburg hielt ich es nicht mehr aus und erzählte es den Jungs.
„Geh zum Arzt!“, riet mir Willi. „Oder nimm das hier! Hilft gegen alles.“
Er hielt eine kleine Pille hoch.
„Psychiater“, schlug Paul vor, klopfte auf seine Fender-Gitarre, die er nie aus der Hand legte und tippte an seine Stirn. „Zur Not könnte mein Bruder einspringen, der hat gerade mit Schlagzeug-Unterricht angefangen.“
Paul verletzte gern andere Leute, am allerliebsten mich.
„Nimm endlich Ohrenstöpsel“, sagte der Bassist. „Das Schlagzeug pustet dir die Ohren weg. Jeder Drummer hat die. Du hast eine Art Tinnitus.“
Willi drückte mir die Pille in die Hand. „Nimm die, heute Abend ist Showtime! Dein Solo fällt flach, den Rest schaffst du, ich kann nicht alles allein machen!“
Ich hielt durch, das Konzert in Hamburg war grandios. Der Adrenalinpegel, wenn einem Tausende Fans zujubeln, ist unbeschreiblich. Ich war der Taktgeber, die Stütze, das verdammte Korsett der Band. Ich bin nicht nur ein guter Drummer, ich bin der Beste. Ein Gott der Becken, der Magier der Sticks. Zurück im Hotel in der Nähe des Schanzenviertels fiel die Euphorie ab, vielleicht ließ die Droge nach. Ich fragte Willi. Der hatte noch eine. Ich verschwand in meinem Zimmer.
In der Nacht klopfte es an der Tür. Ich öffnete und ein Mädchen drängte sich herein. Sie sah mir kurz ins Gesicht, dann wanderte ihr Blick auf den Boden. Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Jane“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Hanna“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
„Du wolltest nicht zu mir, oder?“
„Schon“, sagte sie. „Ich dachte nur, der Sänger wäre auch hier.“
Ich nickte, dann polterte es kurz und Willi stürmte ins Zimmer. Er hatte ein Faible für gutes Timing. Sein Blick nahm mich gar nicht wahr, er musterte das Mädchen von oben bis unten.
„Wen haben wir denn da?“
„Jane“, hauchte Hanna.
„So, so“, sagte Willi. „Ich bin Charlie Melmo.“
„Ich weiß“, sagte Hanna.
„Wolltest du zu mir?“, fragte Willi. Er warf mir einen spöttischen Blick zu.
Hanna nickte und blickte wieder zu Boden.
„Du entschuldigst uns doch, oder?“, fragte er mich.
Er nahm ihre Hand und verschwand mit dem Mädchen. Ich starrte ihnen nach, schloss die Tür und legte mich aufs Bett. Betätigte den Lichtschalter. Licht aus. Dunkel. Es dauerte nicht lang. Ein winziges Zischen. Ein Knacken, ein Rauschen, das lauter wurde, anschwoll zu einer Symphonie. Ich lag da und lauschte. Der Strom sprach zu mir. Ich hörte zu.
Am nächsten Morgen wollten wir abreisen, aber der Tourbus war ausgefallen. Getriebeschaden. Das Gemecker war groß, es wurde ein Transporter organisiert für Teile des Equipments, wir nahmen die Bahn. Irgendwo in Niedersachsen war Schluss. Der Zug fuhr nicht weiter, aus technischen Gründen, hieß es. Wir mussten aussteigen und warteten auf die Anschlussverbindung. Willi pöbelte den Tourleiter an, Paul streichelte seine Fender, wie um sich selbst zu beruhigen, der Bassist saß gelangweilt auf einer Bank. Das Kamerateam holte sich Kaffee vom Bahnhofskiosk. Ein paar Reisende standen am Bahnsteig und beobachteten uns. Vermutlich hatten sie uns erkannt.
Die norddeutsche Tiefebene kann etwas deprimierend Banales haben, aber manchmal gibt es bunte Punkte in der Tristesse. Auf einem Nachbargleis stand ein alter Güterwaggon unter einer Oberleitung, zerschlissen, mit Graffiti vollgesprüht, die Fenster teilweise eingeschlagen. Wie aus einem Film. Ich sah auf den Waggon und hörte den Strom zum ersten Mal im Freien. Er hatte nichts Zischendes, kein Rauschen, es klang wie ein Grollen. Die anderen nahmen es nicht wahr, sie mussten alle taub sein. Ein Brodeln, wild und roh. Ich stand am Gleis und lauschte.
Willi machte dem Tourleiter immer noch Vorwürfe. Der wies darauf hin, dass er weder was für defekte Getriebe, noch für das Funktionieren der Deutschen Bahn konnte. Ich ging zu den beiden und legte Willi die Hand auf die Schulter. Er schlug sie weg.
„Was?“
Ich setzte ein beleidigtes Gesicht auf.
„Charlie, wir können es doch nicht ändern, der nächste Zug ist unterwegs. Lass uns die Zeit für was Kreatives nutzen! Siehst du den Waggon da drüben?“
Er sah auf den heruntergekommenen Schrotthaufen.
„Und?“
„Das Kamerateam ist da. Stell dir vor, du auf dem kaputten Zug. Graffiti, zersplitterte Scheiben, dein Ledermantel, die Westernstiefel, Siegerpose, dein Haar weht im Wind. Als nächstes Plattencover nicht zu toppen, würde ich sagen.“
Willi sah aus, als würde er mich schlagen wollen. Sein Blick schwenkte auf das Wrack, auf die verrosteten Räder, die vergilbte Farbe des Stahls, das marode Bahnhofsdach im Hintergrund. Er begriff das Bild, sah sich dort oben stehen mit wehendem Mantel. Er nahm meinen Kopf und küsste mich, nein, nicht auf die Stirn, sondern auf den Mund. Mit seinen fetten Lippen. Das war nicht schön, der Rest schon, es war wie in einem Roadmovie. Ich beobachtete, wie sie über die Gleise gingen und Willi hinaufhalfen. Wie sich das Kamerateam positionierte. Er oben in gebückter Haltung, sich langsam aufrichtete, während der Strom in der Oberleitung fauchte.
„Charlie!“, rief ich ihm zu. „Nimm die Arme hoch, Siegerpose!“
Willi schwankte etwas, fing sich dort oben und lächelte. Lächelte uns allen zu an diesem wunderschönen Sommertag, an dem nicht eine Wolke den blauen Himmel verschmutzte. Eine sanfte Brise ließ seine Haare wehen und er blickte hinunter auf uns, die sich versammelt hatten, um ihn zu fotografieren. Ihm huldigten, dem Star von DPM, der Pop Maschine, die seit Wochen die Nummer Eins der Charts waren und deren „Verdacht“-Tour alle Rekorde brach. Er öffnete den Ledermantel, und stellte einen Fuß nach vorn. Der Kameramann schoss die ersten Fotos.
„Die Arme!“, rief ich.
Willi stand auf dem Waggon, sah zu mir und zeigte auf mich. Warf mir eine Kusshand zu. Er war so weit oben. Dann hob er triumphierend die Arme, die Kamera klickte. Es war nah genug. Der Lichtbogen bildete sich. Ich hörte, wie der Strom das Gefängnis der Stahlseile mit einem Fauchen verließ, die anderen sahen nur die Funken. Den Geruch nach verbranntem Fleisch werde ich nie vergessen.
Paul stand auf dem Gleis, nicht weit entfernt, er hatte seine Fender fallen lassen. Der Arsch ließ seine Gitarre sonst nie los, nun blickte er fassungslos auf die Szene. Dann sah er ungläubig zu mir. Ich starrte zurück. In der Trasse oben röhrte der Strom.
Das Management sagte die Tour ab, ohne Sänger ging es nicht. Allen war unklar, wie es weitergehen sollte. Oder ob überhaupt. Aber wir waren immer noch in den Charts, das Label hatte eine Best-of-Scheibe rausgebracht. Außerdem war Willi zum Zeitpunkt seines Todes 27 Jahre alt, das erhob ihn zur Legende. Nach drei Monaten hatten wir einen neuen Sänger und gingen wieder auf Tour. Die „Für-Charlie“-Tour. Sie wurde ein Mega-Erfolg.
„Wir sollten ein längeres Schlagzeug-Solo einbauen!“, sagte ich.
Paul nickte, der Bassist auch. Der neue Sänger hatte nichts dagegen.
„Deine Riffs übertönen manchmal den Gesang, achte da mal drauf!“, wies ich Paul an.
„Mach´ ich“, sagte er.
Das Konzert in der Festhalle Frankfurt war ausverkauft und grandios. Der Adrenalinpegel, wenn einem Tausende Fans zujubeln, ist unbeschreiblich. Ich war der Taktgeber, die Stütze, das verdammte Korsett der Band. Ich bin nicht nur ein guter Drummer, ich bin der Beste. Ein Gott der Becken, der Magier der Sticks. Danach feierten wir unseren Erfolg in der Hotelbar, ich ging spät aufs Zimmer.
In der Nacht klopfte es an meiner Tür. Ich öffnete und ein Mädchen drängte sich herein. Sie sah mir kurz ins Gesicht, dann wanderte ihr Blick auf den Boden. Sie sah sehr jung aus.
„Wer bist du denn?“
„Rose“, flüsterte sie.
„Und wie heißt du wirklich?“
„Lisa“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“
„Achtzehn.“
Es klang trotzig.
„Musst du morgen nicht zur Schule?“
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie.
„Wolltest du zu mir?“
Sie nickte.
„Mach die Tür zu!“, sagte ich.
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