Garstig/Welt –

3,60 Stern(e) 8 Bewertungen

Chandrian

Mitglied
in einer prädepressiven phase erschlug ich
mit meinem krückstock
einen halbtoten
er hatte keine zähne mehr
und von ihm ging ein beissender geruch aus
wie vom urin der schwangeren mutter
sie hat ihr drittes kind verloren
und fast alle haare
der winter kommt und ihr fehlt
das fell und die daunen
jacke. ich war schon halb zwölf
als mir ein grellweisses licht
vor die pupille geschoben wurde
und dann war ich
ein mann
mit achtzehn und der bestimmung
frauen schwanger zu kriegen
reproduktion –: kinder
zu machen
und kinder liegen
anderswo eingebettet in ihrem
graben und dort herrscht
ein beissender geruch
nach halbtoten und urin
 
Zuletzt bearbeitet:

Chandrian

Mitglied
Vielen Dank für die Bewertung, Benutzername1990 und revilo!
Scheinbar kommt dieses Gedicht bei euch besser an, als mein letztes - das freut mich!

liebe Grüsse
Chandrian
 

Chandrian

Mitglied
yep, das tut es.....es ist so herrlich böse
Naja, böse nur bedingt, das Gedicht selbst kann es ja nicht sein… böse ist ein Begriff, der sehr vage ist. In einer determinierten Welt sind „Bosheit“ und „Schuld“ ein noch weiteres Feld - aber dazu müsste man erst an den Determinismus glauben…
Nun macht hier aber tatsächlich alles einen bösen Eindruck, sowohl das Lyri, als auch die Welt als Ganzes. Oder sind es die gesellschaftlichen Normen, welche das Lyri blenden?
Die Frage, wer oder was hier das Böse ist, bleibt also unbeantwortet. Grausam und brutal - das ist es definitiv.

LG
Chandrian
 

Chandrian

Mitglied
Liebe Blackout,

Darf ich dich fragen, was das Gedicht für dich zu einem 1-Sterne-Text macht?
Ist es der Inhalt, die Brutalität… oder ist es das Handwerk, evtl Fehler, welch ich nicht bemerkt habe?
Ich bin offen für Kritik!
Die selbe Bitte geht auch an @texxxter. Danke trotzdem für die Bewertung.

LG
Chandrian
 

texxxter

Mitglied
Hi Chandrian

Das Gedicht ist für meinen Geschmack etwas zu sehr auf düster gemacht. Und irgendwie fehlt mir da auch was (vielleicht Charme?)
 
G

Gelöschtes Mitglied 23676

Gast
Naja, böse nur bedingt, das Gedicht selbst kann es ja nicht sein… böse ist ein Begriff, der sehr vage ist. In einer determinierten Welt sind „Bosheit“ und „Schuld“ ein noch weiteres Feld - aber dazu müsste man erst an den Determinismus glauben…
Nun macht hier aber tatsächlich alles einen bösen Eindruck, sowohl das Lyri, als auch die Welt als Ganzes. Oder sind es die gesellschaftlichen Normen, welche das Lyri blenden?
Die Frage, wer oder was hier das Böse ist, bleibt also unbeantwortet. Grausam und brutal - das ist es definitiv.

LG
Chandrian
Sternstunde Philosophie………………
Das Gedicht ist unterhaltsam und das war’s für mich.
 

Chandrian

Mitglied
Hi Chandrian

Das Gedicht ist für meinen Geschmack etwas zu sehr auf düster gemacht. Und irgendwie fehlt mir da auch was (vielleicht Charme?)
Ok. Verstanden. Zu düster. Dann ist es eben deine Meinung, aber mehr Charme? Bei diesem Thema? Der Titel ist Programm, das Gedicht strotzt vor Düsternis.
Schöne Gedichte findet man haufenweise in der LeLu, auch von mir. Hier hatte ich einen andern Anspruch. Aber ich kann verstehen, wenn es dir nicht gefällt. Generell schaut man bei unschönen Dingen lieber weg und das ist nunmal so. Gleichzeitig nehme ich dies aber als Erfolg wahr; dieses Thema grausam, düster und unangenehm zu verdichten.
Danke dir für die Rückmeldung und für die Bewertung!

Grüsse
 

Chandrian

Mitglied
Vielen Dank, @Patrick Schuler !
Das zu hören bedeutet mir sehr viel, gerade weil dieser Text sowohl auf Zuspruch und Resonanz als auch auf Ablehnung gestossen und nicht nur gut angekommen ist.
Merci für die Bewertung:)

LG
Chandrian
 

cecil

Mitglied
bevor ich hilflos wurde
erschlug ich mit meinem krückstock
einen halbtoten
er hatte keine zähne mehr
und von ihm ging ein beissender geruch aus
wie vom urin der schwangeren mutter
sie hat ihr drittes kind verloren
und fast alle haare
der winter kommt und ihr fehlt
das fell und die daunen
jacke. ich war schon halb zwölf
als mir ein grellweisses licht
vor die pupille geschoben wurde
und dann war ich
ein mann
mit achtzehn und der bestimmung
frauen schwanger zu kriegen
und kinder liegen
anderswo eingebettet in ihrem
graben und dort herrscht
ein beissender geruch
nach halbtoten und urin
Sorry, ich habe Änderungen vorgenommen; tue ich selten, aber die "prädepressive phase" hemmt nach meinem Empfinden den Zugang zum Text. Und die "reproduktion" ist mir zu klinisch angesichts des existenziellen Dilemmas. Starker Text!
 

Chandrian

Mitglied
Sorry, ich habe Änderungen vorgenommen; tue ich selten, aber die "prädepressive phase" hemmt nach meinem Empfinden den Zugang zum Text. Und die "reproduktion" ist mir zu klinisch angesichts des existenziellen Dilemmas. Starker Text!
Vielen Dank, cecil.

Das ist mir so nicht aufgefallen, danke für den Hinweis. Prädepressiv habe ich in erster Linie gewählt, da es als Begriff einen gewissen Reiz und andererseits einen ökonomischen Bezug hat. Lenkt aber evtl wirklich ab.
Ja, stimmt… reproduktion klingt klinisch. Irgendwie aber auch ironisch, nicht? Also im Sinne von Erbgut weitergeben als einzige Lebensbestimmung etc… gefällt mir nicht als Lebensmoral, deshalb hatte das hier, als Bruch, platz. Aber ich überlege mir das nochmals. Danke für die Vorschläge und die Kritik!

LG
Chandrian
 

Chandrian

Mitglied
Liebe @blackout,

Ich habe schon mal gefragt und frage nochmal - was ist so schlimm an diesem Text? Du musst ja offensichtlicherweise etwas daran auszusetzen haben, schuldest mir also quasi eine Antwort. Wenn nicht ist auch in Ordnung… dann bleibe ich eben im Dunkeln sitzen.

LG
Chandrian
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Chandrian,

meiner Meinung nach ist das ein interessantes Gedicht, aber für mich gibt es beim Lesen das Problem, dass mir irgendwie die Einordnung des LI's fehlt. Ja, es wird z.T. mit krassen Bilder der Lebensweg des selben beschrieben und es wird auch fraglos deutlich, dass es sich hier nicht um Personen aus der Vorstadtidylle handeln kann, aber mir persönlich fehlt ein wenig die gesellschaftliche Einordnung des Textes. Deshalb fasst mich das Gedicht trotz seiner durchaus interessanten Wortwahl nicht richtig an. Es gelingt mir mangels Hintergrundwissen nicht, Empathie oder wenigstens eine begründete Abneigung (denn eine solche löst das LI zweifelsohne in mir aus) mit dem oder gegen das LI zu entwickeln.

Gut gemacht wiederrum finde ich das Wiederaufgreifen des beißenden Geruchs am Ende des Gedichtes, da es hier gelingt, den Bogen etwas weiter zu spannen und Interpretationsmöglichkeiten zu erzeugen, etwa in Richtung des Ukraine-Krieges.

Insgesamt sehe ich hier also einen Text mit vielen z.T. auch heftigen Effekten, der aber in der Wirkung auf mich leider nicht so effektiv ist, wie er es vielleicht vom Potential her sein könnte.

Liebe Grüße
Frodomir
 

Chandrian

Mitglied
Hallo Chandrian,

meiner Meinung nach ist das ein interessantes Gedicht, aber für mich gibt es beim Lesen das Problem, dass mir irgendwie die Einordnung des LI's fehlt. Ja, es wird z.T. mit krassen Bilder der Lebensweg des selben beschrieben und es wird auch fraglos deutlich, dass es sich hier nicht um Personen aus der Vorstadtidylle handeln kann, aber mir persönlich fehlt ein wenig die gesellschaftliche Einordnung des Textes. Deshalb fasst mich das Gedicht trotz seiner durchaus interessanten Wortwahl nicht richtig an. Es gelingt mir mangels Hintergrundwissen nicht, Empathie oder wenigstens eine begründete Abneigung (denn eine solche löst das LI zweifelsohne in mir aus) mit dem oder gegen das LI zu entwickeln.

Gut gemacht wiederrum finde ich das Wiederaufgreifen des beißenden Geruchs am Ende des Gedichtes, da es hier gelingt, den Bogen etwas weiter zu spannen und Interpretationsmöglichkeiten zu erzeugen, etwa in Richtung des Ukraine-Krieges.

Insgesamt sehe ich hier also einen Text mit vielen z.T. auch heftigen Effekten, der aber in der Wirkung auf mich leider nicht so effektiv ist, wie er es vielleicht vom Potential her sein könnte.

Liebe Grüße
Frodomir
Danke, Frodomir, für die Rückmeldung!

Ja, das kann ich verstehen. Ohne Bezug zum LI kann man schwer das Gedicht als Ganzes erfassen. Für mich stellt sich nun die Frage, ob es an Interpretationsansätzen mangelt, oder ob es zu wenig Material gibt. Also Hintergrundwissen. Da müsste ich dir widersprechen: die Krücke, das Licht und schlussendlich auch die Lebensbestimmung bieten reichlich Hintergrundinformationen - dachte ich zumindest. Vielleicht habe ich aber die Kritik auch missverstanden.


Hast du einen konkreten Vorschlag, wie ich das Potential des Textes ausschöpfen könnte? So oder so vielen Dank fürs Lesen und für den Kommentar.

LG
Chandrian
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Chandrian,

Vielleicht habe ich aber die Kritik auch missverstanden.
Vielleicht habe ich dein Gedicht auch missverstanden. Es ist mir nicht gelungen, den Text in eine konkrete Richtung zu interpretieren, so meinte ich meine Kritik. Da du von reichlich Hintergrundinformationen sprichst, gehe ich davon aus, dass ich ohne eine Erklärung nicht in der Lage bin, den Text richtig einzuordnen.

Geht es um eine konkrete historische Person, über die du schreibst? Ich stehe auf dem berühmten Schlauch.

Liebe Grüße
Frodomir
 

Chandrian

Mitglied
Hallo Chandrian,



Vielleicht habe ich dein Gedicht auch missverstanden. Es ist mir nicht gelungen, den Text in eine konkrete Richtung zu interpretieren, so meinte ich meine Kritik. Da du von reichlich Hintergrundinformationen sprichst, gehe ich davon aus, dass ich ohne eine Erklärung nicht in der Lage bin, den Text richtig einzuordnen.

Geht es um eine konkrete historische Person, über die du schreibst? Ich stehe auf dem berühmten Schlauch.

Liebe Grüße
Frodomir
Nein, ich hatte keine historische Person im Kopf. Hintergrundinformationen deshalb, weil du danach gefragt hast, ich habe mich daraufhin auf metaphorische Gebilde bezogen, welche auf das LI eingehen bzw eben Informationen liefern. Dabei geht es eher um ein LI, welches in der heutigen Zeit mit ihren Umbrüchen, Unruhen und Grausamkeiten überfordert, eingeengt ist. Dabei wird natürlich, wie du vermutet hast, Bezug auf den Krieg (nicht nur auf den in der Ukraine) genommen. Ausserdem schildert das LI, wie es durch gesellschaftliche Normen und Erwartungen „geformt“ wurde, was vom blendenden Licht wieder auf den Krückstock als Metapher zurückführt.
Es gibt mehrere solche Bögen im Gedicht (ZB. Mutter, die keine Kinder bekommen kann - Erwartung Kinder zeugen - Kinder, welche im Krieg ums Leben kommen… oder eben der beissende Geruch).

Ich hoffe, damit kann man was anfangen. Sehr knapp und kratzt nur an der Oberfläche - schliesslich wollte ich nicht meine Intention auf die Interpretationen der Lesenden übertragen, was somit den Platz für eigene Assoziationen nehmen würde.

LG
Chandrian
 



 
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