Gavdos, Lilly

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Hudriwurz

Mitglied
Hudriwurz (Emanuel W. Kury)​

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[ 3]Sie spürt Sintina‘s Hand in ihrer eigenen. Sie ist warm und fühlt sich weich an. Es fließt Liebe. Lilly wundert sich darüber, dass das rhythmische, monotone und einschläfernde Wackeln plötzlich nicht mehr zu spüren ist. Der Wagen hat angehalten und sie hört Stimmen die etwas besprechen. Eine davon gehört ihrem Vater, die Zweite wohl ihrem Onkel Kari. Sintina erwacht und blickt sich schlaftrunken um. »sind wir schon da?« fragt sie mit leiser Stimme. Sie ist die jüngere Schwester Lillys und die jüngste in der Familie. Lilly hat auch noch eine ältere Schwester und vier Brüder, die alle älter sind als sie. Durch einen Spalt in der Wagenplane sieht sie, dass es draußen schon dunkel geworden war.
[ 3]»Wir bleiben heute hier. Hier ist es schön und es gibt auch Wasser.« sagt ihr Vater und schiebt dabei das Verdeck zur Seite. Lilly’s große Schwester Fitza ist noch mit ihnen im Wagen und wird jetzt munter.
[ 3]»Kommt mit. Gehen wir Holz sammeln und helfen dann Memm beim kochen. Die Männer der Gemeinschaft, zu denen sich auch Lilly’s Brüder schon zählen dürfen, versorgen die Pferde. Die Jüngsten holen Steine aus dem Flussbett und formen damit eine Feuerstelle. Jeder kennt die Handgriffe, die zu tun sind und jeder erledigt die, die er bewältigen kann. Es wird nicht viel dabei gesprochen und bald knistert ein gemütliches Feuer, um das sich langsam alle einfinden. Die Frauen rühren abwechselnd in einem Topf, der langsam zu duften und dampfen beginnt. Lilly ist auch schon groß genug um dabei zu helfen und verteilt die Teller.
[ 3]Nach dem Essen breitet sich eine, beinahe feierliche Sille über den Lagerplatz und man kann die Gedanken der, gemütlich um das Feuer lagernden, manchmal auch an ihren Pfeifen saugenden, beinahe hören. Alle sind satt, zufrieden, wohl auch müde und spüren den Frieden, der sich wie eine schützende Decke über die Gruppe breitet.
[ 3]Schabo, der Sohn von Kari (Lillys Cousin also) ist der erste, der nach dem Essen und dem, beinahe lähmenden ersten Verdauen der Mahlzeit, wieder Energie findet und seine Gitarre aus dem Wagen holt. Er muß sie nicht lange stimmen und beginnt eines der alten Lieder zu spielen, die schon so oft gespielt wurden. Der Reihe nach stimmen die Frauen und Männer den Gesang an, dessen Sprache für Lilly einfach Heimat bedeutet. Egal wo sie waren, mit welchen, teils widrigen Umständen sie tagsüber zu kämpfen hatten, der sonore Gesang, der manchmal mehr und manchmal weniger aufgeregt klang, war Lilly’s Zuhause.

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Lilly‘s Kindheit gestaltete sich wie eine Geschichte aus einem Kinderbuch. Unaufgeregte Geborgenheit, Zusammenhalt, Liebe, Harmonie und das Gefühl, Teil dieser Welt zu sein.
Oft schlief sie unter dem Sternenzelt und fühlte sich einfach gut und war dankbar für ihr Sein auf dieser wunderbaren Welt.
[ 3]Es gab auch Tage, die sie in Gegenden führten, die unwirtlich und abweisend erschienen. Es gab Regionen, an denen der Regen sauer und rußig schmeckte und sie bemerkte, dass alle in der Gruppe das Verlangen hatten, rasch weiterzuziehen. Manchmal gab es Streit mit den Leuten, die da lebten und meinten, die Besitzer von Allem zu sein. Sie taten so, als gehöre das Wasser, der Himmel, die Sterne, einfach alles ihnen und niemand von ihnen dachte daran zu teilen. Sie wollten sie meist von ihrem Platz vertreiben, schimpften und drohten dabei.
[ 3]Diese Art Menschen wurde in der Gruppe einfach ?Gadsche? genannt. Das war eine Bezeichnung die sehr negativ besetzt war; nichts gutes verhieß. Wie Lilly sich das einbildet, war das meist in Gegenden, in denen der Regen sauer schmeckte. Zu viele Gedanken verlor sie allerdings nicht an ihnen und bedauerte sie nur manchmal ein wenig.
[ 3]Ein sicheres Kommando für den Aufbruch am folgenden Morgen galt die Erklärung der Männer, in der Nacht etwas besorgen zu wollen. Meist brachen die Männer dann spät in der Nacht auf und kehrten erst früh am Morgen wieder zurück. Während der Abwesenheit der Männer, bauten die Frauen das Lager ab und machten die Wagen für die Weiterfahrt bereit. Die Kinder freuten sich darüber und wurden am nächsten Morgen oft mit Geschenken überrascht.
[ 3]Einen wirklich schönen Lagerplatz zu verlassen verursachte auch manchmal ein wenig Traurigkeit bei Lilly. Besonders schwer fiel ihr der Abschied von einem Ort, der ?Velka Ida? hieß. Sie hatte dort einen Jungen kennen gelernt, der wunderschöne blonde Haare und strahlend blaue Augen hatte. Sie hatte sich in ihn verliebt und ihr erster Kuss kam von seinen Lippen. Lilly‘s Eltern trösteten sie nach der Abfahrt und meinten, dass der Junge letztendlich doch nur ein ?Gadscho? war und dass ein richtiger Junge ganz sicher noch irgendwo auf dem Weg auf Lilly wartete. Nach wenigen Wochen war ihre Trauer um ihn verflogen und Lilly reiste unbeschwert weiter durch die Welt, die voll mit Abendteuern war.

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[ 3]Karilower, Mutter‘s Schwester kann man wohl die gebildetste in der Gruppe nennen. Sie war in ihrer Kindheit lange Zeit durch Frankreich gezogen und hatte auch mehrere
Jahre in La Courneuve bei Paris gelebt. Für eine Sintezza hatte sie eine sehr helle Haut und war dadurch kaum Belästigungen der ?Gadsche? ausgesetzt. Sie schaffte es sogar, mehrere Jahre lang eine Schule zu besuchen und hat dabei wohl grundlegende Kenntnisse in Mathematik und Lesen erlangt.
[ 3]Jedenfalls hatte sie eine Eselsgeduld mit den Kindern, wenn sie versuchte, ihnen Lesen und Schreiben beizubringen. Kein Kind hatte großes Interesse daran, die Sprache der ?Gadsche? zu lernen, doch leider war es im Gegensatz zu ihrer geliebten Muttersprache möglich, diese zu schreiben, beziehungsweise auch zu lesen.
[ 3]Rechnen dagegen, war da deutlich weniger mit Abneigung behaftet und machte allen Spaß. Vermutlich weil Karilower es verstand, Mathematik mit witzigen Beispielen anschaulich zu erklären.
[ 3]So zogen die Jahre durch Lilly‘s Leben und sie reifte zu einer hübschen jungen Frau heran.



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[ 3]Irgendwann lagerten sie an der Meeresküste in einem Land, in dem es sehr heiß war. Das machte den meisten nicht viel aus, verführte aber auch nicht zu übermäßiger Aktivität. Man beschloss daher, die Reise für die Dauer der extremen Hitze zu unterbrechen und unnötige Bewegungen tagsüber zu vermeiden. Ereignislose Tage häuften sich und die Temperatur änderte sich nicht sonderlich.
[ 3]Lilly nutzte die Zeit für ausgedehnte Spaziergänge am Strand. Jeden Tag wurden ihre Wanderungen ausgedehnter und so kam sie eines Tages zu einer Taverne, in der viele junge Menschen unter Sonnenschirmen saßen, lachten, das Leben einfach, wie es schien, genossen.
[ 3]Elli arbeitete da als Serviererin und als Lilly sie um ein Glas Wasser bat, sprang wohl ein Funke über und es zeigte sich gegenseitige Sympathie zwischen den beiden Frauen, die von diesem Moment an, Lilly jeden Tag zur Taverne führte.
[ 3]Elli war nicht sonderlich gestresst, bei ihrer Arbeit. Im Gegenteil. Etwa drei Viertel der Zeit langweilte sie sich und konnte es kaum erwarten, bis Lilly endlich kam. Sie war um einige Jahre älter als sie und hatte erst vor wenigen Wochen dem familiären Druck nachgegeben, doch endlich zu heiraten. Nico war nicht der Mann, von dem sie immer geträumt hatte, doch er war ehrlich, in gewisser Weise liebenswert, versuchte, wenn auch etwas tollpatschig, die Wünsche in Ellis Augen zu lesen und zu erfüllen. Sie hatten sich kennen gelernt, als Nico am Festland zu tun hatte und für kurze Zeit zu einem Stammgast in der kleinen Taverne wurde.
[ 3]In ihrer kurzen gemeinsamen Zeit lernten sie sich einerseits zu lieben und andererseits als notwendiges Übel relativ geringen und damit erträglichen Ausmaßes zu verstehen. Nico besaß eine Taverne auf einer der vorgelagerten Inseln und es war wohl Elli‘s Schicksal, ihr zukünftiges Leben mit ihm dort zu verbringen. Es war ihr neuerdings morgens übel und ihre Vermutung, schwanger zu sein, bestätigte sich. Den ganzen Tag in der Taverne, hinter der Theke stehend zu verbringen, wurde immer schwieriger für sie und so bat sie Lilly, ihr zu helfen.
[ 3]Lilly kam von nun an schon am späten Vormittag in die Taverne und hatte die wenigen, notwendigen Handgriffe, die man als Servierkraft beherrschen muß, bald erlernt.
[ 3]Sprachen waren für Lilly nie ein Hindernis. Sie hatte ein ungewöhnliches Talent dafür, in kürzester Zeit alle möglichen Sprachen zu verstehen und Teile davon auch zu sprechen.
[ 3]Elli zog sich mehr und mehr zurück und konnte Lilly nur noch, an der Theke sitzend, beratend helfen. Sie war schon sehr rundlich geworden und Bewegungen fielen ihr schwer. Sie hatte geplant, die Geburt ihres Kindes abzuwarten und erst dann auf die Insel zu ziehen.
[ 3]Eines Tages fragte sie Lilly, ob sie nicht Lust hätte, sie auf die Insel zu begleiten. Sie könne dann in ihrer Taverne arbeiten und auch wohnen. Sie hatte es zuvor mit Nico besprochen und auch er sah es als sinnvoll an. Er hätte alles getan, um Elli den Beginn ihres gemeinsamen Lebens auf der Insel leichter zu machen. Elli hatte das Gefühl, dass es die einzige Möglichkeit für sie war, das neue Leben auf der Insel überhaupt zu beginnen und zu ertragen. An der Seite eines Mannes, der zwar nicht sonderlich schwer zu begreifen, aber ihr dennoch fremd war, würde leben in der Einsamkeit der Insel, für sie erst möglich werden. Lilly’s unaufgeregte, ruhige Art hatte Elli seit Anbeginn ihrer Beziehung fasziniert und ihr selbst, in gewisser Weise, Sicherheit gegeben. So viele Dinge änderten sich jetzt in Ihrem Leben. So viele Fragen waren plötzlich da:
[ 3]?Wie wird das Leben mit diesem Mann, in der völligen Abgeschiedenheit? - Wie wird es, Mutter zu sein? - Wird sie den geballt über sie stürzenden Herausforderungen Stand halten können? - Was hat sich die Zukunft für sie ausgedacht? - War es richtig, was sie tat??
[ 3]Jedenfalls gab das vage ?Vielleicht? Lilly‘s, als Antwort auf die Frage, sie zu begleiten, Hoffnung.
[ 3]Lilly besprach mit ihrer Gruppe den Plan, für einige Zeit auf einer Insel zu leben und für eine Weile die Gruppe zu verlassen. Sintina würde Lilly am meisten abgehen, das war klar. Letztendlich verstanden alle ihr Vorhaben und freuten sich für sie. Sie versprach im Spätherbst wieder zur Gruppe stoßen zu wollen und sie vereinbarten einen Kontaktpunkt.
[ 3]Elli war überglücklich, als sie erfuhr, dass sie nicht alleine in die Ungewissheit abreisen mußte und sie fühlte sich von einer Last befreit.
[ 3]Die Geburt verlief problemlos. Es war ein Junge und er wurde auf den Namen Jannis getauft. Einer Abreise stand nun nichts mehr im Wege und so machten sie sich dann, nach ein paar letzten Wochen der Entspannung, auf den Weg. Nico war die Freude ins Gesicht geschrieben. Er kam zurück auf seine Heimatinsel und hatte eine Ehefrau mit einem gesunden Sohn mit. Alle seine Freunde würden staunen und sich mit ihm freuen, hoffte er.

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[ 3]Die Überfahrt dauerte nur wenige Stunden und mit jeder Seemeile stieg die Freude, die man Nico‘s Gesicht ablesen konnte. Für Elli war alles neu und fremd. Die Freunde und Verwandten, die sie an der Fährstation begrüßten; die vielen Inselbewohner, die sich im Hafen versammelt hatten und sie argwöhnisch begutachteten.
[ 3]Es war gut, dass Lilly dabei war, sie gab den Situationen Gelassenheit. Das war für Elli sehr wichtig, denn sie fühlte, dass ihr Leben nun in den Händen eines Mannes lag, den sie nur flüchtig kannte und Hilferufe ihrerseits würden niemals und von niemandem gehört werden.
[ 3]Nico‘s Taverne war recht groß und hatte auch einige Gästezimmer, die in den Sommermonaten meist durchgehend belegt waren. Lilly hatte doch einiges zu tun und Elli hielt sich vorwiegend in der Küche auf. Nicht selten zog sie sich einfach mit Jannis in ihr Schlafzimmer zurück und wenn sie ihre Lage und Zukunftsperspektive überdachte, konnte es schon passieren, dass die eine oder andere Träne über ihre Wange lief.
[ 3]So war jeder im Trubel des Hochsommers beschäftigt und es gab sehr wenig Gemeinsames.


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[ 3]Lilly gefiel die Arbeit und die verschiedenen Menschen, die kamen und gingen. Die Geschichten, die sie mit brachten; die Sorgen die sie hatten und auf der Insel für wenige Wochen ablegten. Die Leute wollten einfach nur Spaß haben, sich betrinken, kopulieren und einfach nicht daran denken, was sie jenseits der Insel, im richtigen Leben wieder erwarten würde.
[ 3]Es gab auch Menschen, die den Schritt zurück einfach verweigerten. Sie lebten teils unter Bäumen, in Hängematten und Schlafsäcken und verweigerten sich der zivilisierten Welt und ihrem engen Regelgeflecht. Sie machten nicht den Eindruck, als würden sie je an ihre eigene Zukunft denken. Woran sie dachten, welche Perspektiven, was ihnen wirklich wichtig war, war oft nicht zu erkennen. Viel mehr schien es, als würden sie die Aneinanderreihung von Momenten, gesteuert von einer kosmischen Kraft zelebrieren und ihr ganz vertrauen.
[ 3]Was niemand verstehen konnte, auch sie selbst nicht, war akzeptiert und gewollt. Dennoch fühlten sie sich als Teil eines großen Ganzen. Seine Energie damit zu verschwenden, daran zu denken, was die Zukunft, der nächste Tag bringt, war nicht Teil ihrer Philosophie.
[ 3]Die Tage kamen und gingen und ein neuer Tag mußte nicht auf den vorherigen aufbauen.
[ 3]Das Nachlassen des Trubels, auf der Insel verhieß das Fortschreiten des Jahres. Die Erde bewegte sich weiter in ihrer Umlaufbahn in Richtung Sonne und die Tage wurden kürzer.


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[ 3]Lilly hatte sich in einen Spanier verliebt und dabei ihr Herz und ihre Unschuld verloren. Paolo stammte aus Mallorca und faszinierte sie mit seiner munteren, aufgeweckten Art, die sie sonst nur bei Leuten ihrer Familie kannte und die ihr unterbewußt abging.
[ 3]Der Strom an Urlaubsgästen versiegte langsam und der, von Elli so gefürchtete Tag des Abschieds von Lilly, kam. Nur ein Versprechen Lilly‘s, im nächsten Jahr wieder auf die Insel zu kommen, konnte einen völligen Zusammenbruch der verzweifelt schluchzenden Elli verhindern.

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[ 3]Noch bevor Lilly und Paolo mit der Fähre das Festland erreicht hatten, hatte Elli damit begonnen, einen Brief an Lilly zu schreiben, in dem sie ihre Verzweiflung und Einsamkeit kund tat und damit begann, die Stunden bis zur Rückkehr Lillys zu zählen.
[ 3]Es war ein verzweifelter Brief und Lilly, als sie ihn knapp 5 Wochen später in Händen hielt, konnte gar nicht verstehen, wie sich Elli freiwillig solchen Zwängen aussetzen konnte. Sie hätte doch ahnen müssen, welches Schicksal sie erwartet, wenn sie mit diesem Mann auf eine abgelegene Insel zog.
[ 3]Lilly konnte auch nicht verstehen, dass sich mit Paolo, in seine gewohnte Umgebung zurückgekehrt, eine seltsame Verwandlung vollzog. Die Unbeschwertheit, das Helle in seinem Wesen, schien hier in seiner Heimat keine Gültigkeit; keinen Platz zu haben. Er war plötzlich wie ausgetauscht. Lilly kannte das nicht. In ihrem bisherigen Leben hatte sie es meist mit Menschen zu tun, die eben waren, was oder wer sie waren. Ihr Wesen veränderte sich, abhängig von der Umgebung, nie sonderlich.
[ 3]Elli schien ihr Glück völlig an ihre Gesellschaft zu hängen. Paolo war der freieste und unbeschwerteste Mensch, den sie kannte, als sie noch auf der Insel waren. Jetzt verbringt er die Hälfte des Tages damit, Getränkekisten durch den Tag zu schleppen. Abends und nach ein paar Bieren fällt er energielos ins Bett um dann nach kurzem, unruhigen Schlaf, den neuen Tag genau gleich, wie den vorherigen zu vertun.
[ 3]Lilly kannte ihr bisheriges Leben völlig anders. Wie sie es in der letzten Zeit bei, ihr wichtigen Personen beobachten konnte, kann das Leben ja wohl nicht funktionieren, erinnerte sie sich und dachte an die schöne Zeit, in der sie mit ihrer Familie durch die Gegend zog.
[ 3]?was sie wohl gerade erlebten? — Wo sie wohl gerade waren? — Wie es ihrer geliebten kleinen Schwester, Sintina wohl geht?? Lilly stellte sich die Fragen gedanklich und ein Gefühl von Wehmut und Sehnsucht machte sich in ihr breit. Ein Gefühl, das sie in dieser Form bisher selten gehabt hatte. Es erinnerte sie ein wenig an ?Velka Ida? und den blonden Jungen, in den sie vor Jahren eine kurze Zeit lang verliebt gewesen war.
[ 3]Es war klar, daß ein Leben in dieser Weise für sie nicht denkbar war. Die Leute waren scheinbar nur ?echt?, wenn sie entspannt; losgelöst aus ihrem gewohnten Trott gerissen waren. Ein seltsamer Zwang führte sie aber immer wieder in den genau selben Rhythmus zurück, in dem sie sich wohl sicher wähnten.
[ 3]Lilly wollte jeden Tag neu erleben und sich auch überraschen lassen. Sie kannte das Leben anders und sie mußte wieder dort hin zurück finden.

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[ 3]Es wurde schon recht spät im Jahr und die vielen Menschen, die Lilly‘s Tage ein wenig bunt färbten, wurden immer weniger. Sie tauchten immer nur für eine kurze Zeit auf und verschwanden dann wieder. Zuerst dachte Lilly, dass sie einfach zu einem anderen Ort weiter zogen um neue Abendteuer zu finden, so wie sie es mit ihrer Familie immer getan hatte. Es kam ihr aber der Gedanke, dass die unbeschwert lustigen Menschen letztendlich einfach wieder in ihre gewohnten Tretmühlen zurückkehrten, genau wie sie das bei Paolo beobachtet hatte.
[ 3]Es überraschte Paolo kaum, dass Lilly kund tat, wieder zu ihrer Familie zurückkehren und ihn damit verlassen zu wollen. Sie passte nicht in das Leben, das er hier führte.
[ 3]Sie vereinbarten, sich im nächsten Jahr wieder auf der Insel zu treffen. Dort, wo sie sich einst nahe waren, hofften sie, sich wieder zu finden.

ENDE
 

Wipfel

Mitglied
Hi Hudriwurz, du erzählst die Geschichte von Lilly. Einem Mädchen, welches irgendwie und irgendwo aufwächst - im Schoß der Familie. Und dann als junge Frau beginnt eigene Wege zu gehen. Und wunderst du dich, dass bisher niemand auf dein Werk reagiert hat?

Was eine Kurzgeschichte spannend macht, fehlt deiner leider. Alles ist so schön harmonisch, es gibt kein Konflikt - und wenn, wird er schnell weggedrückt. und das schreibst du dann auch:
Lilly‘s Kindheit gestaltete sich wie eine Geschichte aus einem Kinderbuch. Unaufgeregte Geborgenheit, Zusammenhalt, Liebe, Harmonie und das Gefühl, Teil dieser Welt zu sein.
Oft schlief sie unter dem Sternenzelt und fühlte sich einfach gut und war dankbar für ihr Sein auf dieser wunderbaren Welt.
Und so pätschert sie hin, die Geschichte. Das mag im wirklichen Leben funktionieren - in einer Kurzgeschichte eher nicht.

Erzählen kannst du. Ich würde mich auf eine Szene konzentrieren - z.B. auf das Schwangerwerden Ellis von einem Mann, den ihr ihre Eltern ausgesucht haben. Wir wollen Abenteuer, Konflikte und dergleichen lesen - etwas spannendes.

Grüße von wipfel
 

Hudriwurz

Mitglied
Wipfel

Vielen Dank Wipfel.
Ich wundere mich irgendwie nicht, daß niemand antwortet.
Dass meine Geschichten zu 'harmlos' sind, weiß ich irgendwie. Bin selber sehr harmonieliebend und konfliktscheu. Das halte ich für angenehme Eigenschaften. Zum Kurzgeschichten schreiben ist es nicht sehr dienlich, das stimmt leider. Ich versuche mich zu entwickeln.

Vielen Dank jedenfalls, für Deine Kritik. In den anderen 'Gavdos-Geschichten' geht es ja ebenso fade zu. Vermutlich auch deshalb, weil in den Geschichten Menschen auftauchen, die ich wirklich kennen gelernt habe.
 

molly

Mitglied
Hallo, Hudriwurz,

Lilly, das Sintimädchen, bleibt immer Lilly, egal wo sie sich aufhält. Doch sie stellt fest, dass dies bei vielen Menschen, die sie kennen lernt, nicht der Fall ist: Sie verändern sich, wie ihr Freund, wenn sie in ihr altes Leben zurück kehren.
Das ist Lillys Konflikt in der Geschichte.

Auch wenn die Geschichte wenig Spannung enthält, habe ich sie gern gelesen.

Viele GRüße

molly
 

Hudriwurz

Mitglied
Lilly

Vielen Dank, Molly. Die Welt ist so voll mit Grauslichkeiten, dass ich Entspannung und Erholung finde, wenn ich 'Unspektakuläres' schreibe. Tut mir wirklich leid, dass sich viele gelangweilt fühlen. Ich kann wohl schwer anders, versuche aber, mich zu entwickeln.
 

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