Gavdos, Sony

Hudriwurz

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8/2019 -2
Hudriwurz (Emanuel W. Kury)​
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[ 3]Blaues Mondlicht zeichnet einen scharfkantigen Schatten an die Hauswand. Sony beobachtet durch einen schmalen Spalt in den Gardinen, was sich vor seinem Haus abspielt. Kreshnik Berisha ist dort unten und er wartet schon seit Wochen geduldig darauf, zu vollenden, was seine Vorväter begonnen hatten.
[ 3]Er würde auf ihn schießen, würde er ihn entdecken, darum knipst Sony kein Licht an. Der Kanun verbietet es zwar, jemanden in seinem Haus zu töten, doch darauf, dass Kreshnik das beherzigt, vertraut Sony nicht. Zu lange zieht sich die Geschichte schon in die Länge und zu viel Blut ist bereits geflossen. Nach beinahe einem Jahrhundert und etlichen Generationen; vielen Toten, mußte die Sache nun endlich zu einem Ende kommen.
[ 3]Die Fehde zwischen den Barishas und den Kelmendi hat vor etwa 80 Jahren begonnen, als Sony‘s Großvater im Streit und wohl auch Suff, Shehu Hasani Berisha erschlug. Niemand weiß mehr genau, wie sich die Sache genau zugetragen hatte, jedenfalls haben die Rächer Berishas alle männlichen Nachfahren Gjergj Kelmendis (Sony’s Großvater) bereits umgebracht.
[ 3]Nur Sony war noch am Leben und sperrte sich seit Jahren, gemeinsam mit seiner Frau und den drei Töchtern, in seinem Haus ein, denn der Kanun nach Lekë Dukagjini gebietet, dass alle männlichen Nachfahren eines Mannes getötet werden müssen, der einen Shehu getötet hatte.
[ 3]Sony’s Vater Veton war schon vor zwanzig Jahren von Kreshnik Berisha‘s Vater umgelegt worden. Sony’s Brüder, Elmedin und Jetmir, erst vor wenigen Jahren. Jetzt war Sony an der Reihe, damit der männliche Zweig der Familie endgültig ausgelöscht sein würde.
[ 3]Sony konnte nicht darauf vertrauen, dass Kreshnik Berisha sich genau an die Vorgaben des Kanun hielt und ihn nicht einfach durch das Fenster abknallte. Er gebot seinen Kindern und seiner Frau Shpëtime sich bei Einbruch der Dunkelheit ruhig und unauffällig zu verhalten und keinesfalls das Licht einzuschalten.
[ 3]So lebten Sony und seine Familie ein sehr eingeschränktes Leben. Sony verliess nie das Haus, was ihn natürlich daran hinderte, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Alle lebenswichtigen Dinge mußten von Shpëtime organisiert werden. Sony war seit Jahren nur damit beschäftigt, sich selbst am Leben zu erhalten, indem er keinen Schritt vor die Türe tat.

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[ 3]Zu Zeiten Enver Hoxhas und der allgegenwärtigen Segurimi, dem Geheimdienst des Diktators, war er beim Bunkerbau beschäftigt und verdiente viel Geld dabei. Das Regime verbot die Interpretation des Kanun und das Leben war für alle Menschen einfacher.
[ 3]Seit dem Fall des Diktators scheint die Zeit zurückgedreht und alte Konflikte flammen wieder auf. Als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben, werden alte Blutfehden einfach an dem Punkt fortgesetzt, an denen sie irgendwann unterbrochen worden waren. Es scheint, als wäre die Herrschaft des Diktators wie eine Krankheit, die zwar im Land Narben in Form von 173.371 Betonbunkern hinterlassen hat, vergangen, jetzt allerdings, können Traditionen fortgeführt werden, die schon seit Jahrhunderten das gesellschaftliche Miteinander des albanischen Volkes geregelt hatten. Dabei kommen teils nur mündlich überlieferte Regeln zur Anwendung, die natürlich, im Laufe der Jahrhunderte, Mutationen unterworfen waren.

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[ 3]Jaho Salvihi ist ein kleiner, friedlicher Ort, im Norden Albaniens; etwa 60 Kilometer von Shkodra entfernt. Konflikte wie die, in die Sony involviert ist, gibt es in Nordalbanien reichlich und hunderte Menschen fallen ihnen jährlich zum Opfer. Es scheint beinahe so, als würde es niemand wagen, sie nicht ernst zu nehmen oder sie gar zu ignorieren. Bisher prägten Harmonie und Hilfsbereitschaft das Bild vom Zusammenleben, doch jetzt waren: Mißtrauen, Skepsis, Unsicherheit, Angst, Spitzel, Denunzianten, Verräter, Mörder, Rächer zu allgegenwärtigen, sichtbaren Elementen der Gesellschaft geworden.
[ 3]›muß der Friede jetzt vorbei sein?‹ fragt sich Sony und er erkennt für sich, dingend einen Ausweg aus der verfahrenen Situation finden zu müssen.
[ 3]Wie schön waren die Zeiten, als er auf Heimaturlaub vom Bunkerbau, die Valbona entlang schlenderte und mit seiner Frau Zukunftspläne schmiedete?
[ 3]Heute ist alles anders. Sony hat das Gefühl, keine Luft mehr atmen zu können. Alles um ihn ist so eng geworden und er fühlt ausbrechen zu müssen, selbst wenn es ihm das Leben kosten würde. Ein Leben, wie er es im Moment führte, verdient die Bezeichnung nicht.

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[ 3]Javaad ist der einzige Freund Sonys und kommt unregelmäßig zu Besuch. Mit ihm will Sony seine Fluchtpläne besprechen. Javaad sollte einen Kredit auf Sony‘s Haus aufnehmen und ihn zur griechischen Grenze bringen.
[ 3]Javaad ist nicht besonders angetan von der Idee, besorgt aber das Geld und erklärt sich bereit, Sony nach Kakava; zur griechischen Grenze, zu fahren. Die übrige Familie ist, da sie nur aus weiblichen Mitgliedern besteht, keiner Bedrohung ausgesetzt. Sony wird sie getrost zurücklassen und gegebenenfalls nachkommen lassen können. [ 3][ 3]

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[ 3]Der Kanun beschäftigte sich in seinen, über tausend Regeln kaum mit Frauen. Die Stellung der Frau in Albanien ist generell nicht sehr hoch. Frauen gelten als Gefäße, die primär Söhne gebären und den Nachwuchs versorgen sollten. Sony beschleicht ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits verlässt er seine Familie und es ist nicht gewiss, dass er sie jemals wiedersehen würde. Andererseits ist es ein Ausbruch aus einer hoffnungslosen, verfahrenen Situation, die ihm, auf Kurz oder Lang, den Tod bringen würde.

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[ 3]Kreshnik Berisha lauerte in regelmäßigen Abständen für eine kurze Zeit nicht vor dem Haus und Sony versucht den richtigen Zeitpunkt für seine Abreise danach zu planen. Der Abschied ist kurz und, nach Außen zumindest, emotionslos. [ 3][ 3][ 3]Javaad und Sony fahren spät in der Nacht los und sie finden erst Entspannung, als sie Shkodra erreichen. Dort gibt es um einiges mehr Straßenverkehr und so können sie in die Anonymität eintauchen. Die Anspannung der Männer löst sich langsam.
[ 3]Die Fahrt nach Kakavia dauert fünf Stunden und Sony blickt aus dem Fenster um wehmütig den Anblick seiner geliebten Heimat aufzusaugen. Ob er sie jemals wiedersehen würde, ist nicht klar.
[ 3]Kakavia ist ein recht großer, griechischer Grenzübergang und es wird sehr penibel kontrolliert. Als Javaad beim Grenzbalken steht, winkt ihn der Grenzbeamte zur Seite.
[ 3]»gib ihm dein Geld!« herrscht Javaad Sony an. »wenn wir Glück haben, lässt er uns weiter fahren.«
[ 3]»Was? Mein ganzes Geld?« antwortet Sony ungläubig.
[ 3]»Wenn Du überleben willst, dann tu es. Wenn nicht, dann steig‘ aus. Wir sind Freunde, aber es gibt Grenzen, Sony.«
[ 3]Sony kramt das Geldbündel aus seiner Jackentasche und steckt es in den Umschlag seines Reisepasses. Der Grenzbeamte mustert den Inhalt kurz, lässt das Geld in seiner Jackentasche verschwinden, reicht Sony den Reisepass und winkt.
[ 3]»Das war mein ganzer Besitz. Was soll ich jetzt machen? Wer garantiert mir, dass er mich nicht trotzdem verrät?« meint Sony.
[ 3]»Er wird dich bei den Berishas verpfeifen, aber nicht gleich. Das gibt Dir einen Vorsprung. Sei Froh, dass Du lebst, Budalla (Narr). Ich bringe Dich nach Patras, das sind noch dreihundert Kilometer, dann...« Unwohlsein klingt mit Javaads Stimme mit und Sony fühlt die Spannung und Nervosität.
[ 3]Fünf schweigsame Autostunden später nehmen die beiden Männer Abschied von einander. Javaad ist erleichtert und kramt Bargeld aus seiner Hosentasche um es Sony zu geben.
[ 3]»Danke mein Freund. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder, bitte schau’ von Zeit zu Zeit auf Shpëtime. Versprich es mir!«
[ 3]Die Männer umarmen sich zum Abschied und Javaad braust davon.

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[ 3]Eine Fähre liegt vor Anker und Sony steigt gleich zu. Das Schiff fährt nach Kreta und erstmals nach sehr, sehr langer Zeit hat Sony das Gefühl, im Schlaf nicht um sein Leben fürchten zu müssen. Tausend Gedanken strömen durch seinen Kopf:
[ 3]›was wird wohl aus Shpëtime; aus meinen Kindern? - Wird sie genug Geld aufbringen, um das Haus behalten zu können? - Werde ich ihr dabei helfen können? - Wie wird das neue Leben aussehen?‹
[ 3]In Chania angekommen mietet sich Sony ein Zimmer in einer Hafenkneipe. Abends, von der Terrasse aus, beobachtet er die Touristenströme und versucht Gelassenheit zu finden. Er denkt sich in vorbeimarschierende Menschen und lüftet dadurch seine Gedanken.
[ 3]Wie einfach das Leben sein könnte, müßten nicht die Söhne der Söhne der Söhne für etwas Sühnen, das längst schon vergangen und größtenteils vergessen war.
[ 3]Eines Nachmittags; Sony sitzt gedankenversunken vor der Taverne, setzt sich ein korpulenter Mann zu ihm und fragt ihn, ob er nicht Lust hätte, Maurerarbeiten auf einer der nahe gelegenen Inseln zu besorgen.
[ 3]Es ist Nico, der Besitzer einer Taverne, die auf einer der vorgelagerten Inseln gelegen ist. Sony ist froh darüber, dass es so kommt, denn er muß langsam daran denken, seiner Frau Geld zu schicken und seine Geldreserven werden auch langsam knapp.
[ 3]Am nächsten Tag fahren beide mit dem Bus auf die andere Inselseite, zu dem Ort, der Paleochora heißt und von dem zwei Mal wöchentlich Fähren zum südlichsten Fleck Europas, der Insel Gavdos ablegen.
[ 3]Sony ist glücklich darüber und denkt, dass er hier, auf der abgelegenen Insel wohl vor Gjakmarrja (Blutfehden) sicher sein würde.

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[ 3]Sony bekommt als Wohnstätte ein kleines Zimmer zugewiesen, das an einer gemeinsamen Veranda mit anderen Ferienwohnungen liegt. Sogar ein Fernseher ist darin, der ihm ein wenig beim Erlernen der Sprache hilft.
[ 3]Seine Aufgabe ist es, entlang der Häuserreihe Pflastersteine zu verlegen. Da ihm der Umgang mit Beton und Steinen nicht fremd ist, freute er sich über die Arbeit und Erinnerungen an die Zeit, als er in seiner Heimat Bunker gebaut hatte, kommen auf.
[ 3]Eine Zeit, die zwar von einem paranoiden Diktator und dem Kommunismus beherrscht, aber sonst von Frieden, Zusammenhalt und gegenseitiger Wertschätzung geprägt war. Es gab ein Miteinander. Die Menschen bekriegten und bekämpften sich nicht gegenseitig. Vor allem brachten sie sich nicht wegen längst verjährter Angelegenheiten, gegenseitig um.
[ 3]Abends sitzt Sony dann oft auf der Veranda und spielt auf einer Flöte, die er aus einem Installationsrohr geschnitzt hatte, alte albanische Lieder und denkt sehnsuchtsvoll an seine Heimat, seine Familie, Shpëtime.



ENDE
 

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