Dichter Erdling
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Jetzt läuft das schon seit Wochen so. Jeden Freitag nach dem Großeinkauf im Einkaufszentrum, wenn ich den vollbeladenen Einkaufswagen im Parkhaus Richtung Auto schiebe, taucht diese Frau auf. Sie ist gar nicht ungepflegt. Sie geht aufrecht und ist ordentlich gekleidet. In der Hand hält sie einen Pappbecher. Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte meinen, sie wäre eine Frau wie du und ich und hat sich nur schnell einen Coffee-to-go geholt. Aber ich weiß es besser.
Die Frau nähert sich, erst wie zufällig, als suche sie nach ihrem eigenen Auto, dann spricht sie dich an, noch während du deine Sachen im Kofferraum verstaust. Sie will was von dir. Sie erzählt was von Hunger und macht Essgesten Richtung Mund. Sie hält dir den Pappbecher hin und will, dass du Geld reinwirfst.
Jaja, wir kennen uns schon.
Anfangs hat mir die Frau noch angeboten, den leeren Einkaufswagen in die Sammelstelle zurückzuschieben, um für diese Dienstleistung die Pfandmünze aus dem Wagen zu kassieren. Mittlerweile weiß die Frau, dass in meinem Einkaufswagen keine Euromünzen stecken, nur diese Plastikchips. Aus der Not heraus habe ich ihr deswegen schon mal großmütig ein paar goldglänzende Euros aus meinem Portemonnaie überlassen. Das hat sich die Frau wohl gemerkt. Die Woche drauf stand sie wieder vor mir und machte Essgesten Richtung Mund.
Nachdem ich nun selbst schon am finanziellen Limit angelangt bin und weil ich nicht jedes Mal auf den beständig teurer werdenden Großeinkauf eine Bettlerspende drauflegen kann, haben wir uns schließlich stillschweigend auf Folgendes geeinigt: Die Frau nähert sich, erzählt was von Hunger und ich wühle in meinen Einkäufen rum, bis ich was Entsprechendes finde. Was zum Teilen. Meistens ein Schokoriegel, abgepackte Kekse oder Dosenfisch. Die Frau nimmt meine Sachspende dankbar entgegen und zieht wieder von dannen. Einmal hätte ich ihr eine Flasche Bier angeboten, die hat sie glatt abgelehnt. Hat was von hungrigen Kindern gesagt.
Die Frau und ich, wir haben jetzt sowas wie ein Ritual. Dass ich selbst kaum Geld habe, glaubt sie mir wohl. Sie sieht ja das alte, mickrige Auto. Sie sieht, dass sich in meinen Einkaufstüten nur Billigkram vom Discounter befindet. Wenn ich ihr eine Mandarine aus dem Premium-Karton reichen kann, weiß sie, dass das für uns beide ein Luxus ist.
So läuft das jetzt seit Wochen. Wenn wir uns sehen, grüßen wir uns mit einem Lächeln.
Aber wie das so geht heutzutage, ist auch dieses Parkhaus durchgehend videoüberwacht.
Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Treiben dieser Frau den Überwachern auffällt. Spätestens wenn sich jemand beschwert, weil Betteln hier doch verboten ist. Ich mache mir also keine großen Sorgen, dass das ewig so weitergeht.
Jetzt ist mir allerdings noch was anderes eingefallen. Etwas, das mir selbst zum Verhängnis werden könnte.
Ich habe gelesen: Ich könnte mich meinerseits strafbar machen, wenn ich der fremden Frau ein Gebäck oder einen Apfel reiche. Es kommt halt drauf an, wer diese Frau ist. Ob sie nur irgendwer ist – oder eine gewisse Person. Gewissen Personen auch nur ansatzweise zu helfen, ist nun nämlich verboten, sagt die EU.
Wer von der EU auf eine Sanktionsliste gesetzt wurde, ist so eine gewisse Person, der man noch nicht mal ansatzweise helfen darf. Bislang betraf das nur Personen außerhalb der EU, doch neuerdings werden auch Personen sanktioniert, die in der EU leben. Diese Personen können schließlich die Miete, den Strom nicht mehr zahlen und landen auf der Straße. Sie können nicht arbeiten, weil niemand sie einstellen darf. Niemand darf Geschäfte mit ihnen machen. Banken dürfen ihnen kein Konto gewähren oder Zugriff auf eventuelle Sparguthaben. Woanders hingehen und ausreisen dürfen die gewissen Personen auch nicht. Sie sitzen fest und müssen früher oder später betteln gehen – was sie dann genau genommen auch wieder nicht dürfen.
Journalisten und andere Gelehrte, die allzu abweichende Meinungen allzu laut artikuliert haben, sind nun solche gewissen Personen, die zuletzt auf den Sanktionslisten der EU gelandet sind. Hüseyin Dogru oder Jaques Baud sind die prominentesten Beispiele der jüngsten Zeit – und wer weiß, wer noch aller. Man weiß oft gar nicht alles.
So weiß ich zum Beispiel nicht, ob man die gewissen Personen später wenigstens menschenwürdig bestatten darf, wenn sie am Ende verhungert sind und als abgemagerte Skelette tot auf dem Gehsteig liegen oder ob man sich damit auch wieder strafbar macht, weil es ja eine Dienstleistung an einer sanktionierten Person wäre.
Das führt jedenfalls zurück zu der Frage:
Was weiß ich schon von dieser Frau, die jeden Freitag ein kleines Geschenk bei mir abstaubt?
Eine sanktionierte Russin vielleicht? Der Akzent könnte slawisch gefärbt sein, das ist schon verdächtig.
Also eine Spionin? Eine feindliche Agentin? Ein russischer Troll?
Oder eine abgestrafte, arbeitslos gewordene Journalistin, Professorin? Das kultivierte Auftreten könnte ein Hinweis sein…
Man muss aufpassen, ständig.
Wenn sich jemand die Überwachungsvideos aus dem Parkhaus zu Gemüte führt, er könnte glatt meinen, diese Frau und ich wären gute Bekannte, die sich lächelnd grüßen – und regelmäßig steckt die eine der anderen was zu. Das könnte ein verfängliches Bild ergeben für den Fall, dass die Frau tatsächlich eine Sanktionierte ist.
Es gibt so viele Möglichkeiten, die dich in die Bredouille bringen können!
Muss auch gar nicht die EU sein, die jemanden sanktioniert hat. Die USA zum Beispiel haben wieder eigene Sanktionslisten, welche auch für Europäer kritisch werden können und China, Russland oder der Iran haben bestimmt wieder andere.
Die Wahrscheinlichkeit, auf sanktionierte Personen zu treffen, steigt täglich überall.
So rate ich euch, wo immer ihr lebt: Ihr solltet den Bettlern nix geben.
Lasst euch von der menschlich wirkenden Gestalt nicht täuschen: Es könnte immer auch ein Feind sein. Ein Feind der Demokratie womöglich. Einer, der Desinformation verbreitet hat. Jemand, der einen Staat schädigt und eine Gesellschaft gefährdet. Ein Sanktionierter. So einen darf man natürlich nicht mit Brot anfüttern. Oder mit Müsliriegeln. Sonst vermehren die sich noch. So wird man sie auch nie wieder los. Das seht ihr doch ein, oder?
Und wenn euch das alles argumentativ nicht überzeugt, denkt immer dran: Es hat ernsthafte Konsequenzen, wenn ihr euch solcherart strafbar macht.
Bis zu FÜNF JAHRE HAFT drohen demjenigen, der einem Hüseyin Dogru oder einem Jaques Baud auch nur ein Brot reicht – oder eine Windel, eine Banane für die Kinder. Hüseyin Dogru hat Kinder. Mehrere. Kleine Kinder, die Windeln brauchen und Babybrei. Davon darf man sich jetzt nicht irritieren lassen.
Am besten ihr hört gar nicht erst hin, wenn sie euch Geschichten von hungrigen Kindern aufs Aug drücken. Gebt ihnen nix! Niemals! Ihr wisst: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe – und ihr wisst ja nie, wer da vor euch steht oder schnorrend auf dem Boden hockt.
Ich rate euch gut: Nehmt das nicht auf die leichte Schulter!
Weil, Obacht: Fünf Jahre Gefängnis. Weggesperrt. Eingekastelt. Fünf. Jahre. In besonders schweren Fällen sollen es sogar ZEHN JAHRE sein. Ein ganzes Jahrzehnt hinter Gittern. Ihr seid gewarnt.
Ich jedenfalls weiß, was ich zu tun habe, wenn mir diese Frau in der Tiefgarage nächstes Mal unterkommt.
Ich bin jetzt auf der Hut – und das solltet ihr auch sein. Wer weiß: Vielleicht streicht dieser Dogru demnächst durch dein Parkhaus, hockt bettelnd auf deiner Straße und erzählt dir was von Hunger.
Wir werden sehen, ob du standhaft und ehrbar bleibst.
Damit meine ich wörtlich: Wir werden es sehen. Denn, wie das so geht heutzutage, sind Parkhäuser und Straßen oft schon durchgehend videoüberwacht.
Denk daran und pass auf dich auf.
Die Frau nähert sich, erst wie zufällig, als suche sie nach ihrem eigenen Auto, dann spricht sie dich an, noch während du deine Sachen im Kofferraum verstaust. Sie will was von dir. Sie erzählt was von Hunger und macht Essgesten Richtung Mund. Sie hält dir den Pappbecher hin und will, dass du Geld reinwirfst.
Jaja, wir kennen uns schon.
Anfangs hat mir die Frau noch angeboten, den leeren Einkaufswagen in die Sammelstelle zurückzuschieben, um für diese Dienstleistung die Pfandmünze aus dem Wagen zu kassieren. Mittlerweile weiß die Frau, dass in meinem Einkaufswagen keine Euromünzen stecken, nur diese Plastikchips. Aus der Not heraus habe ich ihr deswegen schon mal großmütig ein paar goldglänzende Euros aus meinem Portemonnaie überlassen. Das hat sich die Frau wohl gemerkt. Die Woche drauf stand sie wieder vor mir und machte Essgesten Richtung Mund.
Nachdem ich nun selbst schon am finanziellen Limit angelangt bin und weil ich nicht jedes Mal auf den beständig teurer werdenden Großeinkauf eine Bettlerspende drauflegen kann, haben wir uns schließlich stillschweigend auf Folgendes geeinigt: Die Frau nähert sich, erzählt was von Hunger und ich wühle in meinen Einkäufen rum, bis ich was Entsprechendes finde. Was zum Teilen. Meistens ein Schokoriegel, abgepackte Kekse oder Dosenfisch. Die Frau nimmt meine Sachspende dankbar entgegen und zieht wieder von dannen. Einmal hätte ich ihr eine Flasche Bier angeboten, die hat sie glatt abgelehnt. Hat was von hungrigen Kindern gesagt.
Die Frau und ich, wir haben jetzt sowas wie ein Ritual. Dass ich selbst kaum Geld habe, glaubt sie mir wohl. Sie sieht ja das alte, mickrige Auto. Sie sieht, dass sich in meinen Einkaufstüten nur Billigkram vom Discounter befindet. Wenn ich ihr eine Mandarine aus dem Premium-Karton reichen kann, weiß sie, dass das für uns beide ein Luxus ist.
So läuft das jetzt seit Wochen. Wenn wir uns sehen, grüßen wir uns mit einem Lächeln.
Aber wie das so geht heutzutage, ist auch dieses Parkhaus durchgehend videoüberwacht.
Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Treiben dieser Frau den Überwachern auffällt. Spätestens wenn sich jemand beschwert, weil Betteln hier doch verboten ist. Ich mache mir also keine großen Sorgen, dass das ewig so weitergeht.
Jetzt ist mir allerdings noch was anderes eingefallen. Etwas, das mir selbst zum Verhängnis werden könnte.
Ich habe gelesen: Ich könnte mich meinerseits strafbar machen, wenn ich der fremden Frau ein Gebäck oder einen Apfel reiche. Es kommt halt drauf an, wer diese Frau ist. Ob sie nur irgendwer ist – oder eine gewisse Person. Gewissen Personen auch nur ansatzweise zu helfen, ist nun nämlich verboten, sagt die EU.
Wer von der EU auf eine Sanktionsliste gesetzt wurde, ist so eine gewisse Person, der man noch nicht mal ansatzweise helfen darf. Bislang betraf das nur Personen außerhalb der EU, doch neuerdings werden auch Personen sanktioniert, die in der EU leben. Diese Personen können schließlich die Miete, den Strom nicht mehr zahlen und landen auf der Straße. Sie können nicht arbeiten, weil niemand sie einstellen darf. Niemand darf Geschäfte mit ihnen machen. Banken dürfen ihnen kein Konto gewähren oder Zugriff auf eventuelle Sparguthaben. Woanders hingehen und ausreisen dürfen die gewissen Personen auch nicht. Sie sitzen fest und müssen früher oder später betteln gehen – was sie dann genau genommen auch wieder nicht dürfen.
Journalisten und andere Gelehrte, die allzu abweichende Meinungen allzu laut artikuliert haben, sind nun solche gewissen Personen, die zuletzt auf den Sanktionslisten der EU gelandet sind. Hüseyin Dogru oder Jaques Baud sind die prominentesten Beispiele der jüngsten Zeit – und wer weiß, wer noch aller. Man weiß oft gar nicht alles.
So weiß ich zum Beispiel nicht, ob man die gewissen Personen später wenigstens menschenwürdig bestatten darf, wenn sie am Ende verhungert sind und als abgemagerte Skelette tot auf dem Gehsteig liegen oder ob man sich damit auch wieder strafbar macht, weil es ja eine Dienstleistung an einer sanktionierten Person wäre.
Das führt jedenfalls zurück zu der Frage:
Was weiß ich schon von dieser Frau, die jeden Freitag ein kleines Geschenk bei mir abstaubt?
Eine sanktionierte Russin vielleicht? Der Akzent könnte slawisch gefärbt sein, das ist schon verdächtig.
Also eine Spionin? Eine feindliche Agentin? Ein russischer Troll?
Oder eine abgestrafte, arbeitslos gewordene Journalistin, Professorin? Das kultivierte Auftreten könnte ein Hinweis sein…
Man muss aufpassen, ständig.
Wenn sich jemand die Überwachungsvideos aus dem Parkhaus zu Gemüte führt, er könnte glatt meinen, diese Frau und ich wären gute Bekannte, die sich lächelnd grüßen – und regelmäßig steckt die eine der anderen was zu. Das könnte ein verfängliches Bild ergeben für den Fall, dass die Frau tatsächlich eine Sanktionierte ist.
Es gibt so viele Möglichkeiten, die dich in die Bredouille bringen können!
Muss auch gar nicht die EU sein, die jemanden sanktioniert hat. Die USA zum Beispiel haben wieder eigene Sanktionslisten, welche auch für Europäer kritisch werden können und China, Russland oder der Iran haben bestimmt wieder andere.
Die Wahrscheinlichkeit, auf sanktionierte Personen zu treffen, steigt täglich überall.
So rate ich euch, wo immer ihr lebt: Ihr solltet den Bettlern nix geben.
Lasst euch von der menschlich wirkenden Gestalt nicht täuschen: Es könnte immer auch ein Feind sein. Ein Feind der Demokratie womöglich. Einer, der Desinformation verbreitet hat. Jemand, der einen Staat schädigt und eine Gesellschaft gefährdet. Ein Sanktionierter. So einen darf man natürlich nicht mit Brot anfüttern. Oder mit Müsliriegeln. Sonst vermehren die sich noch. So wird man sie auch nie wieder los. Das seht ihr doch ein, oder?
Und wenn euch das alles argumentativ nicht überzeugt, denkt immer dran: Es hat ernsthafte Konsequenzen, wenn ihr euch solcherart strafbar macht.
Bis zu FÜNF JAHRE HAFT drohen demjenigen, der einem Hüseyin Dogru oder einem Jaques Baud auch nur ein Brot reicht – oder eine Windel, eine Banane für die Kinder. Hüseyin Dogru hat Kinder. Mehrere. Kleine Kinder, die Windeln brauchen und Babybrei. Davon darf man sich jetzt nicht irritieren lassen.
Am besten ihr hört gar nicht erst hin, wenn sie euch Geschichten von hungrigen Kindern aufs Aug drücken. Gebt ihnen nix! Niemals! Ihr wisst: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe – und ihr wisst ja nie, wer da vor euch steht oder schnorrend auf dem Boden hockt.
Ich rate euch gut: Nehmt das nicht auf die leichte Schulter!
Weil, Obacht: Fünf Jahre Gefängnis. Weggesperrt. Eingekastelt. Fünf. Jahre. In besonders schweren Fällen sollen es sogar ZEHN JAHRE sein. Ein ganzes Jahrzehnt hinter Gittern. Ihr seid gewarnt.
Ich jedenfalls weiß, was ich zu tun habe, wenn mir diese Frau in der Tiefgarage nächstes Mal unterkommt.
Ich bin jetzt auf der Hut – und das solltet ihr auch sein. Wer weiß: Vielleicht streicht dieser Dogru demnächst durch dein Parkhaus, hockt bettelnd auf deiner Straße und erzählt dir was von Hunger.
Wir werden sehen, ob du standhaft und ehrbar bleibst.
Damit meine ich wörtlich: Wir werden es sehen. Denn, wie das so geht heutzutage, sind Parkhäuser und Straßen oft schon durchgehend videoüberwacht.
Denk daran und pass auf dich auf.